Nachruf auf John G. Watkins
„Hinterlasse einen Pfad der Weisheit …“
Als Jack Watkins im Alter von neun Jahren von seinen Eltern ein Standteleskop geschenkt bekam, zeigte er schon ein ausgeprägtes Interesse an der Astronomie. Mit zwölf Jahren hatte er bereits diverse Sternbeobachtungen gemacht und seine Funde im Journal der amerikanischen astronomischen Gesellschaft veröffentlicht. Das kleine Teleskop eröffnete ihm Visionen himmlischer Welten, und diese Welten weckten in ihm das Verlangen nach Weisheit. Es sollte zur treibenden Kraft werden, die diesen Jungen später in die Säle der Hochschulen trieb. Allerdings wurde ihm bald klar, dass Universitäten nur Wissen, aber keine Weisheit vermitteln.
Als ernsthafter junger Mann suchte er, ähnlich einem wahren Dao-Tsai, „den Weg“, den Sinn des menschlichen Strebens. John Watkins wanderte diesen Weg fast ein Jahrhundert lang, und er fand heraus, dass das Leben ein einziges Versprechen ist, eine Herausforderung, eine aufregende Erkundung – und dass wer zum unverwechselbaren Individuum wird, wahres Einsseins mit einem allumfassenden Ozean an Lebensenergie erfahren kann. So ein Mensch war John G. Watkins.
Es ist in der Tat eine außerordentliche Ehre für mich, diesem Mann meine Anerkennung zollen zu dürfen. John Watkins wurde zum Mentor, Guru, Vater, Künstler, Lehrer, Freund, Trainer und Kollege für viele. Er inspirierte uns als Wissenschaftler wie als Therapeut durch seine Anteilnahme und seine Menschlichkeit, mit denen er Menschen half, die Vielfalt ihrer inneren Ressourcen zu erkennen und ihr persönliches Potenzial zu entfalten.
Es besteht kein Zweifel: Jacks Leben ist in der Tat ein Vermächtnis von Geschenken. Er schlug eine Laufbahn des Gebens ein. Gewissenhaft lehrte er junge Psychologen, Kollegen, Kinder und Klienten, was es heißt, Mensch zu sein und gleichzeitig sie selbst. Er überreichte ihnen das Geschenk des Lernens, das Geschenk des Lachens, das Geschenk der Tränen, das Geschenk des Verstehens, das Geschenk der Liebe, vor allem aber das Geschenk des Heilens. In seinem Buch The Therapeutic Self zitiert er den weisen alten Psychoanalytiker Wilhelm Stekel. Dieser soll angeblich von seinem Totenbett aufgeschaut haben, als wolle er die Bedeutung Hunderter von ihm behandelter Leben umfassen, und kurz vor seinem letzten Atemzug geflüstert haben: „Es ist alles eine Frage der Liebe.“ Das trifft auch in Jacks Fall zu. Seine Gabe wuchs zu einer psychologischen Weisheit heran, die das Leben und die beruflichen Wege so vieler Menschen, Klienten und Therapeuten gleichermaßen, beeinflusst hat. Er sagte einmal: Medizinische Arbeit kann Leben retten; Psychotherapie kann das Leben verbessern, indem es Liebe, Frieden und anhaltende Glückseligkeit schafft.
Jack hat nicht nur immer wieder wachgerufen, was wir sind – unser Selbst –, sondern auch ein Verständnis für fundamentale menschliche Werte wie Mitgefühl, Vertrauen und Hoffnung kultiviert, vor allem aber ein Bewusstsein für die gegenseitige Abhängigkeit und Bedeutung von Menschen füreinander. Dies ist sein Geschenk an uns in einer Zeit, in der Liebe zu verblassen und Gehässigkeit und Verzweiflung zuzunehmen scheinen, in der menschliche Werte in Vergessenheit geraten und nur Differenzen übrigbleiben. Jacks Leben lässt sich am besten als goldene Reise beschrieben, eine Entdeckung der eigenen Energie, der Ressourcen und Potenziale, die er in jedem Menschen fest verankert sah. Am Ende erinnert es uns daran, dass auch wir eines Tages unausweichlich gehen müssen. Was Jack Watkins betrifft, so wird er einen Pfad der Weisheit für zukünftige Generationen hinterlassen. Wie heißt es so schön: Man sollte ein Leben nicht aufgrund seiner zeitlichen Dauer bewerten, sondern im Hinblick auf die Qualität der gemachten Erfahrungen.

Woltemade Hartman und John G. Watkins
Übersetzung: Caroline Bender / Ralf Holtzmann
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