Elisabeth Wehling, Spiegel Online Gastautorin und Linguistin an der University of California, Berkeley.
Im Carl-Auer Verlag erscheint Ende April 2016 ihr Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht" in einer Neuauflage.
21.03.2016

Die Debatte über Flüchtlinge lässt Empathie erst gar nicht aufkommen

Elisabeth Wehling, Carl-Auer Autorin und Linguistin an der University of California, Berkeley, hat sich in einem Gastbeitrag auf Spiegel Online besorgt über Sprachregelungen beim Thema Flüchtlinge geäußert, die sich zunehmend in der deutschen Öffentlichkeit, den Medien und der Politik zu verfestigen drohten.

Unter dem Titel „Debatte über Flüchtlinge: Die verkehrte Sprache“ stellt Elisabeth Wehling fest, dass der Diskurs durch stereotype Metaphern und deren beharrliche Verwendung im öffentlichen Raum ideologisch in die Sackgasse geführt habe. Begriffe wie Flüchtlingsstrom und Obergrenze propagierten eine politische Sicht, die man in der Ideologieforschung als sogenannte strenge Begriffe kenne, stellt die Autorin fest. 

Flüchtlingsstrom und Obergrenze
Es geht Elisabeth Wehling um Metaphern wie Fluten und Ströme: „Eine Flüchtlingswelle hat uns 2015 überrollt. Eine Flüchtlingsflut, die auch im Jahr 2016 nur langsam abebben wird. Flüchtlingsströme, die wieder ansteigen.“ Solche Bilder verkehrten die Rollen, warnt die Autorin. In der Rede von der Flut, welche Deutschland und Europa überschwemmen könnte, würden Opferszenarien in Bedrohungsszenarien umgewandelt.

Elisabeth Wehling empfiehlt, ganz bewusst die zentralen Begriffe der Debatte umzukehren und neu zu setzen. Wer statt von Obergrenzen von Untergrenzen sprechen würde, könne mühelos einen Diskurs über die Mindestanzahl von Schutzsuchenden eröffnen, die unsere Gesellschaft aufzunehmen verpflichtet sei, um Menschen vor Leid zu schützen.
 

„Das wäre keine Selbstverteidigungsgeschichte, sondern eine Rettungsgeschichte: Die europäischen Staaten wären aufgerufen, die zu uns kommenden Opfer von Krieg und Gewalt gemeinschaftlich und menschenwürdig aufzunehmen“, so Elisabeth Wehling. 

Literaturtipp: 
George Lakoff, Elisabeth Wehling: „Auf leisen Sohlen ins Gehirn – Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ 

Die Neuauflage erscheint Ende April 2016. Vorbestellungen direkt bei Carl-Auer  oder über den Buchhandel.