Bernhard Trenkle ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Lehrtherapeut mit eigener Praxis in Rottweil. Er war von 1984 bis 2003 Vorstandsmitglied der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M. E. G.), ist Gründungsherausgeber des M.E.G.a.Phon. 1986 gründete er das Milton Erickson Institut in Rottweil. Foto (C) Timo Volz
Im Herbstprogramm 2016 erscheint beim Carl-Auer Verlag das neue Buch von Bernhard Trenkle: „3 Bonbons für 5 Jungs – Strategische Hypnotherapie in Fallbeispielen und Geschichten".
27.05.2016

Interview mit Bernhard Trenkle zur geplanten Hypno-Show auf RTL

Am 04. Juni wird unter dem Titel „Schau mir in die Augen“ ein sogenannter „Mentalmagier“ in einer Show des Senders RTL Prominente in Hypnose versetzen. RTL bewirbt die Sendung als „TV-Hypnose-Ereignis des Jahres“ und verspricht den Zuschauern „lustige Situationen und den Kontrollverlust der prominenten Teilnehmer“. Chaos sei programmiert, heißt es weiter. Es geht RTL folglich recht unverblümt um die Vermarktung von unangemessenem, lächerlichem und enthemmtem Verhalten von Menschen unter Hypnose.

Der Carl-Auer Verlag fragte Bernhard Trenkle, einen Pionier der Hypnotherapie, Mitglied im Vorstand der International Society of Hypnosis und Gründer des Milton Erickson Instituts in Rottweil, was aus seiner Sicht zu solchen Veranstaltungen zu sagen ist.

Bernhard Trenkle: Solche Darbietungen sind aus hypnotherapeutischer Sicht natürlich strikt abzulehnen. Die Nachwirkungen und Gefahren sind groß. In manchen Ländern ist die Showhypnose verboten, so z.B. in Schweden und in Israel. Es besteht immer die Möglichkeit, dass Menschen bei und vor allem nach solchen Veranstaltungen vielschichtige und intensive körperliche oder seelische Schäden davontragen.

Mentale Orientierungsprobleme können sich erst Tage später einstellen. Für die Geschädigten wird es dann äußerst schwierig, einen Zusammenhang zwischen der Showhypnose und ihrer Schädigung selbst zu erkennen, geschweige denn beweisen zu können.

Deshalb meine Empfehlung, an derartigen Spektakeln gar nicht erst teilzunehmen. Aus gutem Grund werden bei uns keine Amputationen oder Show-Narkosen vor laufender Kamera in die Wohnzimmer übertragen. Was sich aus medizinischer Sicht ethisch ganz selbstverständlich verbietet, sollte im hypnotherapeutischen Feld erlaubt sein? Hier stimmt etwas nicht.

Carl-Auer: Wieso nehmen Menschen offenbar ganz freiwillig an solchen Darbietungen aktiv teil und wird da wirklich mit Hypnose gearbeitet?

Bernhard Trenkle:
Ich bin ja kein Fachmann für Showhypnose. Wenn Sie einen Chirurgen interviewen, dann fragen sie ihn auch nicht, was er vom Messerwerfer im Zirkus hält. Sicher wird teilweise auch mit Hypnose gearbeitet. Viele scheinbar hypnotische Phänomene sind aber mit sozialpsychologischen Modellen gut erklärbar. Die Bühnensituation erzeugt Erwartungen, die recht hilfreich sind, ein scheinbar hypnotisches Verhalten auszulösen. Schon die Kooperation des Hypnotiseurs mit seinem Publikum sorgt für den Mitspieler auf der Bühne für erheblichen Druck. Licht und Musik begünstigen das Setting. 

Aber selbst wenn unklar bleibt, ob tatsächlich Hypnose im Spiel ist, so muss doch davon ausgegangen werden, dass der Hypnotiseur durch Suggestion mentale Manipulationen bezweckt und auch erreichen kann. Und selbst wenn der Bühnenhypnotiseur nur spielerisch für eine gute Show manchmal so tut, als ob es Hypnose wäre, gehen doch einige Versuchspersonen in tiefere Trancezustände, die in solchen Settings nicht ungefährlich sind. 

Wir haben das selbst mal auf einer großen Fachtagung als Selbstexperiment ausprobiert. Die Folgen waren für einige Kolleginnen und Kollegen nicht besonders günstig. Die Mitspieler, die tatsächlich in Trance kommen, berichten nach dem „Aufwachen“ nicht selten von Benommenheit, Verwirrtheit, Verunsicherung und Schamgefühlen. Andere zeigen manifeste dissoziative Störungen. Wir kennen sogar Fälle von schwerer Retraumatisierung, weil der Bühnenhypnose natürlich keine fachgerechte Anamnese vorangeht. 

Ich erinnere den Fall einer Person, die nach einer Showhypnose am Erbrochenen erstickte. Das wurde in einer ARD-Sendung dokumentiert. Der Hypnotiseur hatte auf der Bühne suggeriert, dass diese Person einen starken elektrischen Schlag bekomme. Nachts im Bett trat die Übelkeit auf und es kam zu diesem unerwarteten Todesfall. Die Rekonstruktion ergab, dass diese Person viele Jahre zuvor tatsächlich einen Stromschlag erlitten hatte und die Hypnose diese alte traumatische Erfahrung getriggert hat. 

Aber auch eine Altersregression, wie RTL sie offenbar plant, kann bei den Mitwirkenden gravierende traumatische Kindheitserinnerungen unvermittelt aus der Verdrängung zurückholen und massive Reaktionen auslösen. Showhypnotiseure kennen ihr Gegenüber nicht, wissen nichts von deren Vorerkrankungen oder bestehenden Leiden. Und sie wissen dann auch nicht wie sie damit umgehen können. 

Carl-Auer: Für einen Laien ist schwer zu erkennen, worin exakt sich die Showhypnose von der therapeutischen Hypnose unterscheidet. Können Sie praktische Unterscheidungshilfen geben?

Bernhard Trenkle: Entscheidend ist das therapeutische Ziel einer Hypnose. Das kann ich Ihnen mit einem Beispiel erklären: Ich wurde einmal in einem ARD-Studio gebeten, die Möglichkeiten der therapeutischen Hypnose praktisch vorzuführen. Als „Probandin“ hatte sich eine Praktikantin zur Verfügung gestellt. Ich fragte den verantwortlichen Redakteur, was der Praktikantin denn fehle, ob sie mit dem Rauchen aufhören wolle, schwanger sei oder vielleicht eine Zahnarztbehandlung anstünde. Nichts davon traf zu. Wozu hätte ich die junge Frau also hypnotisieren sollen, anders formuliert, welche medizinische Indikation hätte eine Hypnose gerechtfertigt? 

Wenn Hypnose zum Beispiel einem Menschen mit paranoider Angst vor Spritzen dabei hilft, die Angst zu überwinden und so eine medizinisch fachgerechte Behandlung ermöglicht wird, dann ist sie natürlich gerechtfertigt. Das Vorhandensein eines therapeutischen Ziels ist für den Laien ein erkennbares Qualitätsmerkmal. 

Carl-Auer: Wie stehen klinische Hypnotherapeuten zu Showhypnotiseuren?

Bernhard Trenkle: Die ethischen Richtlinien der International Society of Hypnosis als Dachverband und ihre nachgeordneten Verbände sind eindeutig: Therapeuten, die sich für Showhypnosen zu Unterhaltungszwecken oder zum Gelderwerb hergeben, verstoßen gegen die Statuten und werden ausgeschlossen. Zumeist sind  Showhypnotiseure aber Autodidakten, die zwar ein paar Tricks beherrschen, jedoch keinerlei fachliche Expertise mitbringen, die bei klinischen Hypnotherapeuten gegeben ist. Somit sind die Showhypnotiseure in anerkannten Fachverbänden gar nicht vertreten. Einige haben eigene Gesellschaften gegründet und gefallen sich zudem auch als Freizeit-Hypnotherapeuten. 

Die Effektivität der Hypnosebehandlung in Psychotherapie, Medizin und Zahnmedizin, in der Fachliteratur vielfach belegt, hat ihren Grund eben darin, dass Hypnotherapeuten allesamt ausgebildete Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen oder Zahnärzte sind. Ich bin davon überzeugt, dass sich aus diesem Kreis jeder Hypnotherapeut für ein Verbot von Showhypnosen aussprechen würde. 

Lieber Herr Trenkle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Carl-Auer Literaturtipp:
Bernhard Trenkle: Die Löwen-Geschichte – Hypnotisch-metaphorische Kommunikation und Selbsthypnosetraining
Bernhard Trenkle: Dazu fällt mir eine Geschichte ein – Direkt-indirekte Botschaften für Therapie, Beratung und über den Gartenzaun