Simons Systemische Kehrwoche

Gemeinsame Einsichten

Heidi Baitinger

Vielen Dank, liebe Frau Taraba und lieber Herr Röttsches für Ihre inspirierenden Kommentare zu meinem Beitrag, dass Paare miteinander sprechen sollten, am besten zwie und regelmässig und über das, was jeden innerlich bewegt. Ich stimme mit Ihnen, Herr Röttsches völlig überein, dass Sprechen allein nicht das “Heilmittel“ ist und es gefährlich ist, wenn der Partner zur alleinigen Bezugsperson wird, mit dem zwangweise ALLES geteilt, offenbart und gelebt werden muss. Welch atemlähmende Vorstellung! Erst die Vielgestaltigkeit unserer verschiedenartigen Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen in wieder verschiedenen Kontexten und Gruppen ( Skatklub, Sportverein etc.), erlauben eine kreative und lebendige Gestaltung und Expressivität unserer Indivudualität. Nur so wird und bleibt der Partner attraktiv und begehrenswert, regeneriert und füllt z.B. sein Männliches wieder unter Männern so wie Frauen ihr Weibliches unter Frauen, um einer sonst drohenden Konfusion und Verschmelzung zum unisexuellen, kongruenten siamesischem Zwilling zu entgehen.

Was ich am 19.1. beschrieben hatte, entspringt meiner nun fast siebenundzwanzigjährigen Tätigkeit als Psychologin in privater Praxis, bei der ich ausgiebige Gelegenheiten hatte, mitzuerleben, wie Paare wild und dramatisch ihre ungelösten unbewussten und bewussten Familiengefühle, familiäre Dauertraumata und unerfüllte Sehnsüchte zu den Eltern auf den Partner projizieren, übertragen, überstülpen und vehement, blind und stur in der Lebensrealität der Vergangenheit Unmögliches jetzt einfordern. Alle Varianten sind zu sehen: der Partner (oft der EheMANN) soll endlich die „gute Mutter“ sein, die DAAAAA ist und das Kind WIRKLICH SIEHT, die familiären unbewussten Traumata werden wiederholt, der Partner ( genauso natürlich die Partnerin) wird sitzengelassen wie damals der Opa mit der Oma wütete, und dann erst die Verschiebungen, besonders die doppelten: Mann oder Frau kriegt den meist rächenden Fegefeueraffekt ab, wird gnadenlos verletzt und betrogen, natürlich in der eigenen Wahrnehmung der Gerechtigkeit oder Selbstbefreiung. Dieser Affekt gehört aber eigentlich einem Vorfahr oder-fahrin, dem damals vom Partner bös mitgespielt wurde. Also- Reinszenierungen! Die Reihe ist natürlich unvollständig und liesse sich unendlich in vielerlei Variation fortsetzen.

Zwiegespräche erlauben, diese Muster zu erkennen, Einsicht zu ermöglichen, Aha-Effekte herzustellen, indem familiär Beziehungsbedingtes bewusst wird. Es ist ein Such- und Erkenntnisakt! „Was läuft hier bei uns eigentlich ab, woher kenne ich dieses Gefühl, diesen Affekt?“ Es kann so eine Metaebene entstehen, das Feld wird weiter und ein Blick von dieser neuen Perspektive kann ein Loslassen (hier ist das doch auch gut angewendet, Herr Röttsches, oder?!) dieser Wiederholungsmuster in Gang setzen, in denen beide unbewusst wie Marionetten gefangen waren. Es ist ein Irrglaube zu meinen, Paarbeziehungen werden durch unter bewusstes Wollen und Tun gesteuert! Es sind die unbewussten systemischen Familienschicksalskräfte, die hier ihre manchmal sehr diabolische Hand im Spiel haben.

Beim Zwiegespräch kommt man gemeinsam vielleicht dem Einen oder Anderen unbewussten Fahrplan auf die Schliche und kann dann: neu erfinden und ausprobieren, Alternatives konstruieren, früheres Gutes rekonstruieren, kleine Veränderungen machen, etwas (Kleines) etwas anders machen…. und lege arte eventuell eine Musterdurchbrechung hinkriegen. Dem angewandten Konstruktivismus sind hier keinerlei Grenzen gesetzt und hier könnte doch eigentlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen ihm und der vom ihm meist ungeliebten, weil anders beinhalteten systemischen Therapie Bert Hellingers sein.

Doch das ist Arbeit für das Paar, innere Arbeit für beide mit der Chance dabei jeder einzeln ein Stück mehr (denn in der nächsten Beziehung geht bekanntlich Dasselbe in neuem Gewand wieder von Neuem los) erwachsen zu werden und gemeinsam zu reifen. Es geht um ein Erkennen und Ordnen der wirkenden Paarbeziehungskräfte, die, sobald erkannt, für eine Wandlung geöffnet sind. Übrigens muss ein Paar dafür nicht Psychologie studiert haben, gesunder Menschenverstand hilft genauso. Wird die Art dieser Selbstexploration im Dialog regelmässig vom Paar gemacht, entsteht ein besonderer innerer autonomer Prozess, der etwas schwer in Worten zu beschreiben ist. Vielleicht ein Bild: es sind jetzt nicht nur die Zwei sich Gegenüber mit ihren wechselseitig unterstellten Absichten und Kampfmethoden, sondern das Feld ist grösser, viel mehr von den im Inneren der Seele aktiven und agieren Bindungspersonen des Systems gehören jetzt dazu. Die Zwei können statt in sich weiter verkeilt zu bleiben sich langsam auf einen Beobachterplatz zurückziehen, von dem aus sie gemeinsam wie in einem Theater die wundersam komplexen dramatischen Reinszenierungen auf der Bühne ihres täglichen Lebens erkennen können. Manchmal lachen die beiden auf ihrem Logenplatz sogar über die skurilen Wiederholungen oder kindlich-trotzigen Beharrungsformen frühfamiliärer Verschmähungen, die dem oder der Anderen heute über die Rübe gehauen werden.

Eigentlich wollte ich heute etwas über Mütter und Söhne schreiben, vielleicht morgen. Hans ist seit gestern auf seiner homöopathischen Dozentenversammlung und mein ältester Sohn hat mich überraschend besucht. Ihm fällt gerade in seiner Prüfungsstresszeit die Decke auf den Kopf. Bis jetzt klappt es ganz gut,meine Dinge zu tun, die ich mir für das Wochenende vorgenommen habe und nicht zu viel nährende, tröstende und Lebensweisheiten spendende Mutter zu sein. Mal schauen wie es heute weitergeht.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Samstag ! Heidi Baitinger

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3 Kommentare

  1. Danke schön Frau Baitinger, übrigens, da Sie nicht auf Herrn Liebscht antworten müssen, und das Wochenende noch nicht ganz vorüber ist, wünsche ich mir jetzt mit großem Interesse Ihre angekündigte Meditation über Mütter und Söhne, besonders, da ich Mutter einer erwachsenene Tochter mit kleinem Sohn bin, was etwas ganz Anderes sein dürfte als eine Tochter zu haben. Das sehe und spüre ich durchaus – ich meine ich kann es mir plastisch vorstellen, habe es aber selbst nicht erfahren. In meiner Familie mütterlichseits gibt es seit Generationen jeweils nur eine einzige Tochter. Meine einzige Tochter hat dieses Familien-Muster durchbrochen, steht noch ganz am Anfang dieser Erfahrung. Mütter und Töchter sind ja wie selbstverständlich Gleiche (gleich gültig welche Konflikte sie haben können), während Mütter und Söhne eben ganz Andere sind – sozusagen das Vorbild aller erwachsenen Liebesbeziehungen (abzüglich des Symbiose- und Abhängigkeitsaspektes in der Mutter-Kind-Dyade. Was aber das Küssen, Herzen und Kochen betrifft durchaus nicht des Nährenden Aspektes. Küsse ahmen ja das Atzen nach (die Mündliche Übergabe vorverdauter Nahrung.))
    Ich bin sehr neugierig, was Sie darüber erzählen. Vielleicht lässt Ihnen der aus der abstrakten Studierstube zu Ihnen ins nährende Nest geflüchtete Sohn noch ein wenig Zeit? Herzlich Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 21. Januar, 2006 @ 16:07 Uhr

  2. Liebe Frau Baitinger,

    meine Zweifel bleiben liebe Frau Baitinger – das Paare miteinander sprechen, soll ja vorkommen – aber das richtige Gespräch zu verordnen, da habe ich meine Zweifel. Ihnen dann auch noch die Spur zu legen sich mit den Ahnen zu beschäftigen, dieser gutgemeinte Rat kann auch nach hinten losgehen.
    Ja ich habe diese Musterwiederholung in meiner Praxis ebenfalls kennengelernt. Und manch ein Ausflug in die persönliche Biographie der Partner mag ja spannend, erhellend oder vielleicht sogar humorvoll sein (da gibt es immer viel zu entdecken und wir können viel Zeit damit verbringen und auch Honorare kassieren). Ja es gibt Paare, die damit etwas anfangen können und dabei auch zu Lösungen kommen.
    Fatalerweise gibt es aber auch manchmal den Effekt das die Beteiligten nicht darüber hinauskommen und es bleibt bei: “Du bist wie deine Mutter” oder oder…
    Liegt hinter all dem Sprechen und dem Forschen in der Vergangenheit nicht auch die Annahme, wenn die beiden nur genug voneinander wüßten, sich besser kennen würden, ehrlich miteinander umgehen, ja dann würde es schon klappen mit der Beziehung?
    Kann es nicht auch sein, das damit oftmals nur ein noch größeres Dilemma in Gang gesetzt wird?

    Stellen wir uns doch konkret diese Scene vor. Er geht nach langem Drängen endlich einmal wieder mit ihr in die Stadt zum Einkaufen. Im dritten Geschäft hat sie endlich die tollen passenden Schuhe gefunden und dann gelingt es auch noch das neue Kleid zu kaufen.
    Einen Besuch in einem schnuckeliges Kaffee, in dem die beiden vor 20 Jahren schon einnmal waren gab es auch noch.
    Ein wirklich erfolgreicher Nachmittag.
    Die Stimmung für beide war gelöst und beim nächsten Einkauf solle er dann endlich Ersatz für seine altmodische Skijacke bekommen.

    Zwei Stunden später steht das wöchentlich vereinbarte Zwiegespräch an. Sie spricht möglicherweise aus, wie gut ihr der gemeinsame Nachmittag gefallen hat und er….

    Soll er ihr erzählen – ach nein mit sich in ein Zwiegespräch gehen wie gut ihm Schuhverkäuferin mit der weißen dünnen Bluse gefallen hat? Ja und dann gab es ja auch noch die Situtation als er vor der Umkleidekabine wartete und er irgendwie verträumt einer Brünetten hinterhergschaut hat. Die flüchtigen Blicke, die sie miteinander wechselten….

    Ja was nun?

    Vielleicht ist es doch besser bestimmte Gedanken und Gefühle für sich zu behalten?

    Und dann kommt das nächste Pargespräch beim Theraeuten und sie klagt darüber, dass er beim letzten Zwiegespräch irgendwie abwesend gewirkt habe.

    Schluss jetzt mit meinen Geschreibsel – meine Frau sitzt alleine vor dem TV – ich will mal mit ihr die Fragen von Günther Jauch lösen.

    Einen schönen Sonntag wünsche ich.

    Kommentar by Wolfgang Röttsches — 21. Januar, 2006 @ 20:30 Uhr

  3. Lieber Herr Röttsches, im geschilderten Fall, würde ich dem betroffenen Mann raten, seiner Frau mitzuteilen, dass er sie in absehbarer Zeit betrügen wird und in der Folge vermutlich verlassen wird, wenn er nicht zu faul dazu ist. Leider hat das Problem oft schon angefangen, wenn man/frau sich uninspiriert und gewohnheitmäßig einig vor den Fernseher setzen und Günther Jauch schauen. Man hat kapituliert und meidet den Andern. TV eignet sich dafür bestens, weil der Andere es nicht merkt. Frau wähnt sich sicher und geht shopping. Das auch noch mit dem Ehe-Mann. Ein Mann ist genügsam braucht nur schnell mal ne neue Schijacke, um die alte zu ersetzen. Lieber Herr Röttsches wachen Sie auf, rütteln Sie Ihre männlichen Klienten auf! Im geschilderten Fall muss Angst und Schrecken verbreitet werden und zwar durch Aufbruch und Verrücktheit des Mannes, dann ist die Frau vielleicht noch zu retten Das, was Sie beschrieben haben ist beileibe kein Geschreibsel! Beste Grüße Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 22. Januar, 2006 @ 10:54 Uhr

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