Simons Systemische Kehrwoche

Weibliches Wagnis

Heidi Baitinger

Das Schreiben für die Kehrwoche inspiriert und macht mehr und mehr Spass, Themen vertiefen sich und arbeiten weiter in mir. Gestern war die lebendig gelebte Paarbeziehung mein Fokus und ich bemerke, wie es in mir weiterdenkt. Zum Beispiel: wie wir Frauen, im allgemeinen und wir beruflich mehr oder weniger erfolgreichen Frauen, unser Frausein wirklich leben. Ich meine: LEBEN, nicht intellektuell beschreiben oder Klientinnen belehren! Vielen Dank, Frau Taraba, für Ihren Kommentar. Ich werde Ihnen noch persönlich antworten. Im Moment sind die Tage wirklich etwas lang durch das Kehren. Am Wochenende habe ich ausnahmsweise mal frei, dann hole ich das nach.

Ich erinnere eine Klientin, die mit einem seltsamen Symptom zu mit kam. Nach systemischer Rundschau im Familiensystem lösten wir ganz erfolgreich mit bereits erwähnter Energetischer Psychotherapie das Symptom auf und setzten dabei Ressourcenkräfte frei. Aber was für welche! Es zeigte sich, natürlich systemisch enerviert, dass dieses Symptom der Klientin Lust bereitete, bzw. ersetzte. Lust, ah hah, natürlich klar: Lust = Geilheit, Sex, Exstase! Weit gefehlt: es ging hier wirklich darum, sich selbst als erotische, sinnliche Frau zu spüren, die Lust in der Begegnung mit dem Mann, eventuell sogar ihrem eigenen, spürt, die sich selbst vor allem spürt, ihre sinnliche Kraft zeigt, ihn zu sich einlädt, sich mit dieser Lust dem Partner zumutet und ihn zu ebensolchem Gefühl und Tun herausfordert.

Welch Skandal! So ist das heute nicht üblich! Die Frau von heute ist sich selbst genug! Sie braucht keinen Mann! Erst recht nicht solche, die da rumlaufen. Das weiss ich ganz genau von meinen Klientinnen!!!!!!! Sinnlichkeit leben im Kontakt mit sich selbst und mit dem Mann gegenüber! Wo gibt es denn sowas!? Hier spielt ja wohl nicht etwas Beziehung eine Rolle, sich in Beziehung fühlen? Das geht zu weit!!! Wir sind es gewohnt in egozentrischer, wettkampforientierter, sportlicher Manier unser trainiertes erfolgreichstes Sexualverhalten zu inszenieren, oder: die depressive, bzw. familienloyale Variante: leidvoll zu versagen, Sexualität zu transzendieren („ich bin bereits in anderen HÖHEREN Sphären und brauche SOWAS nicht mehr“) oder „Das Da“ sowieso in nicht mehr zu hinterfragender Gewohnheit zu vermeiden.

Also, diese Klientin suchte mutig wirklich den Zugang zu ihrer weiblichen Sinnlichkeit. Und siehe da: es gab keine Modelle oder Vorbilder dafür! Oder kennen Sie, verehrte Leserin, greifbare, reale Modelle für lebendige, erotische weibliche Sinnlichkeit? Mütter, Tanten, Omas, die uns einführten in die Kunst der Weiblichkeit, der Verführung des Mannes, in die Lust, uns als Frauen in unserer Kraft und Potenz zu spüren, die uns diese Kraft vorlebten? Entschuldigung !!! Das war jetzt bestimmt falsch: Potenz gehört ja bekanntlich nur zu den Männern, den wilden Hengsten, die blind, d.h. ohne die Frau als Gegenüber zu sehen, ihr DING ( sie wissen schon), natürlich im sportlichen Wettbewerb (d.h. im Blick zu den anderen MÄNNERN: bin ich nicht auch toll potent???????????) durchziehen.

Das war jetzt vielleicht gemein. Aber mal ehrlich, ihr modernen Frauen: wie ist euer Männerbild? Seht ihr Männer als MENSCHEN, denen ihr euch hingeben könnt und wollt, die ihr begehrt und von denen ihr euch begehren lasst? Oder verliert ihr dann eure kostbare IDENTITÄT und FREIHEIT? Also diese Klientin half sich so raffiniert, dass sie in ihrem inneren Männerbild ihren Ehemann als „Kind, lieben Kumpel, mit dem man Pferde stehlen kann“ sah. Welch tolle Kastration! Von beiden: ihm und auch ihr. Denn was ist sie dann? Hanni oder Nanni?

Also, wie leben wir Frauen unsere Sinnlichkeit und Erotik zwischen den Schablonen von mediengestylter geiler, bzw. narzisstischer StromlinienNORMsexualität und resignierter „Wenn-es-denn-sein-muss“-Mentalität oder erfolgreicher Neutralisierung und Funktionalisierung („ich bestell mir eine Callboy“)? Erschreckenderweise lerne ich von meinen Klientinnenund Klienten, dass Paarleben zunehmend zu einer entsexualisierten Zone wird, Sexualität kaum noch oder wirklich nicht mehr statt findet und auch nicht mehr vermisst wird, auch nicht von den Männern.

Sinnlichkeit ohne sich in Beziehung zu spüren geht nicht! Viele Modelle für die gelungene Realisierung einer kraftvollen Sinnlichkeit haben wir auch nicht. Aber irgendwie doch eine Sehnsucht und ein inneres genuines Wissen davon. Sonst würde uns ( oder wenigstens manchen) nichts fehlen. Leider denken wir Frauen immer, der andere, d.h. der MANN sei nicht richtig ( Sie wissen schon: nicht bewusstseinsentwickelt und vor allem: er kann halt nicht wirklich REDEN!!!!!).

Ich finde, der Film „Chocolat“ zeigt auf inspirierende Weise ein gutes Modell, wie eine Frau sowohl in gutem kraftvollem Kontakt mit sich selbst sein kann (ihr systemisches Trauma überwindet und paarbeziehungsfähig wird) und in ihre weibliche sinnliche Kraft kommt. Chocolat – und was man daraus alles machen kann—–mit Chili, oder Zimt, oder Ingwer, oder…….. Ich habe ein Rezept für Kaninchen in Schokoladensauce, zartes Hühnchen in Chili-Orangen-Schokoladecrème, eine supertolle und schnell zuzubereitende, zartschmelzende französische Tarte au Chocolat…..!

Ja, das Kochen: die Düfte, die aufsteigen, der Mann, der sich den betörenden, verlockenden Schwaden nicht entziehen kann, die Frau, die, leicht verschwitzt, etwas gerötete Wangen, die Löffel rührt, der tiefgründige Wein zu den vielschichtigen Geschmacksexplosionen, der mildsanfte Kerzenschein……und dann..??!!!!! Ist das jetzt alles kompensatorisch oder ein guter Starter?

Frauen, wie nutzen wir unsere Möglichkeiten? Vielleicht müssen wir uns in diesem Gebiet wirklich neu und selbst erfinden! Ein HOCH den wahren Konstruktivisten! All die heute möglichen inneren und äußeren Freiheiten nutzen, auch wenn unsere Mütter diese weibliche bewusste und eventuell offensive Kraft nicht leben konnten. Also: ressourcenorientiert, kreativ und innovativ in Erprobung einer ungewohnten Ebenbürtigkeit, im Einklang mit unserem eigenen Selbst und vor allem in Achtung vor dem Mann neue Beziehungsmuskeln entdecken und trainieren.

Ist das nicht eine lohnende Herausforderung?! Übrigens: Übung macht die Meisterin!

Viel Spass am heutigen Tag wünscht Ihnen Heidi Baitinger

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3 Kommentare

  1. Schön!

    Herzliche Grüsse, FBS

    Kommentar by FBSimon — 20. Januar, 2006 @ 09:53 Uhr

  2. Liebe Frau Baitinger, Vielen Dank, dass Sie das alles so frisch, lebendig und mit feiner Klinge formulieren. Weiblichkeit ist zum absoluten TABU (zumindest des feministischen Mainstream) geworden. Männer und Kinder verwahrlosen in vieler Hinsicht, erstere wagen es nicht mehr auf den Tisch zu haun, letztere, nein alle, greifen zu Drogen. Zusammenhänge, die ebenfalls tabuisiert sind. Frau weiß heute nicht was Weiblichkeit ist, beziehungsweise wie sich Weiblichkeit HEUTE leben lässt, angesichts der “Gleichgestelltheit” der Frauen. Ob es nicht dringend notwendig ist, diese Tabuisierung mit dem allgemeinen Zustand der Gesllschaft in Zusammenhang zu bringen? Sehr gewagt? Ich finde nicht. Weiblichkeit hat für mich immer den Klang des Nährens, wie sieht dieses Nähren heute aus? Warten wir tatsächlich auf die Geklonten Klone, die uns völlig unabhängig machen? Zu einer Erörterung all dessen, würde ich gern auch später noch auf Sie zukommen dürfen, um Sie zur Gesprächspartnerin zu gewinnen!
    Herzliche Grüße Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 20. Januar, 2006 @ 16:21 Uhr

  3. Pardon! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für meine “demagogischen” Übertreibungen. das ist natürlich alles überspitzt formuliert. Selbstverständlich nehmen nicht “alle” Drogen, viele Frauen nehmen einfach und selbstverständlich ihre (weibliche) Rolle wahr und verwirklichen sich Schritt für Schritt in der schöpferischen Interpretation dieser Rolle, können sich mit ihrem Partner darüber einigen, wie sich die Zufriedenheit aller Beteiligten herstellen lässt. (Die sogenannte “Dreifachbelastung” wird von den einen immer schon mit Schwung und Kreativität und Liebe gemeistert, von anderen jedoch mit einem politisch sehr effektiven, medial inszenierten Gejammere knallhart durchgezogen). Selbstverständlich sind bei weitem nicht alle Kinder wohlstandsverwahrlost und nicht alle Kinder sind die Kinder BEWUSST und mit ABSICHT auf den Vater verzichtender, sogenannter alleinerziehender Mütter usw. Dennoch haben die Entwicklungen ihre sichtbar und spürbar gewordenen fatalen gesellschaftlichen Auswirkungen. Darüber im Detail zu sprechen (besonders in Frauenzeitschriften) ist ein TABU, die Zusammehänge sind schon zu komplex und – machtkampfbezogen – zu emotional geworden, um noch verstanden zu werden, um noch das Gefühl haben zu können, die Entwicklung in den Griff bekommen zu können. Es wird zwar politisch, mittlerweile nachhaltig, räsoniert, wer wohl die RENTEN zahlen soll, aber über die massive innergesellschaftliche Störung, die durch die unentwegte, medial wiederholte, sozusagen performative Affirmation der Erfolgsstory der “Power-Frauen” (obwohl das ja vermutlich die sind, die’s einfach tun und es schaffen sich mit dem Vater ihrer Kinder privat und fair zu einigen oder die Organisation von B&K&K ganz altmodisch selbst in die Hand nehmen) ständig vertieft wird, wird geschwiegen. Es wagt niemand, bestimmt nicht “die Männer”, aufzustehen, dafür einzustehn, diese Zusammenhänge aufzugreifen und beim Namen zu nennen, weil vermutlich schon 53% Prozent(??) der Wählerschaft Frauen sind (oder weil jeder eine zu Hause hat, vor deren uneinsehbarem Ratschluss er Angst hat?)?
    Darum geht’s vermutlich auch gar nicht. Aus meiner Überzeugung, müsste es darum gehen, dass man/frau – in der Umwelt von Gesellschaft (also im Privaten) – beginnt ausnahmslos produktiv und konstruktiv(!) möglichst von Anfang an und nur miteinander über (ihre) Beziehung zu sprechen und darin, sozusagen im Höhren Auftrag, nur kreativ zu handeln. Daran haben auch Therapeuten einen großen Anteil, denn Sie sind ja die Erstversorger schieflaufender Paarbeziehungen. Zu ihnen kommen ja die Paare, die ihre ursprüngliche Liebe noch retten wollen. Auf sie hören in den Medien ja die Jungen, die noch in aller Unschuld sich eine lebenslange Liebesbeziehung mit 2-4 Kindern wünschen und dabei auch einem Beruf folgen wollen, der sie ausfüllt, bis sie… ja bis die Entzauberung vollzogen wird. Aber wer tut das? Das Leben als automatischer Entzauberer? Oder WIR, die wir diese oder jene Unterscheidung treffen? (halb voll oder halb leer..etc.)? Im Sinne möglichst ersprießlicher privater Unterscheidungen Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 21. Januar, 2006 @ 12:40 Uhr

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