Die Geschichte zum Sonntag – oder wie glücklich macht zuviel Arbeit?
Daniela Beer
Nach ca. 20 Jahren ist sie mir mal wieder begegnet, die “Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral” von Heinrich Böll! Ich glaube, sie stand in meinem Deutschbuch der 6. Jahrgangsstufe, als ich noch Schülerin war. Damals las ich sie zum ersten Mal.
Kurze Nacherzählung: Ein Fischer sitzt am Meer, zufrieden mit sich und der Welt, weil er heut schon draußen auf dem Meer war und einen guten Fang gemacht hat. Ein Tourist versucht ihm schmackhaft zu machen, wie lohnend es sei, zwei, drei, viermal hinauszufahren, um ganz viel Geld zu verdienen und zu expandieren. Zu guter Letzt versucht er ihn zu ködern: “…dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.” “Aber das tue ich ja schon jetzt” sagte der Fischer, “ich setze beruhigt am Hafen und döse…” (Böll 1963)
IDch erinnere mich genau: schon damals hat sie mich sehr beeindruckt, diese Geschichte – und ich vermute bis heute meine Einstellung zur Arbeit geprägt. Es hat noch nie zu meinen erklärten Lebenszielen gehört, viel Geld zu verdienen. (Natürlich freue ich mich dennoch, wenn ich Geld habe!) Möglicherweise war auch das einer der Gründe, weshalb ich Sozialarbeit studierte.
Macht Arbeit mich glücklich? Durchaus kenne ich vielfältige Flow-Erfahrungen in Therapie-, Supervisions- und Seminarkontexten. Meine Freiberuflichkeit bietet so unterschiedliche, bereichernde Möglichkeiten, mich auszuprobieren und zu verwirklichen. Meine Tätigkeit als Angestellte.
Dennoch stehe ich, wie die meisten Menschen, die ich kenne, ständig in der Gefahr, zuviel zu arbeiten. Aus Sorge um meine Existenzsicherung? Aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl? Sicher jedenfalls nicht nur, weil ich dauernd, diese Flow-Erfahrung genieße.
Mir ist durchaus, intellektuell und emotional, bewußt, wie wichtig mir eine gute Balance ist zwischen Arbeit und Freizeit. Wobei ich unter letzterem sicher nicht den typischen Freizeitstreß verstehe, der bei manchen Menschen, nur “Arbeit mit anderen Mitteln” ist. Ich spreche von Freizeit, als Auszeit, als “unverplant in den Tag hinein leben”, und verbinde damit ein intensives Gefühl, des “in der Gegenward sein”.
Viel zu oft komme ich nur schwer wieder herunter von meinem schnellen Tempo, wenn ich zu lange keine richtigen Auszeiten mehr genommen habe: Täglich mindestens zwei Stunden ganz für mich allein; völlig freie, unverplante Tage – oder gar Wochenenden an denen ich mal wieder einen 400 seitigen Roman fast am Stück durchlesen kann.
Solche Geschichten wie die von Böll erinnern mich auf eine humorvolle Art daran, dass es für mich viel Wichtigeres gibt, als ständig beschäftigt zu sein und der Uhrzeit hinterher zu rennen. Ein guter Abschluss für den Sonntag der Kehrwoche! Ich danke allen LeserInnen herzlich!
Daniela Beer
P. S. Wen es interessiert, wie sich die Bewältigung der Situation mit meiner Oma gestaltet? Da ich im Laufe dieser Woche alles getan habe, was in meinem Einflußbereich steht – gelingt es mir gerade – immer wieder zwischendurch – das soviel zitierte “Loslassen”. Morgen kann schon wieder alles ganz anders sein. Mir dies erlauben zu dürfen – auch das ist für mich Glück.
P.P.S. Jetzt habe ich doch noch meine Beiträge zur Kehrwoche vom letzten Jahr gelesen! Manche Themen scheinen nicht an Bedeutung zu verlieren: z. B. das Thema Zeitgestaltung oder auch die Handy-Frage… Nun, denn…
4 Kommentare
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Liebe (wenn ich das sagen darf) Frau Beer,
ich möchte Sie in keiner Weise kritisieren (und Ihnen persönlich wünsche ich alles Gute und Beste).
Dennoch ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, daß mich beim Lesen Ihres Sonntagsbeitrags ein ungutes Gefühl beschlichen hat.
Sie thematisieren in diesem Beitrag ein – angesichts der Zustände in der Welt – Luxusproblem.
Okay, ich gönne Ihnen, es zu haben … und, jetzt darauf angesprochen, werden Sie sicherlich guten Gewissens darauf antworten können, daß Sie sich der Zwiespältigkeit Ihres Beitrags bewußt sind. Und ich glaube es Ihnen! Aber das immerhin anzusprechen war mir wichtig. (Ich möchte speziell Ihnen nicht unrecht tun; ich hätte Ähnliches auch schon zu anderen Beiträgen schreiben können.)
Ich grüße Sie sehr freundlich -
Uli Wetz
Kommentar by Uli Wetz — 26. November, 2006 @ 22:20 Uhr
Liebe Frau Beer lieber Herr Wetz,
Auch ich habe ab und an das Gefühl, dass zumindest im Auer-Blog die Welt irgendwie noch in Ordnung ist – genau wie in jener seligen Zeit der alten Bundesrepublik, als man in gymnasialen Deutsch-Lehrbüchern noch die erwähnte Heinrich Böll Geschichte als klassisches Beispiel für eine Kurzgeschichte – neben Hemingway Short Stories – abgedruckt fand. Aber ich glaube, es ist eher unwahrscheinlich und macht sicherlich auch wenig Sinn, wenn an dieser Stelle Hartz IV Empfänger, MitburgerInnen des “abgehängte Prekariats” oder möglicherweise sogar langzeitarbeitslose SystemikerInnen (wenn es diese denn überhaupt gibt…) über ihr Dasein berichten (die genannten Populationen haben wahrscheinlich auch wenig Überschneidungen mit der Gruppe der Carl Auer AutorInnen)
Grüße
M. Ochs
Kommentar by M. Ochs — 27. November, 2006 @ 18:25 Uhr
Lieber Herr Wetz, ich habe seit meinen eigenen Beiträgen zur Kehrwoche nicht mehr “reingeschaut”, deshalb erst jetzt meine Reaktion. Nein, sie haben mir nicht Unrecht getan mit ihren Überlegungen und ja ich stimme ihnen zu, angesichts der Probleme in der Welt könnte man “Zeitprobleme” als Luxus-Probleme betrachten. Im konstruktivistischen Sinne gibt es ja keine Probleme unabhängig vom Beobachter und sobald jemand da ist, der etwas als Problem beschreibt gibt es dann auch ein Problem. Und wer sollte dann eine Aussage dazu machen, ob es sich gar um ein “leichtes” oder ein “schweres” Problem handelt. Mir begegnen täglich viele Menschen, die einen sind arbeitslos und arm (verglichen mit Menschen in Afrika natürlich nicht!), die anderen sind ausgebrannt und völlig überarbeitet. Beide Gruppen leiden. Bei meinem Beitrag handelt es sich lediglich um persönliche Überlegungen hinsichtlich meines Umgangs mit Arbeit und Zeit. Wenn sie gerne meine Sichtweisen zu Hartz IV und konstruktivistische Ideen dazu kennenlernen wollen, teile ich ihnen gerne die Quelle eines Artikels mit, den ich in der systema veröffentlicht habe. Es grüßt sie ebenfalls sehr freundlich Daniela Beer
Kommentar by Daniela Beer — 11. Dezember, 2006 @ 11:10 Uhr
Liebe Frau Beer,
ich habe etwa eine Woche lang, nachdem ich meinen Kommentar geschrieben hatte, nach Antworten geschaut, dann nicht mehr, erst jetzt noch einmal zur Vergewisserung, und siehe, ich stoße auf Ihre Antwort. Meine Antwort wiederum kommt jetzt wohl so spät, daß Sie sie nicht mehr sehen werden. (Vielleicht kann ich Sie über den Auer-Verlag darauf aufmerksam machen.)
Daß Sie geantwortet haben, freut mich, und ich danke Ihnen dafür.
Inhaltlich bin ich aber mit Ihnen uneins. Ich glaube, wir berühren da auch die Grenzen des Konstruktivismus, des Systemischen oder wie man sagen will.
Sie schreiben: „Im konstruktivistischen Sinne gibt es ja keine Probleme unabhängig vom Beobachter und sobald jemand da ist, der etwas als Problem beschreibt gibt es dann auch ein Problem.“ Was ja auch heißt: Wenn kein Beobachter ein Problem sieht, gibt es ja auch keins. Ich bitte hier den Aspekt der Öffentlichkeit zu beachten. Es mag ja jemand etwas beobachten, das er als Problem definiert, aber wenn er mit seiner Beobachtung und seiner Problemdefinition nicht durchdringt zu dem und in dem, was Öffentlichkeit heißt, dann gibt es das Problem nicht, obwohl es es gibt.
Wer – lassen Sie mich gleich mit einer Argumentkeule in Ihren Satz hineinpreschen – etwa in der Beschneidung von Mädchen kein Problem sieht, ist in seiner Konstruktion der Welt nicht zu akzeptieren, sondern er ist ein verdammter Macho-Arsch (oder auch eine zum Schweigen gedroschene Frau), dem man möglichst schnell und mit sämtlichen rechtsstaatlichen Mitteln die Definitionsmacht ein für allemal und allerendgültigst wegnehmen, entreißen, aus der Hand schlagen muß, so rasch es immer geht (wenn es denn gelänge, ihn zur Aufklärung … zu bekehren – um so besser).
Ich weiß, auch ich argumentiere an einer Grenze. Mir ist allerdings nicht ganz klar, an welcher genau. Mich beschleichen bei meiner Argumentation ungute Gefühle, aber bei Ihrer Argumentation beschleichen mich deutlich ungutere. Was nun? „Was tun?“
(Was Ihren Hinweis auf die „Quelle“ betrifft: Ja, ich bin interessiert. Gibt es eine Möglichkeit, mir den Text per E-Mail zu schicken?)
Mit weiterhin sehr freundlichen Grüßen –
Uli Wetz
Kommentar by Uli Wetz — 22. Dezember, 2006 @ 23:03 Uhr