Simons Systemische Kehrwoche

Vom Umgang mit der Zeit

Daniela Beer

Zeit, wie wir sie nutzen oder vertreiben, ihre Wahrnehmung, der allerorten vorhandene Zeitmangel, beschäftigen mich oft. Allerdings halte ich letzteren eher für eine Frage der Prioritätensetzung – zumindest in meinem Leben. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass mir die Gestaltung meiner Zeit immer so gelingt, wie ich es mir wünsche. Gestern ist mir das neue Heft von Geo Wissen in die Hände gefallen, das sehr anregende Artikel enthält und unterschiedliche Aspekte des “Rätsels Zeit” aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Jemand hat erforscht, wieviel Lebenszeit in Deutschland durchschnittlich mit bestimmten Tätigkeiten verbracht wird. (2 Wochen mit küssen, aber 6 Monate im Stau!) Eigentlich hätte ich das Heft gerne in einem Rutsch durchgelesen …aber ich hatte mal wieder keine Zeit… Nein ernsthaft. Einen Artikel, ein Interview, las ich sofort, weil mir die Unterschiedlichkeit der Gesichtszüge der beiden Männer auf den Fotos “ins Auge sprang”. Zeitforscher Karlheinz A. Geißler und Bildungsexperte Peter Glotz, ehemals Generalsekretär der SPD, im Gespräch mit Geo. Der eine sieht entspannt und sympathisch aus, Lachfältchen um die Augen.

(Mit ihm hätte ich spontan Lust, mich zu unterhalten, wenn ich ihm begegnen würde…) der andere sieht verbittert und streng aus, fast unglücklich und er bekommt zu wenig Schlaf… (Aha der Bildungsexperte…denke ich..) Da ich beide Herren nicht kenne, weiß ich zunächst nicht, wer wer ist, aber meine Hypothese bestätigt sich. (Ja ja ich weiß natürlich, dass man Meinung bilden kann, indem man bestimmte Bilder auswählt für so einen Artikel…)

Geo fragt den Zeitexperten: “Herr Prof. Geißler, Sie wollen das Leben der Menschen entschleunigen und leben auch persönlich nicht auf der Überholspur – sie haben zum Beispiel keinen Führerschein!” (Aha, außer mir noch jemand der auch keinen Führerschein hat..)

Geo fragt weiter, ob die Unterschiedlichkeit und die Weltsicht der beiden Zufall sei oder durch die Biographie geprägt, woraufhin Herr Geißler erklärt, er habe im Alter von 5 Jahren Kinderlähmung gehabt. Er habe nie stark beschleunigen können. Stattdessen habe er sein Leben “sehr geruhsam verbracht, dabei versucht, aus (seiner) Langsamkeit, Bedächtigkeit und Geduld etwas Produktives zu machen”. (Aha, denke ich, etwas arrogant, zugegeben, Behinderte sind doch die besseren Menschen. Ich bin auch gehbehindert. Es gab eine Zeit da hielt ich Frauen für die besseren Menschen, aber das ist jetzt auch schon eine Weile her.)

Die beiden Herren spechen über ihren unterschiedlichen Umgang mit der Zeit und der eine votiert für Ent-, der andere für Beschleuigung.

Glotz: “Ab einer bestimmten Position muss man heute 16 Stunden am Tag per Handy erreichbar sein. Das sind Auswirkungen der modernen Kommunikationstechniken, das ist der digitale Kapitalismus, wir kommen an einer Beschleunigung nicht vorbei…” er argumentiert weiter mit der Wettbewerbsfähigkeit und und wie ich zwischenzeitlich finde, dem “Totschlagargument” Arbeitsplätze.

(Oh , je, denke ich, 16 Stunden am Tag erreichbar sein – und werde gleich wieder ganz dankbar für meinen wunderbaren Beruf und dass ich mir die Freiheit nehme, mein Handy so gut wie immer ausgeschaltet zu lassen.) Herr G. ist weiterhin der Ansicht, dass Menschen mehr tun und mehr arbeiten sollten, er selbst stehe sonntags morgends im Bett und könne auch im Urlaub nicht faul in der Sonne liegen, sondern schreibe Bücher. Er habe einen ganz eigenen Rythmus und wolle erst mit 70 die Füße hochlegen.

(Da liege ich lieber im Schatten und lese Bücher – und das nicht nur im Urlaub. Und ich frage mich, ob nicht beides geht, erst Bücher schreiben und dann rumliegen – alles zu seiner Zeit.) Herr G. räumt im weiteren Verlauf dann doch ein, “dass es im Kapitalismus Formen von Beschleunigungsdruck gibt, die falsch sind.

(Hm, denke ich hoffnungsvoll, auch er sieht ein, dass die Leistungsfähigkeit begrenzt ist. Doch ich habe zu früh meiner Erleichterung Raum gegeben.) “Menschen können nun mal nicht mehr als 16 oder 18 Stunden täglich und schon garnicht über 30, 40 Jahre arbeiten… (nun verspüre ich endgültig eine große Dankbarkeit und nahezu Begeisterung über meine halbe Stelle, in der Woche 19,25 Stunden und die Freiberuflichkeit)

Herr Geißler stellt mit verschiedenen Beispielen dar, (aus der Wirtschaft, aus dem Familieleben, dem Straßenverkehr, Übrigens: wußten Sie, dass viele alte Menschen, bei rot überfahren werden, weil die Ampeln zu schnell umschalten!) in welchen Lebensbereichen die zunehmende Beschleunigung überall schädlich ist und wie sehr es sich rächt, wenn auf den Biorythmus und das Ausruhbedürfnis des Menschen überhaupt keine Rücksicht mehr genommen wird. “Die Bewohner Münchens zum Beispiel finden an vielen großen Plätzen, kaum noch Stellen, an denen sie sich hinsetzen können, ohne konsumieren zu müssen. Die Stadt hat viele Bänke abmontiert.

(Das ist mir auch schon aufgefallen, allerdings in fasst allen Städten, die ich häufiger besuche, Mannheim, Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Aschaffenburg…) Ermattete Menschen gehen zum Ausruhen mit ihren Plastiktüten immer häufiger in Kirchen”.

(Das versuche ich auch oft, bin damit jedoch recht erfolglos, Kirchen sind in der heutigen Zeit meist abgeschlossen, zumindest in kleineren Orten, und zwischen evangelisch und katholisch ist da kein Unterschied.)

Glotz räumt ein, dass es viele Menschen gibt, “die so (in dem schnellen Tempo) nicht leben möchten. Die sagen dann, ich will zu Hause bleiben, meine Blumen gießen und meine Kinder streicheln. Die werden dann Lehrer oder Erzieher auf dem Dorf, (Interessant, überlege ich, was er für Berufsbilder hat, er hat die SozialarbeiterInnen doch glatt vergessen…) erben vielleicht ein Häusschen oder halten sich mit Schwarzarbeit über Wasser. Sie geben das bißchen Geld aus, das sie verdienen, verzichten auf Wohlstand (wohl dem, der die Wahl hat) und bekommen dafür Zeit. Das soll es auch alles geben., aber wir bekommen ein Problem, wenn die Zahl der Entschleuniger überhand nimmt. Menschen, die diese Gesellschaft bewegen wollen, werden nicht viel Zeit haben, jedes Wochenende den Garten umzugraben”. Zynischerweise ist Herr Glotz kurz nach dem Interview im August 2005 verstorben. Zum Ausruhen, ist er nicht mehr gekommen.

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1 Kommentar

  1. Liebe Dr. Daniela Beer
    wie kommen Sie dazu, sich als Expertin zum Thema Zeit zu betrachten, haben Sie doch nicht einmal eine Uhr (siehe Dr. D. Beer: “Wer beobachtet eigentlich wen…” in “Kehrwoche”, Verlag Carl-Auer, 2005)
    (oder genügt es inzwischen, einen Artikel in der GEO gelesen zu haben um sich zur Expertin zu machen???)

    Und
    Das “ich habe gar keinen FÜhrerschein” nutzt am Ende nur der Bahn, und daß dies nicht immer (oder eher selten) streßfrei und entschleunigt abläuft, können Sie selbst bestens beurteilen) (und ich auch für Herrn Geißler, denn vor wenigen Wochen entging mir der Genuß, ihn bei einem Vortrag persönlich zu hören, da er per Bahn nicht aus München rauskam…und folglich sein Vortrag vorgelesen werden mußte…)
    Jetzt ist der Raum für Herrn Schmidt (beim letzten mal bekam ich nur mit einer literarischen Finesse die Schmidt-Kurve, deshalb hier schon einmal vorab): selbiger schafft es immerhin mit den Zügen, dies sogar nach eigenem Bekunden (hier betreibt er wohl Legendenbildung) im Zustand der Bilokation, d.h. er schafft zwei Züge auf einmal und begegnet sich so selbst im Vorbeifahren (daß die Bahn das nicht besser ausschlachtet…) (“Schmidt kommt!” statt des in der Vergangenheit eher anrüchigen “Die Bahn kommt”)

    Soweit der Prolog.

    Leider bekundet Herr Geißler (unser Wissenschaftscomedian der Zeitforschung mit professoralem Titel), daß seine Ausführungen ihm selbst in Form eines Effektes nichts nutzen (auch er hat nicht genug Zeit). Was wiederum zurückwirft auf die Feststellung im Kommentar zu Ihrem epochalen Werk (“wer hat denn hier wieder nicht gekehrt”), daß der Sinn einer (auch wissenschaftlichen) Tätigkeit nicht unbedingt im (Vorher/Nachher-)Effekt begründet liegen muß, sondern in der Verrichtung selbst liegt. (Auf Saarländisch: der kann wenischdens gutt schreiwe).
    Ob er gut vortragen kann entzieht sich meiner Beurteilung, da er in Dortmund wie gesagt vorlessen ließ)
    Wieder der Versuch, sich durch eine etwas andere Art der Fragestellung eine neue Art der Lösung zu erschließen: wir leben schon lange nicht mehr in einer Zeit, in der Fragen der Be- oder Entschleunigung wirklich diskutierbar wären. Vielmehr: schneller macht langsamer. Oder: der Sprinter ist wegen seiner Beschleunigung früher am Ziel und gewinnt mehr Zeit für Langsamkeit . Ich brauche für den Marathon immer noch über dreieinhalb Stunden (aber langsam).
    Die neue Frage lautet: wieviel Gleichzeitigkeit der Verrichtungen in der Zeit kann noch erreicht oder vermieden werden. (Beim Arbeiten kann ich Lesen, Telefonieren und Schreiben gleichzeitig. Beim Laufen telefoniere ich inzwischen – das kennst Du doch. Bin nie auf dem Klo ohne etwas zu lesen und mit Radio an…. In der U-Bahn sehe ich fern, und beim Schlafen knirsche ich mit den Zähnen) Wo liegt das Maß an größtmöglicher Parallelität??? (Herr Schmidt in zwei Zügen?)
    Herr Geißler in München und Dortmund gleichzeitig.
    Über Herrn Glotz gebietet es sich m.E. zu schweigen.

    Und es ist anders. Wenn wieder mehr Menschen Zeit haben, den Garten umzugraben, werden wieder mehr Menschen Ideen bekommen, wie die Welt dnn zu ändern sei. (hier bin ich mit dem Titel von Herrn Geißler einverstanden: “Das Glück liegt in der Pause – von der Produktivität unproduktiver Zeitformen”)

    Übrigens: Herr Geißler sollte seinen Vortrag im Rahmen einer IGFH-Jahrestagung halten. Ihn habe ich verpaßt (oder er mich) und doch viel gelernt über Zeit und den Umgang mit ihr. Als ich der vielen Grußworte zur Eröffnung überdrüssig war, habe ich mich in mich selbst zurückgezogen und die Zeit genutzt, um Antworten zu finden auf mein oft suboptimales Zeitmanagement auf der Arbeit – mit Erfolg. Womit Herrn Geißlers These schon recht bekam, bevor ich überhaupt in den Genuß kommen konnte, den Vortrag selbst zu verpassen)(was wieder die Frage nach den Effekten des Tuns aufwirft, wenn diese sich schon im Vorfeld des Tuns einstellen) (wie die rund 60% des Therapiebedarfes, die sich im Rahmen der langen Wartezeiten in Luft auflösen, ohne daß die Therapie außer durch ihre zukünftigen Verheißungen auch nur einen Anteil daran hätte – oder ist das bereits ihr Effekt ?).

    Bevor ich mich weiter verliere (und auch ich habe eigentlich gar keine Zeit) verabschiede ich mich und verbleibe in treuer Ergebenheit
    Ihr
    Robert Wagner

    Kommentar by Robert Wagner — 26. Oktober, 2005 @ 13:42 Uhr

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