Simons Systemische Kehrwoche

Von der Nützlichkeit der Sinnlosigkeit

Daniela Beer

Heute ist meine Grundbefindlichkeit eine ganz andere als gestern. Obwohl ich nicht weniger Termine und Verpflichtungen habe, fühle ich mich entspannter und es gelingt mir, in meinen Dialogen mit mir selbst, mich nicht zu hetzen. Heute morgen nahm ich mir die Zeit, erst einmal eine Stunde im Herbstwald spazieren zu gehen – vor einem Schultermin mit einer 10. Klasse Gymnasium zum Thema Schwangerschaftkonfliktberatung. Die Schule liegt im ländlichen Gebiet und ich nahm einfach einen Zug früher. Die Begegnung mit der Klasse war angenehm. (Konfliktberatung und Rahmenbedingungen wurden im inszenierten Live-Gespräch “bearbeitet”). Meine Arbeitszeit verging wie im Flug.

Zurück in der Beratungsstelle hatte ich ein 2. Gespräch mit einer Klientin, deren persönliche Geschichte und ihre Art, ihr Leben zu gestalten mich bereits im Erstgespräch berührt und bereichert hatte. Von einer Hebamme, die mich erst vor wenigen Wochen kennengelernt hat, ist sie an mich verwiesen worden. Die Hebamme hatte mich als “Fachfrau für Trauerprozesse bei Tod- und Fehlgeburten” bei der Klientin benannt. Die Klientin hatte vor wenigen Wochen ihr Kind in der 37. Woche tot zur Welt gebracht. Das Kind verstarb ohne ersichtlichen Grund. Als ich die Klientin im Wartezimmer abhole, stellen wir beide fest, dass wir uns “schon immer” vom sehen kennen und uns sympathisch sind. Sie duzt mich gleich und ich habe den Eindruck (der sich später bestätigt), dass sich ein intensives joining erübrigt. In der Auftragsklärung stellt sich heraus, dass die Hebamme davon ausgeht, dass “tiefgehende”, (langanhaltende?) Trauerarbeit notwendig sein könnte. Frau F. erklärt sie könne sich das auch vorstellen, denn sie sei entsetzlich traurig. Sie beschreibt die verschiedenen Prozesse, die sie die letzten Wochen und Monaten durchlebt hat: Von der Tatsache, dass dieses Kind zunächst völlig ungeplant war, “alle ihre Pläne über den Haufen geworfen” hat, und wie es für sie mit der Zeit der Schwangerschaft langsam immer deutlicher wurde, dass sie dieses Kind will. Sie erzählt, dass aus diesem Grund für sie auch eine pränataldiagnostische Untersuchung nicht in Frage kam, die Frauen ab 35 als sogenannte “Risikoschwangere” “angeraten” wird und dass ein Abbruch für sie auch bei einem behinderten Kind für sie nicht im Raum stand, da sie bereits einen erwachsenen, schwerbehinderten Sohn hat. Diesen hat sie allein aufgezogen und nebenher ein Studium absolviert. Sie beschreibt sehr überzeugend, dass sie sich dies durchaus ein zweites Mal vorstellen kann. Sie äußert außerdem, wieviel Wut sie auf ihren toten Sohn hat, neben all der Trauer, dass er sich “so sang- und klanglos” einfach wieder verabschiedet habe. Neben vielen anderen Themen, z. B. ihrem Glücklichsein in ihrer 2. Ehe, ihren Erfahrungen der Abwertung als Mutter eines sichbar behinderten Sohnes etc., fokussiert sie immer wieder die Sinnfrage. Auf meine Frage, welche Sinnkonstruktionen sie denn von ihrem Umfeld angeboten bekomme, benennt sie Verschiedenes. Von: “Na, ja, Du hast das Kind von Anfang an nicht richtig gewollt, deshalb ist es gegangen!” (Na, da hat aber einer seinen Hellinger wieder ordentlich gelernt, denke ich mir während des Gesprächs) – bis hin zu: “Das Kind wäre vermutlich sowieso behindert gewesen, so ist es für alle Beteiligten doch viel besser!” zitiert die Klientin unterschiedliche Sichtweisen. Wir besprechen, welche Deutungen welche Konsequenzen bei der Klientin erzeugen, welche hilfreich sind, welche für sie ganz persönlich weniger hilfreich. Während des Gesprächs empfinde ich viel Mitgefühl und bin sehr präsent. In aller Trauer der Klientin scheint auch immer wieder ihr Humor und ihre Stärke durch. Sie hat für sich selbst bereits verschiedene Trauerrituale entwickelt. Ich beglückwünsche sie dafür und gebe noch einige zusätzliche Anregungen. Sie möchte gerne drei Termine im vorraus festlegen – nur so zur Sicherheit, was ich gerne tue. Mit einer Rückfallprophylaxe beendete ich das Erstgespräch.

Und heute war dann, wie gesagt das zweite Gespräch. Die Klientin wirkte strahlend, aufgeräumt und heiter. Ich bin überrascht, freue mich und frage Frau F. was geschehen ist und wie sie sich die Veränderung erklärt.

(Meist bin ich dazu geneigt, den Erfolg und die Verantwortung für eine Veränderung in die gewünschte Richtung, der Klientin zuzuschreiben, aber natürlich bekomme ich gerne Komplimente für gute Arbeit. Ich bin also durchaus für die unterschiedliche Beantwortung der Frage: “Was hat geholfen?” offen. Die in “Sozialarbeitskreisen” verbreitete “dumme Angewohnheit”- das eigene professionelle “Licht unter den Scheffel zu stellen” – dazu fehlt mir zunehmend die Bereitschaft.Na, vielleicht handelt es sich um eine weibliche Eigenschaft, nicht um eine sozialarbeiterische?)

Die Klientin sagt, ihr habe das Gepräch so sehr geholfen, danach habe sich alles verändert. Und obwohl sie weiterhin sehr viel weine, was ja auch gut sei, wenn man traurig sei, sei alles jetzt viel leichter. Ich bin neugierig und frage, ob sie eine Erinnerung daran hätte, was genau ihr geholfen habe. Darauf hin erklärt sie als bedeutungsvoll, dass sie alles habe aussprechen dürfen, aber vor allem meine Frage: “Angenommen, Du würdest Dir erlauben zu denken, es gäbe in all dem Leid und dem Tod Deines Sohnes überhaupt keinen Sinn: in welcher Weise würde das Deine Befindlichkeit beeinflussen?” Da wäre ihr schon beim zuhören “ein Stein vom Herzen gefallen” Sie sei heute auch nur gekommen, um sich zu verabschieden. Die beiden “Sicherheitstermine” benötige sie momentan nicht. Bei Bedarf würde sie jederzeit gerne wieder kommen.

Über diese Anwort war ich überrascht und amüssiert. Ich kann mich nicht mehr erinnern, das ich die Frage überhaupt gestellt habe. Gleichzeitig weiss ich, dass ich schon häufig im Gespräch mit KollegInnen und FreundInnen geäußert habe, wie anstrengend ich es empfinde, dass in der “Psychoszene” permanent versucht wird, allem einen Sinn “abzuringen”, auf “biegen und brechen”. Manchmal erscheint mir die ganze Deuterei anstrengender, als das “eigentliche” Problem. Meist geschieht das im Hinblick auf das Leben anderer. Es läßt sich aber auch im Umgang mit sich selbst bei vielen Professionellen beobachten. Gunther Schmidt hat einmal während eines Seminars eine ähnliche Wahrnehmung geäußert, sinngemäß: “Man darf sich ja nicht mal den kleinen Zeh anstoßen, ohne dass man gefragt wird: Was soll Dir das sagen? Was soll da vielleicht in dir angestoßen werden?”

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5 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Beer,

    ich lese ihre Texte gerne. Sie regen an.
    Und: Nur wenn man viele Ideen hat, kann man mit ihnen jonglieren und dabei schauen, wie die eine oder andere für sich oder andere wirkt.
    Eine gute Deutung, aber, klärt und berührt. Alles andere sind – und da passt das Wort – Konstruktionen.
    Und wenn man sich schon auf Bert Hellinger beziehen muss, dann eher so:
    Eine Deutung (hier: für den Tod eines Kindes) verhindert eher das “anzuerkennen, was ist”. Eine Deutung wäre da eine innere Bewegung, wenn auch mehr als nachvollziehbar, die dem, letztlich auch heilenden, Schmerz ausweichen würde.

    Herzliche Grüße,
    Markus Mall

    Kommentar by Markus Mall — 19. Oktober, 2005 @ 18:40 Uhr

  2. ..in der tat unterschätzen wir alle den “Zufall” – sofern er überhaupt platz in unserem Denken hat (wir sind halt doch alle magisch orientierte Geschichtenerzähler, die das chaos nicht ertragen können…): wie zumindest die naturwiss. Systemtheorie zeigt, entstehen oft Muster, Ordnungen etc. aus minimalsten (zufälligen) Schwankungen – entsprechend den umgebungsbedingungen. Konkret: es hätte auch anders sein können. Genaueres würde hier zu weit führen – aber vielleicht “leuchtet” es auch in dieser Kurzform ein..
    mfg
    j. kriz

    Kommentar by Jürgen Kriz — 22. Oktober, 2005 @ 23:35 Uhr

  3. Lieber Herr Mall, vielen Dank! Schön, dass Sie meine Beiträge gerne lesen. Vielleicht verstehe ich ihre Aussage nicht richtig, vielleicht handelt es sich aber auch um sprachliche Unterschiedlichkeit. Möglicherweise gehen wir von sehr unterschiedlichen Konzepten aus. Für mich als Konstruktivistin ist der Begriff Konstruktion eher mit Vieldeutigkeit, Freiheit, im Sinne von “Wahrheitspostulate vermeidend” und Entlastung gekoppelt, während ich “Deutung”, wie ich sie häufig in der Praxis erlebe, als Einschränkung, Festlegung von Außen und Besserwisserei empfinde. Und was heißt für Sie “dem Schmerz ausweichen” genau? Vielleicht mögen Sie mir ja nochmals antworten?

    Herzliche Grüße Daniela Beer

    Kommentar by Daniela Beer — 23. Oktober, 2005 @ 14:09 Uhr

  4. Liebe Daniela,
    überraschender Kehr-aus, oder Kehr-ein.
    Schön, Dich hier zu finden. Und da wir ja nie zanken, endlich mal die Gelegenheit einer Meingungsverschiedenheit (und dann am Ende doch nicht mehr): es mag als Manie esoterisch-sozialarbeiterischen Tuns anmuten, Geschehendes mit Sinn vermengen zu wollen oder zu müssen. Und doch steckt manchmal mehr als Manie dahinter, da sich zum Beispiel in der Verarbeitung potentiell traumatisierender Ereignisse zeigt, daß ein Gelingen einer als angemessen erlebten Lösung oder Verarbeitung oder Integration eng verknüpft ist mit dem gelingenden Erkennen eines Sinne soder einer Struktur in dem Erlebten (sagt zumindest unser verehrter Herr G.Schmidt oder höre ich ihn sagen).
    Folglich: wurde 1. in dem von Dir beschriebenen Fall der Wegfall der Notwendigkeit von Sinnkonstruktion sicher als entlastend erlebt; ergibt sich 2. daraus aber gleichzeitig nicht zu Zulässigkeit einer Konstruktion möglichen Inhaltes, daß Sinnkonstruktion im therapeutischen Prozess das eigentliche Problem ist.
    Werde mich -sobald Zeit- dem Lesen Deiner weiteren Worte widmen und sicherlich noch den ein oder anderen Kommentar basteln.
    Herzlich
    Robert

    Kommentar by Robert Wagner — 26. Oktober, 2005 @ 08:59 Uhr

  5. Sehr geehrte Frau Beer,

    ich hoffe, sie kommen aus dem Seminar mit Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibed voll mit Anregungen zurück. Bei mir ist das jedenfalls immer so bei Mathias Varga von Kibed gewesen.

    “Dem Schmerz ausweichen”. Um Ihnen da adäquat zu antworten, würde ich auf sehr intensive Gespräche in letzter Zeit mit einer Freundin zurückgreifen müssen, vielleicht auch Erfahrungen in meinem Leben. Da erscheint mir aber dieser Ort zu öffentlich. Hilfreich für mich aber ist, was ich vor Jahren in Gunthard Webers Buch “Zweierlei Glück” (Carl-Auer, 1994, S 259f) gelesen habe, wie Bert Hellinger “primäre” und “sekundäre” Gefühle unterscheidet oder was er – dichter – über den Schmerz sagte (zitiert in Neuhauser, “Wie Liebe gelingt”, Carl-Auer, 1999, S 211f – “Der Trennungsschmerz” und “Der Abschied vom Vorläufigen”).
    “Konstruktionen” setze ich, salopp formuliert, mit “Ideen”, Ge- und Erdachtem” in Verbindung. Deutung eher mit etwas, wozu man sich verbindlicher entschieden hat. Insofern kann ich Ihr Erleben gut nachvollziehen.
    Ich war allerdings einmal sehr überrascht und irritiert (nein, ehrlich gesagt, sehr enttäuscht), dass selbst Menschen, die sich sehr ernsthaft und gewissenhaft auf den Konstruktivismus beziehen ( muss mich da – oft auch leider – miteinbeziehen), sich manchmal sehr wohl ganz eindeutig und klar auf Deutungen “verbindlich”” festlegen d.h. klar Stellung beziehen und sich und anderen dann kein Spiel der “Konstruktionen” mehr erlauben.

    Und zu guter Letzt: Ihre Replik führte mich zu einem Gedankenspiel:
    “Was muss ich tun, damit ich zu der Überzeugung komme, dass eine Aussage, die ich höre, lese, ein Wahrheitspostulat ist?”

    Herzliche Grüße

    Ihr Markus Mall

    Kommentar by Markus Mall — 30. Oktober, 2005 @ 17:49 Uhr

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