Simons Systemische Kehrwoche

Wer beobachtet eigentlich wen?

Daniela Beer

Seit einigern Wochen habe ich zwei Pflegekatzen in meinem Haushalt. Katzen sind für mich interessante Tiere, aber ich habe noch nie mit welchen gelebt. Die erste Woche ging es mir, wie vor 27 Jahren, als ich zum ersten Mal Kinder betreuen sollte. Da ich keine wesentlich jüngeren Geschwister oder sonstige Verwandte habe und seltsamerweise damals auch keine Freundinnen mit jüngeren Geschwistern, wußte ich wenig über die Bedürfnisse von Kindern. Ich erinnere mich noch daran, dass ich immer Angst hatte, den Kindern, auf die ich aufpasste, könnte in der Abwesenheit Ihrer Eltern und in meiner Gegenwart etwas zustossen. Vergleichbar ging es mir zunächst mit den Katzen. Ständig überprüfte ich, ob sich nicht doch irgendein Fenster in Kippstellung befand (eigentlich kippe ich Fenster nie, sondern öffne sie ganz….) und ob ich die Balkontür auch wirklich gut verschlossen hatte, denn es waren noch keine Netze zur Verhütung der Absturzgefahr gespannt. Wenn eine Katze auf den Schrank sprang erschrak ich und befürchtete, dass sie allein nicht mehr herunterkommen würde. Ich lief nur noch ganz achtsam, langsam und vorsichtig, damit ich niemandem auf die Pfote oder den Schwanz trat.

Dann gibt es Phasen, wo ich die Katzen zwischendurch immer mal als störende, ja fast rücksichtlose WG-Mitbewohner empfinde. Wenn ich schlafen will, machen sie im Nebenzimmer Lärm, werfen Vasen von Regalen, spielen Fangen quer durch die Wohnung und setzen sich dann miauend vor die Schlafzimmertür. Wenn ich durch die Wohnung hetze, z. B. weil ich pünktlich weg muss, fühle ich mich direkt eingeschränkt, wenn sie sehr beharrlich auf ihr Frühstück bestehen. Tagsüber sind sie dann wieder so nett und kuschelig und scheinen meine unterschiedlichen Stimmungen zu spüren. Als eine Freundin, eine Verabredung telefonisch absagt, auf die ich mich den ganzen Tag gefreut habe und ich etwas enttäuscht bin, kommen sie beide und legen sich zu mir aufs Sofa.

Mit der Zeit, die wir miteinander verbringen, löst sich meine Unsicherheit ihnen gegenüber auf. Ihr Vertrauen und ihre gleichzeitige Autonomie – sie entscheiden, wann sie sich “auf Nähe einlassen” und nicht mein Terminkalender – rühren mich. Und ich mache die Erfahrung, dass es sogar im Umgang mit Katzen “rekursive Feedback-Schleifen” gibt: Wenn ich in gutem Kontakt mit mir selbst bin, mich ausgeglichen fühle und es mir gelingt, ganz in der Gegenwart zu leben, sind auch die Katzen entspannter und gelassener. Oder nehme ich das nur so wahr? Weil ich eine andere “Brille” trage und ihr Verhalten anders konnotiere? Etwa ihr “Fangen spielen” als witzig (statt bescheuert), oder ihr miauen als niedlich (statt als anstengend oder gar nervend).

Wir wissen nicht , wie lange wir hier zusammen leben werden. Bis ihre Besitzerin eine neue Wohnung findet – und das kann dauern. Manchmal frage ich mich auch, wer hier eigentliche wen beobachtet. Was “denken” diese Katzen über mich und mein Leben? Ich erinnere mich an diverse Cartoons, z. B. das vom Pawlow`schen Hund, der immer wieder mit seinem Glöckchen läutet. Und unter dem Bild steht der Satz: “Ach interessant – ich habe ihn schon wirklich gut konditioniert, wenn ich läute bringt er mein Fressen!”

Während ich hier über das mögliche Denken der Katzen (und Hunde) philosophiere, sind 150 000 Menschen auf der Flucht vor “Wilma”. Abends in den Nachrichten höre ich es seit einigen Tagen und tagsüber vergesse ich es wieder. Wenn ich die Berichterstattung verfolge, dann kommen die Beschreibungen bei mir an, als handele es sich um eine science fiction story. Und es geht mir erst mal nicht sehr nah. Allerdings kann ich mir das Hörspiel von Frank Schätzing, “Der Schwarm”, das ich geschenkt bekommen habe, nicht anhören, obwohl ich sonst leidenschaftliche “Höhrerin” bin. (Von Harry Potter über Thomas Mann bis Gunter Schmidt höre ich alles…)

Manchmal empfinde ich das Nebeneinander der vielen “Innen- und Außenwelten”, schon verwirrend. Aber auch faszinierend. Wie schnell wir Menschen (manchmal) in der Lage sind, die Wirklichkeiten zu wechseln…

Und eben, als ich durch die Stadt ging, las ich auf einem Werbeplakat von Seiko: “Die Uhr, die sie tragen, entscheidet wer sie sind!” Das ist jetzt natürlich sehr überraschend für mich – besonders, weil ich nie eine Uhr trage…ich besitze keine…und benötige auch keine. Tja wer entscheidet dann, wer ich bin?

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1 Kommentar

  1. Liebe Frau Dr. Daniela Beer,
    (um schon einmal der Beantwortung der Frage: wer bin ich – oder wer entscheidet, wer ich bin? eine Setzung vorauszuschicken): Unter anderem bist Du die genannte und ich entscheide in dem Fall, dies so zu sehen (und mitzuteilen). Daneben gibt es viele weitere Setzungen, die interessant und erwähnenswert wären, die ich in diesem Quasi-öffentlichen Raum aber dringend unterlasse.
    A propos: eine ganze pragmatische Klärung kann ich vielleicht hier vorschlagen: verschweig es dem Schenker, aber gib mir den Schätzing, dann bist Du eine Sorge mehr los.
    Würdest Du hier nicht schreiben, sondern Dir beim Schreiben zusehen – so wie ich es tue – leuchtete Dir ein, Daß eine andere Art der Fragestellung besser zu Dir und zum Konzept der menschlichen Autonomie paßte (die zweite Ebene): Für wen entscheidest Du Dich, der entscheiden soll, wer Du bist (für wen jetzt, für wen gleich, für wen morgen, für wen gestern) (und wie entscheidest Du neu, wenn Du mit der getroffenen Entscheidung unzufrieden bist).
    Wärest Du nur annähernd so eitel wie zumindest ich es bin würde sich dir der Sinn der Seiko-Werbung deutlicher erschließen: kauf Dir mal ein paar Uhren und entscheide mit Deiner Wahl des Tragens, wie Du willst daß entschieden wird, wer Du bist.
    Ich mache das so mit Schuhsohlen: beim Sport bitte Asics Sohlen, weil ich will, daß alle sehen, was ich möchte, das sie in mir erkennen Ich bin so eher der Dieter Baumann Typ). Zuhause bitte unbedingt ohne Sohlen, wegen des Kontakts.
    Und am ersten Arbeitstag in der neuen Anstellung als Leitungskraft (Ja, ich!!!) auf jeden Fall in Ledersohlen. (Du hättest dich über mich kaput gelacht). Nicht so die anderen.
    Anders ließe sich eine gewise Vielfallt des Marktes gar nicht erklären (“ich will daß alle sehen, daß ich mehr der Audi-Typ bin”, “ich fahre lieber VW, aber ich werde lieber als Volvo-Typ gesehen”…)

    Gabs alles hinter der Mauer nicht – aber darum gab es da ja auch nicht das Recht der freien Wahl oder Entscheidung (womit wir wieder eines der letzten Geheminisse unserer komplexen Welt geklärt weil reduziert hätten) (bzw. ich) (bzw. wir, denn ohne Deine Eröffnung wäre ich darauf gar nicht gekommen)
    Fehlt noch Herr G. Schmidt, denn ohne ihn ist nichts ganz ganz: Herr SChmidt.

    Hochachtungsvoll
    ihr ergebener
    Robert Wagner

    Kommentar by Robert Wagner — 26. Oktober, 2005 @ 12:42 Uhr

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