Simons Systemische Kehrwoche

das Freudenhaus

Filip Caby

Guten Abend!

Nach einem gut gefüllten Arbeitstag mit einigen aufregenden Therapiesitzungen fragte mein Sohn nach dem Abendessen was ein Puff sei. Meine Frau leitete die Frage zuständigkeitshalber gleich weiter an mich und ich setzte zur Erklärung an mit einem Synonym: “man kann es auch Freudenhaus nennen”. Bevor ich weiterreden konnte, lehnte mein Sohn sich zufrieden zurück und meinte: “ach so, so etwas wie eine Kirche…” Ich sah mich genötigt noch weiter zu erläutern, aber das interessierte irgentwie nicht mehr…

Beim Abendbrotzubereiten hatte ich bereits eine sehr lebendige Diskussion mit meiner Frau über die richtige Art Möhren vor zu bereiten: Sie schält sie, ich schabe sie. Ich meine, dass der Substanzverlust bein Schälen wesentlich grösser ist als beim Schaben, aber das schien meine Frau nicht besonders zu beeindrucken. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich mich um die Zucchini kümmere….

Eigentlich wollte ich von einer Patientin berichten die wir für magersüchtig halten, die aber von sich behauptet nicht magersüchtig zu sein. Sie hat natürlich recht. Sie berichtet von einer Stimme die ihr alles Mögliche auferlegt: sie darf nicht gehen, nicht sehen, nicht aufstehen , nicht essen… Wir haben die Patientin mit dem Verdacht eines Missbrauches von einer anderen Klinik in eine stationäre Therapie unter geschlossenen Bedingungen übernommen, nachdem sie bereits zwei andere Kliniken kennengelernt hatte. Wir behandeln sie seit 1,5 Jahren mit dem Ergebnis , dass wir vor der Entscheidung stehen, ein Pflegeheim für sie zu finden… Sie hat den Wunsch geäussert, eine Auslandsmassnahme durch zu führen. Grundvoraussetzung dafür ist dass sie mit Messer und Gabel isst, was ihr nicht gelingt, weil sie sich beim Essen ständig schlägt.

Sie schafft es ihr Gewicht zu halten, aber das Familiensystem kollabiert zunehmend. Eine erneute stationäre Therapie will sie nicht, ganz davon abgesehen, dass sie keine kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik mehr aufnehmen würde, bis auf wir.

Aber dazu fällt uns zu wenig ein. Wir haben sie erfolglos antipsychotisch behandelt und bei der heutigen Familiensitzung kam mir die Idee sie mal sämtlichen Koryphäen vor zu stellen….

Ein Lichtblick: sie reagiert auf meine Befehle. Hört sich wenig therapeutisch an, aber sie begründet das nicht gelingen dessen was sie vorhat damit, dass ich es ihr nich ausdrücklich auferlegt habe. Ihr falle nichts ein was sie als nächstes tun könnte um weiter zu kommen.

Ich telefoniere täglich mit ihr, wobei sie sehr wortkarg reagiert, und mehr stotternd flüstert als spricht. Sie nutzt ihre Augen nicht weil sie ihre Umwelt vor ihren schrecklichen Augen schützen möchte….

Und trotzdem will ich mich mit dem Stillstand nicht abgeben. Lösungsorientiertes Arbeiten bringt nichts, weil sie sofort das Gegenteil tut von dem was wir gelobt haben. Beschimpfen nutzt nichts, weil sie sich dadurch bestätigt fühlt in ihrer Schlechtigkeit.

Sie war mal eine begnadigte Bratschenspielerin. Beide Eltern sind Musikdozenten. Die jüngere Schwester spielt Geige. Seit knapp 4 Jahren hat unsere Patientin sich nicht mehr um das Weiterkommen bemüht. Ein Missbrauch hat sich nicht bestätigen lassen.

Was tun?

Vielleicht kommt ein guter Gedanke aus dem Blog?

Oder finde ich mich damit ab, dass wir nicht alle retten können?

Ich hoffe, dass das Ganze das Tagebuch nicht überfrachtet, aber es beschäftigt mich nun mal…..

Bis morgen! Filip Caby

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6 Kommentare

  1. Lieber Herr Caby,

    zuerstmal kam von Ihnen mords viel. Alle paar Sätze dachte ich, toll!, dazu möcht ich antworten, obwohl ich gerade meine Jahresgrüße wie geplant fertigmachen wollte … bin nur hier um die Kiste runter zu fahren.

    Am meisten beschäftigt mich Ihre Klientin (obwohl es um die anderen Dinge schade ist). Sie wagen hier ein existenzielles Thema konkret zu berühren, bei dem niemand weiß, was zu tun wäre. Also da kostet es fast soviel Mut, sich dazu zu äußern, wie Sie ihn aufbrachten … eher still für mich denke ich immer wieder darüber nach. Ich habe einen Klienten, der von der offiziellen Psychatrie mit allerlei Begriffen katalogisiert wird. Das gibt denen Sicherheit. Dem Klienten nutzt das glaube ich nichts. Er hält sich seit Jahren für mich überraschend am Leben. Er will auf keinen Fall mehr in die ‘Klappse’. Ab und zu kommt er zu mir. Er wurde von seiner Mutter von klein auf sehr weitgehend mißbraucht, und (dann) von seinem Vater heftig geschlagen … nun mein freflerischer Gedanke: Ich glaube schon, daß meine gelegentliche Begleitung ihm eine Berührung mit Liebe erfahrbar macht. Aber ich bekomme auch so eine Ahnung, daß das MÜSSEN ihn ebenfalls stark positiv im Leben stabilisiert. Er WILL so sehr nicht wieder in die ‘Klappse’, daß er lieber immer wieder sich aufrafft, für sein Leben zu sorgen … denke ich mir …
    Also das ist wirklich ein großes Thema. Ich spiele mit dem Gedanken, daß Härte auch für uns Menschen nicht nur schlimm einengend ist, sondern auch Halt. Oder anders rum: wenn es im Leiden schon irgendwie geht, warum soll man dann alles in sich mobilisieren (und sei es ernsthaft wenig), um die Tage aus eigener Kraft überstehen zu können.
    Freud hat mal an C.G.Jung geschrieben, Psychotherapie sei letztlich heilen durch Liebe. Wenn mir irgendwas heilig ist, dann gerade das (muß ja rational nichts Genaueres sein, kann es vielleicht garnicht). Aber Liebe ist ja keine Watte, die bedingungslos alles erfahrbar aushielte (Um das zu testen, braucht man blos den Menschen, der einen liebt zu erschießen – dann ist definitiv Schluß mit bedingungsloser Liebe).
    Bei Maya Angelou habe ich den Gedanken gelesen, mit dem sie ihre Tante beschrieb, die für ihr Überleben wichtig war. Sie schrieb: …Diese zauberhafte Mischung aus Strenge und Zärtlichkeit…
    …Eine klarere Lösung zu skizzieren, würde Ihrer Frage glaube ich nicht gerecht, denke ich jetzt, nachdem ich soweit gekommen bin, und lasse es gerne dabei bewenden … gehe vielmehr wohlgemut wieder an meine Arbeit (noch ne halbe Stunde oder so) … aber mit herzlichem Gruß an Sie
    Peter Schlötter

    Kommentar by Peter Schlötter — 29. Dezember, 2005 @ 01:25 Uhr

  2. Nachtrag – noch etwas fällt mir ein: Verantwortung für mehr als das eigene kleine Leben. Mein Klient wollte sich am Anfang unserer therapeutischen Beziehung einmal umbringen. Er hatte sich an einem Montag in die Badewanne gelegt, hatte bereits den ersten Schluck aus der Weinflasche genommen, Rasierklinge lag auf dem Badewannenrand – plötzlich dachte er an seinen kleinen Neffen, mit dem er am Wochenende gespielt hatte, er sah sein Gesicht. Da stieg er schnell aus der Wanne, lehrte die Flasche im Ausguß usw. und kam zwei Tage später zum vereinbarten, wie immer nur sporadischen Termin in die Praxis … Das ist vier Jahre her … seit Januar letzten Jahres habe ich ihn nicht mehr gesehen … Ich wüßte gerne wie es mit ihm weitergegangen ist … werde in den nächsten Tagen entscheiden, ob ich mich etwas mehr VON MIR AUS um ihn kümmern sollte/möchte/werde.
    Herzlichst,
    Peter Schlötter

    Kommentar by Peter Schlötter — 29. Dezember, 2005 @ 11:27 Uhr

  3. Lieber Herr Caby,

    sehr interessant, was Herr Schlötter zu diesem Fall schreibt. Auch ich habe Respekt vor Ihrem Mut zu dieser Diskussion. Zumal Sie ja nicht wissen können, wer alles diese Texte im Blog liest. Sicher Herr Simon mit viel Sachverstand. Vielleicht auch Herr Riedesser aus Hamburg, den ich in seinen frühen Freiburger Jahren als „begnadeten“ Kinder- und Jugendpsychiater schätzen gelernt habe. Vielleicht, gewiss! gibt es im weiten Web wirklich die rettenden Ideen und sie kommen zu Ihnen.

    Als Laie kann ich unbefangen dumme Fragen an Ihren bisher so tragisch verlaufenen Fall stellen und frei assoziieren, was mir zu den gelieferten Stichworten einfällt. Schließlich hatte ich auch oft genug Anlass zu konzeptionellen Überlegungen, was wir als gewöhnliche Schulmeister tun können, um manchem Heranwachsenden Psychiatrie und/oder Haftanstalt zu ersparen. Mit dem einen oder anderen guten Erfolg übrigens. Und das gibt wiederum mir den Mut, ein paar Einfälle weiter zu geben.

    Zuerst frage ich mich, wie alt die Patientin sein mag. Wenn sie vor vier Jahren aufgehört hat, eine „begnadete Bratscherin“ zu sein und seit dieser Zeit in psychiatrischer Behandlung ist, muss sie ja mindestens an der Schwelle zum Erwachsenenalter sein. Wie ist es wohl zu diesem Bruch im Lebenslauf gekommen?

    Was heißt „das Familiensystem kollabiert zunehmend“?

    Vater, Mutter Musiker, Dozenten. Welche Instrumente spielen sie? Sollte Ihre Patientin womöglich das häusliche Streichquartett als Bratscherin komplettieren? Kennen Sie Witze, die man unter Orchestermusikern über die Bratscher erzählt? Die Bratsche ist ja ein sehr anspruchsvolles Instrument und das nicht nur wegen ihres Umfangs. Ich habe das Instrument in jungen Jahren selbst eine Zeit lang gespielt und weiß es daher. Im Orchester sind die Bratscher die „Dummies“ und kein Mensch weiß warum. (Herr Kriz als Mitglied eines Orchesters kennt sich da gewiss auch aus). Es gibt einfach Strukturen, die es gar nicht geben dürfte. Aber im Orchester ist die Viola als Stimme im Chor der Streicher in einer absolut dienenden Funktion. Es gibt nur ganz wenige Kompositionen für dieses Instrument. Wollte Ihre Patientin womöglich gar nicht mehr Bratsche spielen, als ihr aufging, welches Schicksal man als Orchestermusiker mit der Bratsche am Hals vor sich hat? Ist sie einfach zur „begnadeten Bratscherin“ erklärt worden, damit sie auch fleißig übt und ihr (fremd bestimmtes) Schicksal auf sich nimmt (ihr „Kreuz“ tragen lernt). Und wer spielt im System der Familie die „Erste Geige“? Wie funktioniert dieses System überhaupt? Weshalb „kollabiert“ es?

    Sie schreiben vom Missbrauchsverdacht, unter dem die junge Frau in Ihre Klinik kam. Vielleicht handelt es sich ja nicht um sexuellen Missbrauch, sondern um Missbrauch ganz anderer Art. Bestand der Missbrauch gar in der Zuweisung dieses Instruments in einem Alter, als das Kind das gar nicht begreifen konnte?

    Was ist da wohl passiert, dass sie sogar ihre Augen vor der Umwelt verbergen möchte? Sie tut sofort das Gegenteil von den, was Sie „gelobt“ haben. Das deutet doch darauf hin, dass sie die Doppelmoral des Lobes z.B. eine „begnadete Bratscherin“ zu sein, nicht mehr ertragen konnte. Fragen über Fragen. Ich will sie an dieser Stelle einmal abbrechen. Ich wünsche von Herzen, dass Sie für die junge Frau das Tor zum Weg der Heilung finden mögen.

    Ob die Psychiatrie alle retten kann, kann ich nicht sagen. Aber wäre ich in Ihrer Situation, müsste ich alles dransetzen, das „System“, um das es bei Ihrer Patientin geht, erst einmal zu verstehen.

    Herzlichen Gruß
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 29. Dezember, 2005 @ 11:39 Uhr

  4. Lieber Herr Schlötter,

    auch unsere Patientin hat mehrfach versucht sich durch Strangulieren um zu bringen. Das hat Sie aber nur im Klinikkontext getan. Irgentwie scheint sie eine Aufgabe für sich zuhause zu sehen. Dort ist sie für die Eltern vor allem körperlich anstrengend, aber natürlich auch emotional belastend. Der jüngere Bruder kümmert sich rührend, die Schwester geht auf die Barrikaden und ärgert sich über ihre älteste Schwester. Ich nehme ihren Kommentar einfach mit, und schaue mal wases mit mir macht. Ich kriege ein Gefühl für Neues. Besten dank!
    Ihr Filip Caby

    Kommentar by Filip Caby — 29. Dezember, 2005 @ 23:23 Uhr

  5. Lieber Herr Kasper,

    herzlichen Dank für ihre anregende Kommentar. Manchmal sieht man vor lauter Systeme das System nicht mehr, oder verliert es aus dem Auge. Die Gedanken mit der Bratsche haben wir uns natürlich auch gemacht, aber nicht im Hinblick auf “Doppelmoral”. Wie gut ist gut? Was ist gut wirklich? Was ist wirklich gut? Wie zweideutig kann Lob sein?
    Lob kann verletzen, wenn es mechanisch erfolgt.
    Es sieht so aus als ob wir das wirken lassen sollten. Heute hatte sie Besuch von 2 Freundinnen. Ich bin gespannt. J. hat angekündigt sich mit den beiden unterhalten zu wollen….

    Ich melde mich
    Filip Caby

    Kommentar by Filip Caby — 29. Dezember, 2005 @ 23:33 Uhr

  6. Liebe Diskutierende,

    Mir gefällt der Kommentar von Herrn Kasper so gut, weil er versucht das bezeichnete Familiensystem der Patientin und deren fragwürdige Rolle als “begnadete Bratschistin” kongenial in das System des Orchesters zu übersetzen. Was jedoch auch bei ihm offen blieb ist die Frage von Brauch und Mißbrauchs, dessen re-entry der Brauch ist. Es ist sozusagen Brauch, dass Eltern ihre Kinder für etwas gebrauchen. Das scheint o.k. zu sein, solange es keine Mißbrauch ist. Nun ist aber seit langem bekannt geworden, dass wir uns unser persönliches Lebens-Skript (sic!) schreiben, das heißt konstruieren. Welche Rolle spielt darin der Mißbrauch? Im speziellen der sexuelle Mißbrauch? Warum ist der so sehr im Zunehmen begriffen, dass bald jedes zweite Kind mißbraucht werden wird? Was für eine Doppelbödigkeit hält das System für uns bereit, aus der wir niemals mehr entfliehn werden können, wenn wir nicht andere Lebensskripten schreiben lernen und als Therapeuten zu schreiben lehren?
    Mit besorgt gekrauster Stirn und herzlichen Grüßen Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 30. Dezember, 2005 @ 01:32 Uhr

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