Nonsense
Andrea Christoph-Gaugusch
Seinem Tagebuch vertraut man meist seine intimsten Intimlichkeiten an – das, was sonst keiner wissen darf, was einem nie über die Zunge käme. Aber heutzutage ist das intime Tagebuch irgendwie aus der Mode – man schreibt lieber virtuell, damit es die ganze Welt lesen kann. Endlich eine Möglichkeit, sich selbst dem Reisbauern in China zu outen…oder den Schafzüchtern im fernen Irland…oder auch nur meiner Nachbarin, die ja im Grunde genommen keine Ahnung hat, was sich auf der anderen Seite der Wand tagtäglich so abspielt. Und dabei hätte ich jetzt die einzigartige Gelegenheit, sie wissen zu lassen, dass…ach, lassen wir das.
Ich habe einmal mit einem amerikanischen Künstler zusammengearbeitet, der manche meiner deutschen Texte via Babelfish zu entziffern versucht hat – er wollte mich auf diese Weise zu einer Übersetzung treiben. Seltsamerweise habe ich jedoch gerade den Unsinn lieb gewonnen, als richtiggehend inspirierend empfunden. Man kann von Übersetzungen eine Menge lernen – und sei es nur, was man wirklich sagen wollte (weiß man es selber immer so genau?) und was man keinesfalls gemeint hat:
Its diary entrusts one usually its most intimate Intimlichkeiten – who, which may know otherwise none, what one over the tongue would never come.
Und wieder retour, nur zur Kontrolle:
Sein Tagebuch vertraut ein normalerweise sein vertrautestes Intimlichkeiten an – wem, das keine anders wissen kann, was ein Überschuß die Zunge nie kommen würde.
Nonsense erzeugt in meinem Geiste immer wieder Aha-Erlebnisse. Nonsense verfremdet den Sinn, wirft anerzogene, logische Zwänge um den Haufen, stürzt nicht selten grammatikalische Grundfeste die Klippe hinunter und lacht sich dabei ins Fäustchen.
Ich wohne hier in Wien in einer alten Klosteranlage. Im zweiten Hof lebt schon viele Jahre ein Obdachloser, je nach Lust und Laune als Clown oder Skifahrer verkleidet (heute erinnerte er eher an Bob Marley, Mitte der 70er Jahre). Immer wieder verschwindet er für mehrere Wochen, taucht dann aber – meist kahl geschoren – wieder auf. Er spricht unentwegt zu sich selber – völlig wirre Sätze. Dabei gestikuliert er meist wild, verbeugt sich vor dem unsichtbaren vis-a-vis. Ist ganz in sich. Nie bei den anderen. Und er wühlt (Wienerisch: stirdelt) in den Mülleimern, findet dort manch Nützliches (von Perücken über Nasenringe bis zu Schwimmflügerln), das sodann zur Schau gestellt wird. Niemand vertreibt ihn hier, in dieser Anlage – aber kaum wagt er sich aus dem mächtigen Torbogen hinaus auf die „offene Straße“ wird es für ihn gefährlich. Er wird eingefangen, kahl geschoren, bis er wieder den Weg zurück findet, in den sicheren Hafen des alten Stiftes.
In unserer Welt muss schließlich alles Sinn machen, einen Zweck erfüllen, Normen entsprechen (von der Essiggurke bis zum Vokuhila-Schnitt..) – für Nonsense ist kaum Platz. Und dabei sorgt vielleicht gerade Nonsense für die manchmal so dringend nötige Entspannung des Geistes. Nur um sich dann wieder in geistreiche Höhen emporzuschwingen. Oder um Babelfish verdichtet sprechen zu lassen:
in order to then soar itself again into spirit-rich heights.
2 Kommentare
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Liebe Andrea Christoph-Gaugusch,
ich glaube gar nicht, dass das intime, non-online, by hand, in vivo tagebuch aus der mode gekommen ist. im meinen paartherapien ist es jedenfalls immer mal wieder thema: nämlich dann, wenn der partner dies verbotenerweise liest, was fast immer eine schwere vertrauenskrise nach sich zieht (wobei dieser angewohnheit, fremde tegebücher zu lesen, nach meiner erfahrung frauen eher frönen als männer, mit dem schönen argument, das typischerweise in varianten so geht: wenn du mehr mit mir reden würdest, dann müßte ich auch nicht deine tagebücher lesen, ich will dir ja nur nah sein).
aber das ist gar nicht thema ihres blogs… ich finde, sie haben eine schöne art über konstruktivismus zu schreiben, eine spielerische, so wie wenn sie mit ihrer tochter spielen (das ist nicht abwertend gemeint – im gegenteil)
herzlichst
Matthias Ochs
Kommentar by Matthias Ochs — 27. September, 2005 @ 14:39 Uhr
Lieber Matthias Ochs,
. Benutzeroberflächen mit Passwort haben sicher schon manch Scheidung verhindern können (oder so ein kleines Schnappschloß…? – wobei, man/frau öffnet ja auch keine Briefe des anderen… – erscheint mir einfach unhöflich…).
vielen Dank für die Blumen (wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, Ihre Worte abwertend aufzufassen). Wahrscheinlich ist es schon intim überhaupt zu sagen, dass man Tagebuch schreibt? Oder hängt das vom Inhalt ab (schmökerte erst gestern im Tagebuch von Josef Floch, einem wunderbaren Maler – muß gestehen: Auch ich liebe das Lesen von Tagebüchern
Liebe Grüsse
Andrea Christoph-Gaugusch
Kommentar by Andrea Christoph-Gaugusch — 27. September, 2005 @ 16:47 Uhr