Simons Systemische Kehrwoche

Sound

Andrea Christoph-Gaugusch

Nachdem ich augenblicklich kaum zum Lesen komme, höre ich umso mehr Radio. Gestern bekam ich den Zusammenschnitt einer Sendung auf Österreich 1 – über die Evolution der Musik.

Ist es nicht faszinierend, dass Menschen Konsonanz gegenüber Dissonanz bevorzugen, ja, dass in allen Kulturen Musik einen konsonanten Kern hat (Oktave, reine Quinte)? Tamarin-Affen, beispielsweise, tun dies nicht. Spielt man konsonante und dissonante Intervalle von unterschiedl. Quellen, so ist keine Bevorzugung des einen oder anderen Lautsprechers zu erkennen. Und wenn ich mir meine kleine Tochter so ansehe, wie sie auf meine Stimme reagiert, wie sie Gesang liebt und sich von sanften Klängen betören läßt, so komme ich zu dem Schluß, dass unser Geist zutiefst musisch ist. Aber wie ist dann das – zwar seltene – Phänomen der Amusie zu erklären?

Unter Amusie versteht man einen „Begabungs- oder Funktionsausfall im Bereich der Musik oder der schönen Künste überhaupt. Das Wort wird in dreierlei Verwendung gebraucht: 1. radikale Unbegabtheit (oder auch blosse Unerschlossenheit) und dementsprechend Interesselosigkeit für den Bereich des Musischen überhaupt und besonders oder auch lediglich 2. für Musik (= extreme Unmusikalität); 3. spezieller im klinischen Verstande: pathologische Störung der musikalischen Gehörfunktion oder Motorik und damit des Verständnisses für musikalische Zusammenhänge oder des Vermögens der Wiedergabe, meist auf Grund erworbener Hirnschädigung, ohne daß eine allgemeine Taubheit bestünde.“ Vgl.: Wellek, Albert. (1989). Amusie. In Blume, Friedrich (Hrsg.). Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 1. S. 440. München: DTV.

Ein seltenes Phänomen, aber es kommt leider vor. Woran es liegt, ist meist nicht mehr zu rekonstruieren. Möglicherweise nimmt das Übel schon in den ersten Tagen des Erdendaseins seinen Lauf, als nur ein paar Zellen vorhanden waren, diese jedoch allzu heftig beschallt wurden? Ich weiß nicht, wie es sich sonst erklären läßt. Ein Impfschaden?

Joachim Ernst Berendt erläutert eingehend die Klangempfindlichkeit von Zellen: „Daß die Kraft von Klängen gegebenenfalls auch vernichtende Wirkung haben kann, stellte die amerikanische Biologin Dorothy Retallack fest. Sie spielte einer Anzahl von Philodendron, Mais, Radieschen und Geranien jeden Tag acht Stunden unablässig den Ton F vor – und einer genau gleichen Gruppe von Pflanzen diesen gleichen Ton F jeweils drei Stunden lang, aber von längeren Unterbrechungen gefolgt. In dem ersten Gewächshaus waren sämtliche Pflanzen nach zwei Wochen tot. Im zweiten – so berichten Tompkins und Bird – waren sie gesünder als die Kontrollpflanzen, die überhaupt keinen Tönen ausgesetzt worden waren.“ Vgl. Berendt, J. E. (1985). Nada Brahma. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. S. 103. Und was für Pflanzen gilt, das gilt möglicherweise in Ansätzen auch für uns Menschen?

Ich denke, dies ist ein Experiment, das es wert ist, reproduziert zu werden.

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5 Kommentare

  1. …das passt ja gut, dass ich zwischen Reisen und Prüfungen grad mal wieder etwas blog-zeit habe: Ich bin durchaus ein Berendt-Nada-Brahma Fan (besonders den Mitschnitt aus der Frankfurter Oper..) (und auch wenn Berendt da etwas sehr plakativ, vereinfachend schreibt) (aber mir ist 1000x lieber, jemand schreibt was relevantes ggf. ZU populär, als die vielen Texte, in denen irrelevantes “wissenschaftlich” verbrämt hochstilisiert wird) (um selbst mal schwarz-weiss zu malen…)
    o.k.: nach dieser allgemeinen Unterstützung möchte ich doch Zweifel anmelden – das ist ja die Aufgabe eines Wissenschaftlers (der noch nicht das Methoden-Glaubensbekenntnis einzig “wahrer” Wissenschaft nachbetet): Zweifel an der “Amusie”. Zweifel meint nicht, dass ich überzeugt bin, dass nun das Gegenteil “Wahr” oder “bewiesen” ist (wir sind ja nicht in der Psychotherapie-Bewertungs-Forschung, wo ein nicht alle voll überzeugender Beweis von Wirksamkeit zum Beweis für Unwirksamkeit umgedichtet wird..). Kurz: Mit Zweifel meine ich wirklich schlicht Zweifel.
    Zweifeln lässt mich u.a. das (mich immer sehr beeindruckte) Fall beispiel von Oliver Sacks mit den beiden Zwillingen, die zwar nicht 5+7 zusammenrechnen können (also: amathematisch sind, bzw. wirken) sich aber in 5- und mehr stelligen Primzahlen unterhalten könnten (bzw. konnten – solange bis sie die Therapie wieder in die “Normalität” zurückgeführt hat – aber das ist eine andere Debatte..). Jedenfalls stimme ich da Oliver Sacks (und übrigens auch Luria!) zu, dass wir sehr wenig wissen, welche Fähigkeiten jemand hat und welche nicht – weil das stark von unseren Methoden abhängt (Sagen natürlich auch die Physiker seit fast 100 Jahren – passt aber nicht zur Physik des 19.Jahrhunderts und daher auch nicht in die Mainstreampsychologie).
    (Ich weiß gar nicht, warum ich heute abend so boshaft bin – vielleicht weil ich den ganzen Tag Diplomprüfungen hatte und leicht frustriert bin..).
    Dazu – zur “Magie” der Musik / Kust – fiele mir noch viel ein. Aber ich denke, ich habe schon genug kryptisches getippt
    und bleibe mit guten wünschen für eine Kinderschlaftnacht
    herzlichst
    jürgen kriz

    Kommentar by Jürgen Kriz — 29. September, 2005 @ 23:02 Uhr

  2. Hallo Jürgen,

    ich habe Dir ein mail an Deine Uni-Adresse geschrieben wegen des zu gründenden Instituts für klinische Epistemologie. Dich haette ich gern dabei… – schon wegen Deiner Boshaftigkeit und Deiner Skepsis gegenüber dem Erfinden von Krankheiten und Defiziten. Bitte melde Dich… (am besten an meine Privatadresse).

    Beste Grüsse, Fritz

    Kommentar by Fritz B. Simon — 30. September, 2005 @ 09:37 Uhr

  3. …verstehe die Zweifel, zwiefel selber gerne – und schon gar an der Wellekschen Definition. Zu Ihrem Einwand fällt mir ein: Autisten verfügen überdurchschnittl. häufig über ein absolutes Gehör – darüber könnte ich jetzt so manches erzählen – aber – ja – hier ist ja nicht der Platz für Abhandlungen und zudem fehlt mir leider die Zeit…kann nur so zwischen Tür und Angel und Karottenmus und einigen massiven Baustellen ein wenig tippen –
    Viel Erfolg bei der Gründung des Institutes – wenn es in Wien ist, werde ich einmal eine Veranstaltung besuchen…
    ACG

    Kommentar by Andrea Christoph-Gaugusch — 30. September, 2005 @ 10:52 Uhr

  4. Hallo Frau Gaugusch,

    Ihr Hinweis auf Joachim Ernst Berendt hat mich inspiriert, Nada Brahma und das fünf Jahre später entstandene zweite Opus dieser Richtung „Vom Hören der Welt – Das Ohr ist der Weg“ noch einmal (in weiten Teilen, wenn auch nicht die ganzen über 6 Stunden) zu hören. Das dauerte mit Unterbrechungen bis heute (Sonntag). Was für eine Offenbarung nach mehreren Jahren, in denen die beiden CD-Päckchen brav im Regal gestanden haben!

    Meine Erinnerung an ein erstes Erlebnis mit dem Jazz-Experten geht in die späten 1950er Jahre zurück. Damals moderierte er ein Jazzkonzert in Freiburg und ich erinnere mich noch fast übergenau, dass er sich dabei selbst mit irgendeinem Rhythmusinstrument erkennbar mühsam, fast etwas linkisch, geplagt hat, kaum je den richtigen Beat treffend. Er kommentierte das ausgesprochen achselzuckend, ja geradezu bedauernd. Er sei nun einmal kein Musiker. Aber was für ein Musikliebhaber und Kenner der musikalischen Weltkultur! Was für ein Musengenie! Das wiederum schlägt für mich den Bogen zu Ihrem Begriff von der „Amusie“. Könnte ich ihn heute (leider lebt er ja nicht mehr) fragen, würde ich J.E. Berendt bitten, mir aus seiner Jugend und von seiner Begegnung mit jenen Menschen zu erzählen, die ihm die „Meise“ eingegeben haben, er sei unmusikalisch. Wie viel Unsinn ist da schon angerichtet worden! Natürlich gibt es Begabungsunterschiede, aber wenn jemand hören kann, hat er irgendein Verhältnis zu Tönen, aus denen sich eine wenn auch bescheidene musikalische Betätigung entwickeln kann. Ich bin in über vierzig Jahren Lehrertätigkeit (Musik und Deutsch) in der Schule einigen tausend Kindern begegnet, aber keinem einzigen wirklich „amusischen“. Es gibt verschüttete oder unentwickelte Fähigkeiten, aber keinen Totalausfall bei einigen wenigen Kindern. Holt man ein Kind dort ab, wo es steht, sind erstaunliche Entwicklungen auch hier möglich, immer vorausgesetzt, es liegt kein Organausfall vor. Aber das ist zugegebenermaßen ein wirklich weites Feld. Ich habe wirklich viele Kinder erlebt, denen das Label “total unmusikalisch” angeklebt worden war. Dieses hat sich dann durch wweitere schlechte Erfahrungen verstärkt. Man muss vielleicht die steigende Freude am doch noch Gelingenden als begleitender Erwachsener erlebt haben, um das voll zu verstehen. Einmal mehr ein Beispiel für die Schwierigkeit, nicht (das Falsche) zu lernen.

    Ich danke Ihnen jedenfalls sehr für diese Anregung. Als Gegengewicht zur heutigen Dominanz des Visuellen lohnt die intensive Beschäftigung mit diesen Phänomenen und Informationen aus allen möglichen Lebensbereichen und Kulturkreisen immer wieder.

    Herzliche Grüße an die schöne blaue Donau
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 2. Oktober, 2005 @ 19:52 Uhr

  5. Lieber Herr Kasper
    Berendt hat eine wunderbare Stimme, das alleine ist Musik in meinen Ohren. Und ich teile Ihre Beobachtung, dass es Amusie gar nicht geben kann – ja selbst wenn ein Organschaden (Gehirn oder Gehörsystem..) vorliegt heißt das nicht, dass der Körper nicht doch auf Sound reagiert. Ich befragte einmal einen taub Geborenen über sein Musikerleben und erhielt als Antwort eine faszinierende Beschreibung seines Rhythmuserlebens – Musik läßt sich (wenn sie laut genug ist) auch spüren… –
    Das absolute Gehör ist auch ein schönes Beispiel – denn gemeinhin wird darunter eine Fähigkeit verstanden, die nur wenigen sog. Hochbegabten zuteil wird. Möglicherweise sogar angeboren ist – nun gibt es aber ein wunderbares Training dieser Fähigkeit von Burge – für jedes Alter geeignet…so man überhaupt darüber verfügen will…muß man doch bedenken, dass diese Fähigkeit gerade unter Autisten weit verbreitet ist…
    Ich arbeite mich schon jahrelang durch Berendts Jazzbuch und denke immer mehr, dass das eine Lebensaufgabe ist.
    Ganz liebe Grüße
    ACG

    Kommentar by Andrea Christoph-Gaugusch — 3. Oktober, 2005 @ 13:45 Uhr

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