Wesentliches
Andrea Christoph-Gaugusch
Nun, ehe meine Blogwoche zu Ende geht und ich wieder in der philosophischen Versenkung verschwinde, noch ein paar Gedanken zum radikalen Konstruktivismus, obgleich in gewisser Weise ein ausgelutschtes, irgendwie langweiliges Thema. Der radikale Konstruktivismus a la Maturana wurde schließlich bereits zur Genüge kritisiert – ob bei N. Katherine Hayles (How We Became Posthuman) oder Jürgen Kriz nachzulesen (oder jüngsten Publikationen von S. J. Schmidt…Schmidt…Schmidt – oh Schreck…).
Das Gehirn, das Nervensystem ist zweifelsfrei nur ein Aspekt menschlichen Daseins. Ein Aspekt, der sich wiederum in eine Unzahl weiterer Aspekte aufteilen lässt. Ein Aspekt, den wir Menschen im Zuge sprachlicher Interaktionen geformt haben. So wird man im Zuge seiner Entwicklung über die Existenz seines Gehirns belehrt. Indem man über das Gehirn liest und es möglicherweise auch detailliert zu beschreiben lernt, dringt das Gehirn in das Bewusstsein des Beobachters, wird in seinem Bewusstsein real. Und dennoch ist das Gehirn immer noch tief verwoben mit seinem Körper, der wiederum tief verwoben mit seiner Um- und Mitwelt ist. Nur wenn wir diese Verwobenheit aus dem Auge verlieren, nur wenn wir Geist und Materie voneinander trennen, stellt sich die Frage, wie aus dem Gehirn (und nur aus diesem) der Geist hervorzugehen vermag.
Lassen wir jedoch den immer schon vorhandenen Geistesstrom, der sich unter anderem in Form von zwischenmenschlicher Kommunikation manifestiert, welche wiederum auf einer immer schon vorhandenen substantiellen Grundlage beruht (ein Körper – und nicht bloß ein Gehirn – wird geboren), nicht außer Acht, so geht es in weiterer Folge darum zu beschreiben, wie wir Menschen miteinander interagieren und kommunizieren und auf diese Art und Weise Welten entstehen lassen.
So steuern Gehirn und Körper in Symbiose unsere zwischenmenschliche Kommunikation und unsere zwischenmenschliche Kommunikation wirkt wiederum auf Gehirn und Körper zurück. Haben wir jedoch das Gehirn einmal aus dem Ganzen gelöst, so neigen wir dazu, es überzubewerten und dem Gesamtorganismus, der stets in eine gesellschaftliche Struktur, in eine Um- und Mitwelt eingebettet ist, keine Beachtung mehr zu schenken.
Dennoch ist das Gehirn Anfangs- und Endpunkt vieler „Lösungsansätze“ zum Leib-Seele-Problem, als gäbe es das Gehirn „an sich“, losgelöst von seinem Körper; als gäbe es den Körper „an sich“, losgelöst von seiner Umwelt; als gäbe es die Umwelt ohne Mitwelt – als wäre nicht doch alles auch eine auf Konventionen beruhende Narration. Das Gehirn ebenso wie der Rest unserer Welt.
So könnte man argumentieren, dass der Geist weder im Gehirn lokalisierbar ist, noch irgendwo anders. Ebenso könnte man argumentieren, dass daher auch keine mysteriöse Wechselwirkung zwischen Gehirn und Geist mehr geklärt werden muss. Vielmehr ist der menschliche Geist Hand in Hand mit unserer menschlichen Interaktion entstanden und wird laufend durch diese genährt.
Das Gehirn ermöglicht es unserem Körper, diese Interaktionen aufrechtzuerhalten – es wirkt als zentrale Steuerinstanz, wäre aber ohne Körper und seine Umwelt reichlich wertlos. So wird das Gehirn aufgrund unserer Interaktion mit einer Um- und Mitwelt überhaupt erst zu jenem „zentralen Steuerorgan“. Wir haben es hier also mit einem laufend generierten Geist, einem laufend konstruierten Gehirn zu tun, die im Zuge laufend stattfindender Kommunikationsprozesse in unserem Bewusstsein Raum finden. So wie sich ein Fahrzeug in unendlich viele Einzelteile zerlegen lässt, lässt sich auch zwischenmenschliche Kommunikation in unendlich viele Teile aufgliedern – und doch ist jede Komponente leer, hat keine inhärente Existenz.
Öffnen wir das Gehirn, so erkennen wir Neuronen – doch erst das komplexe Zusammenspiel mit einem Körper, eine Um- und Mitwelt lässt neuronale Entladungen bedeutungsvoll erscheinen. Es sollte also nicht weiter verwundern, dass das Innere des Gehirns neutral ist – denn die Welt ist neutral. Sie zwingt uns keine Deutung auf, sie spricht nicht zu uns, sie lässt uns einfach sein. Neutralität klingt zudem weit weniger nihilistisch als der buddhistische Begriff der „Leerheit“. Mich verwundert es dennoch…aber das ist eine andere Geschichte…
Nicht nur Objekte sind also ihrem Wesen nach leer an inhärentem Sein, sondern auch Subjekte. Und dennoch meinen wir im alltäglichen Umgang miteinander eine wesenhafte Welt, eine Persönlichkeit wahrzunehmen, was wiederum nur daran liegen kann, dass wir unsere Sprachschöpfungen in unsere Welt projizieren und diese dadurch mit einem Wesen beladen.
Die Kraft unseres Geistes ist so stark, dass das Nichtvorhandensein einer Persönlichkeit absurd klingen mag – ebenso wie das Nichtvorhandensein eines „Selbst“. Wozu ein „Selbstfindungskurs“, wenn das Selbst immer schon geistige Schöpfung ist? Wie soll man etwas, das laufend erzeugt wird, finden können? Man kann es vielmehr laufend neu gestalten, in der Interaktion mit sich und seinen Mitmenschen neu erfinden, ohne jedoch in den Wahn zu verfallen, das wahre Selbst gefunden zu haben.
Realisten lassen sich den Glauben an eine absolut vorhandene äußere Realität nur ungern nehmen. Doch wird ihr Glaube lediglich durch die Gedanken anderer Realisten genährt – es baut also der Glaube auf dem Glauben eines anderen auf. Realisten denken mitunter, dass die Welt zu ihnen spricht, dass sich die Realität einfach „von sich aus“ offenbart, dass sich also beispielsweise die Persönlichkeit eines Kindes einfach zeigt. Aber dennoch agieren Kinder stets reaktiv: sie reagieren auf eine Umwelt, die bereits nach bestimmten Normen und Regeln aufgebaut ist. Und so kann sich die Persönlichkeit eines Menschen auch nur innerhalb dieser Grenzen ausformen – ist also zwangsläufig Konventionen unterworfen. Eine absolut vorhandene Persönlichkeit wäre schließlich auch ein enormes Hindernis, denn wie sollte man etwas, das absolut vorhanden ist, jemals verändern können? Und was sich laufend verändert, das kann auch nicht mehr als „eine Persönlichkeit“ bezeichnet werden. Tun wir es doch, so zeigt sich einmal mehr, dass unsere Begriffe mit der Welt verschmelzen – dass Persönlichkeiten durchaus (konventionell) real sind, wenn wir es nur so sehen wollen.
Mit anderen Worten: Alles fließt, aber nur solange wir es kraft unseres Geistes nicht einfrieren, konservieren oder anderwärtig anzuhalten versuchen. Erscheint uns die Welt als statisch, so liegt es an unseren Konzepten. Erscheint sie uns hingegen als laufend im Fluss, so haben wir fließenden Konzepten Raum gelassen. Oder um Heraklit sprechen zu lassen: Das Wesen der Dinge versteckt sich gern.
ps: Was ich eigentlich sagen wollte: Meine kleine Tochter hat heute ihren ersten Zahn bekommen. Ich bin ja so stolz…
2 Kommentare
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TOLL!! Jetzt hat es bald ein Ende mit dem herzigen Gemümmel, geben Sie ihr rasch noch ein paar Anthroposophen-Kügelchen oder was Ähnliches – das Bild meiner Söhne mit diesen Kügelchen hat sich mir fest eingebrannt, und wenn ich überhaupt keinen Grund habe – davon muss ich sofort lachen.
Und Sie haben noch mal voll in die Tasten gehauen. Die Schönheit Ihrer Sprache erschwert es mir ein wenig einfach einzusteigen … Sie entwickeln den Gedanken vom Menschen als Ganzkörperphänomen und kommen dann zur Diskussion von Selbstfindung. Wozu ein Selbstfindungskurs, fragen Sie. Bei solchen großen Fragen behelfe ich mich seit einiger Zeit mit der Abstufung: Die Frage nach der Schuld ist meist die schlechteste, die Frage nach Ursache oder dem Warum ist schon etwas besser, aber die Frage nach der Bedeutung ist meist die beste Frage (finde ich). Was bedeutet es, dass Menschen heute Selbstfindungskurse besuchen (manchmal sogar mit mir zusammen oder bei mir)?
Offensichtlich ist die Frage: Wer bin ich? nicht mehr selbstverständlich mit meinem schlichten Vorhandensein in der Welt beantwortet, oder zumindest weniger klar als früher. Ich muss es mehr als je zuvor von innen finden, die Konventionen und Sachzwänge der äußeren Welt geben mir weit weniger Halt und unverrückbare Antwort als mein Urgroßvater väterlicher Seits um sich hatte. Der Preis der Freiheit ist beachtlich, aber das sollte einen nicht dazu verführen, die komplexen Grenzen der Selbsterfindung zu übersehen.
In einem philosophischen Sinn mag es das “wahre Selbst” nicht nicht geben, aber in einem persönlichen inwändigen Sinn gibt es das, nicht als etwas Monolithisches, aber als etwas Lebendiges wohl. Ein stetiger Prozess, also stetig meine ich in einem mathematischen Sinn, da gibt es keine Diskontinuität. Es gibt keine Beliebigkeit in diesem sich selbst bettenden Fluss.
So, jetzt dreh ich ab vom Bildschirm und such mich woanders, sende Ihnen rasch noch schöne Grüße, Peter Schlötter .. aja, hab schon
Kommentar by Peter Schlötter — 3. Oktober, 2005 @ 20:59 Uhr
Lieber Herr Schlötter
Die eigentliche Frage sollte lauten: Wo führt es hin, wenn man sich selber allzu ernst nimmt?
Wie konnten Sie nur wissen, dass ich meiner Kleinen tatsächlich Placebokügelchen verschrieben habe (Fernsichtigkeit?), die – wie mir scheint – auch noch prächtig wirken. Halte überhaupt viel von R. Steiner – auch wegen seiner impfkritischen Haltung; könnte aber genau so gut sagen, dass ich für die japanische Mentalität einiges übrig habe (nur, um hier nicht in Teufels Küche zu kommen…) –
Mit lieben Grüßen verbleibt, Andrea Gaugusch
Kommentar by Andrea Christoph-Gaugusch — 4. Oktober, 2005 @ 07:07 Uhr