Simons Systemische Kehrwoche

Zahnarzt

Andrea Christoph-Gaugusch

Oh Schreck, mein Zahnarzttermin, heute um 9 Uhr 30! Meine Kleine spürt die innere Unruhe, muss es irgendwie schaffen, den Termin einzuhalten. Kaum sitze ich jedoch im Wartezimmer, werde ich anfangen zu bereuen. Dröhnende Bohrgeräusche, immer wieder unterbrochen von jämmerlichem Schluchzen, der süßliche Duft von Desinfektionsmitteln, übergroß dargestellte Zahnwurzeln an den Wänden, Fluchtversuche völlig zwecklos. Wie soll ich mich bei der hämisch grinsenden Zahnarzthelferin vorbeischummeln, die den Türknopf betätigt? Besser also absagen…ja, ich habe ja Blogwoche, ich kann ja gar nicht zum Zahnarzt gehen. Aber dann wird mich seine Frau anrufen, ich muß mich rechtfertigen, einen neuen Termin vereinbaren – und das Kindermädchen umpolen. Es ist völlig zwecklos. Nicht einmal Tiefenentspannung vermag mir nun zu helfen. Und die Leerheit alles Seienden noch viel weniger. Mir wird schlecht.

Angewandt auf Zahnzwischenräume mag das Konzept der Leerheit durchaus korrekt sein. Doch meine Vorderzähne erscheinen mir nach wie vor höchst real. Und auch mein schmerzender Backenzahn kann doch nicht nur meine Einbildung sein. Dieser ist nicht „leer“. Kann es sein, dass Nagarjuna auf meinen Zahn bei seinen Überlegungen schlichtweg vergessen hat? Oder bedarf es eines tieferen Blickes, um den Begriff der Leerheit richtig zu verstehen. Reicht das bloße Studium, das bloße Lesen, um den Begriff der Leerheit zu begreifen? Oder erfordert ein tieferes Verständnis auch tiefere Praxis?

Ich habe freilich eine Vermutung: Hinter der Zahnbürstenindustrie steckt die Realistenlobby, während hinter Zahnseide-Produkten Anhänger Nagarjunas verborgen sind. Schließlich behaupten lediglich Zahnärzte, die von Zahnbürstenherstellern subventioniert werden, dass Zähne Löcher bekommen, weil wir sie zu wenig bürsten – wo doch in Wirklichkeit ihre Form verschwindet, weil wir die Zwischenräume – die Leerheit – nicht ausreichend pflegen.

Nagarjuna erörtert, dass die uns umgebende Welt – wie auch wir selber – leer sind und doch zugleich auf einer konventionellen Ebene real. Dies sind die beiden Wahrheiten (die „absolute“ und die „relative“ Wahrheit), welche grundlegend für Nagarjunas Lehre sind. Absolute und relative Wahrheit sollen gleichzeitig gültig sein – eine fundamentale Bedingung, um von einer „Lehre des mittleren Weges“ sprechen zu können. Erich Frauwallner formuliert in seiner umfassenden Einführung in die Philosophie des Buddhismus (1969) wie folgt:

Das Nirvana und die Erscheinungswelt sind ein und dasselbe. Es besteht zwischen ihnen nicht der geringste Unterschied. Daraus folgt aber auch, dass das Nirvana nichts Getrenntes für sich ist, das man erlangt, indem man sich von der Erscheinungswelt befreit. Es besteht vielmehr darin, dass man den Trug der Erscheinungswelt nicht mehr wahrnimmt, indem die Vielfalt, auf die sie sich gründet, zur Ruhe kommt.

Der Begriff der „Leerheit“ kann ebenso gründlich missverstanden werden, wie jener der „konventionellen Realität“ und daher sei Nagarjunas Warnung zitiert:

Falsch aufgefasst stürzt die Leerheit den Toren ins Verderben, wie eine ungeschickt angefasste Schlange oder ein falscher Zauber. (XXIV/11)

Daher scheut sich auch der Weise (der Buddha) in seinem Sinn, die Lehre zu verkünden, weil er daran dachte, wie schwer diese Lehre für die Toren zu verstehen ist. (XXIV/12)

Wer die Leerheit gelten lässt, für den erweist sich alles als möglich. Wer die Leerheit nicht gelten lässt, für den erweist sich nichts als möglich. (XXIV/14)

Und das soll mir jetzt weiterhelfen? Wenn mein Zahn leer ist, dann – ja – wo war noch einmal die Nummer vom Zahnarzt. Obendrein, wenn ich nicht bald weggehe…

Nein, es gibt gar keine an sich existierenden Formen (Zähne, Zehen, Gehirne und so weiter)! Man sollte seinen Blick für die Zwischenräume schulen – sei es im Umgang mit der Geliebten oder beim Kuchenbacken. Schließlich wäre da kein Kuchen, gäbe es nicht den Hohlraum zwischen der Form. Achtet man im Leben auf die Zwischenräume, hat man stets das Absolute, die Leerheit im Kopf, so erspart man sich auch eine Menge Geld. Einmal mehr zeigt sich, dass Realisten, d.h. Menschen, die an die absolute Existenz von Zähnen glauben, gegenüber Zentristen, d.h. Menschen, die die Mitte zwischen Realismus und Idealismus suchen, für die Zähne daher konventionell real aber absolut gesehen leer sind, erheblich benachteiligt sind. Man kommt schließlich mit einer Packung Zahnseide (durchschnittlich 75 Meter) über mehrere Jahre (bei wiederholter Verwendung eines Fadens), während eine Zahnpastatube bei zweimal täglicher Verwendung höchstens ein Monat hält (wiederholte Verwendung nur schwer möglich).

Das gesparte Geld kann man verwenden, um sich (wenn die Zeit dafür reif ist) Goldzähne anfertigen zu lassen – nicht um damit anzugeben, sondern um zu zeigen, dass man, bereits den schwarzen Gürtel als Yogi tragend, sogar diese als leer anzusehen vermag.

Ich muß laufen…

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2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Christoph-Gaugusch,

    für den Fall, daß Sie weiter Ihren Sinn für Zwischenräume schärfen wollen (in hoffentlich schmerzfreiem Zustand, Zahnlöcher sind offenbar doch mehr als eine Erfindung), empfehle ich Ihnen die Schriften von Maurice Merleau-Ponty, für welchen Sinn sich zwischen den Zeilen ereignet (besonders schön: Das mittelbare Sprechen und die Stimmen des Schweigens, in: Das Auge und der Geist).

    Anders gesprochen: Warum denn in die Ferne (Buddha) schweifen, wo doch das Gute liegt so nah?

    Freundliche Grüße

    Bruno Hildenbrand

    Kommentar by Bruno Hildenbrand — 28. September, 2005 @ 10:44 Uhr

  2. Sehr geehrter Herr Hildenbrand,
    ich weiß auf Ihre Frage eigentlich keine richtige Antwort, mir scheint, Sie haben absolut Recht. Es ist eigentlich die Freude, auch ein wenig ostwärts zu wandern – nicht, weil das, was es dort gibt, irgendwie “besser” ist – pure Freude an den Texten…
    Liebe Grüße
    ACG

    Kommentar by Andrea Christoph-Gaugusch — 28. September, 2005 @ 14:12 Uhr

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