Kindeswohl und Sozialarbeit
Marie-Luise Conen
25.1.2006
Wie ich schon gestern schrieb, möchte ich heute einige meiner vielen Gedanken zu dem aktuellen Thema Kindeswohlgefährdung zum einen und zur Arbeitssituation von MitarbeiterInnen in sozialen Einrichtungen schreiben.
Meldung von gestern in meiner Zeitung …. “Über das Schicksal der vier Geschwister, die dem Jugendamt … am Donnerstag mit Verdacht auf Vernachlässigung übergeben worden waren, wird erst heute entschieden…. Die drei- bis achtjährigen Kinder waren unter anderem aufgefallen, weil sie bei Mitschülern um Pausenbrote bettelten und ungewaschen zur Schule und in den Kindergarten kamen. Der älteste Junge hatte einer Lehrerin gesagt, er sei von den Eltern geschlagen worden. Diese hatte die Polizei gerufen. Eine Hausdurchsuchung zeigte eine mit Resten von Hundekot verunreinigte Wohnung, in der verdorbene Lebensmittel waren. Die Eltern hatten die Vorwürfe zurückgewiesen. ” Dies die Meldung von gestern.
Am 14.1.06 zum gleichen Fall die Überschrift der Meldung ” Kaum Essen, keine Heizung: Neunjähriger misshandelt. Untertitel: Junge wurde von Eltern in Kammer gesperrt. Klassenkameradin gab Tipp zu seiner Rettung.”
Am 15.1.06 zum gleichen Fall die Überschrift der Meldung: ” Misshandelter Junge: Familie wird seit Jahren betreut. Untertitel: Sozialarbeiter kamen regelmäßig in die Wohnung – nach Anmeldung. Stadträtin: Es hat sich nie bestätigt, dass der Neunjährige geschlagen wurde.”
Ich bin über diese Heuchelei der Presse und auch der sogenannten “Öffentlichkeit” empört. Was glaubt diese Gesellschaft, was in den Familien los ist, nicht erst seit der toten Jessica, der toten Michelle, dem toten Dennis (seine 7kg schwere Leiche wurde im Tiefkühlschrank gefunden) dessen Eltern sich derzeit vor einem Cottbuser Gericht verantworten müssen. Was glaubt eigentlich diese Gesellschaft was Not und Elend mit Menschen machen? Was materielle Not mit den Haltungen, den Einstellungen von denen macht, die kein Licht am Himmel sehen, die selbst nichts anderes kennen, die Gewalt erlebt und erfahren haben, die diese Ausgrenzung aus vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen so aus ihrer Wahrnehmung ausgrenzen, dass sie in ihren eigenen Werten und Vorstellungen sich so weit von “uns” entfernt haben, dass wir schockiert sind.
Wie jetzt aus diesen Eltern Monster gemacht werden, als ob diese “Fälle” nicht überall lauern, mich es seit Jahren wundert, dass es nicht mehr tote Kinder gibt. Nicht nur wegen der hohen Bereitschaft wegzuschauen, sondern auch die Warmen nicht sehen (wollen), was es da an Kälte schon lange gibt. Das Wegschauen, weil es einen selbst immer näher heranrückt. Wie die Mittelschicht in den USA verschwindet, kann man jeden Winter dort erleben, wenn die Heizungen heruntergedreht werden, weil man wenigstens daran sparen kann und man zwei oder gar drei Jobs je Elternteil braucht, um die Familie zu ernähren. Es rückt näher das Elend, gestern wurde ein Supermarkt in meiner Nähe überfallen, der Verkäuferin an der Kasser wurde eine Waffe an die Stirn gehalten, eine Gegend in der so etwas sonst nicht geschieht. … und die Jugendlichen, sie werden als potentielle Störer, als Bedroher erlebt. Mich wundert es übrigens, dass sie sich nicht mehr “wehren” – ein amerikanischer Kollege, dem ich vor einiger Zeit einige Entwicklungen in Deutschland darlegte, fragte: How much went the crime rate up? Nein, sie fällt sogar in vielen Bereichen, erstaunlich.
Reagiert man jetzt auf die Eltern, auf die Jugendlichen mit mir Kontrolle (Überlegungen zur Grundgesetzänderung zum Einschneiden der Elternrechte, als ob das die Probleme löst, die Gerichte könnten jetzt schon viel mehr eingreifen, jedoch kommen die Jugendamtsmitarbeiter oft nicht mit ihren Anträgen durch), mehr Herausstellen deren Bedrohlichkeit, weil man merkt, Monster kann man einlochen, möglichst für immer hinter Gitter bringen. Die Mutter des toten Dennis zeigt keinerlei Reue. Ja was denkt “man” denn, was in der vorgeht, nicht nur dass sie diesen Prozess aushalten muss, sie wird im Knast in einer Position sein, wo sie jeden Tag “überleben” wollen muss. Wenn sie Reue zeigen könnte, wenn sie Schuld auf sich nehmen könnte, wer wäre dann da, den Zusammenbruch “aufzufangen”, für dieses Monster dazu sein?
Diese Gesellschaft macht es sich bequem zu denken, diese Fälle sind Ausnahmen – was sind in dieser Eklatanz ja auch sind – aber das Elend ist so groß in vielen Familien, dass doch die viele MitarbeiterInnen in Einrichtungen und Jugendämtern das Gefühl haben, sie führen einen Kampf gegen die Windmühlen.
Diese “Fälle” gibt es seit Jahren. Der Leiter des Jugendamtes sagt auch: Diese Fällen haben wir zu Tausenden”. Und seit Jahren kümmern sich Mitarbeiter darum, dass diese Familien durch Hilfen irgendeine “Stabilisierung” erfahren. Wie viele Lehrer kennen es, dass Kinder in ihrem Elternhaus nichts zu essen bekommen, dass dei Kinder stinkend in die Schule “geschickt” werden (oder sich selbst schon in der 2. Klasse schicken). Wenn ich dann höre, dass mann die Vorschulzeit verpflichtend machen will und dass die Kosten dafür aus den eingesparten Geldern für die Hilfen zur Erziehung (hier in Berlin) genommen werden sollen, dann bin ich empört, denn diese Gelder werden gerade diesen Familien, die seit Monaten durch die Presse “gejagt” werden genommen bzw. sind ihnen genommen – und Leitungspersonal brüstet sich damit, wieviel man wieder eingespart hat.
Die Töpfe der “Hilfen zur Erziehung” sind vielfach in den Jugendämtern und für die Kämmerer Manövriermasse ihrer Haushaltsmittel, Rechtsansprüche werden derzeit massiv unterlaufen, ja man plant Gesetzesvorhaben, die dem “Luxus” einer unterstützenden Eltern- und Familienarbeit einen rechtlichen Rahmen gaben, zu ändern, damit man besser streichen kann. Der Aufschrei der Wohlfahrtsverbände als in der Föderalismuskommission Szenarien entwickelt wurden, das KJHG als Bundesgesetz nur noch als Gerippe stehen zu lassen und die “Ausführung” den Ländern (und damit der Willkür der Kämmerer) zu überlassen, fand kaum Gehör in der Presse. Übrigens auch nicht bei uns Familientherapeuten, bei uns systemischen Sozialarbeitern – und auch vor allem nicht bei den Hochschulen.
Es sind nur wenige, die derzeit dazu öffentlich den Mund aufmachen, die Zusammenhänge deutlich machen. Vor kurzem sagte ein Sozialarbeiter, dass er in der AG 78 schon aufpassen muss, was er sagt, da er sonst mit rechnen muss, dass sein Einrichtung auf der Streichliste ist – und er nicht weiß, ob die anderen Träger, wenn es hart auf hart kommt, noch die vereinbarte Linie mit vertreten werden – und ich denke, dass die das überhaupt schaffen, dass sie als Träger eine gemeinsame Linie fahren. Dezernenten verhandeln mit Einrichtungen als wären diese Wirtschaftsunternehmen, sollen ggfs. pro Fall Kostenvoranschläge einreichen, dann wird entschieden (kostengünstigstes Angebot), wer von den Trägern den Zuschlag bekommt – wo sind wir, dass wir so was Familien und deren Kinder zumuten, sind wir auf dem Jahrmarkt? Wo sind wir, die was sagen könnten, ohne vielleicht was zu verlieren, wo sind die Hochschullehrer, die doch alle auf beamteten Posten sitzen und sich einmischen könnten – oder sind die zu sehr mit sich selbst beschäftigt?
Am Mittwoch saß ich im Zug im Speisewagen und wartete auf meine Mahlzeit, nebenam am Tisch, Hochschullehrer einer Fachhochschule, allgemeines Abwerten der Studenten, die wären nicht mehr wie früher, würden nur fragen, was sie für die Scheine tun müssen usw. usw. Ich sage nichts, vertiefe mich weiter in einen interessanten Artikel darüber warum die Wunderfrage im Zwangskontext nicht klappt. Was denken sich die Leute, welche Studienbedingungen heute besteehen, mich graut es, wenn ich von solchen Nettigkeiten wie Anwesenheitslisten höre? Wo sind die Seminarangebote an den Hocschulen, wo Studenten lernen, sich genau in diesen Zeiten Strategien aneignen, wie sie Veränderungsprozesse in sozialen Einrichtungen so herbeiführen, dass sie eine Einflussnahme erleben, auf dei Politik, auf Politiker, auf ihre Arbeitgeber, auf Konzepte, auf Entscheidungsabläufe, auf Aktivierung der Klienten … meine Hochschullehrer gibt es nicht mehr, aber die neuen, die Generation dazwischen, die heute 40jährigen, wo zeigen sie ihren Studenten politische Wege auf?
Ich versuche es in meinem kleinen Rahmen, wenn wir in den Weiterbildungen uns die Arbeitsplätze, die Arbeitsaufträge usw. usw. aus einer systemischen Perspektive anschauen, wo kann ich Einfluss nehmen, wen kann ich dafür wie gewinnen — und sei es, dass es Ideen gibt, dass die Arbeitsbedingungen nicht schlimmer werden, dass 27 % Arbeitslosigkeit bei Sozialarbeitern/ Sozialpädagogen nicht nur Lähmung verursachen (wo bleiben da übrigens die vielen Psychologen, für die man nie Stellen ausgeschrieben sieht?) Ich habe dabei oft das Gefühl, ein gewisses Überleben für den einzelnen unterstützen zu können, aber das politische Denken und Handeln, wo bleibt es in den Ausbildungen an den Hochschulen (aber vielleicht ist es derzeit wichtiger neue Studiengänge zu entwerfen, das bringt ja auch mehr ein an Ruhm und?)
Sicherlich die Träger von sozialen Einrichtungen haben lange Jahre, lange Zeit das Blaue vom Himmel versprochen, was sie mit den Klienten erreichen können. Die Hochglanzbroschüren werden ja auch noch immer kräftig versandt, aber jetzt schauen die Jugendämter manchmal genauer hin und hinterfragen, warum das nicht so läuft, wie es “versprochen” wurde. Und dann geht es in der Einrichtung nicht selten die Hierarchie nach unten weiter: Was hat der Mitarbeiter “falsch” gemacht – Supervision- wofür die Jugendämter ja auch oft zahlen, wenn auch wenig – ist dabei Luxus (aber wo hat denn auch übrigens Supervision in den letzten 20 Jahren bei ihrem Boom der ausgebildeten Supervisoren nachgewiesen, dass sie was nützt, das es effektiv ist, dass es einen Unterschied macht?) So wie es eine “Individualisierung” gesellschaftlichen Elends gibt, so gibt es scheinbar auch Bestrebungen Verantwortung für das “Ausbleiben des Erfolgs” in der Arbeit zu individualisieren- der Schwarze Peter landet beim Mitarbeiter.
Es ist jetzt der Mitarbeiter, die Mitarbeiterin der/die sich rechtfertigen muss. In dem Fall des 9jährigen aus der Familie ohne Heizung wurde nachgefragt, was denn da der Familienhelfer in der Familie mit 8 Kindern gemacht hat. Die Familie wird seit 15 Jahren betreut (was meines Erachtens nicht von einem sehr gelungen Konzept spricht, denn man könnte auch überlegen wie depotenzierend es wirkt, wenn man eine Hilfe nach der anderen in eine solche Familie gibt, das Scheitern allein der Familie anlastet, aber nicht schaut, ob das Konzept der “Betreuung” (helfen, anstatt helfen zu verändern) stimmt. Der Familienhelfer hat wahrscheinlich das getan, womit alle beteiligten Helfer mehr als einverstanden waren, nämlich die Familie zu betreuen, ggfs. mit der Einstellung, das dort keine grundlegenden Veränderungen (mehr) möglich sind, eine Mutter mit 8 Kindern, die von drei Vätern stammen… wie viel Optmismus hat da wer noch, wenn da so lange Zeit Betreuung läuft.
Wir Systemiker haben uns ja gerade im Bereich der Jugendhilfe sehr “ausbreiten” können, wir haben gute Konzepte eingebracht, ich glaube, dass die Jugendhilfe schlechter dran wäre, gäbe es in Bezug auf die Arbeit mit diesen Familien nicht so viele gute Ideen, kompetente Mitarbeiter und gelungene Hilfen …. aber wo bleibt unser politisches Engagement?
Was meinen Sie? Was sind Ihre Erfahrungen?
Heute zum Abschluss ein Gedicht von Hilde Domin:
Kindersarkophag:
Die Kinder tragen im Spiel
die unnützen Borgen ab
mit ihren Kinderhändern.
Ich habe es verstanden.
Die Ölbäume wachsen einen Zentimeter
ihrer langsamen Zeit
wennw ir lang genug leben.
Du brauchst es nciht zu sagen.
Manche der Kinder sterben
zehnjährig
und lieben auf ihrem Sarg.
Wir sehen uns nicht wieder.
Sarg von Vögeln und Blumen,
Jahrhunderte,
erstaunten Auges.
Wir sind schon andere.
Prinzenkinder.
Ohne die Liebe zu kennen.
Wir lernen Verlernen.
und noch ein Satz von Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Ein guten Tag wünscht Ihnen
Marie-Luise Conen
7 Kommentare
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Liebe Frau Conen, nehmen Sie, historisch und sagen wir einmal und ganz plakativ, die letzten 215 Jahre seit der französischen Revolution, also seit wir in Europa angeblich mündig denken. Was ist durch unser mündiges Denken “menschlich” “besser” geworden? Der Kpapitalismus konnte sich dank der französischen Revolution und der Befreiung des europäischen Bürgertums überhaupt erst entfalten. Tatsache ist, dass sich dieser, wie vorhergesagt (!), nun in seine “Spätform” hineinentwickelt, ohne dass sich in den Industrienationen eine staatliche Heilsform menschlichen Zusammenlebens gezeigt oder gefunden hätte oder erfunden worden wäre. Das was gut geht ist Demokratie. Nicht weil sie so gut für gar alle sorgt, sondern, weil Demokratien und der freie Warenverkehr, den jene gewährleisten, dem Finanzkapital gut ins Konzept passen. Sobald jedoch die Geschäfte im Argen liegen, Ressourcen zu versiegen drohen, Arbeitslosigkeit nicht mehr zu beheben ist, ist das Finazkapital (vorübergehend versteht sich) auch mit Diktaturen und Faschismen einverstanden, wie wir des öfteren schon beobachten konnten.
Wer/Was ist den “die Gesellschaft” die Sie hier aufrütteln wollen?
Ihre Zeilen hätten von mir selbst, von jedem, der zwischen 1960 -1980 engagiert, jugendlich begeistert und “politisch” engagiert und aktiv war, geschrieben werden können. Man kann auf diesem Weg auch eines Tages Bundesminister/in für Auswärtiges oder Inneres etc. werden.
Bei aller Wert schätzung Ihres Engagements und Ihrer Empathie, ich kann beim besten Willen nicht mit Ihren Schlussfolgerungen einverstanden sein, da sie für mich politisch leeres Gerede sind. Wenn Ihre “Hoffnung” auf einen sozial funktionierenden Staat, die tragende Kraft ist, sind Sie schon verlassen! Hoffnung ist das Passivste, das man sich vorstellen kann. Man hofft, dass “alle” mitmachen. Man hofft, dass es dann “besser” wird. Man verlangt vom Staat, was man selbst nicht geben will. Man liefert sich der Wohlfahrt aus, oder den Verführungen des Kapitalismus, statt sein Leben (bescheiden) in die Hand zu nehmen.
Die “Bedürftigen” – in Ihrem Fallbeispiel durch Kapital, Globalisierung und Staat verwahrloste Familien – werden von Ihnen regelrecht entmündigt. Sie verwenden sich als Sprachrohr der Entrechteten und bestärken diese sozusagen darin, dass sie entweder von der Intervention gebildeter Personen wie Ihnen abhängig sind oder eben, so mein Vorschlag, “Revolution” werden machen müssen. ERsteres ist schlimmster Protektionismus und zweiteres wirft die Frage auf: wem haben Revolutionen gedient, wohin haben “Revolutionen” geführt? Die Antwort ist, sie haben immer den Weg für das Kapital geebnet, so auch in China, wie wir endlich sehen können.
Und tatsächlich leben durch diese Entwicklung heute auch Arbeiter wie Könige (Eigenheim, Bad, WC, Fernsehen, zwei Autos, Reiserecht, Wahlrecht etc.wenn auch im Billigkonsum). Aber es gibt die von Ihnen beschriebenen Nachtseiten des Kapitalismus (heute Globalisierungsfalle genannt). Der utopische Kommunismus, in dessen grenzenloser, haltloser Weite alle friedlich und gut genährt nebeneinander leben, wird nun mit dem Wunderwort Globalisierung verkauft. Globalisierung scheint nun für beide Seiten die vereinbarte Hoffnung auf das glorreiche Eden der Massen zu sein, das Marx und Engels vorgeschwebt sein muss.
Erfüllt sich diese Hoffnung?
Das Prinzip Hoffnung hat sich als ein passiv machender Schwachsinn im Wahrsten Sinne des Wortes herausgestellt.
Das einzige, was funktionieren kann, in der Umwelt von Gesellschaft, ist der Wille des Individuums das eigene Leben in die Hand zu nehmen und sich selbst dabei zu verändern, selbst die Möglichkeit des Andersseins wahr zu nehmen und zwar ohne, dass Andere dabei Schaden nehmen.
Ihr engagiertes Plädoyer für die Abgabe bereits der Kleinstkinder in Kindergrippen, was in Frankreich scheinbar so grandios funktioniert, ist zum Beispiel schon so eine Überschreitung, bei der andere ( nämlich Kinder) Schaden nehmen. Ganz abgesehen davon, dass man durchaus weiß, dass die Mutter (oder der Vater) das ist, was Kinder zunächst um sich haben wollen, wenn sie die Welt erkunden. Mutter und Vater geben dem Kind bekanntlich das Selbstvertrauen und die Stärke, die es dafür braucht. Das ist auch der eigentliche und wissenschaftlich durch ausnachvollziehbare Beruf von Vater und Mutter.
Also bleibt einem scheinbar nur noch, wenn man sein Leben in die Hand nehmen will, kinderlos zu bleiben?
Da fragt sich allerdings mit welchem Recht man meint hier in der Welt zu sein. Wurde man nicht selbst von einer Mutter geboren und von ihr soweit gebracht, dass man frank und frei und als Liebende(r) in die Welt hinaustreten kann?? Und wenn nicht? Spricht das nicht umso mehr dafür, sich um die Kinder selbst zu bemühen, dies nich Fremden oder dem Staat zu überlassen? Für sie einfach zu sorgen, solange sie dies brauchen? Dem allgemein modischen weiblichen Empörungsbedarf zu widerstehen, der Utopie, dass Leben leicht gehen muss, nicht auf den Leim zu gehen? Die Sorge um sich zu pflegen, statt sich in das Leben anderer einzumischen?
Ein verordneter Egotrip also? Nein keinesfalls.
SIE müssen das tun, wozu Sie sich berufen fühlen, Schritt für Schritt, jeweils nach Maßgabe Ihrer Möglichkeiten und darin das tun, was nach bestem Wissen zu tun ist und vor allem aber, was SIE tun KÖNNEN. WAS Können SIE, Frau Conen?
Aus dem, was ich herauspüre, können Sie andere begeistern, stärken und motivieren. Dann stärken Sie sie, motivieren Sie sie und empfehlen Sie den Ihnen anvertrauten Menschen, Ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zeigen Sie ihnen, wie man das macht. Dazu muss man unter Umständen lernen sich selbst zu verändern. Das ist nämlich das einzige, das Sie tun können und das wirklich wirksam ist. Wie man das macht, darüber gibt es heute Literatur en masse. Vielleicht können Sie dem weitere, kreativere Gedanken hinzufügen und diese, zum Beispiel hier, veröffentlichen? Mit herzlichen Grüßen Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 25. Januar, 2006 @ 13:04 Uhr
Liebe Frau Conen – herzlichen Dank für Ihren engagierten Beitrag – hoffen und kämpfen wir weiter und lassen uns nicht abhalten durch solche abwertenden Kommentare.
Kommentar by Wolfgang Röttsches — 25. Januar, 2006 @ 19:47 Uhr
Liebe Frau Conen,
zuerst hatte ich Ihren Beitrag über die Neuerfindung der Hoffnung gelesen, dann diesen. So weiß ich, dass dieser nicht aus Hoffnungslosigkeit über die herrschenden Zustände in diesem Kinder- und Jugendbereich entstanden ist, sondern vielleicht aus dem Bemühen, die Welt da draußen im Net aufzurütteln. Ich habe das selbst vor drei Wochen im Blick auf die Welt der Schule versucht und dabei erfahren bzw. gesagt bekommen, dass sich dafür niemand interessiere, der nicht gerade drin ist.
Sie beklagen gleichzeitig die relative Wirkungslosigkeit der professionellen Strukturen, die doch eigentlich zur Besserung beitragen müssten. Ich glaube es war Altmeister Adorno, der die Lehrer neben Nonnen und Geistlichen zu den semiprofessionellen Berufen gezählt hat. Ist es nicht so, dass gerade im Bereich der sozialen Arbeit in den letzten Jahrzehnten geradezu akribisch daran gearbeitet wurde, bloß nicht “semiprofessionell” zu arbeiten? Professionell im Sinne von distanzierter Freundlichkeit. Bloß nicht von den Problemen allzu sehr berühren lassen, sonst verliert man die professionelle Distanz. Ist da womöglich über all das Bemühen um Professionalität (Schärfung des Profils) etwas Wesentliches der Menschen als soziale Wesen allzu sehr in den Hintergrund getreten, nämlich die Empathie?
Wenn wir die Hoffnung (neu) erfinden wollen, worauf kommt es da dann an? Hoffnung ist ja eine positive Emotion, ohne die es keine Erwartung von Zukunft gibt. Eine schwere Frage. Hoffnung kann wachsen in mir. Ich kann sie nähren mit klugen Sätzen. Von den alten Chinesen und anderen Weisen der Menschheitsgeschichte: “Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als im Dunkeln zu jammern!”, sagten die alten Chinesen. “Der Glaube kann Berge versetzen”, heißt es in der Bibel. Gewiss müssen Kämmerern und Finanzpolitikern, vielleicht auch manchen Hochschullehrern solche Sätze um die Ohren fliegen, damit ihnen vielleicht eine neue Bescheidenheit und Demut vor der Kraft positiver Emotionen und dann auch eine neue Hoffnung auf bessere Möglichkeiten wächst. Wer es selbst ausprobiert hat, weiß wie und dass es funktioniert. Er kann dann anderen so gestärkt anders begegnen und mit seiner Hoffnung ansteckend wirken. Wie stark, frage ich mich, ist denn in Konstruktivisten, die sich doch hier tummeln, die Kraft zur Konstruktion von neuer Hoffnung? Sie müssten doch glauben, wenn sie genug darüber wissen. Aber vielleicht kann das nur jeder für sich selbst sagen: Ich bin voller Hoffnung wie einst Luther mit dem Apfelbäumchen.
Herzlichen Gruß
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 26. Januar, 2006 @ 10:11 Uhr
Liebe Frau Conen
Ich bin 27 habe 7-8 Jahre kommunistische Arbeit für die Revolution hinter mir (zur Zeit in Karenz bis zur Revolution) und ich hab das Bedürfnis meine bescheidenen Weisheiten mit ihnen zu teilen, und vorweg, ich glaube nicht dass im Sozialismus Milch und Honig fließen werden.
Einer meiner Lieblingssätze war: hätten meine Eltern ’68 konsequent Revolution gemacht bräuchte ich mir nicht mehr den Arsch beim Flugblätterverteilen abzufrieren (pars pro toto). Nu jetzt hab ichs auch nicht geschafft, aber mit einem kleinen Unterschied, ich bin nicht Sozialarbeiter geworden. Einerseits weil ein Freund meiner Eltern (Bewehrungshelfer) sich mit knappen vierzig umgebracht hat und es da das geflügelte Wort gab: “Als Sozialarbeiter hast du mit fünfunddreißig deinen ersten Herzinfarkt oder du bringst dich mit vierzig um.” Andererseits fand ich relativ bald zu der Auffassung dass politisch wirksame Sozialarbeit genausowenig funktioniert wie revolutionäre Hochschulprofessoren. Einfach deshalb weil sie VOM SYSTEM DAFÜR BEZAHLT WERDEN DAS SYSTEM ZU ERHALTEN. Außerdem glaube ich das Revolution oder ähnliches nur und einzig aus egoistischen Beweggründen emanzipatorisch wirkt. Ich versteh schon dass das Leben am Bodensatz der Gesellschaft einen mitnimmt, auch wenn mans nur als BeobachterIn erlebt, ich leb übrigens nicht viel höher und strampel mich hoch, nur hat Rosa Luxemburg irgendwann Anfang des letzten Jahrhunderts schon einen Artikel über ein Familiendrama geschrieben, bei dem ein Vater sich und seine Familie wegen der schlechten finanziellen Lage umgebracht hat. Das Problem ist also nicht neu ich glaub das Schlimme daran is eher dass ein zwei Generationen Leute damit Leben müssen dass die Weltgeschichte seit der Wende 1989 in der Entwicklung eine Schleife eingelegt hat und sie es weder verhindert haben/verhindern konnten/nicht genug getan haben um mit sich im reinen zu sein, noch es kommen gesehen haben. Dass es aber schon mal so ähnlich war auf der Welt gibt mir die berechtigte Erwartungshaltung, dass die Umstände zu überleben und zu meistern sind nur von Leuten die am System hängen materiell oder sentimental ist nichts zu erwarten. Hasta la victoria siempre
!
Kommentar by Joachim Schmid — 26. Januar, 2006 @ 19:48 Uhr
Ich empfinde Ihren Kommentar als sehr kreativ. Adelante!
Kommentar by Sylvia Taraba — 27. Januar, 2006 @ 12:56 Uhr
Lieber Herr Schmid, ich wollte ausdrücken, dass ich SIE als sehr kreativ empfinde und wollte Sie in Ihrem Denken unbdingt ermutigen. Die berechtige Erwartungshaltung Ihres kryptischen letzten Satzes: SIE SIND das System (Jeder ist es) Sie gibt Ihnen Kraft, macht Sie firm und gewieft. Über den Bodensatz kann man sich zunächst geistig erheben. Mit besten Grüßen Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 27. Januar, 2006 @ 13:28 Uhr
Genial diese Blog-Seite. Weiter so! Gratulation liebe Frau Cohen.
Ich arbeite im Kindesschutz in der Schweiz. So lange Kinder und Jugendliche keine Lobby haben, brauchen sie Menschen wie Sie das sind. Danke
Kommentar by Phil — 31. Januar, 2008 @ 18:08 Uhr