Simons Systemische Kehrwoche

Was … für ein schöner Sonntag

Marie-Luise Conen

27.1.2006

Heute ist der 61. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. Ein Tag, der vieles aufwühlt, der eine Interpunktion setzt, erinnernd an das was Menschen einander antun können. Ich fahre mehrmals jährlich zu den Gedenkstätten nach Sachsenhausen und Ravensbrück, suchend nach Antworten, suchend nach Gefühlen, die für mich dort einen Ort gefunden haben – ich finde dort eine Ruhe und Zugehörigkeit, die mich der Freude um mein Leben intensiv und nahe bringt. Ich merke, wie ich auch ohne “Bilder” ein Hineinfinden erlebe.

Meinen Großvater, der 4 1/2 Jahre die beiden KZs als Häftling überlebt hat, habe ich nicht kennen gelernt. Er starb als ich 4 Jahre alt war. Auf den Gedenkverstaltungen suche ich Überlebende, um mehr über ihn zu verfahren. Ein Unterfangen …. Ich fühle mich zwischen den anderen Nachkommen und den wenigen noch lebenden Überlebenden außen vor, nicht zu den “üblichen” Gruppen gehörig. Dan Bar-On meint, ich solle eine eigene Begegnungsgruppe gründen. Jetzt nicht, ist noch nicht dran.

Gestern abend bin ich alleine ins Kino – U. wollte nicht, Thema wäre ihm zu schwer, dabei habe ich in “Ein ganz gewöhnlicher Jude” teilweise herzlich lachen müssen. Mich wieder erkennend, an Szenen denkend, wo ich mich “blamierte”, wenn ich jüdische Freunde besuchte (danke für die Geduld mit einem Goy=Nicht-Jude). Unser so ungeschicktes Bemühen, uns bloss richtig zu verhalten – Ben Becker in diesem Monolog von 1 1/2 Stunden brillant. Wie die Bemühungen deutscher Nicht-Juden auf einen deutschen Juden wirken – vieles dieser Energie, dieses Rüttelns ist mir vertraut.

Oh je, wie lange habe ich gebraucht, mit jüdischen Freunden nicht doch immer wieder in Gesprächen und Diskussionen beim Holocaust zu landen und endlich selbstverständlichere Alltagsebenen hinzubekommen – Dabei kenne ich es selbst, wenn ich manchmal einflechte, dass ein Großvater von mir KZ-Häftling war, dabei weiß ich selbst nicht, welche Reaktion für mich die passendste wäre.

Ich kann den Film “Ein gewöhnlicher Jude” nur sehr empfehlen, manchmal bleibt einem allerdings nicht nur das Lachen im Halse stecken, sondern es wird dicht – falls Sie dafür was übrig haben, dann los, er läuft sicherlich irgendwo in einem Kino in ihrer Nähe.

Sprechen Sie übrigens vom 8.5.1945 von Befreiung oder von Kapitulation oder von Ende, Niederlage, Neuanfang oder …. oder….?

Was … für ein schöner Sonntag

Überlebt

das Grauen, die Appelle.

Freude, sein Vermächtnis.

Lebensfeude.

Seine Lebensgier ist auch die meine

entfesselt.

Kraft, es durchzustehen

die Appelle, das mörderische Leben.

Das Sehnen im Frühling

was für ein schöner Sonntag.

Nahe der Tod.

Meine Lebensfreude spüren.

Leben

Lieben.

Ich wünsche Ihnen einen Tag mit Ruhe und Freude.

Marie-Luise Conen

PS. nun etwas von Ulla Hahn, ein Auszug

du

lächelst du lebst jetzt nicht morgen sofort

das einzige Wort für Leben ist: Hier

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2 Kommentare

  1. Liebe Frau Conen, Vorgestern am 26. Jänner, schrieb ich einen ausführlichen und kritischen Kommentar zu Ihrem Beitrag vom 25.1.06 „Wo keine Hoffnung ist muss man sie erfinden“. Als ich jedoch heute Mittag herein schaute, war der Kommentar, den ich nach dem Abschicken doch im Netz durchgelesen hatte, verschwunden. Er ist einfach nicht mehr da. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was damit passiert ist. Es wird hier doch nicht „Zensur“ geübt? Ich stelle ihn nachher nochmals herein, selbst zensiert und überarbeitet, um nicht einer selbsterfüllenden Prophezeiung im Nachinein quasi auf den Leim gegangen zu sein.

    Liebe Frau Conen, Sie sind unvermittelt und persönlich bewegt auf ein allgegenwärtiges Thema umgeschwenkt, welches auch mich berührt und beschäftigt, von welchem ich aber nicht weiß, wie das, was mich daran aufregt, öffentlich besprochen werden kann. Es ist das, was noch ausständig ist. Sie stellen am Ende Ihres Beitrages die jüdische Gretchenfrage an die Nicht-jüdischen deutschen Einwohner und Nachkommen eines Verbrecher-Regimes: „Wie hältst Du’s mit dem Jahr 1945?“

    Ich bin Ihnen sehr dankbar. Es ist für mich eine Frage, die ich selbst so nicht stellen kann, weil ich eine Befangene bin. Es ist eine Frage, auf die ich seit ein paar Jahren Antworten suche, die Nicht-Juden und Juden auf gleiche Augenhöhe bringen könnte, obwohl gerade das in gewisser Hinsicht völlig unmöglich scheint.

    Als Nicht-Jüdin bin ich im Leben einigen Juden begegnet und noch viel mehr Menschen vermutlich, von denen ich gar nicht weiß, dass sie Juden sind. Ich habe seit drei Jahren jüdische Nachbarn, die zu Freunden geworden sind, habe seit 30 Jahren eine Jüdin in meiner „Patchworkfamilie“. Meine früheste Kindheit und Jugend wurde von der ironischen jüdischen „Tante Hanek“ begleitet, die seit dem Frühjahr 1945, ebenfalls patchworkmäßig, 10 Jahre lang und dann darüber hinaus dem Familienkreis im Hause meiner Großeltern zugehörte, nachdem sie dort als Wohnungssuchende im ausgebombten Wien mit ihrem nichtjüdischen Mann eingewiesen wurde. So meine zunächst, für Sie als Jüdin, unverdächtige Sozialisation.
    Als junge Erwachsene, und politisch engagierte, ziemlich radikal linksorientierte „Wahrheitssuchende“ begegnete ich naturgemäß auch einigen Juden, die ich als solche zwar nicht erkannte, von denen mir jedoch im Lauf der Zeit und zu guter Letzt von Nicht-Juden gesagt wurde, dass „dies eine Jude, dass dies eine Jüdin sei.“

    Was es mit dieser Mitteilung auf sich hat, weiß ich bis heute nicht, da diese Personen „Atheisten“ waren, keine Religion oder jüdische Bräuche praktizierten.

    Ich habe nun die Beobachtung gemacht, dass es mich seit sagen wir 5 Jahren zunehmend zu interessieren begonnen hat, wer Jude oder Jüdin ist, wie sie dies leben und wie mit diesen Personen, nach allem, was geschehen ist, denn eigentlich emotional korrekt umgegangen werden kann, wie ihnen überhaupt begegnet werden kann und ob Ihnen überhaupt begegnet werden will. Wie man mit ihnen überhaupt ins Gespräch kommen kann, wenn man nicht zufällig beruflich mit ihnen verquickt ist und man dann überhaupt erfährt, dass es Juden sind.

    Muss ich bei einer bewussten Begegnung ständig mein Entsetzen erinnern, es wiederbeleben und es eilfertig ausdrücken, sozusagen als Legitimation, dass ich ein (politisches) Gespräch führen kann und nicht alles, was ich darüber denke und fühle unter den Teppich kehren muss, dass ich über meine persönlichen Gefühle und über die Gegenwart dieser Beziehung und der Gefühle, die diese bei mir auslöst, sprechen kann?

    Seit etwa 10 – 15 Jahren (genau genommen seit der ehemalige UNO-Botschafter Waldheim, vor 15 Jahren als österreichischer Präsidentschaftskandidat, plötzlich auf die Watchlist kam) ist mir die gesellschaftlich problematische Beziehung zwischen Juden und Nicht-Juden, sowie der Antisemitismus ganz persönlich und auch gesellschaftlich bewusst geworden.

    Meine Familie bestand, wie viele österreichische und deutsche Familien zwischen 1933/38 – 1945, aus beidem: aus radikalen Sozialisten (Selbstgenügsame untätige Gerechte) und bekennenden Nazi-Sympathisanten (Selbstgerechte Gedankenverbrecher). Ich will, wie man den Klammerausdrücken entnehmen kann, weder für die eine noch für die andere Seite meiner eigenen Familie „Partei“ ergreifen.

    Ich höre und sehe, was geschehen ist, ohne es wirklich zu begreifen. Ich werde bis zu meinem Tod entsetzt sein, dass etwas derart Unsägliches, auch für heute Lebende noch Verderbliches, geschehen ist. Ja und dass es weiterhin auf der Welt geschieht: Ausgrenzung, Verächtlichmachung, Entwürdigung und Genozid.

    Dass auch Israelis nicht davor gefeit sind, sich auf besonders zynische Weise von der Geschichte selbst in die Täterrolle hineingedrängt zu sehen, ohne den israelischen Staat mit dem Nazistaat nur im Geringsten vergleichen zu wollen, erleben wir heute mit zunehmend gemischten Gefühlen.

    Mein fanatischer Vater, in der optischen Kriegsindustrie unabkömmlich, blieb im „Volkssturm“ vermisst. Ich habe ihn als Kind vermisst, mir ständig alles über ihn erzählen lassen und rede bis heute in Gedanken mit ihm. Seine (von ihm sehr geliebten!) sozialistischen Geschwister (die ihn sehr liebten!) haben überlebt.

    Mein Großvater mütterlicherseits, Ingenieurkonsulent für Vermessungswesen, hatte bis 1950 Berufsverbot, er hat mit mir nie über die dunklen Aspekte seiner Weltanschauung gesprochen. Ich liebte meinen Großvater und bin dankbar für das, was er mir als Mensch gegeben hat. Nichts und niemand kann mich von dieser Liebe, Bindung und dem Zugehörigkeitsgefühl trennen. Es sind meine Wurzeln, wie faul auch immer einige ihre Verzweigungen waren, die weiter zurückreichen, als nur zu den Eltern.

    Ich lebe bewusst in der Gnade der späten Geburt, habe mich von der Last, die mir Eltern und Großeltern aufgebürdet haben, gelöst und verabschiedet. Ich empfinde zugleich einerseits unaussprechliche Scham über Verbrechen, die auch in meinem Namen als Nachkommin verübt wurden, und andrerseits Abscheu vor Taten, die an Grauenhaftigkeit und berechnender Ratio vermutlich durch nichts überboten werden können. Aber können wir das überhaupt wissen?

    Ich habe in den letzten 10 Jahren ein nicht unbeträchtliches Interesse entwickelt, herauszufinden, wie das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden heute produktiv gestaltet werden kann und darüber auf schwankendem Boden zu diskutieren begonnen. Meine Erfahrung und mein Eindruck ist, dass es beidseits kein öffentlich gelebtes Interesse an wirklich produktiven Beziehungen gibt. Etwas ganz anders findet statt, was erst noch zu analysieren ist, aber meinem ganz persönlichen Gefühl nach, mit großer politischer Verlogenheit auf beiden Seiten zusammenhängt und sich in der Gleichgültigkeit demokratischer Verfasstheit gut verbergen kann.

    Das Radikale Element ist in meiner Familie in beide Richtungen verankert und will von mir gemäßigt, getragen und ausgetragen werden. Das Linkselement habe ich ausufernd gelebt und meine Schlüsse daraus gezogen.

    Was aber mit der Liebe zu meinem vermissten Vater und dem mein Leben begleitenden Großvaters und beider Vergangenheit und meinen Wurzeln? Inwieweit hat mich das alles auch mitgeprägt?
    Was wenn ich aufgefordert bin „Partei“ zu ergreifen?
    Wie äußert sich MEIN Antisemitismus, den Sie mir vielleicht schon längst unterstellen? Vermutlich äußert er sich schon darin, dass ich mit Ihnen nicht harmoniere, nicht mit Ihnen übereinstimme, Ihre Aussagen verbal angegriffen habe? Oder äußert er sich darin, dass ich jüdische Menschen mittlerweile als “under cover” beobachte, ja, als gefährdete Minderheit, zugleich aber als mächtige Interessensgruppe, als sich stark abgrenzende Sippschaft (Mischpoche), die sich überall abgesondert vom Rest der Welt gefällt? Oder äußert er sich darin, dass ich solche Vorurteile überhaupt aufgreife?

    An diverse Unterstellungen und Vermutungen, die dieser Kommentar hier nach sich ziehen kann, vielleicht wird, will ich noch gar nicht denken. Die Zensur unerwünschter Beiträge ist jedes Forum-Betreibers Gutes Recht. Ich denke dabei nun auch daran, dass Sie Frau Conen ganz explizit zwischen den Zeilen schreiben, dass man diejenigen, die mit dem positiven Konnotieren „Schindluder“ treiben, in ihre Schranken weisen sollte.
    Hier würde ich nun gern “als der Hund, der bellt, weil er sich betroffen fühlt”, geoutet werden. Vermutlich fallen meine Kommentare auch in diese Schublade? Ich kehre ja konstruktiv und positiv konnotierend Selfmademan und Selfmadewoman hervor, die keiner Hilfe irgendwelcher politischer Bewegungen oder therapeutischer Gurus bedürfen,weil sie auf sich selbst hören. Die, außer der ganz pragmatischen (systemischen, konstruktiven) Hilfe dabei, ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das ist vermutlich auch Ihr Ziel Frau Conen, doch die, bitte entschuldigen Sie, die sehr von sich eingenommene Art, wie Sie ihre Tätigkeit der Einmischung und Aufmischung betonen, erscheint mir ideologisch motiviert und daher therapeutisch eigentlich unzulässsig.

    Meine politische Sozialisation über die Linke hat mir gezeigt, dass das ideologisch betriebene, Sich-Einmischen und ANDERE Aufhetzen oder sagen wir gelinder politische Aufrütteln, Selbst-Ablenkung, Flucht, Selbstbespiegelung und Selbstbetrug ist. Man kämpft gegen die kranke Gesellschaft, als ob man ihr nicht selbst ihre Krankheiten zuspielte – mittels kranker oder krankmachender Gedanken. Man ist engagiert. Man tut vermeintlich Gutes, heraus kommt oftmals nichts Gutes. So meine persönliche Erfahrung.

    Ist man nicht, aus nahe liegenden und bekannten Gründen, in erster Linie für sich selbst und die Liebe zu sich verantwortlich, und dem Anderen nur darin, dass man ihm antwortet, notfalls darin, dass man ihm Hilfen zur Selbsthilfe an die Hand gibt, aber nicht darin, dass man sich empört, also andere für eigene Gefühle oder Zustände verantwortlich macht, oder den allgemeinen Aufregungsbedarf bedient, sich „einmischt“, um sich nicht mit sich selbst und dem eigenen Befinden auseinander setzen zu müssen?

    „Sozialistisches“, „Feministisches“, „Kommunistisches“ „Rechtsradikales“, „Grünes“ usw. usf Gedankengut kann für jemanden durchaus „hilfreich“ sein: er hat ein äußeres Motiv und kann sich jetzt guten Gewissens in den Aktionismus stürzen. Dass man nur bei sich selbst, mit jeglicher Veränderung, die man sich wünschen mag, beginnen kann, lässt man außen vor. Heilung ist immer Selbstheilung. Personen aus helfenden Berufen, können Heilung nur unterstützend begleiten und werden sich nicht der Illusion hingeben, dass Sie die Heiler sind.

    Ich habe, sehr spät im Leben, eben als Waldheim ganz plötzlich auf die US-Watchlist kam, und nach dem ich die Nazis meiner Familie bis dahin in Bausch und Bogen verurteilt und abgeurteilt hatte, versucht, mich in diese hineinzuversetzen, ja hineinzufühlen, mich in diese Zeit hinein zu leben, weil ich begriffen hatte, dass man so, so selbstgerecht, wie wir das gemacht hatten, mit den Eltern nicht umgehen kann, weil man sich damit selbst aller Glaubwürdigkeit, aller Wurzeln und Bindungen beraubt, die man als Mensch benötigt, um einen funktionierenden und geglückten Alltag zu erschaffen und das Leben zu meistern.
    Ich habe spät darüber zu lesen begonnen, was selbstverständlich hätte sein können, über Zeit, Politik, Propaganda, Gegenpropaganda, Opfer und Täter, glückliche und unglückliche Aufarbeitungs- und Bearbeitungsversuche. In den letzten drei Jahren ist mir erst die Arbeit Bert Hellingers gerade dazu aufgefallen. Und es interessiert mich eigentlich, was jüdische Menschen, als jüdische Menschen, von der Arbeit Hellingers halten.

    Ich habe vor 15 Jahren, (ohne Hellinger überhaupt zu kennen) Mitleid mit Opfern und Mitgefühl für Täter verspürt, weil ich irgendwie begriffen habe, dass ein solches Geschehen mit anderen Maßstäben beurteilt werden muss und weil es im Hierund Jetzt immer nur darauf ankommt, das eigene Denken zu kontrollieren und im Voraus zu beurteilen, welche Geschehnisse auf uns zukommen können, wenn wir dieses oder jenes Denken pflegen, und welche Gedanken wir daher lieber lassen sollten.
    Ich weigere mich heute „Partei“ zu ergreifen und anzuklagen. Ich will es mit Nietzsche halten und dieser Generation, (den Opfern, wie auch den „hässlichen“ Menschen, den Tätern) die Würde Ihres Schicksals lassen. (Leider ist mein diesbezüglicher Kommentar vom 25.1.06 im Netz verloren gegangen)

    Es gibt den manchmal zur Sprache gebrachten Gedanken, die Vergangenheit zwar nicht zu vergessen, aber sie ruhen zu lassen. Angeblich sind Frühere historische Gegner auf diese Weise über ihre Konflikte hinweggekommen. Dieser Gedanke wird heftig angezweifelt. Mahnmaleröffnungen ohne Zahl, Guido Knopp-Filme, Hitlerfilme, Judenfilme u.v.a. kämpfen dagegen an. Hitler ist seit 15 Jahren nahezu täglicher Gast in allen Wohnzimmern. Warum sehen sich viele diese Filme wieder und wieder an?

    Den Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ würde ich mir ohne Empfehlung nicht anschauen. Was ist das, „ein ganz gewöhnlicher Jude“? Eine jüdische Anbiederung? Ich will ihn mir nun allerdings dennoch ansehen, weil ich etwas darüber gehört habe, dass mich neugierig macht. In der Werbung für diesen Film wird gesagt, dass hier mit Klischees gebrochen wird, und dass der Protagonist (Ben Becker) im Gegenteil diesbezügliche Tabus der Juden selbst bricht. Das macht mich gespannt, weil dieser Film vielleicht ein Ansatz dazu sein könnte, wie die Unterscheidung in Juden und Nicht-Juden, eines Tages fallen könnte.
    Sollte diese Unterscheidung jedoch wichtig und wesentlich sein, dann müsste man sich der Gemeinsamkeiten tätig erinnern und nicht des Trennenden. Man müsste darauf verzichten,Trennendes herauszustreichen, dieses zu behaupten und ständig zu affirmieren. Vielleicht müsste man, dies keinesfalls zynisch auffassen, das Gastland wieder zum Heimatland machen, sich dafür einsetzen, es wertschätzen, es wieder lieben und nicht nur es nutzen, zum betreiben der jüdischen Sache? Da werden jetzt viele aufschreien, es tut mir leid!

    Hinsichtlich des ständig behaupteten Antisemitismus, den ich persönlich, bis vor ein paar Jahren, nicht kennen gelernt, geschweige an mir selbst beobachtet habe, der mir heute aber garantiert unterstellt würde, wenn ich impulsiv bestimmte Fragen stellen würde, wie ich es ja tue, dem ich also heute bei mir scharfe Aufmerksamkeit zu schenken mich gezwungen fühle, wird mir mehr und mehr bewusst, dass Juden, die ERNST meinen, was sie Nicht-Juden abverlangen, nicht umhinkommen, einen Beitrag zu leisten und zwar mehr und größer, als sie sich bisher vorstellen wollen. Von jüdischen Mitbürgern wird mehr denn je persönliche Größe verlangt sein, mehr, viel mehr, als von den Nachkommen ihrer Peiniger und Vernichter, sonst ändert sich nämlich nichts, nur die Fassade.
    Vielleicht wollen Juden gar nicht, dass sich etwas ändert? Vielleicht auch die Nicht-Juden nicht?

    Über den eigenen Schatten springen hieße heute aus meiner Überzeugung, dass wir beide, Juden und Nicht-Juden, über unsere langen Schatten springen, auch wenn wir diese aus selbst verordneter Blindheit gar nicht wahrnehmen!

    Hierzu muss der Schatten erstmal benannt, anerkannt und mit Anerkennung und Wertschätzung betrachtet werden:
    Antisemitismus ist das vielleicht ein Mythos? Bitte verstehen Sie mich nicht fasch!
    Antisemitismus einmal vorausgesetzt – Wozu nützte er eigentlich?
    Vordergründig analysiert, um das Gastvolk zu einigen, also als Sündenbock, als das die divergierende Kräfte vereinigende Opfer.

    Hintergründig analysiert, nützte „Antisemitismus“ als schützendes Vorurteil, die durch ihn Informierten davor, die gleichen Fehler wie die Vorfahren, nochmals zu begehen.
    Was ist denn eigentlich ein Vor-Urteil? Ein Vorurteil ist meines Erachtens eine den eigenen Nachkommen übermittelte Warnung vor einer einmal gemachten nachteiligen, unangenehmen oder schrecklichen etc. Erfahrung. Es ist im Kleinhirn quasi hart programmiert und im Mandelkern entsprechend aktuell adaptiert, wenn ich mich über diese Vorgänge so unbotmäßig ungenau äußern darf.

    Antisemitismus, heute ein kolportiertes Gemisch aus abstrusen Glaubenssätzen, entstanden jedoch aus Erfahrungen im Jahrhunderte bzw. Jahrtausende währenden, vermutlich oft konflikthaften Nebeneinanderleben, selten wahrscheinlich wirklichen Zusammenleben. Also Urteile, die als „Vorurteile“ (Urteile über gemachte Erfahrungen!)an die nachfolgenden Generationen weiter gegeben und diesen schließlich bleibend aufgelastet wurden. Sie gälte es als solche ERfahrungstatsachen zunächst einmal anzuerkennen und als schützende Urteile Wert zu schätzen: Wozu wurden sie erfunden? Welchen Sinn und welche Berechtigung hatten sie? Sind sie einfach nur “böse”, nur “dumm”, nur “primitiv” – oder muss man seine Geschichte anerkennen, um sich daraus zu befreien?

    Ich habe mitterlweile manches, nicht alles, gelesen, was hierüber geschrieben wurde. Ich weigere mich, anzunehmen, dass Juden im Lauf ihrer Geschichte aussschließlich Gutes taten. Die Botschaft, die Juden quasi per se und ganz selbstverständlich in die Welt tragen, ist die der Freizügigkeit, des Kosmopolitismus, des Globalismus. Solche Botschaften sind jedoch auch zu verantworten und gegebenenfalls diskursiv zu revidieren, wenn man sich dabei zu weit hinausgelehnt hat. Tun wir das denn nicht alle, uns zu weit hinauszulehnen, ohne die Kosequenzen zu bedenken, Stünde es uns nicht allen an, Gedanken, die einmal als revolutionär erschienen sind als destruktiv zu erkennen? Die Aufklärung nicht nur als Heilbringer, sondern als Zerstörerin von heilsamen Werten zu betrachten?

    Erst in dieser Aufarbeitung (Anerkennung und Wertschätzung) können sowohl Vorurteile als auch Visionen im wirklichen Zusammenleben, im Austausch überprüft und dezidiert als Projektionen oder gefährliche Utopien nun möglicherweise als überholt oder überzogen aufgeben werden.
    Bestimmt nicht durch Zwangsverordnung oder Appelle an die Ratio oder gar an „political correctness“. Gefühle spielen im Leben von Menschen die entscheidende Rolle. Sie müssen zuallererst respektiert werden, bevor Menschen sich von ihnen lösen und zu verabschieden bereit sein werden.
    Haben jüdische Menschen keine Vorurteile? Sind ihnen Fehler, Fehleinschätzungen, Übertretungen fremd? Sind sie die Übermenschen?
    Was ist mit der, dem Antisemitismus konträren, Seite – also mit den jüdischen Vorurteilen? Mit jüdischen Ressentiments ganz allgemein gegenüber Nicht-Juden (Christen, Moslems, Atheisten, den jeweiligen Gastvölkern etc.etc.gegenüber), Ressentiments, die doch vermutlich auch ihre geselschaftlichen Auswirkungen haben werden?
    Ist hier nicht Größe – also über den eigenen Schatten zu springen – angesagt, wenn versöhntes und produktives Zusammenleben daraus werden soll?

    Sie liebe Frau Conen hatten hier in ihrem letzten Absatz die Leser gefragt, und habe ich da einen süffisanten Unterton gehört? wie jemand jeweils wohl das Jahr 1945 erlebt hat? Ich wurde in dem Jahr geboren. Rückblickend spreche ich dabei vom Ende des Krieges, in welchem ich meinen Vater verloren habe, der selbst (indirekt) daran schuld war. Die Nazi-Herrschaft war eine einzige Kriegserklärung. An Juden, an Deutsche an die europäischen Nationen, an die Minderheiten, an die nachfolgenden Generationen und an die gewachsene europäische Kultur und das Christentum.
    Zwischen Juden und Nicht-Juden gibt es vermutlich seit eh und je, wie zwischen allen Gastländern und ihren Minderheiten, immer wieder Konflikte. Sie sind beidseits (!) meist in religiösen Fundamentalismen begründet, in der Nicht-Anerkennung der Gäste. Ja. Gäste! und in der Nicht-Anerkennung der Gastgeber. Ja. Gastgeber! Sie können nur beidseits, und nur völlig unverlogen, und mit großem beidseitigem Respekt angegangen werden.

    Ich bin gefühlsmäßig davon überzeugt, dass jüdische Menschen, die einen Beitrag zum konstruktiven Zusammenleben leisten wollen, aufgerufen sind, einen sehr persönlichen, psychischen und politischen Beitrag zu leisten, nämlich ihre persönliche Haltung zu ändern und dies deutlich zum Ausdruck zu bringen.

    Verzeihen Sie bitte meine Offenheit, dezidiert aktives, offenes, nicht (!) forderndes, unprätentiöses, produktives, bewusstes, freundliches, vorurteile aufarbeitendes, emphatisches Handeln, würde ich als kreativen Beitrag jüdischer Mitbürger zur gegenseitigen Verständigung und allgemeinen Endorphinausschüttung empfinden.

    Sie würden damit vielleicht kritische Haltungen Juden gegenüber nicht verhindern können, Haltungen, wie sie von allen anderen Nationen/Völkern/Gruppen einander gleichermaßen “kritisch” entgegengebracht werden, aber einem „neuen“ oder „dem“ „Antisemitismus“, vielleicht den Wind aus den Segeln nehmen und sich nicht mehr nur darauf verlassen, dass die „politische Korrektheit“ für staatsbürgerliche Sympathie oder Konfliktfreiheit schon sorgen wird. Es ist nie, und das ist heute Allgemeinwissen, allein eine Seite dafür verantwortlich. Wir sind nicht nur Staatsbürger, die „Rechte“ haben, weil wir hier (oder in einem anderen Land) Steuern zahlen. Wir haben noch andere Verantwortungen, die tiefer gehen, wenn wir eine Heimat gefunden haben.

    Es geht heute meines Erachtens darum. einen Begriff wie den des „Antisemitismus“ überhaupt ersatzlos zu streichen. Ihn wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen.

    Es geht dabei noch vielmehr darum, dass so viele persönliche Freundschaften entstehen, wie auf einen Juden Nicht-Juden kommen, dass latente Feindseligkeiten und historische Feindschaften keine Chance haben. Und das ist wohl doch eine Frage eines positiv konnotierenden Herangehens des einzelnen und das Zugeben der Tatsache, dass an einer gelingenden Beziehung immer mindestens zwei beteiligt sind. Dazu müssten liebgeworden Täter / Opfer Unterscheidungen allmählich oder schon ganz plötzlich losgelassen werden

    Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihnen Frau Conen oder einem Leser oder einer Leserin zu nahe getreten bin. Ich habe hier s aus persönlichem Inter-esse hinterfragt, sonst hätte ich gar nicht darüber geschrieben oder schreiben müssen, und bin interessiert, bezüglich all der hier aufgeworfenen Fragen mit emphatischen, nachdrücklich argumentierenden, unmissverständlich beharrlichen Menschen, Juden oder Nicht-Juden, in absichtsvollen Kontakt zu gelangen, um diese und andere Fragen gelingenden Zusammenlebens aufzugreifen, sie zu erörtern, abzuwägen und auszuloten. Auch interessieren mich Einrichtungen und Hinweise auf Menschen, die diesen Dialog praktizieren. Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen Sylvia Taraba
    .

    Ich habe meine Familie in einer Aufstellung aufgestellt und von dort die einleuchtende und überzeugende Botschaft mitgenommen, die Anteile meiner Radikalität, die zu mir gehören zu behalten, und die Anteile, die dem Vater und Großvater gehörten an diese wieder zurückzugeben. Mit meiner persönlichen Radikalität habe ich mich sozusagen in Liebe zu mir selbst herumzuschlagen und einen konstruktiven Weg zu finden, diese befriedigend zu leben.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 29. Januar, 2006 @ 19:23 Uhr

  2. Nur um das zu klären: Es gibt und gab von Verlagsseite keinerlei Zensur… Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by FBSimon — 2. Februar, 2006 @ 20:50 Uhr

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