Simons Systemische Kehrwoche

Kippbilder

Holm von Egidy

Kippbilder sind faszinierend, wie das bekannte Bild, das als Hase oder Ente zu sehen ist. Es wird daran deutlich, wie sehr wir durch Interpretation bestimmen, was wir wahrnehmen. Ähnlich gibt es auch philsophische Kippbilder. Man kann die Zeit erfahren als eine Art Linie oder Strom, auf der wir uns entlangbewegen (wobei es da wieder zwei Möglichkeiten des Blicks gibt: man kann nach hinten oder nach vorne schauen). Oder es lässt sich die Zeit erleben als etwas, das durch uns hindurchfließt. Wir stehen sozusagen im Zeitfluss, die Zeit fließt aus uns heraus oder durch uns durch. Eine (philosophische) Übung höherer Ordnung ist es dann, sich vorzustellen, beide Bilder zugleich zu sehen…

Ein anderes philosophisches Kippbild ist dieses: Ich kann die Welt so verstehen, dass ich und andere Menschen in ihr vorkommen, also Teil von ihr sind (Realismus). Genauso kann ich mir vorstellen, dass die Welt nur in mir vorkommt, also ein Teil von mir ist (Solipsismus). Unser Personbegriff ist genau der Versuch, hier ein Beides zu denken. Als Person bin ich das Kippbild, das Objekt in der Welt und zugleich als Subjekt Zentrum der Welt ist. Anders gesagt: weniger habe ich einen Körper, eher bin ich Leib.

Zu diesem Bild der Person lässt sich wiederum ein alternatives Bild denken: wie wäre es, wenn das Ich (meines, wie das jedes anderen Menschen) gar nicht existiert, kein Seiendes ist? Wenn also das Ich, das wer ich bin, gar nicht in die Welt gehört, genausowenig wie die Welt ins Ich? Welt wäre vielmehr das, was entsteht, wenn solche Ich-Wesen sich begegnen. Personen wären, wittgensteinisch gesagt, Grenzen von Welt. Und Systeme, biologische, psychische, soziale, die Inhalte der Welt, Ausdruck der Begegnung. Raum und Zeit ihre Medien.

Dieses Bild scheint mir die Grundidee des Werks von Emmanuel Lévinas zu sein. In dessen Büchern wird dieser ganz andere Blick auf die Wirklichkeit eingeübt. Ich meine, das hat noch Zukunft. Die Welt wird, so gesehen, sehr menschlich.

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4 Kommentare

  1. Sind wir also doch wieder beim Oszillieren obwohl wir doch gar nicht sollten.

    Ernster: ist diese Idee nicht z.T. wenigstens schon bei Buber angelegt?
    (Wenigstens glaub ich, aus genau dieser dort schon wiedergefundenen Idee heraus, gerade ein Büchlein zu schreiben. Würd mich noch nicht soweit wagen, zu meinen, daß bspw. das Unbewußte zwischen uns “ist”. Letztlich geben solcherart Ideen eine hervorragende Basis für eine endlich mal konsequent systemische(re) Persönlichkeitstheorie! Auch das Buch von Sylvia Taraba, hier im Verlag, scheint mir – erstem Lesen nach – von daher zu kommen und dahin zu gehen.)

    Manche Metaphern haben zur Zeit so was windiges.
    “Die Zeit bin ich, Pascal” wäre bspw. äquivalent zu

    “Zeit ist nur dadurch, daß etwas geschieht, und nur dort, wo etwas geschieht.” (Bloch)

    Bzw.: Zeiten ergeben sich in Bewegungen von (T)Räumen gegenüber (T)Räumen.

    • sobald man Pascal nicht mehr als punktförmiges Monument sondern Ensemble faßt, daß mindestens zwei Wahrheiten in sich ??? und eine davon teilweise hat und eine davon teilweise ist. Pascal hat und ist so etwas wie Eigenzeit, weil er sie in sich erzeugt.

    Kommentar by M. M. M. Liebscht — 28. September, 2006 @ 18:59 Uhr

  2. Womöglich lassen auch die in diesem Forum möglichen konstruktiven Mißverständnisse manche Früchte recht gut reifen, insofern mir folgender Nachsatz wohl aufgrund hier erfahrener Anregung hereinspaziert sein dürfte:

    Ein Gegenüber hört auf,
    des anderen Grenze zu sein,
    soweit das Eine,
    ein dem Anderen Entsprechendes,
    in sich erkennt.

    Liebe Grüße

    Kommentar by M. M. M. Liebscht — 28. September, 2006 @ 22:54 Uhr

  3. Das ist eben die Frage, ob man einen anderen in sich erkennen kann. Wenn die Menschen, wie Lévinas es versteht, radikal unterschieden sind, dann kann ich mich in der Begegnung vom anderen her bestimmen lassen, und ich erfahre etwas vom anderen, indem ich gerade nicht (mir) entsprechendes erlebe.
    lg Holm

    Kommentar by Holm von Egidy — 2. Oktober, 2006 @ 14:43 Uhr

  4. PS:
    Ja, diese Oszillationsidee findet man auch in “Ich und Du”, und Lévinas hat sehr viel von Buber gelernt.

    Kommentar by Holm von Egidy — 2. Oktober, 2006 @ 14:52 Uhr

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