“Schockfotos” – echte Betroffenheit oder Heuchelei?
Martin Hafen
Die Empörung ist riesig. Deutsche (DEUTSCHE!) Soldaten spielen mit Gebeinen Puzzle. Der Deutsche Verteidigungsminister sagt seine geplante Asienreise ab und schickt einen Sonderermittler nach Afghanistan. Beteiligte bereuen öffentlich. Und nebenbei erfährt man, dass die Knochen und Schädel aus einer Baugrube stammen, in der die Einheimischen ihren Lehm holen. Eine Patrouille fährt mit dem Jeep vorbei, sieht die Gebeine und hält für die Foto-Session, die uns daheim Gebliebenen Anlass für diese sonderbare Mischung von Ekel und Faszination gibt. Und die Absatzzahlen von Bild und Konsorten wieder für einige Tage sichert.
Was ist davon zu halten? Die Aktion der Einheit ist sicher mehr als ein Lausbubenstreich. Das Verhalten der Soldaten zeugt von Geschmacklosigkeit und von bodenloser Dummheit, umso mehr als der Fototermin in Kontext der Organisation Militär erfolgt ist. Da sind Entscheidungen gefallen („Komm, wir halten und machen uns einen Spass“), und diese Entscheidungen haben weitere Entscheidungen nach sich gezogen – etwa die Entscheidungen von nicht direkt beteiligten Vorgesetzten, trotz Kenntnis der Fotos keine Sanktionen zu verfügen. Das rächt sich; die Entscheidungen stellen sich im Nachhinein als falsch heraus, was weiteren Entscheidungsbedarf mit sich bringt. Es werden „Köpfe rollen“ (man beachte das passende Sprachbild) und die Schuldigen werden „gnadenlos angepackt“. Nun denn. Die Organisation tut, was sie tun muss, um mit den Irritationen des massenmedialen Umweltlärms umzugehen.
Doch könnte man den Vorfall nicht auch anders einschätzen? Ist er etwa zu vergleichen mit den Vorfällen von Abu Ghraib? – Mit Sicherheit nicht, denn damals waren auf der Opferseite lebende Menschen sehr direkt betroffen. Natürlich gibt es auch jetzt Betroffenheit. Zum Beispiel die Betroffenheit der islamischen Religionsgemeinschaft im Allgemeinen und der afghanischen Bevölkerung im Besonderen, die sich im Kontext westlicher „Präventivkriege“ einmal mehr verunglimpft fühlen. Aber ist der Vorfall zu vergleichen mit der skandalösen Inhaftierung des türkisch-stämmigen Deutschen in Guantanamo? Mit den Hunderttausenden Toten unter der Zivilbevölkerung im Iraq?
Das wirklich Empörende an dieser ganzen Angelegenheit ist meiner Meinung nach die Empörung, mit der Vorfälle wie diese bei uns beobachtet werden. Ich betone es nochmals: Das Verhalten der Soldaten und ihrer Vorgesetzten war falsch, und es erfordert organisationsinterne Sanktionen und (wieder einmal) eine offizielle Entschuldigung der Organisation Militär bei jenen, die sich durch die Fotos betroffen fühlen. Viel skandalöser ist für mich jedoch die Lautstärke dieses massenmedialen Aufschreis selbst. Der immense Lärm ist skandalös weil er die andern Skandale übertönt, die diese Kriege mit sich bringen. Weil er vorgaukelt, Puzzles mit Gebeinen gehörten zu den wirklichen Gräueln des Krieges. Weil er die Tendenz unterstützt, die täglichen Berichte über Dutzende zerfetzter Iraqi mit weniger Emotionen als den Wetterbericht hinzunehmen.
Ich weiss, die Massenmedien sind auf die Neuheit von Information angewiesen, und eine wiederholte Information verliert ihren Informationsgehalt schnell. Trotzdem: Die übermässige Skandalisierung von Vorfällen wie den „Schockfotos“ ist skandalös, weil sie den Blick weglenkt von Fragen, die uns alle betreffen. Von der Frage zum Beispiel, wie wir (die Deutschen, die US-Amerikaner und auch die immer ach-so-neutralen Schweizer) mit andern Staaten, Religionen und Kulturen umgehen. Die Skandalisierung ist skandalös, weil sie Schuldige identifiziert und damit den Kreis der Schuldigen ganz, ganz eng zieht – um Soldaten, die „unehrenhaft entlassen“ werden oder um Vorgesetzte, die gemahnt oder in der Hierarchie zurückgestuft werden. Sie ist skandalös, weil sie den Eindruck erweckt, dass die Welt wieder in Ordnung sei, wenn das Problem der „Schockfotos“ bewältigt ist. Weil sie nichts ist als schiere Heuchelei.
8 Kommentare
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Sehr geehrter Herr Hafen,
Danke für die mutigen Worte. Sind sie mutig (gemeint, gewollt, beabsichtigt, naiv,…?) Ich erachte Sie als mutig, weil man wenig in dieser Richtung hört und sich fragt, ob man falsch denkt wenn man denkt was man denkt, z.B. was soll das Geschrei? Wie Sie sagen: das Knobeln mit Knochen war furchtbar falsch, geschmacklos, dumm, wenig feinfühlig. Aber: was glaubt eine empörte Öffentichkeit denn, was da passiert (“da” meint, im militärischen Ernstfall)?
Danke für einen Resonanzkörper, der meinem Empfinden wieder einen anderen Klang verleiht, habe mich kaum getraut offen über meine Empörung über die öffentliche Empörung zu sprechen, aus Angst, falsch zu fühlen und mit einer unbedachten Äußerung im öffentlichen Raum in die falsche Ecke zu gelangen.
Alle Annahmen von der gelingenden Inneren Führung, vom angeblich sauberen Friedeneinsatz, von Anstand und Moral bei Friedenseinsätzen suggerieren ein Bild, daß durch Bekanntwerden der Vorfälle ins Wanken gerät. Zurecht. Und endlich.
Ohne Anspruch auf irgendwas seien ein paar Fragen in den öffentlichen Raum erlaubt:
Was glaubt der öffentliche Raum denn, was da passiert ???
Wer glaubt denn ernsthaft an einen sauberen Krieg.
Wer glaubt denn bei aller Inneren Führung an die moralische oder geschmackliche Unfehlbarkeit jedes einzelnen Soldaten?
Wer glaubt denn, er könne Menschen, unter Bedrohung ihres Wohles und ihres Lebens, ihrer psychischen Gesundheit in die Ferne schicken, ohne daß kompensatorische Entgleisungen passieren müssen.
Wer glaubt denn auf Dauer, Krieger ihrer zweifelhaften Rituale berauben zu können?
Wer glaubt, die Moral unserer Offiziere zu kennen.
Wer glaubt, die unterstellte Moral unserer Offiziere sei dei Moral unserer Soldaten?
Wer glaubt, daß dies die schlimmsten Entgleisungen in der Geschichte der Bundeswehr sind? (der sollte sich mal schleunigst schlau machen).
Oder warum glaubt einer das? Und wenn ich das “warum” systemisch verwurste heißt die Frage: “wozu” glaubt einer das? Dann könnte ein Schuh daraus werden (aber sicher kein Knobelbecher)
Es gibt keine instruktiven Interaktionen. Vergessen? Erst recht nicht im “Friedenseinsatz”.
Bevor ich ins Schwadronieren komme:
Das ist Krieg. Das ist Militär.
Ich weiß nicht, ob es in jedem Fall eine Alternative gibt zu militärischen Einsätzen (obwohl ich mir das sehr wünsche)(und die Struktur eskalierender Prozesse lehrt, daß sie eigentlich auch nicht wirklich etwas lösen).
Aber selbst wenn ich mich einer Bewertung der Sinnhaftigkeit von militärischen Einsätzen enthalte bleibt festzuhalten: die gibt es nur zu einem bestimmten Preis. Wer etwas anderes versucht im öffentlichen Raum zu suggerieren, führt anderes im Schilde.
Und ich dachte, darüber gäbe es einen Konsens im aufgeklärten Deutschland: Wenn nichts mehr hilft, hilft das Militär. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bundesverteidigungsminister (oder die Geschichte).
Sehr geehrter Herr Hafen, jetzt haben Sie mich aber aus der stillen Reserve gelockt und dafür danke ich Ihnen ergebenst
Ihr
R. Wagner
Kommentar by Robert Wagner — 31. Oktober, 2006 @ 15:42 Uhr
Lieber Herr Wagner
Danke für die freundlichen Worte und die Energie in ihrer Antwort.
“Alle Annahmen von der gelingenden Inneren Führung, vom angeblich sauberen Friedeneinsatz, von Anstand und Moral bei Friedenseinsätzen suggerieren ein Bild, daß durch Bekanntwerden der Vorfälle ins Wanken gerät. Zurecht. Und endlich.”
Das ist einer der entscheidenden Punkte. Ich sehe es auch als Chance, dass die Bilder zum Denken anregen; gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass der Irritationsgrad der Bilder massiv dadurch eingeschränkt wird, dass der Vorfall personalisiert sind. Es sind dann die ‘bösen’ Einzeltäter und Vorgesetzten. Die werden bestraft und dann hat alles wieder seine Ordnung.
Aber vielleicht sehe ich das auch ein wenig schwarz: Ich habe im Kontext der Medienaufregung auch einen Beitrag gesehen, der versucht hat, die schwierige Situation der Soldaten und ihre unzureichende Vorbereitung darzustellen. Es ist wie immer: Alles hat seine guten und schlechten Seiten.
Herzliche Grüsse
Martin Hafen
Kommentar by Martin Hafen — 31. Oktober, 2006 @ 15:54 Uhr
Ich bin mir nicht sicher, ob der Skanda als so skandalös zu bewerten ist. Vielleicht ist er ja nur ein Zeichen von Bewußtwerdung. Denn er hat doch auf jeden Fall die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, was mit Menschen passiert, die man in den Krieg schickt (auch, wenn es sich dabei um “Friedensmissionen” handelt).
Soldaten, die nicht nur auf den Einsatz warten, sondern im Einsatz sind, haben die Sphäre der Zivilisation verlassen, d.h. von ihnen wird (auch) ein Verhalten erwartet, das sonst negativ bewertet ist und sanktioniert wird. Sie sind in einem Ausnahmezustand, in dem töten nicht nur erlaubt, sondern gegebenenfalls sogar gefordert wird. Das heißt, die Erwartungen, die das zivilisierte Zusammenleben steuern und strukturieren, sind für sie ausser Kraft gesetzt…
Sich in solch einem Zustand einzurichten und zurecht zu finden, ist schwer. Dass dies zu geschmacklosen oder gar barbarsichen Aktionen führt, ist nicht wirklich erstaunlich. Deswegen sind Kriege in ihren Effekten meist ja auch nicht wirklich nützlich, um zivilisatorischen Werten zum “Sieg” zu verhelfen. Und deswegen werden Soldaten, die aus dem Krieg zurück kommen, in den meisten Gesellschaften auch immer erst nach Reinigungsritualen wieder in die Gemeinschaft aufgenommen…
Beste Grüsse, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 31. Oktober, 2006 @ 21:45 Uhr
“Ich bin mir nicht sicher, ob der Skandal als so skandalös zu bewerten ist. Vielleicht ist er ja nur ein Zeichen von Bewußtwerdung.”
Lieber Herr Simon
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sie diese Bemerkung auf meinen Text beziehen. Ich möchte nur nochmals betonen. Nicht die Schockfotos sind für mich ein Skandal – da sehe ich die Dinge gleich wie Sie und auch Herr Wagner-, sondern ihre Skandalisierung. Die Schockfotos sind ein Fehler, der auch geahndet werden soll. Aber angesichts dieser Bilder aus den Tätern ‘Bestien’ zu machen, lenkt dem Blick vom Wesentlichen ab: vom Skandal dieses Krieges an sich.
Herzliche Grüsse
Martin Hafen
Kommentar by Martin Hafen — 1. November, 2006 @ 07:41 Uhr
Ja, das meine ich mit Bewußtwerdeung. Wenn auf einmal öffentlich bemerkt wird, dass Krieg etwas mit Tod zu tun hat, ist doch toll…
Beste Grüsse, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 1. November, 2006 @ 08:37 Uhr
Lieber Herr Hafen und lieber Herr Simon,
die Bewußtwerdung finde ich ein erhellendes Stichwort. Sie ist ja eine Art Verdauung: was kann das Bewußtsein schlucken und verdauen, wie groß, heiß, pikant hart oder schwer dürfen die Bissen sein? Scheinbar sind mit eh schon toten Knochen spielende Soldaten genau der scharfe Bissen, der den besagten medialen Aufschrei zur Folge hat. Es ist der Teil der Mahlzeit “Dieser Krieg mit all seinen Greueln”, mit der noch umgegangen werden kann. Wie Sie, Herr Simon, kann man sich darüber freuen, dass überhaupt ein Stückchen der Thematik bewußter wird. Das ist immerhin etwas. Ich verstehe aber auch Sie, Herr Hafen, dass sie eher über die relative Kleinheit dieses Brockens gegenüber dem Hauptproblem beunruhigt sind.
Mir fällt dazu noch etwas anderes ein, etwas, was das Kriterium “Verdaulichkeit” etwas klarer macht. Denn wieso ist dieser Brocken verdaulich? Ich glaube, die scheinbare Überschaubarkeit und Lösbarkeit des Problems erklärt, wieso sich die Medien und das kulturelle Bewußtsein so darauf stürzen: Hier sind schnell die Schuldigen gefunden und werden bestraft, und das Problem ist vom Tisch. Dieser ganze Krieg – oh Gott, das Thema ist zu groß, zu schwer, es passt nicht in die Bearbeitungskapazität des Bewußtseins. Es spiegelt uns im Grunde Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Leider gewandet in moraliger Rechtschaffenheit und starkem Eifer, der sich in etwas Greifbarem entläd.
So gesehen haben wir mit den Medien eine Art Messlatte, die uns einiges über die durchschnittliche Bewußseinskapazität verrät. Und auch über die bevorzugten inneren Copingstrategien und dazu passenden äußeren Lösungswege. Danke, dass mir das mit Hilfe Ihrer Beiträge noch mal klarer geworden ist.
Liebe Grüße
Ricarda Wildförster
Kommentar by Ricarda Wildförster — 1. November, 2006 @ 19:04 Uhr
Liebe Frau Wildförster,
wahrscheinlch haben Sie ja recht, dass die großen Brocken nicht geschluckt werden können – vom Verdauen gar nicht zu sprechen. Und vielleicht ist das ja der subversive Weg: kleine Häppchen zu servieren, die aber schon den Geschmack des großen Brockens erahnen lassen.
Beste Grüsse, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 2. November, 2006 @ 09:23 Uhr
Vielen Dank Herr Hafen.
Und:
das ist vielleicht der Grund für die Empörung über die Empörung: was “Bild” schreibt weiß ich einzuordnen (und viele andere auch). Wenn Politiker bis zur Kanzlerin sich hinreißen lassen, die Komplexität des Problems, wie sie in den obigen Beiträgen ansatzweise zum Ausdruck kommt, auf Verfehlung einzelner zu reduzieren ist das mehr als bedauerlich.
Vielleicht fehlt mir die Gelassenheit der Erkenntnis, die sich damit begnügt wieder einmal begriffen zu haben, was sie begriffen hat. Oder vielleicht fürchte ich einfach um das Gesamtwohl (“den Zustand des Landes”), wenn es gelingt, alle anklingenden Fragen (was tun wir unseren Soldaten da eigentlich an, was ist der Preis eines Krieges etc.)zum Schweigen zu bringen hinter der Schelte der Medien und der Politiker gegen einzelne.
Wird denn wieder darüber gespochen, daß Krieg mit Töten zu tun hat?? Dann wäre es ja immerhin gut. Bin mir dessen aber nicht sicher.
Fragend und dankbar für alle Anregungen
R. Wagner
P.S. Mich würde sehr interessieren, wie diese Debatte sich ausnimmt aus der Perspektive eines betroffenen Soldaten.
P.P.S. Es wäre interessant die Frage weiter zu verfolgen, ob es ein internationales Phänomen ist (ein amerikanisches sicher, das liegt nah) oder nur ein deutsches.
Ist nach dem zweiten Weltkrieg alles was mit Krieg und Töten und Greueln und Verbrechen zu tun hat so gut aufgearbeitet worden, daß man sich nicht einmal mehr erinnern kann, was da so alles passiert im Krieg (und das trotz wiederkehrender Erinnerungsanker wie Nah-Ost, Kosovo, Uganda, Chile, …..)
Wir haben durchaus Reinigungsrituale, aber kein Auffangbecken für die Dreckbrühe.
Kommentar by Robert Wagner — 2. November, 2006 @ 13:40 Uhr