Vom Reden und Schweigen
Stephan Hametner
Liebes Webtagebuch,
theologische Überlegungen faszinieren mich anscheinend. Da komme ich nicht los davon. Auch wenn ich sie für völlig überflüssig halte und ich mich deswegen generell als Agnostiker oute. Heute ist mir eingefallen, wie ein semiotisch-konstruktivistisches Testament aussehen müsste. Also bitte sehr:
Am Anfang war nicht das Wort, sondern das Staunen. Das Staunen bezog sich auf das, was nach dem Anfang war und was die Menschen um sich herum mit ihren Sinnen wahrnahmen. Nach dem Staunen kam der Zweifel. Dann erst kam – durch wen auch immer – das Wort und mit dem Wort kam die Bezeichnung der Wirklichkeit. Mit dem Wort und der Bezeichnung der Wirklichkeit kam der Anspruch in die Welt, das scheinbar Wirkliche Wahrheit zu nennen. Mit der Wahrheit kam auch der Anspruch auf die einzig wahre Wahrheit in die Welt, die zu besitzen zu mindestens einige behaupteten. Mit der Wahrheit kam aber wieder auch der Zweifel über das ursprünglich Bestaunte, Bezweifelte und nun mit Wörtern Bezeichnete in die Welt und der Zweifel richtete sich genau gegen diejenigen, welche die Wahrheit für sich gepachtet zu haben schienen und mit ihrer Wahrheit und ihren Definitionen und Zuschreibungen nun die anderen unterdrückten oder es versuchten. Denn mit Wörtern konnte man alles bezeichnen und es war bald klar, dass Wörter nicht etwas absolut Gegebenes sind und dass Dinge nicht einfach nur so heißen wie sie nun einmal heißen. Und so erkannte man, dass man Wörter durch andere ersetzen, Dinge auch anders bezeichnen und Bedeutungen auf diese Weise in größerer Weise konstruieren konnte, als man es bisher für möglich gehalten hatte. Die Welt war plötzlich unglaublich kompliziert, widersprüchlich und chaotisch geworden und viele – vor allem jene, die immer von der Wahrheit gesprochen hatten – glaubten sie dem Verfall nahe, weil das Wort so relativ geworden war. Und je näher die Wahrheitsbehaupter den Verfall sahen, umso mehr bemühten sie sich, diese ihre Wahrheit den Menschen mit allen Mitteln näherzubringen. Mit allen Mitteln! So nahe, dass kürzlich sogar jemand, der eigentlich nicht zu den Wahrheitsbehauptern gehört hatte, gemeint haben soll, dass, worüber man nicht sprechen könne, man lieber schweigen solle.
Bis morgen werde ich also schweigen und im Ausblick darauf kann ich Ihnen die Exkursion in das aktuelle systemische Leben eines Musikerziehers ankündigen, der derzeit in einem Schulsystem von vorgestern tätig ist.
4 Kommentare
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Für mich bedeutet Staunen auch Respekt und Achtung vor dem Bestaunten. Der heutige Eintrag widerspricht sich für mich etwas mit dem Eintrag vom 28.11., wo ich eher den Eindruck hatte, dass die Systemische Idee (provokant geschrieben)mit dem Schwert verteidigt werden soll, was ja in meinem Verständnis der Systemischen Idee ansich widerspricht. (Siehe die Achtsamkeit und Bescheidenheit in der Erzählung von unserem geschätzten Lehrer Konrad P. Grossmann)Insofern ist der heutige Artikel für mich anschlussfähig und erhöht meine Aufmerksamkeit und die Neugierde auf die Beschreibung des Versuchs eines engagierten Pädagogen eine Unterrichtsform (vermutlich leider erst von übermorgen)in einer Schule (von leider noch vorgestern )zu verwirklichen. Oder ist “Versuch” das falsche Wort – kommt wahrscheinlich auf die Wahrheit an, von der frau gerade ausgeht…
Kommentar by Tina — 30. November, 2006 @ 10:52 Uhr
Sg. Fr. Tina,
in dem Moment, in dem die systemische Idee mit dem Schwert verteidigt werden soll, ist sie auch gescheitert. Sollte ich das Wort “systemische Mission” verwendet haben, dann hätte ich es besser mit Anführungszeichen schreiben sollen, denn dieser Begriff ist natürlich ein Widerspruch in sich und kann nur ironisch gemeint sein.
mit den besten Wünschen für den Tag
Stephan Hametner
Kommentar by Stephan Hametner — 30. November, 2006 @ 11:26 Uhr
Stimmt! wenn Ironie in diese Richtung überhaupt sein muss, dann zumindest mit Anführungszeichen. – Mikrointerventionen!!!!
Kommentar by Tina — 30. November, 2006 @ 11:40 Uhr
Sg. Fr. Tina,
wie Sie wahrscheinlich schon bemerkt haben, sind alle meine Einträge bis dato von einer gewissen Ironie gekennzeichnet. Ich habe diese Art zu Schreiben absichtlich gewählt, damit ich nicht in einen wissenschaftlichen Jargon verfalle, der die Leserinnen langweilt. Denn das, was wissenschaftlich gesagt werden muss, steht ohnehin in den Auer-Büchern. Was sollte ich da noch anfügen, bei sovielen gescheiten Autoren? Sie haben natürlich Recht, wenn Sie an dieser Stelle Mikrointerventionen fordern, aber muss das Tagebuch denn so perfekt sein? Ist nicht gerade ein Tagebuch das beste Beispiel für das Unfertige, Unabgeschlossene, Offene?
Kommentar by Stephan Hametner — 30. November, 2006 @ 11:48 Uhr