Simons Systemische Kehrwoche

Vorbehalte und Utopien

Stephan Hametner

Liebes Webtagebuch,

wenn ich gestern meinte, die Naturwissenschaft könne die Welt nicht retten, der verbesserte Umgang der Menschen miteinander schon, dann muss ich das natürlich etwas genauer erklären. Also das verhält sich so: Natürlich habe ich nichts dagegen, dass mich der Doktor vorbeugend gegen Grippe oder andere schwere Krankheiten impft, denn ohne moderne Medizin würde die Menschheit inklusive mir vermutlich sofort aussterben. Motiviert kann eine so radikale Aussage eigentlich nur dadurch sein, dass mich das permanente Misstrauen gegen den homo philosophicus, dem generell Abgehobenheit und damit Nutzlosigkeit unterstellt wird, ziemlich auf die Nerven geht. Wohin ich auch blicke, überall werden Naturwissenschaftler in den Himmel gelobt, mit Preisen und Forschungsstipendien bedacht. Die Aufteilung des Nobelpreises ist ja der anschaulichste Beweis für diese Behauptung. Einzig Friedens- und Literaturnobelpreis sind Nicht-Naturwissenschaftspreise. Alle anderen Nobelpreise dienen als Feigenblatt für die Tatsache, was Nobels Erfindungen in der Welt an Schaden und Leid angerichtet haben. Wer stiftet einen Staatspreis für systemisches Denken? Oder ein Stipendium für konstruktivistisch visionäres Denken? Oder eine Professur für systemisch-konstruktivistische Anwendungen? Es gibt ja schon einige wenige, ich weiß…

Ein Beispiel aus meinem Fachgebiet: Ich lese in der Tageszeitung „Der Standard“, dass der bedeutende deutsche Musikwissenschaftler Ludwig Finscher den renommierten Balzan-Preis bekommen hat für die Herausgabe der Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“, jedem Insider als MGG bekannt. Ich meine, die Herausgabe eines solchen Werkes ist eine wahnsinnige Leistung und die MGG eine Institution. Ich habe mich wirklich gefreut über die Vergabe dieses mit 1 Mio. Schweizer Franken dotierten Preises. Und was lese ich in den Postings dazu? „Die MGG ist fehlerhaft, viele Artikel unvollständig…“. Diese Problemtrance rief meinen sofortigen Ärger hervor und ich sah mich veranlasst, in isomorpher Weise eben jenen Satz, dass die Naturwissenschaft die Welt nicht retten wird, zu posten. Die zynische Antwort folgte prompt: „Glauben Sie im Ernst, dass die Musikwissenschaft die Welt retten wird?“ Nein, natürlich glaube ich das nicht, aber ich frage mich dennoch, warum beim Thema Eliteuni oder University of Excellence immer nur von naturwissenschaftlich-technischen Fächern gesprochen wird und nicht von einem Spitzenforschungsinstitut für Systemische Visionen beispielsweise, von einem MIT für SYST. Manchmal habe ich leider den Eindruck, systemisch-konstruktivistisches Denken existiert derzeit nur in vereinzelten Elite-Köpfen (dies ist dezidiert nicht abwertend, sondern anerkennend gemeint!) und wenn’s politisch ans Eingemachte geht, setzen sich die ewig gestrigen Zukunfts-Entscheidungsträger mit ihren ewig gestrigen Zukunfts-Strategien durch. Sogar – und das ärgert mich am meisten – in meinem Schulbuch, das ich im Fach Philosophie verwende und das staatlich für den Philosophie-Unterricht genehmigt ist, ist Konstruktivismus nur mit einem einsamen einzigen Wort erwähnt, systemische Familientherapie gar in einem Cartoon im Umfeld von Tantra und Edelstein-Therapie zu finden (gegen diese Darstellung werde ich demnächst sämtliche Interessensvertretungen mobilisieren!). Und das im 21. Jahrhundert nach Christus. Vielleicht habe ich zuwenig Geduld. Vielleicht zu wenig Vertrauen in die systemische Mission. Vielleicht einen Mangel an Information. Bin ich zu pessimistisch? Zu sensibel? Wie aber würde eine Welt aussehen, in der systemisches Denken der Regelfall wäre?

Ich habe mir das einmal zum Thema „Straftaten“ überlegt. Und im Zuge dieser Überlegungen habe ich mir auch eine systemisch orientierte Rechtssprechung vorgestellt: Nehmen wir an, jemand hat eine Bank überfallen und steht vor dem Richter. Systemisch gesehen ist ja alles mit allem und jede mit jedem vernetzt, so auch das Leben unseres Bankräubers in konzentrisch sich ausweitenden Kreisen mit allen Menschen der Menschheit. Richter und Geschworene sind zum Glück Systemiker und lassen diese zirkuläre Sichtweise in den Urteilsspruch einfließen. Demnach wird dem vermeintlichen Straftäter gedankt, die Menschheit wieder einmal an ihr Versagen erinnert zu haben und es werden ihm zwei zusätzliche Urlaubswochen zugesprochen. Jeder Mensch der restlichen Menschheit wird hingegen zu zwei Tagen Sozialarbeit verurteilt bzw. zu einem Fortbildungsseminar zum Thema gerechtere Verteilung der Güter. Liebe Leserinnen und Leser, Sie haben es sicher schon erraten, aber bei einer systemischen Rechtssprechung handelt es sich um eine lösungsorientierte Rechtssprechung mit nachhaltiger weltumspannender Wirkung.

Mein Freund Norbert Langhold hatte unlängst ein virtuoses Reframing für die Unfassbarkeit des Weltalls parat. Er meinte, die Menschheit, als ganzes System betrachtet, sei nichts anderes als eine Ansammlung von Samen, welche die Mutter Erde hervorgebracht hat, einzig zu dem Zwecke der Befruchtung anderer Planeten. Nach einem langen Reifungsstadium sei nun der Augenblick gekommen, wo die Samen ausströmen und wie Pollen andere Planeten begatten würden (im Falle des Mondes sei dies ja schon 1969, fünf Tage nach meiner Geburt als Erd-Samen, passiert). Mir fällt dazu der altbekannte Witz ein – und damit schließt sich der Kreis im Zusammenhang mit der Rettung der Welt – bei dem sich Erde und Mond auf einen Kaffee treffen. Fragt der Mond die Erde um ihr Befinden. Die Erde meint, es gehe ihr schlecht, weil sie von Parasiten geplagt werde. „Welche Parasiten?“ meint der Mond. „Menschen glaub ich, werden sie genannt!“ so die Antwort. „Ach so“ meint der Mond beruhigt, „na mal keine Sorge, die kenn’ ich auch schon, die vergehen von selbst!“

Um diesem pessimistischen Zukunftsszenario noch eines draufzusetzen, zitiere ich noch Saint Exuperys kleinen Prinzen: „Die Erde ist nicht irgendein Planet! Man zählt da hundertelf Könige, wenn man, wohlgemerkt, die Negerkönige nicht vergisst, siebentausend Geographen, neunhunderttausend Geschäftsleute, siebeneinhalb Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, kurz – ungefähr zwei Milliarden erwachsene Leute.“ Genug Klientel für Psychotherapeuten, Gott sei Dank! Es gibt zwar Firmen, die Grundstücke auf dem Mond verkaufen, aber welche Bank kümmert sich um die Eintreibung der Schulden, die die Menschheit an der Welt, als Samen ihrer eigenen Produzentin, begangen hat? Quasi als autoaggressiver Akt? Wird es also eine Rettung oder eine Lösung in der Menschheitsfrage geben?

Im Ausblick auf morgen frage ich mich in dieser Hinsicht ernsthaft, ob der Schöpfer tatkräftig mitmischt und Konstruktivist ist oder nicht und tatenlos zusieht.

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2 Kommentare

  1. Lieber Stephan,

    Deine Überlegungen zu einer systemisch orientierten Rechtsprechung gefallen mir. Bis heute orientiert sich vor allem im Strafrecht das Urteil an verschiedene Zwecke: Gerneralprävention (erzieherische Wirkung auf die Allgemeinheit; punitur, ne peccetur), Spezialprävention (orientiert sich an der individuellen Gefährlichkeit des Einzelnen) und Vergeltung (…dass jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind). Du erfüllst mit Deiner systemisch orientierten Rechtsprechung allen drei Kriterien. Spezialpräventiv und dem Gedanken an Vergeltung folgend hat jeder Mensch der restlichen Menschheit zwei Tage Sozialarbeit oder einen Fortbildungskurs zu machen, gerneralpräventiv wirken die zwei zusätzlichen Urlaubswochen und der Dank des Richters an den Bankräuber.

    Und wenn das Seminar zur gerechteren Verteilung der Güter wirkt, wird es nicht mehr möglich sein, dass 300 Menschen dieses Planeten soviel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Weiters wäre es nicht denkbar, dass zu Beginn des dritten Jahrtausends 36 Millionen Menschen an Hunger oder durch Unterernährung bedingte Krankheiten sterben, wenn die Erde 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Diese Menschen sterben nicht durch einen objektiven Mangel, sondern durch die ungleiche Verteilung der Güter.

    Und frei nach Norbert Langhold haben es die Dinosaurier nicht geschafft, sich als Samen von Mutter Erde auf andere Planeten zu bringen. Vielleicht hat Gaia bei ihrer Fortpflanzung durch die Menschheit mehr Glück.

    Lieben Gruß,
    Reinhard

    Kommentar by Reinhard Gypser — 29. November, 2006 @ 00:52 Uhr

  2. Hallo Stephan

    Systemisches Strafrecht…ein paar Gedanken.

    Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch einen eigenen Willen besitzt, den er je nach seiner körperlichen Stärke oder persönlichen moralischen Verantwortung durchzusetzen versucht oder zumindest kundtut, muss es in unserer Gesellschaft auch Regulative geben, die ihn in der Ausübung seines Willens dann behindern, wenn Schwächere dadurch beeinträchtigt werden.

    Nun zum Kern der Sache.

    Was ist eine Straftat?

    In erster Linie ist eine Straftat eine von mir gesetzte Handlung, welche eine von mir verschiedene Person betrifft und dieses mein Verhalten ein Gesetz als Straftat definiert.
    Es kann also so lange jemand seinen Willen ungestraft ausüben, solange er nicht andere in Ihrer Willensausübung einschränkt und sich in Demokratien die gewählten Volksvertreter darüber hinaus geeinigt haben, welches Verhalten zu sanktionieren ist und welches nicht.

    Unserem heutigen Strafrecht liegt noch immer der Gedanke des Gemeinwesens zugrunde, welches als Sicherste gesellschaftliche Variante gegenüber dem homo homini lupus – also dem Naturzustand gilt. Soviel zum juristischen Teil. (Siehe dazu Thomas Hobbes, Leviathan, 104 ff,Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg 1996)

    Wie aber kommt es zu einer gewollten Straftat?

    Erstens gilt es zu filtern, dass wir hier nur von Verbrechen sprechen, die von geistig gesunden Menschen begangen werden.
    Weiters gilt es zwischen Delikten gegen Leib und Leben, sowie zwischen Eigentumsdelikten zu unterscheiden.

    Eine Straftat gegen fremdes Eigentum entsteht aus meiner Sicht ausschließlich durch einen Mangel an einem Bedürfnis. Und dieses Bedürfnis – so wage ich zu behaupten – korrelliert mit dem vorherrschenden Zeitgeist. Deshalb unterscheide ich zwischen Eigentumsdelikten aus echter Not und Eigentumsdelikten aus Zeitgeistgründen,welche einen sonst nicht bewußt wahrgenommenen Bedürfnismangel beim zukünftigen Straftäter entstehen lassen. Nun komme ich auf Dein systemisches Strafrecht zurück.

    In Deinem Beispiel soll der Bankräuber nicht verurteilt werden, weil er die Gesellschaft auf Ihre Unzulänglichkeit hingewiesen hat und er dafür Urlaub bekommt. Machen wir mal ein Gedankenexperiment und gehen davon aus, das sich an irgendeinem Ort ein systemisches Strafrecht etabliert hat.
    Ein Bankräuber, der die Straftat begangen hat, weil er Geld für eine Operation seines Kindes brauchte, würde wohl darunter fallen.
    Wie sieht es aber mit einem Bankräuber aus, der dieses Geschäft zu seinem Beruf gemacht hat? Gilt da auch ein systemisches Versäumnis…z.B. zu wenig soziale und gute Erziehung? Vielleicht.
    Oder der zuvor genannte Zeitgeistmangel…in unserer heutigen Gesellschaft zählt nur noch Leistung oder was man an Gütern vorzuweisen hat . Je mehr man hat, desto mehr ist man Wert. Wirtschaft und Werbung zielen darauf ab, sich von anderen nur weitestgehend abzuheben. Und weil man gewisse Dinge sich nicht kaufen kann, stiehlt man Geld, um es sich zu kaufen und nur ja nicht abzufallen…ich will gar nicht wissen, wieviele Menschen Dinge kaufen, die sie beim besten Willen nicht gebraucht hätten, bis es Ihnen erzählt worden ist.

    Wie sieht es mit einem Bankräuber aus, der bewußt die Straftat begeht, weil er sein Leben am liebsten mit Pokern und Huren verbringt, was wohl auch teuer ist?
    Wo ist das gesellschaftliche Versäumnis…wer wird denn bestimmen, was „anderes hätte zu geschehen gehabt“ dass er sich nicht in diese Richtung entwickelt? Vielleicht ist er so veranlagt?

    Stellt sich auch die Frage, wie ein systemisches Strafrecht einen Mörder beurteilt? vielleicht kann man darüber reden, dass sich der Ermordete i.S.eines dem systemischen Gesellschaftsmodell adäquaten Verhaltens schon vorher nicht so verhalten hätte dürfen, dass es zu einer solchen Eskalation kommt, die in einer Tötungshandlung endet. Vielleicht. Wie aber sieht es mit einem Vergewaltiger oder einem Kinderschänder aus? Wie hätte man vorher schon auffangen können, dass sich dieser Trieb nicht entwickelt? Wie sieht Dein Richterspruch aus? Ich hoffe nicht, dass der Richter dem Übeltäter dankt, weil er darauf aufmerksam gemacht hat, dass es Menschen mit zu wenig erhaltener Liebe auf der Welt gibt?

    Ich möchte nochmal an den Anfang erinnern, wo ich festgestellt habe, dass wenn es stimmt, das wir alle da sind, es auch genausoviel verschiedene individuelle Wünsche gibt. Je freier aber die Gesellschaft, umso größer die Bandbreite an individualität. Die Wechselwirkung zwischen den Personen mag ja fruchtbar sein, aber wo und wie kann ich bei erlaubter maximaler Freiheit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder im Sinne eines systemischen Strafrechts überhaupt messen, wo die zum Baum gewordene Straftat ihre Wurzeln geschlagen hat, sprich, wo, wann und wie hat das gesellschaftliche Regulativ versagt? O.k. der Täter bekommt Urlaub…wer aber von unserer Gesellschaft muss Sozialarbeit für unsere Versäumnisse leisten?

    Ich denke, dass so ein systemisches Strafrecht zwar funktionieren würde, nicht aber unter den Voraussetzungen unseres derzeitigen unreifen Denkens. Zu diesem Systemischen Strafrecht muss sich nämlich unsere Gesellschaft auch so entwickelt haben, dass das eine mit dem anderen zusammenpasst.
    So lange wir unsere Gesellschaftsstrukturen in Hierarchien aufgebaut haben und unsere Wirtschaft auf Kapital basiert, wird es nicht gelingen, nur in die Nähe einer Bewußtseinsänderung zu kommen, aus welcher sich die Chance zu einer reifen Gesellschaft, die ein systemisches Strafrecht „verdient“ hätte, ergeben könnte.

    Ein Gesellschaftswandel kann nur über Bildung der Bürger entstehen. Dafür gibt es Schulen. Und solange in Schulen gelernt wird, dass man dem anderen nicht helfen und nicht einsagen darf, es keine Noten für gelebte und nicht auswendig gelernte Solidarität gibt, solange wir gegeneinander aufgehetzt werden, um bessere Zeugnisse als andere zu bekommen…solange kann ich Dir mit Sicherheit garantieren, dass es zu keiner Änderung kommen wird.

    Da ich von der Utopie eines systemischen Strafrechtes aber insgesamt begeistert bin, hoffe ich, dass Du meine Antwort nicht als Kritik siehst, sondern vielmehr wollte ich positive Anregungen geben, wo nach meiner Auffassung aus Sicht des bestehenden Systems sich Probleme ergeben könnten, wenn man das systemische Strafrecht einführen würde.

    Ich würde mir wünschen, dass sich die Systemiker in dieser Richtung stark machen und sich neue Bildungs- und Sozialregeln überlegen würden, die an den Schulen gelehrt werden. Auf lange Sicht würden auch die Universitäten dann wieder wissen, wofür sie eigentlich gebaut wurden!

    Liebe Grüße

    Norbert

    Kommentar by Norbert Langhold — 9. Dezember, 2006 @ 01:17 Uhr

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