Reich und national
Henrik Jungaberle
Phasenverschiebung
Aus dem Halbschlaf aufgewacht mit einer Sequenz aus Steve Reich’s „Music for 18 Musicians“ im Kopf, eines meiner Lieblingsstücke aus der minimalistischen Tradition, das ich allerdings seit mindestens … 18 Monaten nicht mehr gehört habe. Denke: wie ein Kommentar zum Abschlusszitat meines gestrigen Blogs. Es gibt Begriffe, auch ganze Beobachtungen, die man ähnlich wie Noten scheinbar endlos transponieren kann. Figur und Hintergrund in der visuellen Wahrnehmung, Figur und Hintergrund in der Musik, Figur und Hintergrund bei der Beschreibung von Beobachtungssituationen (z.B. Ritualen), Figur und Hintergrund im semantischen Gewebe eines Satzes. Reich hat phasenartig verschobene Patterns meist modaler Tonalität übereinandergelegt. Durch Repetition mit geringfügigen Variationen entstehen – gerade bei „Music for 18 Musicians“ – raumhafte Übergänge. Statt melodiöser oder narrativer Kontinuität (Linearität) bildet sich der Eindruck nahtloser Durchdringung von Vordergrund und Hintergrund, Anfang und Ende. Teile des Klangraums spielen sich momentartig in den vordergründigen Aufmerksamkeitsfokus, um jäh aber sanft vom Fluss des Hintergrund aufgenommen und neu ausgestossen zu werden. Arm dran sind bei dieser Musik nur Menschen mit einem analytischen Hörstil (remember Adorno …). Bewegt man sich jedoch außerhalb dieses seltsamen, rationalistischen Paradigmas, lassen sich aufschlussreiche Beobachtungen zum Beobachter machen bzw. zum Hörer, wenn er wagt, die Augen zu schließen.
Rückbezug
Involviertheit oder „Teilhabe“ am Beobachtungsfeld (jetzt weniger in dem allgemeinen Sinn der Systemtheorien 1. oder 2. Ordnung), sondern im spezifischeren Sinn, der dynamischen Ritualwissenschaft, die wir in Heidelberg zu entwickeln scheinen.
Schaut man sich das Ritualverständnis innerhalb der systemischen Therapie an (seit Mara Selvini Palazzoli), so entdeckt man meist ein Auffassung von Ritual als (aus dem Therapiekontext heraus gesehen dysfunktionales) „Muster“, das durch eine geeignete Variation dynamisiert und in ein anderes Muster verwandelt werden soll. „Rituale“ werden so selber zu einer Intervention unter anderen, verschreibbar, umgrenzt. Meist sind es symbolische Handlungen, die verordnet werden (wie die „Prozession“ einer Familie zur Kloschlüssel, in der die Medikamente des Indexpatienten versenkt werden).
Das verkürzt den Begriff „Ritual“ ziemlich, oder spielt zumindest eine interventionistische Variation von Ritualverständnis in den Vordergrund.
Unsere mitteleuropäische Teilhabe an Ritualen wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen (um hier nur existentiellere Situationen zu nennen) ist oft eher beobachtender Natur. Wir stellen uns außerhalb.
“Wenn ich beobachte, unterscheide ich. Ich wäre vielleicht nicht auf den Gedanken gekommen zu unterscheiden.” – Antoine de Saint-Exupéry, Carnets
Daneben gibt es kulturanthropologische Varianten von Ritualverständis, die weniger separate, aus dem Kontext heraustrennbare Handlungssequenzen hervorheben, sondern die Verflochtenheit solcher Performanzen mit dem generellen Weltwahrnehmungs- und -deutungssystem einer Kultur. Die Teilhabe der Akteure am Ritualgeschehen kann dementsprechend auch noch andere Formen annehmen als die ironische Distanz, die verachtungsvolle Duldung, die romantische Rührung, die strategische Planung usw., die in unseren post-modernen Kontexten oft im Vordergrund stehen. Darunter die Begeisterung, Ekstase, Verschmelzung, Ehrfurcht, das gewalt(tätige) Mitgrissensein. Um sich der Suggestivität einiger Rituale auszuliefern zu können, braucht es Formen der Affirmation: der Bejahung eigener kultureller Wurzeln und Formen.
Damit wäre ich fast – im Sinne des Reich’schen Prinzips der Phasenverschiebung und in genußvoller Assoziativität – bei der ganzen aktuellen Debatte um nationalstaatliche Symbole angekommen. Fussballweltmeisterschaft als nationalstaatlicher Affirmationsversuch von unten (und ein wenig ja auch von oben).
Dazu mag jemand anders weiterschreiben.
6 Kommentare
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Hi Henrik,
Wie unterscheidet sich denn eine scheinbar in HD im Rahmen des SFB sich entwickelnde “dynamische Ritualwissenschaft” von einer herkömmlichen (nichtdynamischen?) Ritualwissenschaft – ich vermute, dass es Ritualwissenschaft auch schon vor Auflage des SFB gab…?
Gruß Matthias
Kommentar by Matthias Ochs — 25. Juni, 2006 @ 10:16 Uhr
Hallo Matthias,
dynamisch meint hier:
1. Auf die Entstehung, Adaptivität, das Ableben von Ritualen zu schauen (im Sinne von Prozessdynamik)
2. Struktur-, Sozial- und Geschichtsdynamik in Ritual(komplexen) zu adressieren
3. Die Dynamis im Sinne von Kraft und Wirksamkeit zu beschreiben
Ich selber setzte hier durchaus auch einen systemischen Dynamikbegriff an: Rituale als offene, nicht-lineare Systeme zu untersuchen. Systemische Perspektiven sind aber bei den kulturwissenschaftlichen Kollegen nicht sehr in, auch Luhmann nicht.
Außerdem hängt natürlich alles vom verwendeten Ritualbegriff ab. Was ist das überhaupt, ein Ritual?
Kommentar by Henrik Jungaberle — 25. Juni, 2006 @ 11:30 Uhr
Hi Henrik: Was haben die kutlurwissenschaftlichen den gegen Systemtheorie und Luhmann? Gruß Matthias
Kommentar by Matthias Ochs — 25. Juni, 2006 @ 14:21 Uhr
… die passen einfach nicht zu ihrer Kultur… Gruss, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 25. Juni, 2006 @ 18:01 Uhr
Ich meinte natürlich:
Was haben denn die kulturwissenschaftlichen Kollegen gegen Systemtheorie und Luhmann?
Gruß
Matthias
Kommentar by Matthias Ochs — 25. Juni, 2006 @ 18:57 Uhr
Da kann man natürlich auch gleich umgekehrt fragen: was haben denn Systemtheorie und Luhmann für die Kulturwissenschaft im Angebot? Es scheint eben eine Frage der Anschlussfähigkeit der Diskurse (und Kulturen) zu sein.
Beste Grüße
Tom Levold
Kommentar by Tom Levold — 25. Juni, 2006 @ 20:47 Uhr