Simons Systemische Kehrwoche

Geht nicht, gibt’s nicht!

Horst Kasper

Angela Merkel machte den Spruch zu einem Wahlkampfslogan. Seit der Bildung der großen Koalition und dem Regierungsantritt habe ich ihn nicht mehr gehört. Dachte, ich schau mal bei Google nach dem Geht-Nicht-Gibt’s-Nicht, kurz GNGN. Maiers Bettwarenfabrik in Bad Boll pflegt: „Wir machen (fast) alles möglich. Aufgrund unseres großen Zentrallagers finden Sie bei uns beinahe immer alle Artikel vorrätig. Und sollte einmal etwas nicht verfügbar sein, dann fertigen wir es in wenigen Tagen für Sie.“ Dazu sehr stimmungsvoll aufgemacht: „Ein schöner Tag beginnt mit einer guten Nacht.“ Na dann!

Aber auch „Tims neueste Kreation: Gebratener Seeteufel mit Morcheln und Muscheln und Orangen-Panna-Cotta“ findet sich neben 2.270.000 anderen Einträgen zu GNGN. Starker Spruch. Dabei hatte ich den immer der braunen Vergangenheit zugeordnet, wusste ich doch von den Erziehungsleitsätzen der Napola-Schulen und nun das: Zwei Millionen und zweihundertsiebzigtausend Einträge bei Google, quer durch Wirtschaft, Wissenschaft, private Homepages und Weblogs. Wer hätte das gedacht!

Dann entdecke ich es wieder bei der Politik, dieses Wort: „Wir in NRW packen’s an! Geht nicht, gibt’s nicht. Historisch. Angela Merkel zur ersten Bundeskanzlerin gewählt. Ehrlich. Rüttgers und die CDU“, ist auf der Homepage der CDU NRW zu lesen.

“Das geht nicht weil…” contra “Geht nicht, gibt’s nicht!”

Offenbar ist das ein Leitsatz, der sich auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche anwenden lässt: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Erinnere ich mich an Lehrerfortbildungen, fällt mir der Kontrapunkt ein: „Das geht nicht, weil …“ Tausend Gründe lassen sich finden, weshalb ein guter Vorschlag abzulehnen ist. In vielen Lehrerzimmern ist dieses Totschlagargument so wirksam, dass selbst der PISA-Schock nur zu einem kurzen Zucken Richtung Neuorientierung der eigenen Arbeit eines Kollegiums führt, dann haben die Bedenkenträger das Feld zurückerobert. Keine Konferenz ohne dieses „Das-Geht-Nicht-Weil“, bekräftigt durch Hinweise auf Vorschriften, fehlendes Geld, zu dumme Schüler, überlastete Lehrer: „Was sollen wir denn noch alles machen, wir arbeiten sowieso schon am Limit.“

Da kommt zum neuen Jahr 2006 mit allem Aufbruchdenken, allen Blick-Nach-Vorne-Reden so ein Motto gerade recht: „Geht nicht, gibt’s nicht!“

Die Krankenkassen erhöhen ihre Beiträge. Hartz-IV-Empfänger müssen mit telefonischen Kontrollen ihrer Arbeitsbereitschaft rechnen, Häuslebauer kriegen keine Eigenheimzulage mehr, die Gaspreise werden erhöht. Wer handelt da nicht alles nach dem Motto der Kanzlerin? Hat sie das wohl so gemeint? Im Sinne der Werbevariante: „Nichts ist unmöglich!“ Der Ex-Bundeskanzler hat gerade die dritte Heuer gleichzeitig angenommen. Diesmal nach dem Beraterjob bei Michael Ringier und dem Aufsichtsratschef unter Freund Valentin Putin auch noch den eines Redners, den eine berühmte New Yorker Agentur vermittelt. Frau Merkel sagt’s, Herr Schröder macht’s: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ „Nichts ist unmöglich!“ Und wenn ich da an deutsche Geheimagenten denke, die ihre lieben Kollegen in Syrien und anderswo auf der Welt mal ein wenig foltern lassen dürfen…

Auch im zurückliegenden Jahr 2005 gab es erschreckende Fälle von Jugendgewalt. Werden bandenmäßig betriebene Quälereien von Mitschülern plötzlich öffentlich, zeigt der Blick zurück auf das Entstehen solcher Selbstläufer, dass ausgesprochen oder unausgesprochen auch hier unser Leitsatz vom Geht-Nicht-Gibt’s-Nicht die Köpfe vernebelt: Da ist ein Feigling, wer vor den letzten Gemeinheiten zurückschreckt. Wie damals bei der Abrichtung des jungen SS-Nachwuchses. Auch kriminelles, ja sogar terroristisches Handeln bekommt eben seinen Drive aus diesem Grundsatz. Der Leitsatz als Instrument zur Erzeugung on Gruppendruck, also als Herrschaftsinstrument, ist daher unbedingt abzulehnen.

Und was folgt aus all diesen Beispielen? Auf die Moral hinter den Sätzen kommt es an, sonst läuft man unversehens Gefahr, mit gefährlichen sprachlichen Sprengminen zu arbeiten, die erst ihr wahres Wesen offenbaren, wenn irreparabler Schaden entstanden ist. Oder anders ausgedrückt: Es ist gut klare Prinzipien zu haben und zu formulieren, man muss aber darauf achten, dass sie nicht janusgesichtig sind. Der Spruch vom Geht-Nicht-Gibt’s-Nicht aber trägt ein Janusgesicht. Man sollte ihn unbedingt in die Mottenkiste verbannen. Oder aber ausschließlich den Köchen und Bettwarenherstellern zur Vermarktung überlassen. Zum politischen Leitsatz taugt er nicht.

Hilft GNGN bei der Raucherentwöhnung?

Vielleicht hat aber der Spruch doch auch seine Berechtigung. Und manchen Menschen könnte er zur Realisierung manch guter Vorsätze verhelfen. So war er ja auch von der Bundeskanzlerin in spe seinerzeit gemeint, will ich mal unterstellen.

Wenn denn ein Nikotinsüchtiger zum Entschluss gekommen ist, seiner Sucht zu entkommen, dann kann es ihm doch auch helfen, ein starkes Werkzeug im Kopf parat zu haben, nach dem er im Bedarfsfall greifen kann wie der Ertrinkende nach dem Rettungsring. Ich liefere deshalb auch gern die Eselsbrücke dazu: Geht nicht, gibt’s nicht = GNGN. Selbst gegen heimliches Rauchen auf dem Klo könnte der freie Wille sich so leichter durchsetzen und überhaupt in jeder Lebenslage des entschlossenen Nichtraucheranwärters. Glaube ich wenigstens.

Für heute grüßt Sie herzlichst Horst Kasper

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3 Kommentare

  1. Schnell noch einen Abendgruß für Sie, lieber Herr Kasper!
    Nach meiner Ansicht ist unsere neue Bundeskanzlerin nicht ein “Geht nicht, gibt’s nicht”-Typ im undifferenzierten Sinn, dazu ist sie viel zu analytisch, mag sie diesen Satz auch gesagt haben, aber sie hat Recht in Blick auf Denkbarrieren. Das merke ich immer wieder bei meinen vielen Ideen, wie man z.B. eine Schülerzeitung finanzieren kann, die Bedenkenträger sitzen nicht nur in den Kollegien, dort sicherlich beballt, sondern auch in Schülerreihen. Ich persönlich benutze diesen Satz nicht, mich erinnert er zu sehr an bestimmte Werbespots, bei mir heißt es dann: Jetzt lasst es uns doch mal probieren und wenn’s schief läuft, geht die Welt auch nicht unter! Und dann ziehe ich meine Ideen gemeinsam mit den anderen durch, mal klappt’s, mal nicht, aber es gibt einem das befriedigende Gefühl, es versucht zu haben. Von daher gilt für mich: Geht nicht, gibt’s nicht beim Anpacken von neuen Ideen sich zunächst zu sagen, finde ich “Gedankentüren” öffnend, danach muss aber viel mehr als diese Floskel kommen!
    Ich denke, lieber Herr Kasper, wir stimmen mal wieder überein!
    Ihnen noch einen schönen Abend!
    Ihr
    Klaus Schenck

    Kommentar by Klaus Schenck — 4. Januar, 2006 @ 22:49 Uhr

  2. Sie haben Recht, lieber Herr Schenck,

    wir stimmen da überein. Ich selbst würde diesen Satz selbst übrigens auch nicht verwenden. Aber wenn ich ihn verwendet erlebe, dann denke ich über die damit verbundenen Absichten und den möglichen doppelten Boden nach, auf dem er daher kommt.

    Wo auch immer Sie gerade Ihre Ferien verbringen, wünsche ich Ihnen noch ein paar schöne Tage und grüße Sie herzlich un versprechr Ihnen: Wenn Sie morgen wieder reinschauen, werden Sie Ihre helle Freude haben,

    Ihr Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 4. Januar, 2006 @ 23:45 Uhr

  3. naa suuuuupi, und von wem stammt denn jetzt der spruch im orginal..

    liebe grüße

    didi

    Kommentar by didi — 12. September, 2007 @ 19:52 Uhr

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