Guter Vorsatz: Tippen lernen
Horst Kasper
Liebe Leserin, lieber Leser,
heute will ich Ihnen mein kleines Geheimnis verraten, was ich mir für das neue Jahr vorgenommen habe. Ich gestehe Ihnen sogar, warum ich es Ihnen unbedingt verraten muss.
Schon lange habe ich mich immer wieder darüber (ein klein wenig) geärgert, dass ich zwar mit fast allen Fingern tippe, aber wie ich es schaffe, dies sogar ohne weiteres ziemlich fehlerfrei zu tun, wusste ich lange nicht. Heute weiß ich, dass dies mein prozedurales Gedächtnis geschafft hat. Immer wieder aber, wenn ich etwas müde bin oder in kurzer Zeit, also unter Zeitdruck, sehr viel zu schreiben habe, häufen sich die Fehler. Ich denke, das wird vielen Erwachsenen, die nie das Zehn-Finger-Blind-Schreib-Verfahren richtig gelernt haben, nicht viel anders ergehen.
Nun habe ich vor einigen Wochen ein vorzügliches Selbstlernmedium erworben, das ich nur wärmstens weiterempfehlen kann. Es ist der Tipptrainer von Duden. Eine CD enthält alles, was man dazu braucht. Sogar das Abschlusszertifikat, wenn es denn so weit kommt.
Ich gestehe: Schon zweimal habe ich angefangen. Jedes Mal kam etwas dazwischen. Zuerst eine Woche Handwerker am Haus. Danach lief es nicht mehr richtig. Kurz nach dem nächsten Neuanfang aber gab der Bildschirm meines Laptops seinen Geist auf und blieb schwarz. Neues Notebook, neues Jahr: Jetzt kann es nochmals los gehen.
„So ein Angeber!“, werden Sie vielleicht sagen. Irrtum! Halte ich dagegen. Genau das ist der Trick. Wenn ich mir etwas vornehme, erzähle ich es möglichst vielen Leuten. Das ist die beste Lernmotivation. Genau wie damals, als ich aufgehört habe zu rauchen, wovon ich gestern erzählt habe. Das ganze Kollegium nahm ich zu Zeugen, damals rund 40 Kolleginnen und Kollegen. Wieder anzufangen wäre eine schreckliche Blamage gewesen. So aber erreichte ich, dass mich immer wieder die eine oder der andere fragten: „Sie rauchen wirklich nicht mehr?“ „Wie hast du das nur geschafft? Wäre ich doch auch schon so weit.“ Sie glauben nicht, wie gut das für Ihr Belohnungssystem im Gehirn ist. Es schüttet Ihnen so reichlich Dopamin aus, dass Sie damit federleicht jeder möglichen Anfechtung widerstehen können. Das habe ich damals erlebt, als man noch nichts von Neuromodulatoren wusste, und seither bei unzähligen anderen Gelegenheiten. Heute, da ich etwas über die geheimnisvollen Boten zwischen den Neuronen weiß, kann ich darüber aus Überzeugung reden. Sie beflügeln offenbar sogar die Konstruktion des Zehn-Finger-Systems im Gehirn.
Mein Trick mit der Bekanntmachung funktioniert zwar nicht wie im Kommentar von Herrn Simon zu meinem gestrigen Blog über Geld. Dennoch haben beide Arrangements etwas gemeinsames: Sie binden den Nichtraucheranwärter ein in seine Umgebung. Der Weg von Herrn Simon und seinen Kollegen ist allerdings noch viel effektiver, weil er einen Schneeballeffekt hervorbringt mit gemeinsamen Spielregeln für viele. Ich blieb damals zunächst der einzige Neunichtraucher, bei Herrn Simon war es gleich das ganze Institut, welches in das Nichtraucherwettspiel involviert wurde.
Nun verspreche ich allen, die an Zeitfenster und sonstige Lernhindernisse glauben mögen, dass ich es – vielleicht in etwas längerer Übung als ein Zwanzigjähriger, da ich ja mein gut geöltes Individualsystem gleichzeitig „vergessen lernen“ muss – in diesem Jahr schaffen will, bis zum Abschlusszertifikat das Zehn-Finger-System zu lernen. Und Sie alle sind meine Zeugen! Glauben Sie, ich will mich vor Ihnen allen blamieren? Das werde ich bestimmt nicht. Also fange ich an und zwar heute, am 3. Januar 2006.
Hätten Sie Lust mitzumachen? Tun Sie es, wann auch immer Sie auf diesen Blog stoßen. Vielleicht sind Sie es – in welchem Beruf auch immer – ebenso Leid, mit zwei ausgestreckten Zeigefingern oder so ähnlich, jedenfalls auf gut Glück über die Tasten zu rasen und beginnen ebenfalls mit dem Tipptrainer. Sie erhalten ihn preiswert im Buchhandel. Bei der Stange zu bleiben fällt bestimmt allen Beteiligten viel leichter, wenn sie hier mitmachen. Schreiben Sie in diesem Fall einen kleinen Kommentar und senden Sie mir gleichzeitig eine Mail (siehe Kurzbiographie). Geben Sie Ihre Mail-Adresse bitte nicht hier an. Sie sollen keine Spam-Flut auslösen, was ja heute all zu leicht passiert. Und nun bin ich gespannt wie ein Flitzbogen, ob sich was und was sich ereignet.
Herzlichst Horst Kasper
7 Kommentare
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Lieber Herr Kasper,
Für den Tipptrainer interessiere ich mich sehr, weil ich gern blind tippen können WÜRDE. Aber ich befürchte, dieses Motiv ist bei mir nicht stark genug, um mich sozial zu binden und mich in der Klausur dem entsprechenden Training zu unterwerfen. Mich nochmals in eine Klasse zu setzen, dafür fehlte mir erst recht die Lust. Mein Leidensdruck als Vier-Finger-Tipperin ist nicht groß genug befürchte ich. Zu Ihrer gestrigen Nicht-Rauch-Animation und Ihrem konstruktiven Anliegen, ein Brainstorming zu den privaten Aufhör-Methoden zu initiieren, liegt mir jedoch noch etwas am Herzen.
Die Angst sich zu blamieren, Schwäche zu zeigen, der Wunsch nach einem guten Gewissen, Ehrgefühl etc. haben sich als die inneren Motive herauskristallisiert, an einer öffentlich bekundeteten Abmachung festzuhalten.
Soziale Bindung ist das Band, das die von Ihnen angesprochenen Themen miteinander verbindet. Belohnung, Beflügelung und Euphorie, wenn es funktioniert, erzeugen persönliche Glücksgefühle und Gefühle der Verbundenheit. So etwa stelle ich mir die Übereinkunft zu den 10 Geboten vor oder ähnlichen sozialen Konventionen, die ein reibungsloses, geschütztes und ethisch befriedigendes Zusammenleben ermöglichen.
Aber eine soziale Bindung kann sehr schnell als sozialer Druck empfunden werden und die angenehmen, positiven Gefühle gegenseitiger Bestätigung können bekanntlich umschlagen in Gefühle der Enge, der unerträglichen Angepaßtheit, der Aggressivität und dem Wunsch die Gebote zu brechen.
Ich bekomme Angst, wenn sich eine Mehrheit (über die Grundgebote hinaus) darauf einigt, was gut und was nicht gut ist und die Individuen sich harmoniesüchtig anschließen. Ich finde es ganz schlimm, dass Raucher (oder wer auch immer) ausgegrenzt werden. Ich finde es unerträglich, dass in öffentlichen Gebäuden das Rauchen verboten wurde, ich betrachte es als unbotmäßig, dass sich der Staat hier einmischt und unüberlegt, dass eine Mehrheit dem offenbar zustimmt.
Aus demselben Grund aus dem man das Rauchen öffentlich verbieten will, müsste man das Autofahren verbieten (!) ja und natürlich die Industrie. An dieser Unmöglichkeit zeigt sich die Fragwürdigkeit besonders des Rauchverbots.
Kreative Kampagne wie Ihre oder von Herrn Simon können individuelle Geistesblitze bewirken, den freien Willen anregen und eine persönliche Bekundung bewirken, dabei sollte es bleiben. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Herzlichst Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 3. Januar, 2006 @ 17:02 Uhr
Also, lieber Herr Kasper,
ich bin nicht nur von Ihren Büchern begeistert, sondern auch von diesem Vorschlag. Bei mir wichtigen und damit meist ehrgeizigen Zielen sage ich es anderen und deren Skepsis entwickelt in mir die richtige Power mein Ding durchzuziehen. Ich finde den Druck durch andere als hilfreich und er stärkt meine Entschlossenheit, – dieser Druck belastet mich nicht, sondern ist eine Chance das selbst Gewählte zu schaffen, folglich im eigenen Tun ein Stück Glück und innere Befriedigung zu finden.
(Privates Wort: Danke für Ihren Glückwunsch zu unserem Landessieg, dass ich diesen gemeinsam packen wollte, wusste auch “jeder”! Und jetzt arbeiten wir am Bundessieg, auch dieses Ziel haben wir in mehreren Zeitungen veröffentlicht, was für unsere Schülerzeitungsredaktion einen ungemeinen Motivationsschub darstellte, wiederum eine Bestätigung Ihrer Theorie! )
Ihnen ein gutes, erfolgreiches neues Jahr
mit vielen neuen Veröffentlichungen und Büchern!
Ihr
Klaus Schenck
Kommentar by Klaus Schenck — 3. Januar, 2006 @ 23:41 Uhr
Liebe Frau Taraba,
die Debatte über die Nichtraucherinitiative ging ja gestern auch mit Ihrer Beteiligung auf der Blogseite vom 2. Januar weiter. Ich werde mich mit der Diskussion um Rauchverbote dort auch weiter befassen.
Hier zu Ihren Gedanken zum Tipptraining. Das muss natürlich jede und jeder für sich entscheiden, ob es ihm wichig genug ist, sich der Disziplin dieses Trainings zu unterwerfen. Ich werde es jedenfalls tun. Schließlich will ich mir hier selbst und der Welt etwas beweisen, dass es nämlich möglich ist zu lernen bis ins hohe Alter. Außerdem ist es überaus praktisch und nützlich, wenn man es beherrscht.
Mir fällt da eine ganz andere Geschichte zum Vergleich ein: Als ich um die 50 war (vor gut 20 Jahren)begegnete ich manchem Altersgenossen, erzählte ihm davon, dass ich mit dem Computer angefangen habe und welche Vorzüge das für die Organisation der täglichen Arbeit bringe. “Das tu ich mir nicht mehr an”, war die typische Reaktion eines Kollegen. Sie glauben nicht, wie froh ich heute bin, an der technischen Entwicklung wenigstens etwas teil genommen zu haben. So nutze ich das inzwischen rasant weiter entwickelte und um viele damals unvorstellbare Funktionen erweiterte Gerät, während sich mein Kollege von damals mit immer neuen faulen Ausreden weiter drückt. Ich frage mich manchmal, ob er nicht aus reinem Überlebenswillen inmitten der technischen Innovationen doch noch anfängt, um sich die Vorteile etwa des E-Mail- oder Onlinebanking zunutze zu machen.
Natürlich macht es Mühe, sich im Zehn-Finger-System zu trainieren. Aber es macht auch viel Vergnügen etwas so Elementares zu lernen und die neuen Fertigkeiten zu genießen.
Herzlichen Gruß
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 4. Januar, 2006 @ 07:54 Uhr
Lieber Herr Schenck,
welch nette Überraschung, dass Sie hier einen Kommentar abliefern! Danke für die guten Wünsche, die ich gerne erwidern möchte. Natürlich stehe ich an Ihrer Seite in der Überzeugung, dass Ihre “Financial t’aime” die beste aller Schülerzeitungen bei der Bundesprämierung sein wird und drücke Ihnen auch ganz fest die Daumen.
Liebe Grüße, Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 4. Januar, 2006 @ 08:22 Uhr
Lieber Herr Kasper,
vielen Dank für Ihren Tipp! Ich selbst tippe bereits seit Schülerzeiten mit 10 Fingern – dank eines VHS-Kurses. Seitdem nun meine Tochter in der Grundschule den Umgang mit dem PC übt und Texte im 2-Finger-Suchsystem eingibt, frage ich mich nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens. Immerhin lernt sie etwas, was sie besser nicht können sollte: eine recht umständliche Schreibweise, die zu verlernen sicher einige Mühe kostet. So wird der Osterhase möglicherweise in diesem Jahr bei Duden einkaufen!
Ich freue mich auf Ihre weiteren Beiträge in dieser Woche!
Mit freundlichen Grüßen
Pia Mertens
Kommentar by Pia Mertens — 4. Januar, 2006 @ 08:35 Uhr
Tippen mit 10 Fingern ist eine der wenigen nützlichen Fähigkeiten, die ich im Schüleralter erlernt habe – wenn auch nicht in der Schule. Ich war ca. 12 Jahre alt, als ich es mit Hilfe eines Selbstlernkurses, die Reiseschreibmaschine auf den Knien, wegen einer Krankheit an das Bett gefesselt (nichts Ernstes…), als Mittel gegen die Langeweile erlernt habe. Da ich Fingerübungen schon damals eher lästig fand, habe ich dann Seiten des jeweils gerade gelesenen Buches “blind” abgeschrieben (Doktor Schiwago)… Woran man sich bei Bedarf so alles erinnert… Merkwürdig.
Gruss, FBS
Kommentar by FBSimon — 4. Januar, 2006 @ 09:21 Uhr
Liebe Frau Mertens,
danke für Ihren Kommentar. Das ist ja was: Ein Tipptrainer als Osterhase. Da können ja dann die zehn kleinen Fingerlein in echt hasenmäßigem Tempo lernen über die Tasten zu fliegen. Viel Erfolg dabei.
Lieber Herr Simon,
so eine Erfahrung hätte mir selbst auch gut getan. Mit dem Tipptrainer würde Ihnen das heute sicher noch mehr Spaß machen. Aber Sie waren bestimmt eh ein hoch motiviertes Kind. In meiner Kindheit war mit 12 gerade der Krieg vorbei, Doktor Schiwago noch nicht geschrieben und die Reiseschreibmaschine noch nicht auf dem Markt. Na ja, einen Markt gab es damals sowieso nicht.
Wie Recht Sie doch haben mit Ihrer Bemerkung, woran man sich bei Bedarf so alles erinnert.
Gruß, Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 4. Januar, 2006 @ 11:39 Uhr