Neue Schreibschrift
Horst Kasper
Derzeit gibt es wieder einmal eine typische Schuldiskussion mit ideologischem Konfliktpotenzial. Es geht um die Einführung der Grundschüler in das Schreiben. Die Befürworter der neuen Grundschrift loben ihre Orientierung am Gedruckten und erwarten, dass sich die Kinder damit leichter tun, weil sie nur ein System lernen müssen. Bisher lernen sie in der Regel erst Druckbuchstaben, schreiben mit diesen auch zuerst, ehe sie in einem zweiten Schritt die vereinfachte (lateinische) Ausgangsschrift einüben. Die Gegner der Grundschrift beklagen den drohenden Verlust der Handschrift in ihrer bisherigen Ausprägung mit den geschwungenen und verbundenen Buchstaben.
Die Erprobung der Grundschrift beginnt zum neuen Schuljahr. Manche Befürworter erwarten, dass vielen Kindern das Erlernen des Schreibens deutlich leichter fallen wird, einige sogar verbesserte Rechtschreibleistungen. Stutzig macht mich, dass die Auguren des Grundschulverbandes, um dessen Initiative es sich hier handelt, ein zweites Ziel für leicht erreichbar halten, das gar besonders wichtig sei: das Beherrschen der Computertastatur. Da aber müssten die Alarmglocken läuten: Die Schrift mit der Hand ist nicht mehr so wichtig wie das Tippen in die Tastatur?
Ein solcher Systemwechsel wäre bedenklich. Schon jetzt ist bekanntlich jeder vierte junge Erwachsene im elementaren Schreiben und Lesen nicht sattelfest, bedroht vom so genannten funktionalen Analphabetismus. Wenn man in zwei Jahrzehnten nur noch schreiben kann, wenn eine Tastatur dafür zur Verfügung steht, wird diese Zahl vielleicht gar drastisch ansteigen.
Mich wundert, dass zu dieser Diskussion (wenigstens nach meiner Beobachtung) die Hirnforschung schweigt; denn hier weiß man doch, dass für das Erlernen einer Kulturtechnik wie der des Schreibens sehr viel Zeit und Übung notwendig ist. Schließlich ist es mit dem Wachstum der entsprechenden Fertigkeiten im Gehirn verbunden.
Wie auch immer: Man sollte diesen systemrelevanten Vorgang nicht ein paar Fachleuten aus der Schule allein überlassen. Vor allem dann, wenn die Diskussion das in ihm schlummernde Glaubenskriegspotenzial freisetzen sollte (was gut sein kann).
11 Kommentare
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Einer meiner Söhne lernt Lesen durch Schreiben und dieses – soweit ich es verstehe – nach Gehör.
Nachdem wir z.T. recht skeptisch waren angesichts der vielen sehr schönen, nur eben leider garstig falsch geschriebenen Sätze … es scheint besser und besser zu funktionieren.
Und die Kinder haben offenbar wirklich Freude am Umgang mit dem Organon Schrift. Bequemlichkeit ist ein anderes Thema…
http://www.heinevetter-verlag.de/
http://rechtschreib-werkstatt.de/rsl/me/antab/html/einfuehrung.html
http://www.lehrer-online.de/anlaut.php
Auch hier freilich … Druckschrift reicht doch, warum soll ich Schreibschrift lernen? Wo wird man mit vorbildlicher Schreibschrift (Bandura) heute noch konfrontiert?
Der Älteste – auditiv und in Sachen Rechnen begabt – bei dem selbst die Druckschrift eine einzige Zitterpartie darstellt, kalkuliert ganz klar auf Aussitzen: alle Welt schreibt per Computertastatur und Drucker und demnächst … ich auch.
Wozu anachronistische Kulturtechniken lernen, wenn die Großen sie selbst nicht vorbildlich und mit unmittelbar nachvollziehbarem Gewinn voraffen? Die Unterschrift krieg ich noch hin.
Kommentar by Max Liebscht — 31. August, 2011 @ 08:50 Uhr
Wie schreibt Karin Knorr-Cetina:
„Warum sollen unsere interessenverankerten, instrumentell geschaffenen Wissenswelten irgendeine der Natur inhärente Struktur widerspiegeln? [...] Wissenschaftliches Wissen, sagt Feyerabend, ist nichts als eine Familie von Glaubenssätzen, gleich jeder anderen Familie von Glaubenssätzen. Systeme von Glaubensinhalten entwickeln sich in einem historischen und sozialen Kontext. Daher ist das Studium des ‹Faktischen› gleich dem Studium der Geschichte und der sozialen Welt.“
Die Hochschule ist mit Beamern hervorragend ausgestattet. Vor 10 Jahren brachte ich meinen mit zur Vorlesung. Heute nutzen die Studenten den Beamer. Ich pflege mein Tafelbild.
Wie schrieb Ludwik Fleck:
„Sehen heißt: im entsprechenden Moment das Bild nachzubilden, das die Denkgemeinschaft geschaffen hat, der man angehört.“
Oder auch nicht!
Kommentar by es — 31. August, 2011 @ 09:08 Uhr
Wenn ich mir die alten Briefe, neue gibt es nicht, der Ostverwandschaft anschaue, so gab es in der DDR nie eine richtige Schreibschrift. Ist der Grundschulverband etwa eine SED-Tarnorganisation?
Wie wird sich die Abschaffung der Schreibschrift auf das Geschäft der Graphologen auswirken?
Die Fälschung von Unterschriften wird vermutlich auch erleichert, sodass bald jederman Fidel Kastro hochrangige Grüsse übersenden kann.
Kommentar by duscholux — 31. August, 2011 @ 13:28 Uhr
“Verstehe”: Wir pflegen die Schreibschrift also um den Graphologen nicht die Nahrungsgrundlage zu entziehen.
“The Medium is the Massage” oder so ähnlich. Wobei sich die Konstruktionen der kleinen Universen und die kollektiv schon etwas schwieriger “durchzustandardisierenden” Universen wechselseitig massieren.
Das Tafelbild als in- und excludierender => sprich gemeinschaftsstiftender Ausdruck der Wertepräferenz für nachhaltiges, weil recycelbares Retrodesign.
Wie richtig richtig ist, weiß sogar das wiki zu differenzieren; http://de.wikipedia.org/wiki/Ausgangsschrift
So betrachtet (…) “ist das Studium des ‹Faktischen› gleich dem Studium der Geschichte und der sozialen Welt.” (Zitat s.o.)
Kommentar by Max Liebscht — 31. August, 2011 @ 13:48 Uhr
Die “Realitäten” da draußen bleiben da draußen, so lange niemand bereit ist sie zu meistern.
http://vimeo.com/12155835
Kommentar by es — 1. September, 2011 @ 09:05 Uhr
Kreml genehmigt Megatunnel zwischen Russland und USA, lese ich gerade.
Das 104 Kilometer lange Projekt, das Alaska mit Sibirien verbindet, soll Gütertransporte erleichtern, wird aber frühestens 2045 fertig gestellt. Umfangreiche Vorarbeiten sind noch zu leisten, heißt es.
Plötzlich überfällt es mich. Das Bild aus dem Erdkundeunterricht. Erst undeutlich, ein Käsebrot, dann ein Film, immer klarer und schneller. In Farbe, mit Ton.
Ja, das war sie. Unsere Erdkundelehrerin. Tür auf, mit schnellen, kurzen Schritten zum Pult, Stuhl auf das Pult gestellt und über dem wabernden und murmelnden Köpfen des Klassenkörpers wird ein Käsebrot ausgepackt.
Kauend erzählt sie. Kauen ist auch dem Klassenkörper erlaubt. Auch schmatzen. Aber nicht sprechen.
Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Narrativer Unterricht. Die Landschaften rauschen vorbei im Takt der langen Minuten. Käse und Brotkrümel bilden einen feuchten Bogen um das Pult. Die Notenjäger wussten am Ende des Schuljahres alle Stationen und Haltestellen der Transsibirischen Eisenbahn.
Vielleicht fallen sie mir wieder ein, bis 2045?
Welch visionärer Unterricht.
Kommentar by es — 1. September, 2011 @ 17:07 Uhr
@6. Darf ich Ihnen als Megahilfe mein kleines Büchlein “Mnemotechniken im Unterricht” (AOL-Verlag, Buxtehude, 2011) empfehlen? Damit schaffen Sie es garantiert ohne Käsebrot in wenigen Stunden, sich die Stationen der Transsib zu merken, so Sie das denn möchten. Das ist Wissenssteigerung, für die es geschickte Techniken gibt (die man auch sonst nutzbringend einsetzen kann).
Mit der Schrift ist es etwas anderes. Die Technik des Schreibens zu lernen ist der Erwerb von Können. Das erfordert viel Übung,was mit dem Wachsen ganzer neuer Strukturen im Gehirn verbunden ist. Da ist mit jahrelanger Mühe zu rechnen, die sich kaum abkürzen lässt. Wissen und Können sind (lerntechnisch gesehen) zwei Paar Stiefel.
Kommentar by Horst Kasper — 1. September, 2011 @ 18:01 Uhr
Gerne, Herr Kasper.
Kommentar by es — 1. September, 2011 @ 18:24 Uhr
Dass “die” Hirnforschung schweigt, rechne ich den diversen Wissenschaftspriestern, ja Bischöfen und Päpsten hoch an. (Wer Gedanken lesen kann!) Wahrscheinlich kommt diese adelige Zurückhaltung daher, dass in deren Gehirnen inzwischen entsprechende Strukturen bzw. Fähigkeiten gewachsen sind.
Etwas ernsthafter zu der verbreiteten und daher konsensfähigen Verkürzung der Thematik Henne und Ei in diesem Kontext: Müssen erst die befähigenden Strukturen gebildet und ausgereift sein damit Hirnforscher und ABC-Schütze nicht durch erzieherischen Ehrgeiz in Sachen Kulturtechnik-Vermittlung überfordert werden oder müssen Hirnforscher erst Zurückhaltung üben und ABC-Novizen den Schreibschwung üben, üben, üben damit die Strukturen ausgebildet werden können?
Durch diese ökosystemischen Meditationen dieses Bateson verwirrt, habe ich bislang angenommen, dass sich das Üben und Strukturenwachstum in den Gehirnen zueinander verhalten wie die Kollusionisten in einer Ehe. Zwar kann einer dem anderen vorhalten, dass der mit Verhalten xyz zuerst Schuld auf sich geladen habe und daraus alles weiteres erst erwachsen sei – in Respekt der Ansichten bzw. Hirnreifezustände von Jürg Willi, Helm Stierlin (“Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen”) und bereits Martin Buber, dass beide füreinander Ökologien darstellen, welche sich in Koevolution entwickeln, stellt dies freilich eine eher weniger systemische Komplexitätsreduktion dar. Falls dieser Zweig der Theoriebildung nicht daher rührt, dass Bateson einen Knubbel zuviel oder zu wenig im Gehirn hatte oder das Ganze auf unmäßige Aufnahme von Nervengift (Wisky) zurückzuführen ist.
Kommentar by Max Liebscht — 2. September, 2011 @ 05:55 Uhr
@9. Zur Klärung der Funktion des prozeduralen (unbewussten) Handlungsgedächtnisses schlage ich Ihnen der Einfachheit halber einen kleinen Selbstversuch vor, lieber Herr Liebscht: Geben Sie Ihren Fingern der rechten Hand die Ziffern 1 (Daumen) bis 5 (Kleinfinger). Schreiben Sie sich nun eine kleine rhythmische Ziffernfolge auf etwa 11135312554321. Trommeln Sie nun immer wieder diese kleine Ziffernfolge vor sich hin. Wahrscheinlich werden Sie zuerst ganz bewusst immer wieder Daumen, Daumen, Daumen, Mittelfinger, Kleinfinger, Mittelfinger, Daumen usw. bewegen. Wenn Sie diese Ziffernfolge über mehrere Tage immer wieder vor sich hintrommeln, werden Sie sich wahrscheinlich irgendwann (nach zusammen vielen Dutzend Versuchen) dabei ertappen, dass Sie gar nicht mehr denken müssen. Ihre Finger trommeln wie von alleine in der richtigen Reihenfolge. Dann hat Ihr Gehirn die entsprechenden Synapsen geschaltet und “kann” den Rhythmus, ohne dass Sie immer wieder “denken” müssen: Daumen, Daumen, Daumen usw.
Wenn Sie so weit gekommen sind, haben Sie verstehen gelernt, wie Ihr prozedurales Gedächtnis funktioniert. In Ihrem Gehirn sind neue Synapsen gewachsen. Schreiben lernen ist noch um einiges schwieriger. Im kleinen Experiment waren Ihnen die Finger und die Ziffern schon bekannte Größen. Buchstaben und die bewusste Wahrnehmung von Lauten, das muss aber zum Beginn der Schulzeit erst als System gelernt werden. Die Verbindung mit dem Schreiben ist die Verknüpfung mit einem weiteren differenzierten System. Das schafft unser Gehirn dank seiner Plastizität durch echtes organisches Wachstum. Diese fortschreitende “Verkabelung” lässt sich zuerst vergleichen mit dem Gang durch hohes Gras, in dem eine Art Trampelpfad entsteht. Wenn wir es schließlich bis zum fertigen eigenen Schriftbild geschafft haben, ist da eine organische Datenautobahn gewachsen. Da mussten gleich mehrer Zentren intensiv miteinander verknüpft werden. Und es gibt dazu nur einen Weg: Jeder muss das eigene Gehirn selbst soweit bringen und trainieren. Es ist mühsam, aber unvermeidlich. Und Ihre lieben Kleinen und Größeren brauchen die Eltern, die den Fortschritten mit dem nötigen Respekt begegnen; denn das Können, das (nie) am Ende steht, ist ein kleines Wunder, das sich in jedem Heranwachsenden vollziehen muss.
Kommentar by Horst Kasper — 2. September, 2011 @ 11:10 Uhr
Diesem schönen Vorschlag zum Selbstexperiment nach, neigen Sie beruhigenderweise doch nicht zu diesen tückischen wenn- dann- Zusammenhangsbehauptungen. “Weil nicht geübt wurde..”, “weil das Gehirn noch nicht so weit ausgereift ist…”, diese Konstruktionen treffen nicht das, worum es geht und verführen zu pädagogischen Kürzschlüssen bis hin zum “Ich bin nicht faul sondern soll Euch einen schönen Gruß von meinem Gehirn ausrichten: Ohne Schokolade kann mein Gehirn gar nicht lernen.” Mir ging es um das koevolutive Mapping zwischen den interdependenten Ökologien “sozialer Gehirne” und indiviueller Gehirne.
Kommentar by Max Liebscht — 2. September, 2011 @ 12:42 Uhr