Simons Systemische Kehrwoche

Dynamik

Matthias Lauterbach

Die Dynamik, die sich in Gruppen und Teams entwickelt, bleibt ja faszinierend in ihrer Unvorhersagbarkeit und jeweils eigenwilligen Ausgestaltung. Gestern Abend auf den Fußballplätzen war das bei den vier noch beteiligten Teams sehr schön zu beobachten mit den Unterschiedlichkeiten, die sich dann z.B. im Spielfluss, der Genauigkeit der Pässe, in dem Herausspielen von Chancen einerseits und in den zwischendurch eingeblendeten Gesichtern der Spieler andererseits spiegelte. Natürlich nimmt ein Teil der Dynamik, die sich in Gruppen entwickelt immer Bezug auf die Rahmenbedingungen (ist die Gruppe für Tage in einem Kellergewölbe eingepfercht oder tagt sie in einem Luxushotel?). Um Dynamiken „anzuheizen“ haben sich Gruppenleiter in den Jahrhunderten viel einfallen lassen. Meine intensivsten Gruppenerfahrungen habe ich –da ich nicht beim Bund war– in der gruppendynamischen Szene der 70er und 80er Jahre gemacht. Da waren zum Einstieg in residential workshops soziometrische Explorationen zu Kriterien wie „wer möchte mit wem am liebsten, weniger gern….gar nicht schlafen?“ sehr aussichtsreich, um schnell eine Dynamik auf hohem emotionalen Niveau zu erzeugen. Ich vermute, dass dies bei den Fußballmannschaften auf anderem Wege erreicht wurde.

Als Leiter von Seminaren, Workshops beschäftigt mich oft die Frage, wie die potentiellen Dynamiken einer Gruppe für die jeweilige Aufgabe optimal genutzt werden können. Üblich sind Überlegungen, wie z.B. die Qualifikationen, die Fachlichkeiten, die Alterzusammensetzungen genutzt werden können, etwa mit der Frage, wie die Älteren und wie die Jüngeren die Aufgaben lösen würden. Und so bin ich zu der Frage gekommen, welche Rolle das Gewicht einer Gruppe spielt: Hängt die Dynamik, die Atmosphäre, der Erfolg von Seminaren von dem Gesamtlebendgewicht (GLG) der Seminarteilnehmenden ab? Ist ein hohes oder eher ein niedriges GLG günstig? Und bei welchem Thema welches GLG? Macht es einen Unterschied, ob das GLG von wenigen oder vielen Teilnehmenden aufgebracht wird? Was ist der Unterschied, wenn viele Teilnehmende ein sehr geringes GLG aufbringen (anorektische Variante) oder wenn wenige Teilnehmende ein sehr hohes GLG aufbringen (obise Variante)? Auch hier könnte die Frage der Zusammensetzung interessant sein: wie würden die eher Übergewichtigen, wie die eher Asketischen eine Aufgabe lösen? Welche unterschiedlichen Lebenseinstellungen, Lebenserfahrungen zeigen sich als Ressource in einem solchen Parameter wie dem Körpergewicht und wie ist das für die Erfüllung einer Aufgabe zu nutzen. Stimuliert wurde die Suche nach Antworten durch ein kürzlich durchgeführtes Seminar zum Gesundheitscoaching, bei dem 18 Teilnehmende ein GLG aufbrachten, wie ich es sonst nur von Großgruppenveranstaltungen kenne. Dabei bleibt dann das Lachen rasch im Halse stecken: einerseits stellte sich in diesem Fall die seminartechnische Frage, wie alle Teilnehmenden in die geplanten Ausdauerbewegungen zu integrieren sein sollen (was die mitwirkende Trainerin vom Deutschen Turnerbund brillant löste). Andererseits kommen wir da irgendwie an die Grenzen unserer gnadenlos ressourcenorientierten Sicht. Deswegen hier ein kleiner Abschweif aus der Gruppen– in die Gesundheitsdynamik:

Was läuft da lebensgeschichtlich und was läuft da gesamtgesellschaftlich: Warum, wozu und wie werden so viele so fett? Ist dies ein von allen Parteien in geheimer Zusammenarbeit mit der Nahrungsmittelindustrie, den Schulen, den Werkskantinen etc. geschickt inszenierter kollektiver Suizid – zur Lösung der Rentenprobleme, zur späten Sühne der deutschen Verbrechen oder soll der deutschen Sache mehr Gewicht gegeben werden, oder sollen Fettspeichern zwecks Vorbereitung des nächsten Krieges angelegt werden….?

Je mehr ich mich mit ganzheitlichen, systemischen Gesundheitsmodellen auseinandergesetzt habe, um so faszinierter war ich von der umfassenden Fähigkeit des Systems „Mensch“, die eigene Gesundheit zu balancieren – wenn man ihn nicht dabei stört. Das biopsychosoziale System ist in der Lage, die gängigen Anfeindungen auszugleichen, für Heilung zu sorgen. Nur extreme Herausforderungen wie es unbekannte Krankheitserreger, penetrierende Gegenstände wie Gewehrkugeln, Autoteile etc. sind oder grobe Fehler in der genetischen Codierung, machen Hilfestellungen zwingend erforderlich, um den Selbstheilungskompetenzen eine Chance zu geben. Natürlich bleiben wir nicht immer in einer Balance, die unserem biopsychosozialen System die optimale Auseinandersetzung mit den Herausforderungen ermöglicht – auch für die Wiederherstellung der Balance gibt es entsprechende Hilfestellungen, die im weitesten Sinne ausgleichend wirken. Trotzdem entgehen wir nicht unserem Schicksal, wir werden krank und sterben und wer krank ist, ist nicht nur „selbst schuld“. Das Annehmen des Schicksalhaften ist in diesem Sinne ein Teil einer gesunden Balance. Erschreckend ist nur, wie wir systematisch, fast kollektiv die gigantischen Selbstheilungspotenzen unserer individuellen Systeme außer Kraft setzen: durch bewusste Fehlernährung, aufmerksames Vermeiden „unnötiger“ Bewegung, gezieltes und anhaltendes Umschiffen möglichst vieler Biorhythmen, gut abgesicherte Abwertung von Sinnfragen und spirituellen Orientierungen etc. Die Liste lässt sich fortschreiben und zu allen Punkten sind ausführliche Handlungsanleitungen verfügbar. Winston Churchill („no sports“) und der ständig in Qualmwolken eingehüllte Helmut Schmidt (der wohl seine Haltbarkeit über Räuchern erreicht hat) werden zu Kultfiguren des Altwerdens unter Extrembedingungen.

Natürlich weiß jeder und jede, wie es mit der eigenen Lebensbalance, mit der Gesundheit, anders gehen könnte. Und es geschieht seit einigen Jahren etwas Interessantes: offenbar ist eine Situation erreicht, die dazu führt, dass das kollektive Ausschalten der Selbstheilungskräfte nicht mehr bezahlbar ist. Nun wird damit die (Wieder-)Herstellung der Balancen zum Markt. Gesundheit und Prävention sind das Thema, das Gewinne verspricht: Zeitschriften, Bücher, Mucki-Buden, Kleidung, Accessoires, Bio-Lebensmittel, Trainingsangebote….. boomen. Einfaches Mineralwasser ohne Kohlensäure wird zum Kultgetränk. Vielleicht ja ein gutes Zeichen oder doch nur eine Modewelle, zufällig etwas gesünder als die vorherigen?

Zurück zu den Gruppendynamiken: machen wir uns heute doch mal den Spaß einer kleinen, experimentellen, (imaginierten oder realen) soziometrischen Exploration der Gruppen, mit denen wir zu tun haben: wer ist jetzt gerade mit sehr viel…. sehr wenig Lebensenergie unterwegs? Und dann schauen wir mal, wie sich die Gruppen sortieren, was das für Auswirkungen hat auf die Atmosphäre, die Dynamiken, den Spaß, die „gefühlten“ Beziehungen, die Arbeitsergebnisse….. etc. Wo stehen Sie selbst und wie kommen Sie gerade da hin? Sind Sie in guter Gesellschaft? Und wenn Sie immer wieder am unteren Ende der Skala stehen: was ist los mit Ihnen??

Alle nehmen sich jetzt zwei Besen und wir gehen gemeinsam noch eine Stunde Kehraus-Walken.

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1 Kommentar

  1. Die Idee das Gesamtkörpergewicht einer Grossgruppe zu messen, finde ich genial. Wie wäre es mit dem Lebendgewicht einer Nation? Oder zum Beispiel: Sollte die Stimmverteilung in der UNO oder im Sicherheitsrat nicht nach Gewicht verteilt werden (“gewichtete Mehrheiten”)?

    Aber würde sich da überhaupt was ändern? Die Afrikaner wären immer noch untergewichtet und die USA würden wahrscheinlich immer noch mit Indien mithalten können.

    Auf jeden Fall ein Ansatz, der wissenschaftliche Behandlung verdient. Danke für die Anregung…

    Kommentar by FBSimon — 1. Juli, 2005 @ 18:47 Uhr

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