… new kid on the blog
Tom Levold
Mit etwas gemischten Gefühlen habe ich – nach anfänglicher Begeisterung – diesem Moment entgegengesehen, in dem die Rolle des Blogschreibers an mich übergeht (Hallo, Thomas Siefer – ich bin’s also – und ich würde wie Sie auch begrüßen, wenn der Verlag schon mal ankündigen würde, wer noch so alles auf der “Blogwart”-Liste steht. Andererseits ginge dann aber auch der Überraschungseffekt verloren, der ja seinen eigenen Charme hat – wie das Weihnachtswichteln).
In seiner Einladung zur Mitwirkung an diesem Blog schrieb Fritz Simon im Frühjahr den Autoren: “Im schlechtesten Fall hat jeder, der sich da bereit erklärt, für eine Woche der Welt seine intimsten Gedanken mitgeteilt, und die Welt hat sich nicht darum geschert; im besten Fall werden Kontroversen angestoßen, die Aufmerksamkeit auf systemisches Denken und Beobachten, den Autor und seine Bücher (und natürlich auch ein wenig auf den Verlag) richten”.
Ich werde versuchen, den schlechtesten Fall schon dadurch zu vermeiden, dass ich meine “intimsten Gedanken” für mich behalte (mit dem Vorteil, dass auch niemand gezwungen wird, sich nicht drum zu scheren). Der beste Fall ist damit natürlich auch noch längst nicht eingetreten – auch wenn der Verlag mittlerweile, und sicherlich zu Recht, seine Aufmerksamkeit schon bekommen haben dürfte (ein Dankeschön an dieser Stelle daher nicht nur an die Verleger, sondern vor allem an das engagierte und nette Mitarbeiterteam).
Erfreulich ist in jedem Fall aus meiner Sicht, dass das Internet auch in der systemischen Szene hierzulande allmählich als Kommunikationsmedium beachtet und genutzt wird – von einigen Wenigen offensiv und begeistert, von den Meisten wohl eher zurückhaltend und skeptisch, von Manchen vielleicht manchmal auch etwas verunsichert und ängstlich. Dies gilt wahrscheinlich erst recht in Bezug auf das neue Medium der Blogs, wenngleich es in den vergangenen Jahren zunehmend bekannter geworden ist, spätestens, als durchsickerte, dass die Präsidentschaftskampagne von Howard Dean im demokratischen Lager ihre Unterstützung und ihren Erfolg im Wesentlichen den zahlreichen Internet-Blogs verdankte, auch wenn dieser letztlich gegenüber John Kerry das Nachsehen hatte.
In den USA, und auch anderswo, ist also das Bloggen als Mittel der politischen Kommunikation schon ziemlich vorangeschritten – und wenn man sich den Grad der Gleichschaltung in den US-amerikanischen Massenmedien vor Augen führt (der wahrscheinlich selbst die sowjetische Nomenklatura hätte vor Neid erblassen lassen – angesichts der zwanglosen Übereinstimmung von Wahrheitskommunikation und für wahr halten beim großen Publikum), kann einem das schon als eine neue – und sehr intelligente – Form zivilen Widerstands erscheinen: Widerstand gegen eine sich in Echtzeit synchronisierende und mögliche Unterschiede sowohl in den gewählten Themen wie den artikulierten Meinungen zunehmend auflösende, also Komplexität vernichtende Kommunikationsmaschine, in der es kaum noch wirkliche, d.h. persönlich haftende Absender gibt und die Addressaten nur noch als Zielgruppen mit jeweils spezifischem Kaufverhalten angesprochen werden.
Insofern erscheint mir die ironische Aussage im einem amerikanischen Dictionary, das mit dem neuen Apple-Betriebssystem mitgeliefert wird, nicht mehr ganz aktuell zu sein, dass nämlich Weblogs von “twenty-something Americans with at least an unhealthy interest in computers” betrieben würden.
Ob mein Interesse an Computern ungesund ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen (in meiner Familie ist man da geteilter Meinung). Ich glaube aber, dass wir heute nicht mehr an diesen neuen Technologien vorbeikommen. Zum einen, weil sie mittlerweile viel preiswerter und komfortabler sind als noch vor 10-15 Jahren. Als ich für den Weltkinderschutz-Kongress 1990 in Hamburg (mit 2.000 Teilnehmern) als Kongress-Sekretär arbeitete, hatte ich 16 (!) vollgestopfte Aktenordner auf meinem Schreibtisch stehen. Den EFTA-Kongress in Berlin 2004 (mit 3.500 Teilnehmern) bereiteten wir (von den ohnehin notwendigen persönlichen Sitzungen einmal abgesehen) fast ausschließlich per e-Mail vor, zugegebenermaßen mit Abstufungen in der Virtuosität der Technik-Handhabung bei Beteiligten, Referenten und Teilnehmern – aber es funktionierte letztlich wunderbar. Auch wenn man im fortgeschrittenen Alter meist nicht mehr ohne Weiteres in der Lage sein dürfte, sich in die technischen Grundlagen des Internet einzuarbeiten, ist dies im Unterschied zu früher also längst kein Argument mehr gegen seine Benutzung wie andere geläufige Kommunikationsmittel.
Ein Hauptgrund dafür, das Internet nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv zu nutzen, scheint mir aber darin zu liegen, dass wir es diese Kommunikationsform nur so vor der auch hier drohenden Gleichschaltung und Kommerzialisierung retten können. Die Auseinandersetzungen der Zukunft werden nicht nur um Religion oder Wasser geführt, sondern sicher auch um die Freiheit der Information. In einer Gesellschaft, in der nicht nur menschliche Gene, sondern zunehmend auch geistige Produkte patentiert werden sollen, in der man sich schon jetzt in Bezug auf viele Dinge keine (unabhängige) Meinung mehr bilden kann, weil die Informanten schon “embedded” sind (wie die amerikanische Kriegsberichterstattung), Wissen also nur noch gegen Geld oder politisches Wohlverhalten zu bekommen ist, muss die Informationsfreiheit noch einmal neu definiert – und erkämpft werden.
Aus diesem Grund bin ich ein überzeugter Verfechter der Open-Source-Bewegung, die für die freie Verbreitung von Texten (und Software-Codes) im Internet eintritt. Hier ist jeder Mensch als Autor willkommen, Informationen und Wissen mit anderen zu teilen, ohne die Kontrolle kommerziellen Wissens- und Informationsagenten zu überlassen, mögen sie Bill Gates oder anders heißen. Wie wunderbar das funktionieren kann, zeigt die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia, in der die Vernetzung einer Vielzahl von Mitwirkenden nicht nur zu einer Akkumulation von Wissen, sondern auch seiner Korrektur und Aktualisierung beiträgt, und das in einem Zeitfenster, das jeder Druckversion weit überlegen ist.
Dabei glaube ich nicht, dass die Inanspruchnahme dieser Freiheit der Information und des Wissensaustausches mit den Interessen von Verlegern unvereinbar ist. Schließlich können Verlage im Durchschnitt nur in Projekte investieren, die sich auch verkaufen lassen. Und sie schaffen dafür Produkte (in der Regel schöne Bücher), die ihren Preis auch wert sind. Aber nicht alles, was sich mitzuteilen lohnt, lässt sich auch verkaufen, meist aus dem Grunde, dass die Zielgruppe zu klein ist. Solche Überlegungen spielen im Internet keine Rolle. Ich möchte nicht ohne Bücher sein. Verlage spielen eine wesentliche und unverzichtbare Rolle bei der Verbreitung von Wissen. Vor allem die engagierten kleinen und mittelgroßen Verlage leisten da Großartiges, und oft sehr uneigennützig (ein Kompliment an Gunthard Weber, Fritz Simon und den Carl-Auer-Verlag). Das Internet bietet darüber hinaus aber eine andere Form und Technologie der Wissenskommunikation, die mit den Print-Medien eine produktive Allianz eingehen könnte. Beide Bereiche einander entgegen zu stellen, halte ich für einen Fehler. Das Internet bietet Möglichkeiten der Aktualität wie auch der Zugänglichkeit zu historischen Quellen (Online-Archive), die im Print-Bereich sowohl aus Zeit- wie Geldgründen nicht zu realisieren sind. Ich glaube, dass von diesen nicht-kommerziellen Aktivitäten im Internet letztlich auch der Print-Sektor profitieren kann. Allerdings scheint die zunehmende Kommerzialisierung des Wissenszugangs im Internet darauf hinaus zu laufen, dass auch dieses Medium immer mehr in die Hände von Leuten und Firmen gerät, die sich für die Inhalte und ihre Vernetzung nicht mehr wirklich interessieren.
Deshalb finde ich wichtig, das Internet als Kommunikationsplattform intensiv zu nutzen, auch für uns Systemiker. Es gibt ja schon eine Reihe von Ansätzen. Das “gepfefferte Ferkel” von Heinz Kersting & Freunden hat wichtige Akzente gesetzt. Die systemische Mailingliste ist ziemlich aktiv, wenngleich sie als Blog wahrscheinlich lesefreundlicher wäre. Das “systemagazin”, das ich seit Januar als nicht-kommerzielles Online-Magazin für systemische Entwicklungen betreibe, hat in der letzten Woche seinen 50.000sten Besucher verzeichnet. Das ist erfreulich. Allerdings ist die Zahl der direkten Rückmeldungen noch ziemlich klein. Ich muss mein feedback dann bei meinen Freunden und Bekannten holen – der erträumte direkte Austausch von Schreibern und Lesern ist noch nicht Alltag.
Aus diesem Grund finde ich dieses Projekt sehr reizvoll. Und vielleicht lesen viel mehr diesen Blog, als es aufgrund der bisherigen Rückmeldungen den Anschein hat. who knows…
16 Kommentare
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Lieber Tom,
willkommen im Sandkasten…
Dein Plädoyer für das Internet kann ich gut verstehen, vor allem vor dem Hintergrund der beschriebenen Gleichschaltung der Medien (Beispiel USA). Welche neuen Freiräume sich ergeben, wenn man das Netz nutzt, erlebe ich seit Jahren, wenn ich im Sommer in der Einsamkeit der kanadischen Wälder sitze (kaum Menschen dort) und gleichzeitig den Bezug zur restlichen Welt behalte, weil ich per mail erreichbar bin, deutsche Zeitungen lesen und recherchieren kann, falls ich was schreibe usw.
Allerdings zeigt sich dann auch die Abhängigkeit von diesen Höllenmaschinen, wenn – wie bei mir letzte Woche – das Ding seinen Geist aufgibt…
Der Auer-Verlag ist auf jeden Fall, um den von Dir gesponnenen Faden aufzunehmen, bereit und willig, sich an der Vernetzung des systemischen Feldes aktiv zu beteiligen. Das geht manchmal nicht, ohne dass auch im Netz Geld verlangt wird (schliesslich kostet es auch etwas, und die Mitarbeiter sind dummerweise meist nicht dauerhaft bereit, ehrenamtlich zu arbeiten), aber die Kosten stehen in keiner Relation zu dem Nutzen, der so erreicht werdenn kann.
Dass Du das Systemagazin gegründet hast, finde ich eine sehr verdienstvolle Idee – und ich zumindest schaue regelmäßig rein. Was wir jetzt bei Auer begonnen haben, ist, den unterschiedlichen systemischen Instituten die Möglichkeit zu eröffnen, die aus ihrer Sicht (keine Zensur) wichtigen Artikel ins Netz zu stellen, so dass jeder Interessierte sie sich für etwa die Kosten einer Fotokopie herunterladen kann. Auf diese Weise – das ist wenigstens die Idee – können Ausbildungskandidaten sich ihre Lehrmaterialien am einfachsten beschaffen, und Artikel aus Fachzeitschriften, die nach kurzer Zeit – unabhängig von der Qualität – in der Regel vergessen werden, bleiben zugänglich (falls das unbekannt ist: Der Autor hat in solchen Zeitschriften nach einem Jahr wieder das Copyright und kann ihn daher ins Netz stellen). Und die Insititute brauchen keine dicken Aktenordner mit zu verteilenden Kopien etc.
Für weitere gute Ideen zur Nutzung des Netzes sind wir offen… Die Chancen sind meines Erachtens deswegen nicht schlecht, weil das, was in den Main-Stream-Medien so geboten wird, ja oft wirklich ziemlich blöd und unintelligent ist. Wenn man in die USA (und Kanada gehört zu diesem televisionären Raum, so dass ich mich als Vielfernseher da gut auskenne) schaut, so ist es erschreckend, wie wenig kritisch berichtet wird. Alles embedded… Von systemischem Denken keine Spur.
Manchmal frage ich mich, wie die Politik (z.B.) aussähe, wenn da mehr systemisches Gedankengut verbreitet wäre. Mein Kriegsbuch habe ich beispielsweise ca. 3 Monate vor dem 11. 9. 2001 veröffentlicht, so dass ich zu der Zeit öfter von irgendwelchen Journalisten zum kommenden Irakkrieg interviewt wurde. Mit dem etwas ambivalenten Stolz des Besserwissers kann ich behaupten, dass ich – ausser dem schnellen Scheinsieg der “Allianz” – die Entwicklung so vorher gesagt habe, wie sie jetzt auch eingetreten ist. Nicht weil ich so schlau bin, sondern weil dies aus systemischer Sicht so einfach sehr wahrscheinlich war…
Also noch einmal: Willkommen als new kid on the blog, vielleicht retten wir so ja die Welt – und wenn nicht, dann haben wir wenigstens die Befriedigung, es ja eh schon immer vorher gesagt zu haben, dass alles schlimm enden wird (oder auch das Gegenteil),
beste Grüsse Fritz
Kommentar by FBSimon — 29. August, 2005 @ 10:11 Uhr
Ein nicht unerhebliches Moment beim Blog ist der zum Teil erhebliche Zeitaufwand. (Nach dem Motto: “Der Computer spart mir Zeit ein, die ich mit ihm dann verbringen kann”)…
Meine Stieftochter empörte sich vor einiger Zeit über einen nächtlichen Anrufer, der sie aus dem Schlaf gescheucht hatte. Ebenso vehement wurde aber die Nutzung des Ausschalters abgelehnt -”unvorstellbar” sei es, so die Antwort.
Sie macht inzwischen einen Selbsterfahrungskurs (ihr Handy wurde geklaut ): es geht auch ohne – aber irgendwie auch nur “irgendwie”.
Survival-Training scheint angesagt, wo die Selbstbedeutung sich von der Erreichbarkeit oder “Präsenz” abhängig macht.
Die Frage, inwiefern man es sich leisten kann, sich aus Diskursen – zumal öffentlichen – auszuklinken, ist möglicherweise nur eine andere Art des Nichtabschaltens; eine “alternative” Form zur Verleugnung der Sterblichkeit…
Zumal diese Art der Internet-Kommunikation auf jeden Fall eine sinnvolle Wirklichkeitskonstruktion nahelegt. Oder eine “embeddedte”?
Kommentar by Thomas Siefer — 29. August, 2005 @ 18:26 Uhr
Lieber Tom Levold,
Auch ich schaue gerne in Ihr “Systemmagazin” hinein. Beeindruckt bin ich davon, dass Sie neben Ihren sicherlich sonstigen sehr zeit- und energieaufwändigen beruflichen Tätigkeiten Zeit und Energie finden, dieses schöne Internetplattform zu betreiben. (Ich habe mit einem familientherapeutischen Kollegen gerade einen Ratgeber darüber geschrieben, wie Männer Arbeit und Familie gut unter einen Hut bringen können und bin deshalb neugierig, wie Männer das tatsächlich konkret machen etwa auch noch die eigenen Regenerationsbedürfnisse mit unter diesen Hut „zu klemmen“.)
Neben den Online-Publikationen finde ich es wichtig, dass in der bundesrepublikanischen systemischen Landschaft die Print-Fachzeitschriften (als da wären „Kontext“, „Familiendynamik“, vielleicht noch „Psychotherapie im Dialog“ – leider nicht mehr „System Familie“) nicht in den Hintergrund treten. Sowohl „Kontext“, als auch „Familiendynamik“ besitzen bedauerlicherweise keinen Impact Factor und sind meines Wissens auch nicht in den internationalen bibliographischen Datenbanken Current Contents oder SSCI (Social Sience Citation Index) indiziert. Dies macht die Zeitschriften für den universitär-wissenschaftlichen Kontext (wo man auf die internationale Reputation der Zeitschriften, in denen man veröffentlicht, ein wenig angewiesen ist) ein klein bisschen uninteressant (wenngleich ich persönlich diese Zeitschriften sehr schätze). Die Zeitschrift „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ – auch, wie „Kontext“ eine Vandenhoeck und Ruprecht Zeitschrift – besitzt sowohl Impact Factor (wenn auch einen recht niedrigen, ich glaube aktuell irgendwo unter 0.5) als auch entsprechende Indizierungen. D.h., wenn in Amerika ein Wissenschaftler etwa in der Datenbank Medline recherchiert und etwa „family“ und „headache“ eingibt, dann findet er meine Publikationen hierzu in der „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ aber nicht diejenigen zum selbigen Thema in „Kontext“ oder „Familiendynamik“. Deshalb denke ich wäre es wichtig die deutschsprachigen systemischen Zeitschriften noch etwas „zu liften“, damit sie auch international rezipiert werden können. (Wenn das „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ kann, warum nicht auch „Kontext“?!)
Soweit dieser Nebengedanke – assoziativ von Nutzung des Internets zu Impact Faktoren…).
Herzlichst
Matthias Ochs
Kommentar by Matthias Ochs — 29. August, 2005 @ 21:12 Uhr
Lieber Thomas Siefer,
das mit dem Zeitaufwand ist natürlich richtig. Kommunikation erfordert Zeiteinsatz. Man müsste also darüber sprechen, wie und wofür Zeit eingesetzt wird.
Es gibt meiner Erfahrung nach – besonders in Therapeutenkreisen – die verbreitete Idee, dass Kommunikation mithilfe der neuen Technologien eine Art Entfremdung vom “eigentlichen” menschlichen Kontakt darstellt. Diese Idee wird vielleicht bei grundsätzlich eher technik-kritischen Menschen angesichts der eigenen Hilflosigkeit in Bezug auf die Komplexität der aktuellen Geräte noch verstärkt.
Diese Idee teile ich nicht, auch wenn sicherlich richtig ist, dass Kommunikationsmedien im Einzelfall eine ungute Überwertigkeit bekommen können – das kann aber auch für das Sprechen zutreffen (Logorhoe). Mich hat die Argumentation des spanischen Soziologen Manuel Castells sehr beeindruckt, dessen dreibändiges Werk über die Informationsgesellschaft ich nur jedem warm ans Herz legen kann, dass die technische Revolution der letzten 30 Jahre (Computer, Handy, Internet etc.) nicht nur zur Veränderung von Arbeit und zu neuen Formen internationaler Kooperation und Kommunikation geführt hat, sondern dass die „Netzwerkgesellschaft“ auch neue Formen der Wahrnehmung von Welt und der Präsentation des Selbst hervorbringt. Wie bei früheren Produktionsweisen auch kommt es hier zu veränderten und neuen individuellen Erfahrungen und Identitätskonstruktionen. Immerhin ist der Entfremdungstopos schon ziemlich alt und wurde in der Geschichte wohl schon oft gegen neue Entwicklungen ins Feld geführt.
Da ich selbst nicht gerne telefoniere, stehe ich der “Telefon-Sucht” unserer Ältesten (16), die – offenbar im Gegensatz zu ihrer Peer-Group – mit einem bescheidenen monatlichen Handy-Budget auskommen muss, auch manchmal recht entgeistert gegenüber. Da bleibt das Telefon auch schon mal beim Duschen an, was immerhin voraussetzt, dass der Gesprächsteilnehmer am anderen Ende dranbleibt. So wird Präsenz ohne Kommunikation kommuniziert, was man früher ja nur mit den Lieben daheim machen konnte.
Im Kern läuft es darauf hinaus, dass wir uns mit den Techniken, derer wir uns bedienen, selbst ändern. Das mögen wir bedauern, allerdings sind den Verlusten wohl immer auch Gewinne zur Seite gestellt. Dass man über das Internet sich mit der Welt verbunden fühlen kann, wie Fritz in seinem Kommentar schreibt, kann beglückend sein, wenn sich die Kommunikationsdichte mit Freunden, die man viel zu selten sieht, dadurch erhöht. Manche Kontakte haben sich für mich erst durch diese Möglichkeiten ausdifferenziert.
Auf der anderen Seite, und das ist natürlich auch eine Gefahr des Bloggens, führt die eingebaute Beschleunigung dazu, dass man sich vielleicht nicht mehr die Zeit gibt, bestimmte Gedanken einfach einmal im Rückzug auf sich selbst zu vertiefen. “Abschalten” im Sinne von Innehalten. Es prickelt ja auch, immer mal wieder nachzuschauen, ob sich schon der eine oder andere Kommentar eingestellt hat. So hängt man dann schon mal länger dran als eigentlich geplant, zugegeben!
Ich fände interessant, wenn sich mal einige stille Blog-Teilhaber einschalten und (ganz ausnahmsweise) kommunizieren würden, warum sie diese Kommunikationsform bislang nicht nutzen, nicht mögen, nicht angemessen finden o.ä., warum sie aber andererseits die Blogs zur Kenntnis nehmen. Aber “wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein” und wir sind eine echte Kleingruppe.
Kommentar by Tom Levold — 29. August, 2005 @ 21:13 Uhr
Lieber Matthias Ochs,
herzlichen Dank für Ihr Kompliment! Da haben wir gerade gleichzeitigen einen Kommentar geschrieben und fast gleichzeitig abgesandt – eigentlich wie im Wirtshaus.
Das mit dem Impact-Factor ist natürlich eine Sache. Für eine wissenschaftliche Karriere wohl wichtig, von außen betrachtet, hat es aber manchmal auch etwas von Wissenschaftsimperialismus. Denn ähnlich wie in den Beiträgen von Jürgen Kriz immer wieder hervorgehoben, ist ja auch der Impact Faktor nicht nur ein Gütesiegel für einen bestimmten Standard wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch ein Herrschaftsinstrument (und auch hier scheißt der Teufel immer auf den größten Haufen). D.h. interessante Randgebiete haben keinerlei Chance, auf diese Weise geadelt zu werden, Singularitäten gehen unter, Zitationskartelle werden gefördert und die Macht von Herausgebern von Impact Zeitschriften wird immer größer.
Da beißt sich dann die Schlange in den Schwanz. Weil Autoren aus Hochschuleinrichtungen wohl gehalten sind, nur in Zeitschriften zu veröffentlichen, die einen Impact-Faktor vorweisen können, haben es Zeitschriften wie der Kontext schwer, einen Impact-Faktor zu erwerben, da sie ja die entsprechenden Autoren nicht akquirieren können.
Und noch eine Geschichte: Mit Bruno Hildenbrand habe ich die letzten Jahre der “System Familie” (Springer Verlag) als Schriftleiter verbracht, damals übrigens die einzige deutschsprachige Zeitschrift aus unserem Sektor mit einem Impact-Faktor! Das hat aber Bertelsmann nach dem Kauf von Springer auch nicht abgehalten, die Zeitschrift aufzugeben, als sich erwies, dass sie keinen Gewinn abwarf (eine schwarze Null reichte nicht). Nun ist Springer nicht mehr bei Bertelsmann und System Familie auch Geschichte.
Ein weiterer Grund, die Entwicklung von Theorien, Konzepten und Diskursen nicht an Impact-Faktoren zu knüpfen, sondern dort voran zu treiben, wo es ein gutes Umfeld für Entwicklung gibt, auch Platz für Abweichungen, Sonderwege, Irrtümer usw.
Beste Grüße
Tom Levold
Kommentar by Tom Levold — 29. August, 2005 @ 21:29 Uhr
… toll! …
(Schwein, das grad nur kurz Zeit hat)
Kommentar by Peter Schlötter — 29. August, 2005 @ 22:14 Uhr
na, da sind wir ja bald alle wieder zusammen! Jüüüürgen,wo bleibst Du?
Kommentar by Tom Levold — 29. August, 2005 @ 22:16 Uhr
Lieber Tom, lieber Herr Ochs,
das mit den Impact-Faktoren ist natürlich so eine Sache…
Das Problem der Innovation im Bereich unserer Art (“weicherer”) Wissenschaft ist ja, dass neue Ideen aufgrund des Peer-Review-Systems zwangsläufig weniger Chancen haben, in solche Journale zu kommen. Bei “Family Process” (der familientherapeutischen Zeitschrift, die wahrscheinlich international den höchsten Impact-Faktor hat) war ich lange Jahre im Advisory Editorial Board und habe dort demenstsprechend auch als Reviewer fungiert. Damals mussten drei Kollegen einen Artikel akzeptieren, damit er gedruckt werden konnte. Ich habe es in den Jahren nie (!) erlebt, dass ein Artikel ohne Veränderungswünsche oder -vorschläge akzeptiert wurde. Oft hat das den Artikeln sicher gut getan, aber oft war es auch Korinthenkackerei bzw. One-up-manship, was da praktiziert wurde (obwohl wir alle angehalten waren, nett zueinander zu sein, und an die Autoren andere Reviews – mit amrikanisch ermutigendem pädagogischem Touch – geschickt wurden als an den Herausgeber und die anderen Reviewer. Schliesslich ging es für uns als Reviewer immer auch darum, wie wir von unseren Kollegen beobachtet wurden. Und aufgrund solcher Mechanismen wurde und wird es einfach wahrscheinlicher, dass das, was schon 1000 mal publiziert wurde, immer weiter recyclet wird bzw. der Grad der akzeptablen Abweichung sehr gering ist… (der Teufel und der große Haufen).
Bei dem Journal mit dem höchsten Impact-Factor in unserem Bereich – den “Archives of General Psychiatry” – müssen, wenn ich recht informiert bin, die Artikel von 11 (!) Gutachtern gesichtet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier was Innovatives publiziert wird, ist zwar nicht Null, aber doch sehr niedrig.
Das Journal mit dem höchsten Impact-Faktor, in dem ich jemals publiziert habe, war ein amerikanisches neurologisches, dessen Namen ich leider vergessen habe (das mit dem zweithöchsten Impact-Faktor unter den Neuro-Journalen – das mit dem höchsten Faktor wollte die Arbeit nicht). Wir waren ein interdisziplinäres Team, das über das Stiff-Man-Syndrom geforscht hat. Aus meiner Sicht war das einer der banalsten Artikeln, an denen ich je beteiligt war (und ich war schon an vielen banalen Publikationen beteiligt…).
Um ein Gegenbeispiel zu nennen: Der Double-bind-Artikel von Bateson et al., 1956, hat eine Revolution ausgelöst – aus meiner Sicht den Start dessen, was man heute systemische Therapie nennt. Er wurde im Heft 1 eines neuen Journals publiziert, das – wiederum, wenn ich recht informiert bin – den ersten Jahrgang nicht oder nur kurz überlebt hat…
Konsequenz: Wer wissenschaftliche Karriere machen will, sollte banale Main-Stream-Artikel in gerateten Journalen pubizieren (und eventuell Kurse darüber besuchen, wie man das macht), aber nicht vergessen, daneben noch etwas Originelles zu beforschen, zu denken usw., und dies dann woanders publizieren. Leider fällt solch eine strategische Spaltung der wissenschaftlichen Persönlichkeit den meisten Menschen schwer, d.h. wer in Journalen mit hohem Impact-Faktor publiziert wird, fängt manchmal an zu glauben, er hätte wirklich was Relevantes publiziert…
Für Herausgeber solcher Blätter bleibt jedenfalls die Ambivalenz, was für eine Art Zeitschrift sie denn produzieren wollen (deshalb hat ich mich vor Jahren in meiner Zeit als Herausgeber der “Familiendynamik” auch – zugegebenermassen – nur halbherzig darum gekümmert, die Zeitschrift in den SSCI aufnehmen zu lassen – was eigentlich nicht so schwierig gewesen wäre) …
Beste Grüsse, FBS
Kommentar by FBSimon — 30. August, 2005 @ 09:40 Uhr
Lieber Fritz,
Du hast mir aus der Seele gesprochen. Wir können schließlich auf ganz unterschiedliche Weise für impact sorgen. Entscheidend ist ja, wie unser Alt-Bundeskanzler so schön formulierte, “was hinten rauskommt”.
Herzlich, Tom
Kommentar by Tom Levold — 30. August, 2005 @ 10:58 Uhr
Nur kam bei dem leider das raus, was meistens “hinten raus kommt”… Gruss, Fritz
Kommentar by FBSimon — 30. August, 2005 @ 11:04 Uhr
was zur Frage Anlass gibt, was wohl bei unserer zukünftigen Kanzlerin hinten rauskommen wird.
Und wo wir schon mal bei impact sind, würden mich die Besucherzahlen auf diesen Blog interessieren. Kann der Verlag da mal aushelfen?
Kommentar by Tom Levold — 30. August, 2005 @ 11:09 Uhr
Hallo Herr Levold,
ich bin der festen Überzeugung, dass wir mindestens zwanzigmal soviele Leser, wie Kommentatoren haben. Es hat auch seinen Reiz in der Anonymität ein Weblog zu konsumieren. Und es benötigt einige Zeit und wahrscheinlich auch Überwindung sich 1. zu “outen” (bisher sind ja fast alle Kommentare mit Vor UND Nachnamen geschrieben worden- das ist eher unüblich) und 2. sich an der inhaltlichen Auseinandersetzung zu beteiligen.
Beteiligte Grüsse von Christian Meir
Kommentar by Christian Meir — 30. August, 2005 @ 11:12 Uhr
Lieber Herr Professor Simon, lieber Tom Levold,
Vielen Dank für Ihre spannenden Überlegungen zum Impact Factor. Ich kann mich Ihren Ausführungen im großen und ganzen sehr an anschließen. Diese Offenheit für das Singuläre, Main-stream-jenseitige, kreativ Neue oder auch mal Respektlose ist etwas, das ich an systemischer Therapie sehr schätze und was gerade auch dazu führt, dass ich weiterhin, immer wieder Spaß habe, systemtherapeutisch mit Paaren und Familien zu arbeiten. Ich möchte dennoch auf Folgendes hinweisen:
Es gibt in Amerika zwei Forschergruppen, die systemische Therapiekonzepte u.a. über die Schiene, ihre empirischen Befunde (aus erstklassigen Therapieeffektstudien) in hochrangigen Impact Factor Journals zu publizieren, auf allerhöchstem Niveau etabliert haben:
a) Die Forschergruppe von Scott Henggeler zu „Multisystemic Therapy“ bei schweren psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter.
b) Die Forschergruppe um José Szapocznik zur systemisch-strukturellen Kurzzeittherapie bei delinquenten, drogenkonsumierenden Jugendlichen.
Diese Strategie hat meines Wissens bei José Szapocznik u.a. dazu geführt, dass systemisch-strukturellen Kurzzeittherapie vom amerikanischen Gesundheitsministerium als die Behandlungsmethode der Wahl bei delinquenten, drogenkonsumierenden Jugendliche empfohlen wird – noch vor psychodynamischen oder behavioralen Einzeltherapien oder Medikamenten. Außerdem hat sie dazu geführt, dass er viel Geld akquirieren konnte, um seine Forschung immer weiter auszudifferenzieren und die Therapiestrategien somit zu optimieren. (Meines Wissens betreibt er damit eine gar nicht kleine Forschungseinrichtung in Florida). Ich habe Szapocznik im letzten Jahr auf Jochen Schweitzers systemischer Forschungstagung in Heidelberg erlebt und selten einen Menschen kennen gelernt, der mit seiner Arbeit derart „commited“ ist.
Bei Henggeler hat diese Strategie u.a. dazu geführt, dass seine Studien selbst von Verhaltenstherapeuten regelmäßig zitiert werden, wenn es darum geht, Therapiestrategien bei juvenilen Verhaltensstörungen zu beschreiben (und man eben u.a. aufgrund der Befunde von Hengelers Arbeitsgruppe nicht mehr drum herum kommt, systemische Aspekte in die Therapie mit einzubeziehen).
Herzlichst
Matthias Ochs
Kommentar by Matthias Ochs — 30. August, 2005 @ 12:18 Uhr
Lieber Herr Meir,
mit dem Reiz der Anonymität des Konsums haben Sie natürlich recht. Das ist ja vielleicht auch eine Motivation mancher, in Seminaren nichts zu sagen, sondern lieber zuzuhören oder zuzuschauen – wobei damit oft den Veranstaltungen reines Gold entgeht. Allerdings ist der Vorteil eines Blogs, dass man sich auch unter einem Pseudonym beteiligen kann, da die eigene e-Mail-Adresse ja nicht veröffentlicht wird. Das sollte eigentlich mutiger machen. Ich finde jedenfalls schön, dass Sie sich gemeldet haben.
Herzlich
Tom Levold
Kommentar by Tom Levold — 30. August, 2005 @ 22:00 Uhr
Lieber Herr Ochs,
um da Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe gar nichts dagegen, in den sog. Top-Journalen zu publizieren. Ich finde sogar, dass sollte ein Ziel sein. Aber nicht, weil ich denke, dass die Qualität der dort veröffentlichten Daten besser ist, sondern aus strategischen Gründen.
Wenn man schon bei dem Spiel Wissenschaft mitspielen will, dann muss man sich wohl oder übel auch an die Spielregeln halten. Aber, man muss sich nicht nur an sie halten, man kann – von ihnen ausgehend – auch verändernd wirken… I
hr Beispiel der von VTlern zitierten systemischen Arbeiten belegt ja gut, dass man erst einmal dazu gehören muss, um innerhalb des Systems Wissenschaft etwas bewirken zu können, d.h man muss erst einmal als satisfaktionfähig akzeptiert werden, um überhaupt gehört und in der Folge dann vielleicht auch diskutiert zu werden…
Aber es gibt ja noch viele andere Wege Impact zu entfalten, die weniger eingeschränkt sind. Meine Publikation mit der größten Auflage (ob Impact, weiss ich nicht) war ein Interview im Senioren-Ratgeber der Apotheken. Er wird gratis verteilt und hat 2 Mio. Auflage. Wissenschaftliche Reputation dürfte mir das nicht verschafft haben, aber es haben sich daraufhin Patienten von mir aus dem Jahre 1975 gemeldet, die mir endlich mal mitgeteilt haben, was aus ihnene geworden ist usw.
Also, mein Argument: Kein Alles-oder-Nichts-Prinzip. Viele kommunikative Instrumente spielen. Und im Zweifel lieber oben einsteigen, als von vornherein auf Widerstand aus. Aber wenn es denn sein muss, auch unorthodox, subversiv oder offensiv…
Beste Grüsse, FBSimon
Kommentar by FBSimon — 31. August, 2005 @ 07:49 Uhr
Hallo Herr Levold,
komme nach einer beruflichen Reise heim und lese erst jetzt Ihren Kommentar (Nr.4) auf meinen. Danke für die ausführliche Antwort und Anregungen!
“Systemisch” heisst ja auch – vielleiht gilt dies für diesen Blog mehr als für andere Diskurse und vielleciht hängt es auch mit dem Medium zusammen – wir führen auch (!) “stellvertretende”, somit auch repräsentative, Diskurse (für alle, die lesen, die kommentieren, die nicht kommentieren oder die nicht lesen).
Nur um es klarzustellen: ich bin keineswegs technologie- oder gar kommunikations-technologie-feindlich UND gehöre nicht zu therapeutischen Kreisen (auch wenn heilende Nebenwirkungen nie auszuschliessen sind)…
Im Kern geht es immer um die Qualität und Werte der Zeit – deshalb sitze ich ja gerade hier. Aber ein Kriterium der Qualität ist ja gerade die Zeit. Das schnelle Antworten (Verfertigen der Gedanken während des Sprechens) wird daher zurecht in einem Blog simmuliert (und es macht auch Spass, ohne das Gegenüber zu kennen) wie in einem Tischgespräch. Andererseits ist das Innehalten auch eine Qualität, wie Sie zurecht feststellen.
Kommentar by Thomas Siefer — 2. September, 2005 @ 15:00 Uhr