Simons Systemische Kehrwoche

Erinnerungen an Heinz von Foerster, mal so nebenbei…

Tom Levold

Beim nächtlichen Surfen finde ich in der Internet-Ausgabe der TAZ vom 31.8. den neuen “Tom”, zu dem mir sofort – in freier Assoziation – eine Geschichte einfällt, die mir Heinz von Foerster einmal erzählte:

Heinz war Teilnehmer an einer Tagung in Leningrad, zu der unter anderem auch die berühmte Ethnologin Margaret Mead eingeladen war. Margaret Mead hatte den Wunsch, die berühmte Eremitage zu besuchen und Heinz bot ihr an, diesen Ausflug gemeinsam mit ihr zu unternehmen. Margaret Mead war damals schon gehbehindert und benutzte einen Krückstock (heute sagt man wohl Gehstütze). Als sie das Museum erreichten, stellten sie fest, dass es streng verboten war, einen Gehstock mit hineinzunehmen. Mead wollte umkehren, aber Heinz schlug vor, sich den Stock so unter Hosenbein und Pullover zu stecken, dass sie unbemerkt hineingelangen könnten, und sie am Arm hinein zu führen. Sie solle sich keine Sorgen machen. Und wie es so seine hinreißend charmante Art war, gelang es ihm, die sehr ängstliche Margaret Mead (immerhin zur Zeit des kalten Krieges mitten in der Sowjetunion) von seinem Vorschlag zu überzeugen. Das Vorhaben gelang ohne Schwierigkeiten. Sobald beide die in das Museums-Innere gelangt waren, zog Heinz aber den Gehstock wieder aus seinem Anzug heraus und gab ihn Margaret Mead zurück. Sie erschrak fürchterlich, weil jede Menge Wachpersonal in den endlosen Räumen herumlief. Er beruhigte sie mit den Worten: “Dieses System macht keine Fehler”, und in der Tat wurden sie bei ihrem weiteren Museumsbesuch von niemandem mehr behelligt.

Und da ich nun schon einmal bei Heinz von Foerster gelandet bin, erzähle ich mal weiter:

Heinz von Foerster lernte ich im Februar 1985 in St. Etienne kennen, auf einer herrlichen Tagung. Veranstaltet wurde sie von Reynaldo Perrone, einem argentinischen Familientherapeuten, der sich in St. Etienne mit einem Weiterbildungsinstitut etabliert hatte, an dem auch meine alte Freundin aus Studienzeiten in Bochum, Renate Blum-Maurice, mitwirkte, ohne die ich nie von dieser Tagung erfahren hätte. Neben Heinz waren auch Humberto Maturana, Edgar Morin und Carlos Sluzki auf der Tagung vertreten (mit dem leider bereits verstorbenen Heik Portele machte ich mich in der langen Warteschlange vor der Anmeldung bekannt). Während der Tagung gab es ein oder zwei sehr amüsante private Begegnungen mit Heinz, der wie ich die Gastfreundschaft im Haus von Renate und ihrem Mann genoss, woraus sich ein gelegentlicher Briefwechsel und ein Besuch in Köln ergaben, verbunden mit einem Workshop bei der APF, deren Vorsitz ich damals innehatte. Als wir Heinz anlässlich dieses Besuches in Köln zum Essen bei einem guten Italiener einluden, der seine Speisekarte auf einem Whiteboard an einer von uns zu weit entfernten Wand aufgeschrieben hatte, bestellte er als erstes ein Fernglas, das er zu unser aller Überraschung – und zur Freude des Restaurantchefs – auch sofort serviert bekam. Es war ein unvergesslicher Abend. Seine Präsenz und seine Fähigkeit, allen, die mit ihm zusammen waren, das Gefühl zu vermitteln, dass er sie auf ganz besondere Weise wahrnahm, waren unglaublich, seine Kritik (oder seine Art, sich abzugrenzen) nie beschämend.

Nach seinem Workshop am nächsten Tag hatte er das Bedürfnis, noch einmal der eigenen Geschichte nachzuspüren. Wir fuhren zu zweit in den Kölner Süden, wo er Anfangs der 30er Jahre, nachdem er die Wiener Technische Hochschule ohne Abschluss verlassen hatte, bei der Firma Leybold, einer Produktionsstätte für technisch-physikalische Geräte (z.B. Vakuumpumpen) eine Anstellung gefunden hatte, bis er Mitte der 30er Jahre nach Berlin zu Siemens wechselte. Er erzählte begeistert und lebendig vom Kölner Karneval und einer Liebschaft, die sich daraus ergeben hatte und fand schließlich zu seiner Rührung sogar die kleine Grünanlage und Laube wieder, in der er damals regelmäßig sein Pausenbrot verzehrte, merkwürdigerweise trotz aller städtebaulicher Veränderungen nach über 50 Jahren immer noch am alten Platz. An all dem ließ er mich teilhaben wie einen alten Freund.

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Nun bin ich (mit einer gewissen Sentimentalität) bei persönlichen Geschichten gelandet. Und je älter die systemische Bewegung wird, desto wichtiger werden vielleicht auch Geschichten. Vielleicht stellt ein Blog auch eine Möglichkeit dar, Geschichten mitzuteilen und zu sammeln? Welche Erinnerungen habt Ihr, haben Sie an Heinz von Foerster? Welchen Unterschied macht es, ihm persönlich begegnet zu sein? Wenn ich heute zum Beispiel den schönen Interview-Band von Albert und Karl Müller mit Heinz lese (“Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen”, Kadmos-Verlag Berlin 2002), höre und sehe ich Heinz beim Sprechen – und freue mich. Gleichzeitig frage ich mich die unbeantwortbare Frage, wie ich den Band lesen würde, wenn ich ihn nicht persönlich kennen gelernt hätte.

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6 Kommentare

  1. Lieber Herr Levold,

    hiermit oute ich mich als einen der stillen Leser dieses Blogs und des systemagazins, von Anfang an. Insbesondere die Möglichkeit zur stillen Teilhabe an der z.T. anstiftenden intellektuellen Lust (der Großen) macht Freude. Allen Bloggern herzlichen Dank dafür!

    Heinz von Foerster lockt mich jedoch aus der Deckung. Die entlastenden Implikationen seines Postulats “man muss sich entscheiden, ob man ein Guckloch-Mensch oder Teil der Welt ist”, haben mein Leben grundlegend positiv verändert – Leider klingt soetwas geschrieben und gesagt immer so banal, hindert auch am bloggen.

    Dieser Schlüsselsatz hat mich nicht nur mit meiner Liebsten zusammen, sondern auch meine Firma wieder nach vorne gebracht. Na klar, nicht alleine, aber der und andere, wie z.B. “die Rolle des Beraters ist Anwalt der Ambivalenz” und “wer als Firma überlebt, hat nicht alles Falsch gemacht” (beide Simon) können tröstlich sein und Mut zu neuem Handeln machen und anregen. Also zu dem, was ich dazu beitragen kann.
    Damit habe ich dann auch das gesagt, was ich immer schon mal loswerden wollte: Schlüsselwörter/-sätze wirken perturbierend im Sinne von Botschaften.
    Das Verhältnis zu unseren Kunden, hat dadurch eine neue Qualität bekommen. Denn sie wollen sowohl verstanden werden, als auch Botschaften die “systemische Rezepte” sein können.

    weiterhin intensives bloggen, ingo scholz

    ps: ich weiß nicht, wie es sich mit Papageien verhält, aber meine Katzen träumen…

    Kommentar by Ingo Scholz — 31. August, 2005 @ 18:23 Uhr

  2. Ja, zu Heinz von Foerster fallen mir natürlich auch viele Geschichten ein: solche, die er erzählt hat, und solche, die ich mit ihm (und seiner Frau) erlebt habe.

    Am liebsten ist mir immer noch folgende, die er erzählt hat:

    Er hat ein kleines, leicht bekleidetes Mädchen gefragt (sicher eine seiner vielen Nichten), wozu denn der Bauchnabel da sei. Sie steckte (fleischgewordene Selbstreferenz) den Finger in das Nabelloch und sagte: Damit ich “ich” sagen kann!

    Soviel zur wahren Geschichte der Entstehung der Theorie des Beobachters.

    Was die schweigenden Teilnehmer am blog angeht, so habe ich recherchiert, Tom. Schon damit Du nicht das Gefühl entwickelst, Du würdest nicht genug wahr genommen.

    In den zwei Wochen vom 15.8. bis zum 28.8. waren es täglich zwischen 534 (Minimalwert) und 1371 (Maximalwert) Zugriffe. Soviel Leute erreichst Du in Deinen Seminaren nicht, und mit Büchern brauchst Du auch eine lange Zeit dazu, es sei denn, Du entschliesst Dich, Lore-Romane zu schreiben (was Du wahrscheinlich ja nicht wirklich hinkriegen würdest – vermute ich, von mir auf andere schliessend)… Es lebe die blogosphaere.

    Gruss, FBS

    Kommentar by FBSimon — 31. August, 2005 @ 19:03 Uhr

  3. …aber die wahren Revolutionen vollziehen sich doch nicht über die müden Wissenschaftler und ihre Forschungsförderungsstellen, nicht über das jahrelange “hochdienen” also, nein, nein, die wahren Revolutionen vollziehen sich im Geiste der Menschen – bei Calvin & Hobbes, den Schlümpfen (Endlisch: The Smurfs) oder Barbapapa etwa, bei Lem, Pratchett und Rowling – dort ist die Brut am Köcheln…
    …fragte auch meine kleine Tochter was der Nabel wohl soll…sie deutete eindeutig auf mich…und ich wieder auf sie…kleine Kinder sind ja so erfinderisch…
    Viel Freude A Gaugusch
    ps Wo schreiben all die Blogleser…kommt heraus aus Euren Verstecken…

    Kommentar by A Gaugusch — 31. August, 2005 @ 20:32 Uhr

  4. Lieber Herr Scholz,

    toll, dass Sie aus der Deckung herausgekommen sind. Ich bin sehr mit Ihrer Bemerkung über Schlüsselwörter und -sätze einverstanden. Solche Schlüssel haben mein Leben schon seit meiner Kindheit begleitet, ich habe sie immer wieder irgendwo aufgeschnappt, auch immer wieder mal gewechselt, und manche mir auch selbst erfunden. Sie stellen Verdichtungen von Lebens-, Krisen- und Veränderungserfahrungen dar; und es ist für mich immer wieder ungemein befriedrigend in Therapien oder Beratungsprozessen, gemeinsam mit Klienten oder Kunden auf Schlüsselwörter und -sätze zu kommen, die ganz plötzlich zu Evidenzerlebnissen führen und eine längerfristige Wirkung entfalten. Und dabei spielt der semantische Gehalt eines solchen Satzes eine untergeordnete Rolle, weshalb er auch banal erscheint, wenn man ihn niederschreibt und damit gewissermaßen der inneren Szenerie beraubt, die durch ihn aktualisiert wird und für die er in der eigenen Empfindung steht. Die gemeinsame Hervorbringung im Dialog ist dagegen so befriedigend, weil seine Bedeutung emotional in der Begegnung gemeinsam empfunden – oder wenigstens erahnt werden kann.

    Lieber Fritz, der Lore-Roman, den ich schreiben würde, würde sich wahrscheinlich nicht als Lore-Roman vermarkten lassen. Und da ich mal einen solchen Romanschreiber kennen gelernt habe, kommt in mir trotz der unglaublichen Auflagenzahlen auch kein wirklicher Neid auf. Was schon lustiger sein könnte, wäre ein Lore-Blog, nach dem Modell eines alten Gesellschaftsspiels, jeder Teilnehmer blogt einen Absatz, der nachfolgende muss Anschlussfähigkeit beweisen. Allerdings eine Frage der Zeit, wann eine solche Konstruktion zusammenkrachen würde.
    Aber die von Dir genannten Zahlen sind beachtlich und erfreulich. Herr Meir sich hat mit seiner Schätzung des Verhältnisses von Schreibern und Lesern also doch zugunsten der Leser ziemlich vertan. Mir ging es auch nicht nur um die Reichweite (die mich freut), sondern darum, noch mehr Leser dazu zu verführen, sich am blog zu beteiligen oder zumindest einmal einen Zwischenruf zu plazieren (mit Vornamen, Nachnamen, beidem oder anonym).

    Herzlich

    Tom Levold

    Kommentar by Tom Levold — 31. August, 2005 @ 22:21 Uhr

  5. Nein, persönlich bin ich Hein von Förster nicht begegnet. Aber ich erinnere mich gerne an seinen Vortrag 1996 beim Kongress “Schule neu erfinden” in Heidelberg.
    In besonderer Erinnerung ist mir aber sein Besuch bei “Boulevard Bio” (wahrscheinlich 1998). Am Ende des Gesprächs bat ihn Alfred Biolek, die Quintessenz seiner Erkenntnisse doch möglichst in einem Satz zusammenzufassen. Heinz von Förster formulierte und bezeichnete das als eine Art systemischer Imperativ: “Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst!” Und er korrigierte sich: “Heinz, handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst!”
    Ach würden doch möglichst viele meiner Kolleginnen und Kollegen diese Maxime zur Richtschnur ihres täglichen Handelns mache! Es ginge ihnen und vor allem den Kindern in ihren Klassen wahrscheinlich alsbald besser. Vor allem würden sich gewiss die Ergebnisse des Bemühens deutlich verbessern und – das zwischenmenschliche Klima sowieso.
    Freundliche Grüße
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 1. September, 2005 @ 08:49 Uhr

  6. Lieber Herr Levold!

    Auch ich bin bis heute ein schweigender Leser dieses Blogs. Und entscheide mich, aus der Guckloch-Position zu kommen:

    Ein schöner und berührender Beitrag heute – ich danke Ihnen. Er weckt in mir die Lust, wieder einmal etwas von HvF zu lesen.

    Zu ihrem Lore-Blog: eine ähnliche Übung haben wir bei einem Strandspaziergang (man stelle sich Griechenland, Vollmondnacht und drei nicht mehr ganz so junge Leute vor) gemacht. Wie war der Name Deines Haustiers? Und wie der Geburtsname Deiner Mutter? Gut, welche Geschichte steckt dahinter? Jeder hat ungefähr 2 Minuten Redezeit und konstruiert sich eine Geschichte, die dann von den nächsten (anschlussfähig!!!) weiter erzählt wird.
    Was für ein Spass!

    Bin schon gespannt auf Ihren nächsten Beitrag.
    Grüße aus dem schönen Wien
    Gerhard Krejci

    Kommentar by Gerhard P. Krejci — 1. September, 2005 @ 11:23 Uhr

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