Atomstreit
Wolfram Lutterer
Spiegel Online meldet heute, dass der Streit um das Atomprogramm des Irans zwischen dem Iran und dem Westen schärfer würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig sich eigentlich geändert hat in den vergangenen Jahrzehnten, Jahrhunderten und vielleicht gar Jahrtausenden menschlicher (Kriegs-)Geschichte. Offensichtlich müssen Konflikte immer wieder eskalieren und am Ende kommt es zu Resultaten, die niemand gewollt haben konnte, bloss weil es dann um Gesichtsverlust oder um was auch immer geht. Ich frage mich: Gibt es eigentlich systemische Friedensforschung? Spontan fallen mir zwar diverse Friedensforscher ein, aber ob die sich auch als systemisch verstehen würden – keine Ahnung.
Wissenschaftliche faszinierend (also immer auch dann, wenn man die Moral weglässt!) dürfte jedenfalls die Mechanik derartiger Konflikte sein: positive Rückkoppelungsphänomene, die man auch in jedem Pausenhof und in jedem Beziehungsstreit beobachten kann. Sind wir anthropologisch tatsächlich derart arm, dass so basale Strategien wie “Beruhigen” oder “Streithähne trennen” oder (etwas elaborierter) “Vermittler einschalten” die einzigen Lösungen sind. Warum ist die Mechanik der Eskalation so krude?
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Lieber Herr Lutterer,
ich bin, möchte ich vorausschicken, hier nicht die Kommentatorin oder gar Besserwisserin vom Dienst, auch keine geschulte Systemikerin, sondern Künstlerin und Philosoiphin und möchte mich nun schon beinahe entschuldigen, dass ich der einschlägigen Kommunikationslust so wenig widerstehn kann, dass ich, obwohl ich schon mehrmals beschlossen habe, nun nicht mehr zu antworten, ich immer wieder von Beiträgen dazu verführt werde, darin aufgeworfene interessante Fragen probeweise und radikal (also möglichst an die Wurzeln gehend) zu überdenken.
Bei Ihnen die Stichworte “Friedensforschung” und “Mechanik der Eskalation”
Aus meiner Sicht müsste JEDE Friedensforschung am Ausgleich in der Beziehung der Geschlechter interessiert sein und dort ansetzen, denn, wie schon Shakespeare sinngemäß und kongenial verlauten ließ : Mann und Frau im Streit, sind die Wurzel allen Übels.
Der Sommernachtstraum handelt eben davon. Bei meiner Lesart, wenn man dieses Stück also in diesem Sinn rezipiert, kann man entdecken, dass, historisch-genetisch, kulturell, real konstruktiv und evolutionär betrachtet, ein souveräner “männlicher” und einen souveräner “weiblicher” Aufgabenbereich offenbar konstruiert wird und, je, durch die Kulturgeschichte hindurch, als variabel überlappende Bereiche, veränderbar und verhandelbar, aber nicht aufhebbar, am Laufen gehalten wird.
Wenn die eine Seite vereinbarte Regelungen und gemachte Übereinkünfte aufzukündigen beginnt, ohne von sich aus Verständigung, Zuhören und Verständnis und eine “Gegengabe” anzubieten, entstehen naturgemäß Störungen. (Bei Shakespeare “versiegt” mit Titanias Verlassen des Oberon, ihrem frivol propagierten Alleingang und ihrer Affäre mit einem “Esel”, (der ihr durch einen “Zaubertrick” zugeführt wird, um sie, qua Einsicht in ihr Tun, möglicherweise zur Vernunft zu bringen), versiegt also die “Natur” als Quelle allen Lebens. Im Reue-Monolog der Titania drückt sich Einsicht, Rückbesinnung schließlich als Umkehr zur Liebe aus).
Störungen entstehen wenn Erwartungen enttäuscht, wenn Versprechen gebrochen, wenn Übereinkünfte nicht eingehalten werden.
Dasselbe in Gruppen, zwischen Völkern, Nationen.
Doch warum nicht im Kleinen, im Privaten den Anfang machen?
Mit Hilfe von Kommunikation Unerwartetes, Unwillkommenes, Enttäuschendes VERSTÄNDLICH zu machen? Warum nicht die Störungen GEMEINSAM “in die Form von Sinn zwingen”, wie Luhmann dies ausdrückt.
Warum nicht im “Inneren” je persönlich Frieden stiften LERNEN, statt zur inneren Einigung Außenfeinde (Feindbilder) zu konstruieren?
“Durch Kommunikation begründet und steigert das System seine Empfindlichkeit und setzt sich so durch Dauersensibilität und Irritierbarkeit der Evolution aus.” (Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt 1987, S. 237)
Dabei lädt jede Kommunikation zum Protest ein. Sobald etwas Bestimmtes zur Annahme angeboten wird, kann man es negieren… “Das System findet sich, soweit dafür gesorgt ist, dass Teilnehmer sich wechselseitig wahrnehmen, in einer Art Dauererregeung, die sich selbst reproduziert, aber auch von außen stimuliert werden kann – ähnlich wie ein Nervensystem” (N.L. SS. S.239)
“Von ‘außen’ stimuliert werden”, kann bedeuten, dass ein sogenannter Außenfeind, den inneren Konflikt, wenn der Zerfall des Systems sich ankündigt, schlagartig aufhebt – innerer (innerster) Konflikt also möglicher Ursprung von Kriegen? Das wäre doch einmal – trotz aller Kompexität – zu überlegen.
Was wäre nun eine gedankliche Schlussfolgerung daraus, die sich im je persönlichen individuellen Handeln ausdrücken könnte?
In den persönlichen Mann-Frau-Beziehungen persönlich verantwortlich sein für unbedingte Verständigung sorgen, ohne den Vater Staat, als Erhalter, Vermittler oder Problemlöser einzuschalten. Diese Kultur persönlich pflegen und sie damit verbreiten.
Im regionalen/nationalen öffentlichen Leben für entsprechende, das friedliche Zusammenleben fördernde, Gesetze sorgen.
Im weltpolitischen Leben sich als Person (und Nation) jeglicher Parteinahme enthalten, trotz persönlicher oder politischer Vorlieben völlig neutral bleiben, sich ausschließlich für Zuhören, Verstehen und Verständigung stark machen, wie unmöglich diese auch immer scheinen mögen.
Ganz konkret, hinsichtlich des oben von Ihnen angesprochenen unüberhörbaren Säbelrasselns: Wir lassen uns beeindrucken, nämlich von Bush, gehen ihm auif den Leim lenken uns mit seiner Hilfe von unseren ganz persönlichen Konflikten und eigenen Konfliktpotentialen ab, indem wir nun mit traumwandlerischer Selbstverständlichkeit gegen Bush und für dessen vermutlich nächstes Kriegsopfer, den Schurkenstaat Iran, Partei ergreifen und über nichs anderes mehr reden. Das Umgekehrte dürfe gegenwärtig seltener der Fall sein.
Ich vermute (systemisch), dass wir mit diesem “selbstverständlichen” Denken Krieg Vorschub leisten, und unser diesbezügliches Denken und unsere diesbezüglichen Unterscheidungen radikal überdenken müssen.
Wir dürfen Drohgebärden, die davon leben, dass sie Faszination ausüben, KEINERLEI wertende, bewertende Aufmerksamkeit schenken. Wir müssen beiden Seiten Recht geben (und Unrecht), beide Seiten verstehen (und Nichtverstehen) und beharrlich den Bemühungen, die auf Verständigung abzielen, auch wenn man sich mit einer Supermacht, die auf Hegemonie abgestellt hat, scheinbar nicht verständigen kann, unsere Aufmerksamkeit schenken. Das wäre in diesem Fall eine paradoxe Intervention. Mit ihr ist große geistige Risikobereitschaft verbunden. (In den martial arts ist Aikido eine friedliche Kampfkunst, in welcher gelehrt wird, wie man einen Angriff ins Leere laufen läßt, um entscheidenden Moment, die Angriffswucht auf den Angreifer selbst zurück zu wenden.)
Als Privatrpersonen hätten wir, aus der hier favorisierten Sicht, ausschließlich für Verständigung mit unseren Partnern und Freunden zu sorgen. Wenn wir uns damit beschäftigen, täglich Gewissenserforschung zu betreiben, ob wir selbst umsichtig, respektvoll, wertschätzend, rücksichtsvoll, achtsam, sorgsam mit anderen umgegangen sind. Damit wären wir, (neben der beruflichen Tätigkeit und unseren Freizeitprogrammen), mehr als ausgefüllt…
Verstehen und Verständigung ist dank Kommunikation möglich. Sie beinhaltet die Möglichkeit des Andersseins, und dieses Anderssein muss erkämpft werden. Man muss es sich quasi selbst abringen.
Es scheint darum zu gehen, in sich und um sich eine Atmosphäre des Friedens zu erkämpfen. Ich sage erkämpfen, weil wir dabei immer zuerst uns selbst besiegen müssen. (Unsere Bequemlichkeit, unsere Rechthaberei, unsere Arroganz, unseres Schwächen, unseres Unachtsamkeit, unsere Selbstgerechtigkeit, unsere Verächtlichkeit, unseren Stolz, unsere Gier, unsere Dominanzgelüste, unsere Egostrategien, unsere was jeder nur für sich selbst wissen kann, was es ist…)
Das klingt alles nicht sehr erfreulich, es klingt für die meisten wahrscheinlich naiv und vernachlässigkbar, das hört man auch nicht gern, ich auch nicht, dafür ist man gar nicht sensibilisiert, man mag sich die Kosequenzen des eigenen Verhaltens gar nicht wirklich ausmalen, schon gar nicht als wirksam ausmalen, denn, wie schon wiederholt gesagt und prophezeit, was kann man als Einzelner und allein schon tun?
Aber was kann man als Einzelner denn gegen Bush ausrichten?
Man kann ihn ignorieren. Alle Aufmerksamkeit läuft über die Medien, also die Medien ignorieren, keine Zeitungen im Zustand der Aufregungsbedürftigkeit mehr lesen, nur mit dem Blick dafür, was einen tatsächlich etwas angeht. Das Wetter, die Benzinpreiserhöhungen, Wahlen etc. Will man sich am politischen Spiel beteiligen, geht man beruflich in die Politik, wird Diplomat oder NGO etc. So oder privat strikte Abstinenz von Parteinahmen.
Klingt als ob es nicht funktionieren könnte? Die Probe wäre es jedenfalls wert!
(In Frankreich gibt es übrigens eine Stadt, der Name ist mir entfallen, in welcher auf diese Weise, nämlich durch Anhören, Zuhören, Verstehen, Verständnis und deren Kommunikation die zivilen Konflikte zwischen randalierenden Jugendlichen, neu Zugewanderten und bodenständiger Bevölkerung im “Inneren” überaus konstruktiv gelöst werden!) Mit herzlichen Grüßen Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 1. Februar, 2006 @ 13:52 Uhr