Simons Systemische Kehrwoche

Arbeite ich gerade?

Georg Milzner

Sven Regner, der wegen der aktuellen CD von “Element of Crime” gegenwärtig öfter interviewt wird, zieht einen dicken Trennstrich “zwischen Kunst und richtiger Arbeit”. Er, der Sänger und Texter, der Trompeter und Romanschriftsteller, möchte nicht, dass man seine Tätigkeiten mit Arbeit verwechselt, weil sie sind eben doch (nur?) Kunst. Angesichts der immer mal wieder hochschwappenden Frage, was man im Informationszeitalter unter Arbeit verstehen soll, ist Regners Beitrag erstaunlich konservativ (könnte glatt von der Gewerkschaft kommen).

Oder direkt aus dem ZK. Als der Dichter Joseph Brodsky zu Zwangsarbeit verurteilt wurde, da wurde ihm genau dies vorgeworfen: Er arbeite nicht und sei ein Parasit am Leib des Volkes. Brodskys entgeisterter Kommentar: “Aber ich arbeite, Genossen, ich schreibe Gedichte.” Und man kann davon ausgehen, dass der Dichter wirklich entgeistert war, nämlich weil ihm an seiner Arbeit, die kein Hobby sein konnte (einfach weil ein Hobby weniger Seelengeld kostet und zugleich zu weniger Selbstverwirklichung führt), etwas lag, was die Richter nicht finden konnten.

Ich hab, beim Lesen von Regners trockenen Sätzen, einen ganzen Strauß Assoziationen bekommen. Zum Beispiel die, dass Psychotherapie auch keine richtige Arbeit ist, weil man da eben nur mit Menschen redet (anstatt sie etwa einzukleiden, ihnen Autos zu verkaufen, Organe aus dem Leib zu schneiden oder sie aus irgendwelchen Etablissements rauszuschmeißen). Das ist kein joke jetzt, sondern bloß die Erinnerung an eine Diskussion, die ich mit den Eltern meiner damaligen Freundin hatte, als ich Psychologie zu studieren begann…

Andere Assoziation: Dass Arbeit, so wie wir es landläufig zu meinen scheinen, etwas ist, was irgendwie wehtut, zumindest aber keinen Spaß macht, und dafür gibt es dann Geld. Da hängt der Entfremdungsbegriff drin wie Zigarettenrauch in den Kleidern von letzter Nacht, und es kommt mir falsch, zumindest aber auf eine traurige Weise geschmacklos vor, diese Klamotten heute nochmal anzuziehen, wenn ich mich schon letzte Nacht darin nicht wohl gefühlt habe.

Zum Dritten: Da war doch noch was mit “Im Schweiße deines Angesichts…”. Regner lässt durchblicken, dass das, was er unter “richtiger Arbeit” versteht, anstrengend ist. Auf der Bühne zu stehen und Trompete zu spielen sei zwar auch anstrengend, aber eben nur körperlich. Immerhin schweißtreibend. Aber dann ist das Liebemachen auch Arbeit, oder nicht? Und das Joggen? Die Sauna am Ende, und wenn ich nur darin sitze, anstatt sie selber zu heizen?

Nummer vier: Als ich kürzlich mit meinem Sohn “Ben Hur” schaute, da konnten wir einen Blick in die Werkstatt des heiligen Joseph werfen, des Zimmermanns in Nazareth. Ein Mann trat ein und fragte Joseph, wo denn sein Sohn Jesus sei. Der könne ihm doch zur Hand gehen, die Arbeit sei hart. Joseph erklärte dem Mann, dass Jesus hinausgehen müsse, dorthin, wo die Welt Gottes, seines Vaters sei. Und der Mann wieder: “Eben, er geht der Arbeit aus dem Weg.” Joseph aber, wunderbar in seiner Freundlichkeit, in seinem Vertrauen und im Wissen um die Vielfalt der Arbeit: “Er arbeitet ja…”

Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff “Arbeit” von allgemein verbindlichen Definitionen loszukoppeln und ihn individueller auffüllen zu lassen. Ich will, nachdem meine Woche als Tagebuch-Schreiber mit diesem Beitrag zuende geht, ein letztes Mal meinen virtuellen Kumpan bemühen, Descartes, meine Spielfigur… Ich stelle ihn mir in einer Talkshow vor, ganz wie vor einer Woche angedacht, und die Frage, die (von Elke Heidenreich vielleicht?) an ihn gerichtet wird, lautet: “René, woran arbeiten Sie gerade?”

Und dann ein langes, langes Schweigen. Eine hochgezogene Augenbraue. Ein Schluck aus dem Wasserglas und ein sinnender, dann trauriger Blick. Die Stimme, die herb klingt und mit jedem Wort aber immer froher wird: “Ich will jetzt meine Augen schließen und meine Ohren verstopfen; ich will, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, mich von allem entfernen, was trügen und meine Einbildungskraft stimulieren könnte; will insbesondere die Kameras ignorieren und dann versuchen zu werden, was ich immer schon war: Ein denkendes Ding… Ihr aber nun, liebe Leserinnen und Leser, Zuschauer und Zuschauerinnen, woran arbeitet Ihr? Bei was auch immer es sei, viel Glück…”

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3 Kommentare

  1. Lieber Georg,

    Auch in diesem Interview hätte es leicht fallen können, Regeners Aussage leicht ironisch zu verstehen, ganz im Kontext seiner Liedtexte (und anderen Interviews mit ihm; man ihm Koketterie nachsagen können und vielleicht sogar müssen.

    Zum Arbeitsbegriff könnte ein von Globalisierungsfaust und Lohnnebenkostenzeigefinger massiv bedrohter abhängig Beschäftigter sicher ein eigen Lied zu singen. Bis hoch in die Abteilungsleiterebenen scheint Spaß an der Arbeit zunehmend zum Luxusgut zu verkommen. Da freut sich der lustige Musikant, der außerdem zwei Topseller durch die Buchläden schleusen konnte – zu Unrecht , meiner bescheidenen Meinung nach – daß er ein paar einfältig fragenden Journalisten ein paar nette Brocken zum Ansabbern hinwerfen kann, während er am Wässerchen nippt.

    Grüße
    Berthold Neutze, selbstverständlich selbst ständig selbständig.

    Kommentar by Berthold Neutze — 16. Oktober, 2005 @ 21:20 Uhr

  2. Lieber Herr Milzner,
    gestern hätte ich doch fast meinen (pädagogischen) Zeigefinger erhoben. Heute sage ich Dank für diese Frage: “Was arbeitet ihr?” Ist das Arbeit, was ich heute so mache? Im so genannten wohlverdienten Ruhestand. Alles, was ich heute mache, geschieht ja aus freien Stücken. Wenn aber die zwei Manuskripte, deren Schlusskorrektur ich gerade erledige, tatsächlich als Druckwerke vorliegen, dann sind es zwei fertige Arbeiten. Ich kann und darf also arbeiten, indem ich schreibe, aber ich muss nicht. Auch wenn ich in den Garten gehe und einen Baum verpflanze, arbeite ich. Schweißtreibend sogar. Aber mit Freude. Und wenn ich nach etwa fünf Jahrzehnten Suchsystem mit meinen zehn Fingern noch den “Duden-Tipptrainer” per Notebook be-arbeite, mache ich etwas für mein Alter sicher reichlich Unübliches. Aber ich stelle fest, dass mir der Zustand meines prozeduralen Gedächtnissytems diese “Arbeit” mit Erfolg ermöglicht. (Ich blättere auch bei den Hirnforschern). Flowerlebnisse (Csikszentmihalyi) bei jeder “Arbeit”! Ich wünsche Ihnen für Ihr Buchprojekt, Ihre Arbeit also, alles Gute.
    Beste Grüße
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 16. Oktober, 2005 @ 23:24 Uhr

  3. ..das ist doch eine gute Gelegenheit, nach Norderney-”Urlaub” (mit PC, Diplomarbeiten, Dissertationen, Klausuren, MS… was davon war Arbeit…?) und einer mindestens 80-stunden-Erste-Semesterwoche mal wieder im blog einzusteigen:
    Wie schaffe ich es so hervorragend mich “selbst auszubeuten” (wie der Soziologe in mir von aussen sagt, auf die ungesunde (?) Lebensweise blickend und darauf (damit der Begriff nicht völlig fehl am Platz ist) dass jeder Buchhändler für jedes verkaufte Buch von mir mindestens 3x so viel bekommt, wie ich als Autor – und da bin ich sogar noch priviligiert…)
    also: wie schaffe ich das?: indem ich das meiste was ich tue, nicht als Arbeit definiere (und schlimmer: emfpinde!!)
    “Das meiste..” wird´s allerdings ohnehin erst ab einer 60-stunden-wochen, wo ich damit, wofür ich eigentlich mal Prof. geworden bin, erst anfangen kann, nachdem ich 30 Stunden sinnlose !!! (wohlgemerkt: ich zähle nur die sinnlose!!) Bürokratenarbeit hinter mic hgebracht habe….
    Aber es funktioniert…
    Also: allen beim freudigen selbstausbeuten viel Spass und Erfolg !
    herzlichst
    j.kriz

    Kommentar by Jürgen Kriz — 18. Oktober, 2005 @ 16:44 Uhr

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