Simons Systemische Kehrwoche

Psychotherapie als Sonett

Georg Milzner

Sonette zu schreiben ist ein kleines Abenteuer, einmal von der technischen Seite her, dann aber auch, was die speziellen Gefahren angeht. Jede strenge Form zwingt den Schreiber, etwas aus sich herauszuprovozieren, was sonst nicht käme, insofern ist sie eine Hilfestellung von der Art, wie sie das Gitter fürs Efeu darstellt: Komm hoch, komm hoch!

Aber natürlich wird alles formal Hinhauende auch schnell lahm, die Rhythmen werden eintönig, die Reime konventionell oder klingelnd, die Bilder blasser. So muss der Schreiber zugleich darauf achten, dass er das Gelungene nicht allzu gelungen läßt, Störungen einbaut, kleine Brüche, unerwartete Bilder.

Warum ich dies auf einer Seite schreibe, die doch sonst wenig mit Dichtung oder mit Kunst zu tun hat? Weil ich den Eindruck habe, dass zwischen der Entwicklung der Psychotherapie und dem, was ich eben übers Konstruieren von Sonetten schrieb, eine Verwandtschaft besteht. Seit ungefähr fünfzehn Jahren bewege ich mich ungefähr zu gleichen Teilen in der Welt der Literatur und in der Welt der Psychotherapie. Und gute Psychotherapie ist mir immer als ein kreatives Arbeiten erschienen, in der banalen Variante als Kunsthandwerk, manchmal aber eben auch als eine echte Kunst – Kunst des Neukonstruierens, der veränderten Lebensbezüge, des sich wandelnden Gefühls zur Welt.

Mit Kunst kann Psychotherapie aber natürlich nur da vergleichbar sein, wo auch die Gewalt von Kunst spürbar ist, das Brechen der Regeln, das Umstürzlerische, das – auch – Radikale. Jenes Radikale, das bereit ist, sich außerhalb zu stellen – so außerhalb wie die frühen Psychoanalytiker beispielsweise, oder die Freaks in Esalen. Davon ist gegenwärtig nicht mehr viel zu spüren, scheint mit. Oder geht das nur mir so, dass ich die psychotherapeutische Szene zunehmend als langweilig empfinde? Von der Welt der Hausärzte, der Architekten und der Rechtsanwälte als bürgerlicher Beruf kaum mehr zu unterscheiden?

Freiberufler, aber nicht wirklich frei mehr. Als ich gestern meine Zweifel an der Entwicklung der Hypnotherapie äußerte, da ging es natürlich um dies, um das Freie, das Schräge auch, um die Zone der Wagnisse und der Experimente. Und um das, was das Schreiben von Sonetten zum Problem macht, gerade dann, wenn etwas gelingt. Sich etablierende, ihrer Anerkennung sicherer werdende Therapeutik – ihr passiert genau dies, die Rhythmen werden eintöniger, die Reime konventionell, die Bilder blasser. Und wenn wir in unser Unbewusstes schauen, dann kann es sein, wir stellen fest: Was dort brodelt, tobt und gärt hat mit dem hilfreich-harmlosen therapeutischen Konzept, für das man steht, leider nichts mehr zu tun.

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5 Kommentare

  1. kein freiberufler war jemals frei. wir befinden uns in einer gesamten umbruch- bis chaosphase – alte strukturen tragen nicht mehr – neue… versuchen zu stammeln – orphelia treibt im strom der bestehenden gesetze – du greifst verdammt tiefspürend diese problematik höchst poetisch auf – wäre es sinnvoll, sich den wasserlauf einmal genauer anzusehen? und was können wir hier als gegeben stehen lassen – wo fühlen wir uns ohnmächtig – wo könnte hier der ansatz sein?
    herzlich, agnes

    Kommentar by agnes waehneldt — 22. Februar, 2006 @ 13:21 Uhr

  2. … nee, das glaub ich nicht, dass Orphelia im Strom der bestehenden Gesetze treibt – die treiben nämlich nicht, die sind bloß die Deiche und Ufergatter des kollektiven Bewußtseins… Und wenn ich für mich spreche würde ich sagen, das Wasser anzuschauen genügt mir nicht mehr, es ist schon ein Sich-Hineinfallenlassen in die unbewussten Ströme, um das es hier geht, und das – ich schrieb’s ja schon – kommt mir genau so unumgänglich vor, wie es mir Angst macht… Aber vielleicht erwächst daraus eine Chance, das, was wir als Freiheit ansehen wollen, neu zu erfassen. Ich hoffe darauf, und mehr als Riskieren geht nicht.

    Kommentar by Georg Milzner — 22. Februar, 2006 @ 19:37 Uhr

  3. sehr gut -
    ich meine mit wasserlauf auch nicht das wasser selbst, sondern die begebenheiten, in dem es sich befindet – wasserbett, wäre verständlicher – neue freiheiten? ….wir sind voll von möglichkeiten – manchmal drängen sie sich auch ins bewusstsein – dann sollten wir aufmerksam sein und sie wie die geschenkte “erste zeile” als impuls aufgreifen, um sich inspirieren zu lassen und den flusslauf des bewussten neu zu gestalten – aber was … da bin ich grad in meinem ideenstrom abgeschnitten -
    welche ansätze liessen sich hier finden?

    Kommentar by agnes waehneldt — 23. Februar, 2006 @ 11:54 Uhr

  4. Den Wasserlauf finde ich als vorgegebene Richtung, die man einschlagen muss nicht treffend im Vergleich. Eher zutreffend wäre das Schwimmen im Ozean.

    Kommentar by Fliesen — 27. Dezember, 2007 @ 15:16 Uhr

  5. Was auch immer geschehen mag, eines ist immer so wie es mal war. Der Wasserstrahl berührt mich sehr und treibet mich in eine Gefühlslage zwischen zwei Welten. Geschehenes ist geschehen, man kann es niemals verändern nicht einmal in der Poesie. Der Flusslauf weckt neue Impulse für eine leidenschaftliche Liebe sowie man das Leben an einem Wasserstrahl veranschaulichen kann, so kann auch das reine Bewuustsein unbewusst handeln. Der Atem der reinen Seele ist dominierend gegenüber des Wassserlaufes.
    Von Lichtstrahl

    Kommentar by Lichstrahl — 15. Februar, 2008 @ 16:34 Uhr

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