Simons Systemische Kehrwoche

Fördern Konstruktivisten die Beliebigkeit?

Kersten Reich

Konstruktivistische Ansätze legen sehr viel Wert auf eine Beobachtertheorie. Dies mag dann kritisch erscheinen, wenn der Eindruck entsteht, dass nur noch beobachtet, aber nicht mehr teilgenommen oder agiert werden soll. Aber der Konstruktivismus hat keine bloß passive Auffassung des Beobachtens, die nur konstatiert, was vorhanden ist, sondern zugleich eine aktive Auffassung darüber, warum und wie Menschen ihre Wirklichkeiten konstruieren. Hier wäre es grob vereinfachend, wenn man die Öffnung konstruktivistischer Ansätze für Fragen der Selbst- und Fremdbeobachtung, für ein möglichst weites Schauen auf der Inhalts- und Beziehungsebene, für ein systemisches Verständnis lebensweltlicher Vorgänge damit verwechseln würde, dass der weite Anspruch zugleich Beliebigkeit im Schauen oder eine Offenheit im Interpretieren erzwingen würde, die zu keiner schlüssigen Aussage mehr gelangen könnte. Der Konstruktivismus fragt im Gegenzug die sehr auf Eindeutigkeit, Letztbegründung oder universelle Normen orientierten Ansätze, inwieweit sie offen genug sind und hinreichend weit und der Vielfalt von Beobachtern entsprechend verfahren. Damit ist eine Relativierung von Beobachtungen angezeigt, die für die heutige Zeit als zwingend erscheint: Es gibt, wie es Nelson Goodman ausdrückt, immer mehrere konkurrierende Versionen von Wirklichkeiten, auf die sich Menschen einigen müssen.

Aber: Der Einigungsvorgang ist als Konstruktion bestimmter Wirklichkeiten keineswegs beliebig, wie auch Konstruktivisten betonen. Nur legen sie mehr als andere Ansätze darauf Wert zu zeigen, dass vor solcher Einigung nicht nur verschiedene Beobachtungen, sondern auch mit diesen verschiedene Versionen von Wirklichkeiten existieren können. Dies erzeugt die Paradoxie, dass Konstruktivisten gerade ihre Kritiker verstehen können.

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9 Kommentare »

  1. …letzteres ist allerdings leider auch die “Schwäche” (die sie gemeinsam mit humanistischen Positionen teilen): Wer von seiner “Wahrheit” so überzeugt ist, dass für ihn andere Positionen + Perspektiven gar nicht infrage kommen, kann seine gesamte Energie auf “seine” Persepktive richten – wer die nicht teilt, ist sowieso verrückt, böslwillig oder schlimmer noch (in unserem “Job”) unwissenschaftlich. Leider ist diese Position deshalb auch sehr effizient.
    Man muss schon sehr stark (oder älter) sein, um so viel “Schwäche” aushalten zu können. Jüngeren Leuten kann man das nur bedingt empfehlen – oder ??
    herzlichst
    jürgen kriz

    Kommentar von Jürgen Kriz — 29. Oktober, 2005 @ 19:58 Uhr

  2. Nein, eine Schwäche ist das, glaube ich nicht.

    Natürlich stimmt es, dass man mit schlichten Wahrheiten, die grob zeichnen oder schnitzen und alternative Sichtweisen disqualifizieren, seine Energie auf ein Ziel konzentrieren kann. Und das mag vorübergehend auch “Erfolge” bringen, aber langfristig bringt es auch meist irgendwelche anderen Leute dazu, eine Gegenposition einzunehmen, die ebenso schlichten Modellen folgt und ihre ganze Energie in die Durchsetzung der Gegenposition steckt… und so weiter.

    Wahrscheinlich ist es ja wirklich eine Frage des Alters, hier die nötige Gelassenheit aufzubringen (man hat schon so viele einfache Wahrheiten sterben sehen). Aber es ist sicher auch eine Frage der Intelligenz (was ich natürlich abwertend und nich nur beschreibend meine – Konstruktivismus hin oder her: Idiotie muss man doch weiter Idiotie nennen können; allerdings verbinde ich mit dieser gezielten Abwertung, und das zeichnet mich als Konstruktivisten aus, nicht den Anspruch, objektive Wahrheiten zu vertreten, sondern nur meine subjektive…, zu der ich stehe, die ich argumetativ zu vertreten bereit bin usw.; und sowas hat mir auch schon, als ich nch jünger war, genug Energie gegeben, um mich mit Leuten auseinanderzusetzen, die die “Wahrheit” auf ihrer Seite hatten).

    Nur Mut, Jürgen, beste Grüsse an Sie beide,

    FBS

    Kommentar von FBSimon — 30. Oktober, 2005 @ 09:42 Uhr

  3. …deswegen hatte ich “schwäche” auch in Anführungszeichen gesetzt. – Und natürlich stimme ich mit Dir in Sachen “Idiotie” (oder besser: “Beschränktheit”) zu. Was Du allerdings, so finde ich, manchmal unterschätzt (aufgrund Deiner “freischwebenderen” Tätigkeitsfelder), ist die “harte” Faktizität, mit der Hauptströmungen der akademischen Diskurse in der deutschen Börokratenlandschaft umgesetzt werden.
    Kurz: obwohl auch ich voll überzeugt bin, dass die gegenwärtige Richtlinien-Monokultur Reaktanz hervorruft, die sich mittelfristg (!) niederschlagen wird, hat sich hierzulande eine ehemals blührende Therapielandschaft weitgehend in eine Monokultur verwandelt. Und leider dauert es doch erheblich, bis eine LAndschaft, in der erstmal alles plattgemacht wurde um Mais anzubauen, nach besserer Einsicht in den Schwachsinn einer Monokultur dann wieder in eine plaurale Kulturlandschaft zurückverwandelt werden kann. DAS ist meine Sorge (und mein derzeit täglich “Brot” an der “Front” der “Beschränktheit”).

    In diesem Sinne: Mut uns allen !! (die den blog lesen – in der Sicherheit, dass sowieso niemand auf diese Seiten kommt, den ich bei “alle” nicht mit eingeschlossen wissen will..)
    herzlichst
    jk

    Kommentar von Jürgen Kriz — 30. Oktober, 2005 @ 13:01 Uhr

  4. Wie sieht diese Monokultur aus? Ich lebe in Österreich und habe keinen Einblick in die deutschen Planierraupen (ist es hier besser; wissend, dass Sie Wien als zweite Heimat bezeichnet haben…). Was sind die gegenwärtigen Hauptströmungen des akademischen Diskurses? Danke. Beste Grüsse, AG

    Kommentar von Andrea Christoph-Gaugusch — 30. Oktober, 2005 @ 13:10 Uhr

  5. Es gibt innerhalb der vom deutschen Bildungsgrenzschutz bewachten Staatsgrenzen nur 2 Richtungen: PSychodynamische (in der neudeutsch die analystischen und tiefenpscholgischen “techniken” (ebenfalls neudeutsch) zusammengefaßt sind) und Verhaltenstherapie.

    Einen Zwischenstatus hat noch die Gesprächspsychotherape (in Österreich eher: personzentrierte..), die zwar inzwischen “wissenschaftlich anerkannt” ist, aber seit 17 Jahren um die sozialrechtliche Anerkennung kämpft.

    Alles andere ist hierzulande “unwissenschaftlich” und daher nach dem Gesetz keine Psychotherapie – bzw, wer z.B. Gestalttherapie oder systemische Therapie in PSychotherapie-Praxen durchführt, macht sich strafbar (!).

    Sie sehen: vom deutschen Boden ging schon immer ein besonderer Geist aus – sowie der Versuch, der gesamten Menschheit eine bestimtme Ideologie als allein seeligmachend überzustülpen. Inzwischen ist es der mystische Glauben an berechnete Effektivitätskennwerte sowie die Magie von Zahlen denen viele folgen.
    Sie ahnen, warum ich so gern in Wien oder auch in der Schweiz oder sonstwo außerhalb des deutschen Bildungsgrezschutzes bin..

    herzlichst

    j. kriz

    Kommentar von Jürgen Kriz — 31. Oktober, 2005 @ 20:02 Uhr

  6. Jürgen:
    Die Losung lautet Standhalten und Kämpfen (z.B. gegen diesen “besonderen Geist von deutschem Boden”) und nicht nach Österreich oder die Schweiz flüchten! Und Du bist ja, wenn ich das so sagen darf, einer unserer wichtigsten Vorkämpfer betreffend der Anerkennung der Systemischen Therapie oder auch der humanistischen Verfahren!
    Herzlichst
    Matthias

    Kommentar von Matthias Ochs — 31. Oktober, 2005 @ 20:54 Uhr

  7. Woran liegt es konkret, dass gerade die Systemische Denkweise nicht anerkannt ist – das ist ja aberwitzig, lausig, um nicht zu sagen idio… – strafbar, wirklich? Sie müssen es ernst meinen, denn ich konnte nicht den leisesten Hauch von Sarkasmus erkennen. Danke jedenfalls für die Information und – nicht dass ich etwas gegen das Kämpfen hätte – aber so ein Institut, hier in Wien, das wäre schon sehr praktisch… Guten Abend wünscht Andrea Gaugusch

    Kommentar von AG — 31. Oktober, 2005 @ 21:40 Uhr

  8. Es gibt viele lokale Verständigungsgemeinschaften und wenn du diese wechselst, dann erkennst du auf einmal, dass das, was dir eben noch selbstverständlich schien, plötzlich unverständlich für andere wird. Unter Lehrern an deutschen Schulen verbreitet sich systemisches Denken erst langsam, aber immerhin: Es verbreitet sich. Woran das liegt? Ich glaube es hat mit den Beziehungen und einer dabei gebildeten Kommunikationsstruktur zu tun. Je mehr du dich in Beziehungen auf andere hin öffnen kannst, sie wertschätzen kannst, um so wahrscheinlicher ist ein systemischer Ansatz. Für die Lerner drückt sich dies dadurch aus, dass sie wirklich an deinem Unterricht partizipieren, d.h. ihn auch nach ihren Interessen mit gestalten können. Insoweit war bereits John Dewey vor über 100 Jahren ein Systemiker. Heute müssen wir erkennen, dass die Vernunft ein Weg ist, auch systemisch zu denken, aber zugleich auch erkennen, dass z.B. zu lernen oder gemeinsam zu leben immer auch mehr als Vernunft bedeutet: Verständnis, Wertschätzung, Förderung, Gefühl, intuitive Anerkennung von Diversität usw., wobei ich nach Gregory Bateson dies die Beziehungsseite nenne (und diese gegen die Inhalte und den Vorrang der Vernunft unterscheide). Aber wenn wir es philosophisch ausdrücken wollen, dann sind eben auch diese Beziehungen und die Inhalte zirkulär verschränkt, denn wenn ich hier schreibe, dann steht da ein Inhalt, der zugleich mehr sein soll als bloßer Inhalt. Er ruft nach Beziehungen, die verantwortlich und gemeinsam zwischen Lehrenden und Lernenden entwickelt werden.

    Wenn ihr die Pisa-Ergebnisse für Deutschland nehmt, die jetzt wieder durch die Medien geistern, dann heißt dies konkret: fördern, fördern, fördern. Jeder Lehrende sollte mit dieser Vision aufwachen und einschlafen. Und er oder sie sollte prüfen, ob das, was getan wurde, schon ausreichen konnte. Nur weil Systemiker besonders gut Systeme verstehen und deuten können, heißt dies nämlich für mich nicht, dass sie aus solcher Deutung keine Wertung beziehen sollten.

    Herzlichst
    Kersten Reich

    Kommentar von Kersten Reich — 31. Oktober, 2005 @ 22:45 Uhr

  9. Ich bin gerade im Lehramtsexamen an einer norddeutschen Universität involviert und vielleicht ist das folgende Annekdötchen illustrativ für die Rigidität, die mensch gelegentlich im ach so humanistischen deutscheb Bildungswesen erleben kann:
    als Thema für die Psychologieprüfung hatte ich formuliert: “Unterrichten zwischen Instruktion und Konstruktion”. Die Prüfung verlief fair, ich war fit, machte aus meinen konstruktivistischen Neigungen keinen Hehl. – Notenbesprechung. Kriege eine 1 an den Latz gehaun – und dann wird mir auseinandergesetzt, was für einen Schwachsinn ich da verzapft habe. Konstruktivismus – das ist eine Pest, darunter wird diese neue Lehrergeneration noch zu leiden haben, diese Ideologie bindet dem Lehrer die Hände – “und überhaupt, was Sie da postulieren, setzt intelligente Lehrer voraus – meine Realität ist, dass ich Halbidioten dazu ausbilden muss, später andere Halbidionten zu unterrichten!”-
    Maturana hat einmal in einem Interview die “Wahrheitsbesitzerideologen” mit Grundstücksbesitzern verglichen – das war kein Grundstücksbesitzer, sondern ein Großgrundbesitzer der Wahrheit! ( trotzdem gnädigsten Dank für die Zensur )

    Christoph

    Kommentar von Christoph Glanz — 28. November, 2005 @ 20:56 Uhr

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