Berührende Therapie – nur Maturana stört mich
Peter Schlötter
Ich komm grad durch Berührungen aufgeräumt von einer Therapie-Sitzung nach hause (war am Montag). Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, einen Menschen zu begleiten, zumal wenn dieser Mensch sich in einem elementaren Moment menschlichen Daseins befindet und sehr ernste Schwierigkeiten hat, Halt zu finden in der Welt und in sich selbst – und eben dicht dabei zu sein, wenn er diesen Halt erneut findet. Im weichen Nachhall fällt mein Blick auf Maturanas Buch, das von gestern noch auf meinem Schreibtisch liegt … es liegt einfach da, bräsig, als könnt ihm nichts ‘passieren’. Ich schlage es … auf..
Wir könnten “zwischen Wahrnehmung und Sinnestäuschung nicht unterscheiden” steht da apodiktisch. Da sträuben sich mir alle Sinneshärchen. Bewegt man sich doch in der körperorientierten Psychotherapie gerade mit hochsensibler Achtsamkeit, Introspektion, um z.B. strukturgebundene Geisterfilme in ihrer Entstehung zu verstehen und um andere/weitere Wahrnehmungen als Ressource zum Weiterleben zu entdecken.
Es ist glaube ich (auf die Schnelle) wohl so, daß Maturana die Komplexität unseres Lebens entscheidend unterschätzt. Einzelne bestimmte Sinnestäuschungen können (tendenziell!) nie so multiredundant konstruiert werden, daß man keine anderen auch korrigierenden Wahrnehmungen mehr finden und unterscheiden könnte. Welche Art Sicherheit wir dabei positiv finden können, das ist ein Weites Feld.
Natürlich werden wir fortlaufend von Teilpersönlichkeiten in bestimmte Trancen entführt. Aber solange wir eben noch nicht ganz verrückt sind, können wir sie von Anderem, das auch da ist, unterscheiden. Dies gilt als deutliche Tendenz selbst im Traum. Jeder kennt das, im Traum zu spüren, dass man träumt. Es ist immer mehr da, als eine einzelne bestimmte Trance. Genau diesen Umstand übersieht Maturana geflissentlich.
Es gibt keine monolithische Sinnestäuschung in Menschen, solange wir nicht total verrückt sind (das ist jetzt unsauber, aber vielleicht wird trotzdem die Aussage deutlich wahrnehmbar). Oder anders gesagt, wenn Maturana sich tiefer und genauer auf Menschen eingelassen hätte, hätte er erfahren können, welch zerstörten inneren Zustand seine Beschreibung für einen Menschen bedeuten würde. Er beschreibt einen tatsächlich lebensunfähigen Prozess, der nur eine Teilmenge des realen Lebensprozesses darstellt. Also wenn hier an dieser Stelle optimistisch stimmende Tendenzen zur Sprache kommen sollen, dann wär der obige Gedanke doch was! oder?
… Oha! … jetzt fällt mir noch was auf. Maturana ist mit der Aussage, wir könnten Wahnehmung nicht von Sinnestäuschung unterscheiden, auch gedanklich schlampig (auch!, aber er hatte mehr Zeit für sein Buch als ich hier). Er differenziert das nicht genauer. Er selbst unterscheidet aber beides zumindest begrifflich. Er sagt nicht, es gäbe nur Sinnestäuschungen und dieser Begriff reiche zur Beschreibung beobachtbarer Phänomene hinlänglich aus. Das sagt er nicht. Also ist es auch nach Maturana sinnvoll, mit dem Begriff Wahrnehmung zu operieren, wir könnten sie nur nicht erkennen und praktisch von Sinnestäuschungen unterscheiden. Woher will er genau das aber wissen, also wie will er diesen Unterschied begründen, mit seiner Theorie? Und wie will er überhaupt das Phänomen ‘Sinnestäuschung’ wahrnehmen?
Weiter sagt er ja, man könne keine Aussagen über eine eigenständige Außenwelt machen. Schlamperei. Was soll denn das sein – Außen? Außerhalb von was? Ist Maturanas Gedanke nicht schon für ihn selbst außerhalb, noch bevor er ihn aufschreiben kann? Es gibt schließlich keine Reflexion, ohne daß nicht etwas relativ ‘Inneres’ existierte, demgegenüber der Gedanke etwas ‘Äußeres’ wäre, und folglich sofort mit Maturanas Aussageverbot belegt werden müsste. (Schließlich sind auch Subsysteme autopoietisch). Und, mehr noch, Maturana darf so garnicht entscheiden können, ob er diesen besagten Gedanken wirklich dachte, oder nicht vielleicht doch etwas ganz Anderes. Er könnte ja etwas Anderes gedacht haben, ohne es zu merken, und hat sich nur eingebildet, er würde diesen einen Satz denken.
Maturanas Gedankenkonstrukt ist immanent zerstört und es gibt keinen Weg da raus. Natürlich denkt er selbst garnicht so wie er sagt. Er legt sich nur keine Rechenschaft darüber ab. So sagt er: “Unter dem heiklen Begriff ‘Erfahrung’ verstehe ich lediglich, was man gerade erlebt…”. Schlamperei allenthalben, denn wie sollen wir das gerade Erlebte als ‘Erfahrung’ von einer momentanen Sinnestäuschung unterscheiden? Mit Maturana geht das überhaupt nicht, also nichtmal als widersprüchlicher Prozess (– dieser Gedanke eröffnet Lösungen). Aber Maturanas Begriff der ‘Erfahrung’ blutet aus, sinnentleert sich, so wie ein abgeschnittener Kopf Blut verliert, und stirbt. Grauslig ist das.
Man darf Maturana nur halbernst nehmen, dann nimmt man ihn so, wie er sich selbst nimmt. Er ist viel lebensfähiger als das, was er aufschreibt je sein könnte, wenn es von irgendjemandem so gelebt würde. D.h. der reale Lebensprozess hält den größten Schwachsinn munter aus, lebt einfach darüber hinweg, nimmt z.B. aus Maturanas im Ansatz zerstörtem Konstrukt den Begriff ‘Autopoiese’, und macht was Tolles draus – na, also wenn das kein Grund zum Optimismus ist, dann weiß ich auch nicht.
Nachdem ich mich so auf Maturana eingeschossen habe gebietet die Fairness zuzugestehen, dass es eine der leichtesten Übungen ist, fragmentarische Produkte von nicht Anwesenden zu kritisieren. Der intellektuelle Disput kann gleichwohl allen Beteiligten Spaß machen und nützlich sein, solange man aus seiner Argumentation kein eigenes Erhabensein konstruiert. In diesem Sinn bitte ich mich zu verstehen.
Und damit grüße ich Sie ein letztes Mal herzlich als Ihr Kehrmeister, reiche den Besen weiter und wünsche uns allen viel Freude beim Vermehren unserer Sinnestäuschungen oder so.
Peter Schlötter
8 Kommentare
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Lieber Herr Schlötter,
wenn wir uns wirklich auf die Frage nach dem schlampigen Denken einlassen wollen, so könnte wir ja bei der Frage anfangen: Wie unterscheiden Sie denn zwischen Wahrnehmung und Sinnestäuschung?
Beste Grüsse, FBSimon
Comment by Fritz B. Simon — 31. Juli, 2005 @ 17:32 Uhr
Lieber Herr Simon,
erstmal danke ich Ihnen für Ihre freundlich sachliche Rückfrage auf meinen provokativen Text.
Meine Antwort: Das kommt darauf an.
In einer Habilitationsschrift würde ich es solgfältiger tun müssen als hier, aber wenn mir das gelänge, wäre es auch einer Habilitation würdig, wahrscheinlich.
Ansonsten unterscheide ich durch Redundanz von Wahrnehmungen und Wahrscheinlichkeit … Ich sitze hier und tippe Ihre Frage vor Augen. Absolut sicher bin ich mir dessen nicht, aber die unterschiedlich hohe Redundanz meiner Wahrnehmungen mit je unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten reicht mit hoher Gesamtwahrscheinlichkeit für meinen gegenwärtigen Lebensprozess gut aus.
Im Kern geht es mir darum, dass ich mich nicht mit der Vorstellung anfreunden kann, ein Mensch könne in keiner Weise aus sich heraus zwischen graduell unterschiedlichen Zuständen geistiger Klarheit/Verwirrung unterscheiden (also zwischen der Fähigkeit zur Wahr-nehmung vs. Unfähigkeit).
Umgekehrt gefragt – halten Sie eine solche Unterscheidung für möglich?
Schöne Grüße, Peter Schlötter
Comment by Peter Schlötter — 31. Juli, 2005 @ 19:27 Uhr
Lieber Herr Schlötter,
ich lege auf jeden Fall wert darauf, dass ich eine Ihrer Sinnestäuschungen bin. Und eine Täuschung wird doch nicht dadurch wahrer, dass sie redundant ist… oder?
Ich habe einige Jahre meines Lebens mit Menschen gearbeitet, die davon überzeugt waren, dass der österreichische Geheimdienst hinter ihnen her wäre… (o.Ä.). Mir schien das zwar immer sehr unwahrscheinlich, aber – andererseitst -, wer bin ich, dass ich mir anmasse, die Abgründe des österreichischen Geheimdienstes angemessen zu beurteilen…?
Wenn Sie sich mit Ihrer Gewissheit, zwischen Realität und Täuschung unterscheiden zu können, darauf berufen sollten, dass andere auch meine e-mails lesen (was noch zu prüfen wäre), so würde es mich doch etwas verwundern, dass Sie offenbar davon ausgehen, die Richtigkeit oder Falschheit von Aussagen über die Wirklichkeit würde demokratisch entschieden. Obwohl: Ganz unsympatisch ist diese Vorstellung ja auch nicht. Und eigentlich scheint es ja wirklich meistt so abzulaufen…
Beste Grüssen, FBSimon
Comment by Fritz B. Simon — 31. Juli, 2005 @ 23:27 Uhr
Lieber Herr Simon,
im MOMENT sind Sie, wenn ich ganz ehrlich und streng mit mir bin, nicht ein Mal eine Sinnestäuschung für mich. ‘Gewissheit’ habe ich dafür nicht, da geht es mir wie allen anderen Menschen auch. Aber ich höre Sie grad nicht, ich sehe Sie nicht und kann Ihnen auch nicht die Hand geben. Letzteres machen viele Menschen wie eine Konvention zur Begrüßung. Ich nicht, ich mach das seit ich auf den Dreh mit der Redundanz gekommen bin nur um zu schauen, ob der Andere wirklich da ist. Wenn ich zum Beispiel jetzt grad Ihr freundliches “Guten Tag Herr Schlötter” hören würde und gleichzeitig Ihr vertrautes Gesicht sähe, Ihre Hand würde ich auch wiedererkennen, MEINE HAND GRIFF ABER INS LEERE, dann wüßte ich (nicht ganz sicher, aber schon ziemlich), daß irgendwas faul ist. Vielleicht würde ich Ihnen dann spontan zustimmen, von wegen Sie seien eine Sinnestäuschung. Aber ich seh niemand hier, usw.
Jetzt bringen Sie mich auf eine Frage. Wenn Wahrscheinlichkeit bei der Wahrnehmung keinen Unterschied machen würde, wenn die Wahrscheinlichkeit quasi invariant wäre, dann müßte die Wahrscheinlichkeit dafür, daß Sie wirklich da sind gleich hoch sein, ob ich Sie nun auf mehreren Kanälen wahrnehme oder nicht. Dann müßte z.B. die Wahrscheinlichkeit dafür, daß Sie beim letzten Händedruck in Köln wirklich da waren genauso hoch sein wie jetzt im Moment? … Dieser Gedanke ist mir unheimlich … ich hab grad schnell die Zimmertür abgeschlossen … Mist! das bringt garnichts.
Wo Sie vom Geheimdienst sprechen fällt mir ein, hinter mir waren auch mal zwei ‘Zivile’ her, was habe ich da gehofft, daß ich blos spinne! Bei Gericht gings dann aber glimpflich ab. Also da kann man sich nicht wirklich drauf verlassen, daß solche berufsmäßigen Häscher nur Luftnummern sind. Aber das haben Sie ja auch nicht behauptet … obwohl, Sie sprachen ja vom österreichischen Geheimdienst … (pfui! das war jetzt nicht korrekt).
Und nun dürfen Sie Ihren Augen trauen (auch ohne redundanten Händedruck usw.) Ich grüße Sie speziell ganz herzlich, möcht Sie aber doch nochmal auf die ernste Frage mit der Wahrscheinlichkeit aufmerksam machen, und alle anderen Leser auch,
Peter Schlötter
Comment by Peter Schlötter — 1. August, 2005 @ 10:37 Uhr
Lieber Herr Schlötter,
wenn Sie die Wahrscheinlichkeit einführen, so sind Sie auf einer ganz anderen Ebene als der von Wahrnehmung und/oder Sinnestäuschung. Denn Sie haben beides “an sich” nicht unterscheiden können. Um eine Unterscheidung vornehmen zu können, mussten Sie hochkomplexe (Wahrscheinlichkeits-)Rechungen anstellen… – was natürlich ein grandioser Akt der Konstruktion von Wirklichkeit durch den Beobachter ist, d.h. alles andere als durch die Phänomene “an sich” determiniert. Wenn Sie also meine Hand drücken und ihren Augen trauen und dann behaupten, ich sei wirklich im Raum, so sagen Sie etwas über Ihre Rechenfähigkeiten, aber nicht so viel über mich oder meinen Aufenthaltsort … Nur gut, dass sich die meisten Leute – ich auch -, um des lieben Friedens willen, nach Ihren Rechnungen richten.
Beste Grüssen, FBSimon
Comment by Fritz B. Simon — 1. August, 2005 @ 11:01 Uhr
Hallo Herr Simon und Herr Schlötter,
vielen Dank für diesen anschaulichen Austausch zum Thema Konstruktivismus. Er erinnert mich daran, wie schwer ich mich an den Aussagen meines Yogalehrers abgearbeitet habe, der mir das östliche, yogische Verständnis von Wirklichkeit nahebringen wollte, nachdem ich mir von Moment zu Moment meine Welt selber erschaffe.
Die Vorstellung, dass es nichts Reales gibt, was nicht ein anderer Mensch exakt auch so sieht wie ich, ist verunsichernd. Und für mich ist es immer wieder anstrengend zwischen meinen “Berechnungen” und Wahrnehmungen/Sinnestäuschungen zu unterscheiden.
Grüsse von Christian Meir
Comment by Christian Meir — 1. August, 2005 @ 11:47 Uhr
Korrektur: Natürlich nehme ich den letzten Satz wieder zurück, denn die Unterscheidung ist ja nicht möglich… das kommt davon, wenn man sich mitten im Alltagsgeschäft, unter Zeitdruck, mit solchen Themen beschäftigt.
Es müsste also heißen: Es ist schmerzlich immer wieder feststellen zu müssen, dass nicht nur meine Wahrnehmungen, sondern auch meine Berechnungen Sinnestäuschungen sein könnten.
Gruss C.Meir
Gruss Christian Meir
Comment by Christian Meir — 1. August, 2005 @ 13:47 Uhr
Es ist jetzt 2:44 und meine Tochter hat die Berechnung “Nacht” doch wieder fahren lassen – und ich dachte, man kann Babys einfach das Schlafen beibringen (Bestseller sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren) – jetzt versuche ich es mit Fencheltee und dem 3-5-7-Plan, aber die Kleine ist erstaunlich hartnäckig. Ich auch. Will schlafen. Sie nicht. Gut. Wer hat jetzt eigentlich Recht? Ich finde, es ist Nacht. Sie findet offensichtlich, das lässt sich abändern. Lässt es sich nicht. Weil ich nicht will. Und weil es einfach auch nicht hell “draussen” (und drinnen) wird nur weil ich es mir nun wünsche. Hier am Land schon gar nicht. Man könnte ja auch die goldene Mitte anstreben, also: Beides gilt. Sinnestäuschung und Wahrnehmung zugleich. Das ist die Wahrheit…oh ja…die Wahrheit, nach der wir alle suchen (jetzt kommt die auch noch ins Spiel, die alte Hure, wie Josef Mitterer, mein grosser Freund schlafloser Nächte, sagen würde – oder war es doch Grisu, der Drache?). Jetzt sind schon 9 Minuten vergangen, ich muss zurück, zu meiner kleinen weinenden Tochter…in dieser Stille der Nacht…
Comment by AGaugusch — 2. August, 2005 @ 02:53 Uhr