Ein Leichenschmaus kann was Herrliches sein
Peter Schlötter
Mit ‘Leichen im Keller’ reflektiert man nicht gern, reflektierte ich gestern. Anschließend machte ich mich irgendwann auf den Weg zu einem guten Freund. Es galt ein Fest zu feiern – auch ein Fest der Reflektion. Mit manchen Menschen suche und genieße ich Reflektion mit einem ähnlichen Gefühl, wie ich mich an einen guten Wein oder an herrliches Essen heranmache. Mit Vorfreude. Und das gewissermaßen ergebnisoffen, also ohne dass zuvor klar sein müßte, was beim Reflektieren neu auftauchen könnte. Es könnte auch eine ‘Leiche’ sein. Das ist doch höchst sonderbar. Die These: ‘ Mit Leichen im Keller reflektiert man nicht gern’ scheint so einleuchtend. Nach dieser These ist die Erwartung bedeutsam für die Bereitschaft zu reflektieren. Wenn man nun erwartet, dass man gleich ‘Leichen’ zu sehen bekommt, sobald man anfängt, zu reflektieren, dann vergeht einem die Lust am Reflektieren. Aber das scheint garnicht zu stimmen (s.o.), macht mir das doch mitunter nichts aus. Vielmehr kann ich auch eine ‘Leichenschau im Keller’ mit deutlich angenehmen Gefühlen verbinden … klingt makaber … ist ja auch ein Spiel mit Worten, das ich hier veranstalte … offen gestanden macht mir ohne soetwas das Reflektieren sowieso keinen Spaß … Aber weiter. Vielleicht wird so ein ‘Schuh’ draus: Die Erwartung ist durchaus bedeutsam für die Bereitschaft zu reflektieren. Aber diese Erwartung wird weniger von dem ‘Ding’ bestimmt, das man erwartet, sei es nun eine ‘Leiche’ oder ein ‘Schatz’, sondern mehr davon, ob es einem gelingt, den Prozess der Reflektion mit letztlich angenehmen Empfindungen zu verbinden, oder genauer, dass man eben solch einen angenehmen Verlauf oder wenigstens eine schließlich angenehme Wendung bereits im Vorfeld der Reflektion erwartet … Diese Wendung gefällt mir. Einmal derart schön im Schwung, könnte man mit den neuen ‘Schuhen’ hurtig weiterschreiten und sagen: Aha! Wer nicht gern reflektiert, der trägt die Erwartung schrecklicher, unbeseitigbarer ‘Leichen’ in sich. Aber das wäre mir zu schlicht. Meist ist es dann doch komplizierter, oder geradezu komplex.
Vorhin habe ich mich erstmal über die Gedanken von Horst Kaspar in seinem Kommentar gestern gefreut. Er hat durchaus zutreffend antizipiert, dass er sich bezüglich der ‘Leichen im Keller’ meines Sohnes täuschen könnte … Moment! So kann ich das nach obigen Sätzen garnicht mehr unreflektiert hinschreiben, denn so gehe ich gewissermaßen leichtsinnig mit negativen Erwartungen um, und dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sich in oder vor mir dunkle Täler auftun … mit der Bemerkung laß ich es stehen. Also Jakob hat ein dermaßen gutes Zeugnis, dass ich daraus überhaupt keinen Grund ableiten kann, er solle endlich mal richtig reflektieren. Perfiede, der macht glaub ich extra so gute Noten, um mich auflaufen zu lassen. Nein nein, die Schule ist nicht das Problem. Es ist mehr, dass er Dinge verliert, z.B. den Überblick, den verliert er buchstäblich fortlaufend, oder kürzlich einmal eine Lederjacke samt Hausschlüssel, oder auch kürzlich zweimal ein Fahrad, erst meines dann seines … die Idee von Horst Kaspar einer spielerisch ritualisierten Reflektion über den Kater Grisli gefällt mir persönlich gut, aber wenn ich das wirklich in die Tat umsetzen würde, dann ginge es mir so ähnlich wie Christian Meir am 24.7.
“Papa, wenn du meinst ich werd so eine Greenpeace-Tussi, dann hast du dich getäuscht”). Ich höre meinen Sohn bereits: “Du immer mit Deinen Psychologen-Zeug, das nervt” … offen gestanden, langfristig mach ich mir auch weniger Sorgen um meinen Sohn, aber wenn ich kurzfristig an mein schönes Fahrrad denke, gerate ich in einen mentalen Zustand, in dem mir keiner über den Weg laufen darf, der nicht Leiche in meinem Keller werden will.
Den Rest kläre ich morgen oder so.
Herzlichst, Peter Schlötter
4 Kommentare
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Lieber Herr Schlötter,
da bin ich aber echt erleichtert. Gleichzeitig komme ich ins Grübeln, also Reflektieren, wie leicht man als Leser von Kehrwochennotizen ins Helfersyndrom fallen kann. Leichen über Leichen im eigenen Keller! Darum sage ich jetzt nichts zu verschwundenen Lederjacken, Hausschlüsseln und Fahrrädern. Außerdem weiß ich nicht, wie man systemisch gesehen mit Schussligkeit umgeht. Werde mir nochmals Herrn Simons „Kunst nicht zu lernen“ zur Brust nehmen, um das vielleicht danach besser einordnen zu können. Wozu Kehrwochen doch gut sind! Man werde aus Schaden klug, sagt bekanntlich der (vorsystemische) Volksmund. Aber den Schaden hat ja der Vater. Doch der ist schon klug genug und ich kehre jetzt (blogfrei) weiter vor der eigenen Tür.
Herzlichen Gruß
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 26. Juli, 2005 @ 18:48 Uhr
Lieber Herr Schlötter, lieber Herr Kasper,
..wie man systemisch mit Schusseligkeit umgeht…
Dazu eine Anregung: Womit geht Jakob nicht schusselig um? Oder anders: Worauf konzentriert er sich? Vielleicht ist da eine Baustelle, ein Entwicklungsfokus, der seine meiste Aufmerksamkeit braucht.
Und noch systemisch-integral dazu: ich selbst neige auch manchmal ein wenig zu einer Art Schusseligkeit und Tolpatschigkeit mit Gegenständen.
Wie außen, so innen: Es ist bei mir nachlassende Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit mit mir selbst. Ich schaue über einen unangenehmen oder schwierigen Punkt (ein ungelöstes Problem, Kummer o.ä.) hinweg, fusche rum. Also: Hinschauen.
Das heißt: intensiver Meditieren. Das hilft mir, mich zu klären, weil beim Meditieren alle Ausweichbewegungen fallengelassen werden können. Das Problem tritt klar hervor.
Liebe Grüße
Ricarda Wildförster
Kommentar by Ricarda Wildförster — 27. Juli, 2005 @ 18:46 Uhr
Hallo ihr Blogler,
…ja das mit der Schusseligkeit ist wirklich nicht einfach…
Ob Klient, Tochter oder Sohn Jakob – ich kann doch nur bei mir selber anfangen mich zu zentrieren. Und – systemisch betrachtet, vorausgesetzt ich habe Erfolg – muss sich mein Gegenüber dann zwangsläufig verändern. Nach meiner Erfahrung, entweder hin zu mehr Präsenz oder zu mehr Ausweichbewegungen. In jedem Fall eine interessante Entwicklung von der jeder Beteiligte etwas hat.
Grüsse von Christian Meir
Kommentar by Christian Meir — 28. Juli, 2005 @ 09:11 Uhr
Dieser von Christian Meir beigesteuerte Gedanke bringt die Sache sehr schön auf den Punkt. Herzlichst, Peter Schlötter
Kommentar by Peter Schlötter — 28. Juli, 2005 @ 11:58 Uhr