Ist reflektieren sexy?
Peter Schlötter
Bevor ich ins Thema einsteige bitte ich um Aufmerksamkeit für das selbstreferenzielle Gewinnspiel – Wie viele sind wir?.
Wer es gewinnt, erhält den Film über das Forschungsprojekt zu Systemaufstellungen “Vertraute Sprache und ihre Entdeckung” (VHS-Version) gratis zugeschickt. Es geht dabei schlicht darum, abzuschätzen, wie viele Teilnehmer/Leser momentan an diesem Forum beteiligt sind. Auf diesem Weg wird aber auch das Selbstbild dieses Kommunikations-Forums transparent gemacht.
Spielregeln: Raten Sie einfach die Anzahl derer, die ab heute bis zum Samstag den 30.7.05 – 24 Uhr in diesem Forum einen Kommentar absetzen. Wer mehrmals kommentiert, wird für das Spiel aber nur einfach gezählt. Gewonnen hat, wer die hinterher sich herausstellende Teilnehmeranzahl als Erste/r richtig geraten hat. D.h. eine Zahl, die bereits jemand anderes geraten hat, lohnt sich nicht nochmal hier anzugeben. Die Teilnahme geht so: vervollständigen Sie den folgenden Satz einfach als Kommentar, in dem Sie schreiben: GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –…–
Ich selbst gehe mit ‘gutem’ Beispiel voran und lege mich als Erster fest:
GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –17–.
Ich werde am Ende meiner zukünftigen Beiträge immer den aktuellen Stand und die bereits ver-ratenen Zahlen bekannt geben:
TEILNEHMER: –1– VER-RATENE ANZAHLEN: –17–.
Dies Gewinnspiel ist ja auch eine Verfahrensweise der Selbstreflektion, die wie jede Selbstreflektion nie ‘reine’ Analyse sein kann, sondern die den rekursiven Prozess der Kommunikation, den sie sichtbar machen soll, unvermeidlich verändert. Und ich bin gespannt, was hier daraus folgen wird.
Nun will ich aber noch zu meinem ‘Lockvogel’ zurückkommen, zu der Frage: Ist reflektieren sexy?
Ich beabsichtige anhand dieser Frage darüber nachzudenken, was explizite Reflektion in einer Kommunikation eigentlich bringt oder nicht bringt. Man könnte ja bei sich selbst die vielleicht unbewußte Auffassung bemerken: Je mehr Reflektion desto sexy, oder allgemeiner: Je mehr Reflektion desto gut (in Anlehnung an die in den 60er Jahren gängige Witzform in der Kommunikation von Jugendlichen: “Was ist der Unterschied zwischen dem Krokodil? – Je grüner desto schwimm”). Also die implizite Auffassung, dass explizite Reflektion in der Kommunikation immer auch mit einer Steigerung einher gehe, die positiv zu bewerten sei. Ich verhehle nicht, dass ich selbst zu solch einer Auffassung tendier(t)e und glaube, dass ich diese implizite Auffassung mit den meisten anderen Menschen mit Beraterberuf teile.
Wenn wir das auf Sexualität anwenden, kann’s aber lustig werden. Man stelle sich ein Paar im Liebesspiel vor, die permanent reflektieren, was sie jeweils gerade tun. Ich möchte das hier nicht weiter ausmalen, um Ihren eigenen Ausmalungen nicht vorzugreifen. Ich selbst komme bei meinen Phantasien zu dem Ergebnis, dass eine solche Praxis durchaus enorm sexy sein kann, sie kann aber auch final abtörnen und auf die Nerven gehen.
Es scheint demnach auf jeden Fall so zu sein, als könne man Kommunikation auch nicht durch explizit reflektierende Kommunikation auf kontrollierende Weise steuern – Nebenbei bemerkt operiere ich schon wieder (vergl. meine Ausführungen der letzten Tage) mit der Unterscheidung explizit/implizit, das Potenzial dieser Unterscheidung habe ich hier wohl noch längst nicht ausgeschöpft. Das wird mir auch heute nicht gelingen, aber soviel scheint mir klar. Im Falle von Mißverstehen kann explizit reflektierende Kommunikation die Wahrscheinlichkeit steigern, dass Verstehen doch noch stattfindet. Und wenn alle Teilnehmern an der Kommunikation in ähnlicher Weise Mißverstehen konstatieren, so ist damit auch die Bereitschaft wahrscheinlich, dass von diesem Konsens ausgehend versucht wird, die Kommunikation durch Reflektion doch noch in Verstehen münden zu lassen.
Solange also Verstehen allseits konstatiert wird, ist explizite Reflektion m.E. überflüssig und würde wahrscheinlich als nervend erlebt.
Das eben hinzugefügte ‘m.E.’ ist aber wichtig, um beispielsweise in Unternehmen tournusgemäß ergebnisoffene Verfahrensweisen der Kommunikation zu begründen, die wie qualitätssichernde Maßnahmen durchgeführt werden können, um Mängel in der Kommunikation aufzudecken, die anders nicht aufgedeckt werden könnten, und um diese Mägel zu beheben. Dieser Gedanke kann durchaus auch auf andere Kommunikationsbeziehungen angewendet werden.
Von Rilke habe ich den Gedanken: Lebe die Frage, dann lebst du vielleicht eines fernen Tages in die Antwort hinein – und so mache ich es nun auch,
mit herzlichem Gruß
Peter Schlötter
11 Kommentare
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Hallo Herr Schlötter,
nach meiner Erfahrung wird As Reflektieren von B dann als sexy empfunden, wenn B auch gern so gut Reflektieren können möchte wie A und gerade Reflektieren übt. Wenn also Reflektieren ein relativ Neues und noch nicht ganz ausgelebtes Thema für B ist und Reflektieren bei B demnach Bewunderung auslösen kann.
So war das in meiner jungen Erwachsenenzeit. Auch heute noch finde ich Männer attraktiv, die gut reflektieren, es hat aber den früheren Magnetismus verloren. Oder anders gesagt: Die Anspruchspalette ist inzwischcen wesentlich breiter
Reflektieren ist ein Muss, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung mehr
Herzliche Grüße
Ricarda Wildförster
P.S. GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –?????
Meinen Sie, wieviele Personen insgesamt vom Beginn der Kehrwochen an kommentieren bis Samstag oder ab heute bis Samstag? ich vermute ersteres. Muss nochmal nachdenken…
Kommentar by Ricarda Wildförster — 28. Juli, 2005 @ 14:10 Uhr
Herr Schlötter, was für eine Frage ?
Reflektieren ist “basic” und isoliert betrachtet – finde ich es – ziemlich “unsexy”.
Und dafür ist die Reflektion oft nur eingeschränkt geeignet – vor allem dann, wenn sie nur im obersten Teil des Körpers stattfindet.
Viel “sexier” finde ich mit seinen Leichen im Keller Bruderschaft zu trinken
Ach ja, GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –11–
Schwitzende Grüsse, völlig unsexy, von Christian Meir
Kommentar by Christian Meir — 28. Juli, 2005 @ 14:47 Uhr
Liebe Frau Wildförster und Andere, gemeint ist ab heute bis Samstag. Es soll so eine Art Momentaufnahme sein. Nur so scheint es mir sinnvoll, da früher sicher auch schon einige mitgelesen haben ohne zu kommentieren, während jetzt vielleicht jede/r LerserIn sich immerhin aufgefordert fühlt, sein/ihr Bild der Kommunikationsgemeinde zum Besten zu geben. Herzlichst Peter Schlötter
Kommentar by Peter Schlötter — 28. Juli, 2005 @ 15:00 Uhr
GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –31–.
Kommentar by bettina e — 28. Juli, 2005 @ 16:23 Uhr
Ein lustiger Gag, lieber Herr Schlötter! Hoffentlich gerät nicht das ganze Unternehmen des Auer-Bloggens ins Eventmäßige. Jedenfalls waren die Überlegungen Herrn Simons vom 17. Juni ziemlich voreilig. Ich meine die “Übung im Autismus”. Und nun?
Ich tippe: GEMÄSS MEINEM BILD SIND ES 25. Es können aber auch viel mehr sein.
Gruß
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 28. Juli, 2005 @ 17:41 Uhr
…na also dann:
GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –8-
Ciao
Ricarda Wildförster
Kommentar by Ricarda Wildförster — 28. Juli, 2005 @ 19:25 Uhr
Lieber Herr Kasper,
jenseits der ‘Verpackung’ geht es bei dem Gewinnspiel ja schlicht darum, für ‘uns’ sichtbar zu machen, wer alles ‘wir’ momentan sind. Oder die Frage nüchterner formuliert, wie viele Menschen lesen die Kommunikationsbeiträge in diesem blog? Damit wird für 3 Tage eine bestimmte Meta-Betrachtungs-Ebene eingezogen, so dass das ‘Auer-Bloggen’ jetzt irgendwie etwas anders sein wird als davor. Vielleicht können Sie sich damit als kommunikatives Experiment noch weiter anfreunden. Das würde mich wiederum freuen. Und ich würde mich freuen, wenn der inhaltliche Dialog ‘unter’ der Meta-Ebene nicht leiden würde, was aber gleichwohl ein bedeutsames Ergebnis wäre. Herzlichst, Peter Schlötter
Kommentar by Peter Schlötter — 28. Juli, 2005 @ 19:30 Uhr
Genau das meinte ich mit “was für ein Gag”.
Gruß
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 28. Juli, 2005 @ 21:09 Uhr
Oh, ein reflektierter Carl-Auer-Event! Schön! Ist dieses im Event sein und zeitgleich im Refelktieren sein nun ein Paradox? Oder wird es erst eins, wenn ich – wie gerade eben – darüber reflektiere ob das ein Paradox ist? Rilkes Motto ist hilfreich – finde ich (!), da das wirkliche Leben (das, was Wirkung erzeugt)denn Weg durch den Bauch und weniger den durch den Kopf geht.
Gemäß meinem Bild von uns sind wir 14.
Herzliche Grüße
Gerd Bauer
Kommentar by Gerd Bauer — 29. Juli, 2005 @ 08:43 Uhr
GEMÄSS MEINEM BILD VON UNS SIND WIR –9- und: Falls ich gewinne: Ich habe den Film schon, so dass er an den Zweitplatzierten gegeben werden kann.
Beste Grüsse, FBSimon
Kommentar by Fritz B. Simon — 29. Juli, 2005 @ 18:00 Uhr
GEMÄß MEINEM BILD VON UNS SIND WIR 20!
Lieber Herr Schlötter, ich finde es wunderbar, wie Sie Ihre Leser motivieren, “aus den Weiten des Internets” näher zu kommen und Ihnen und uns allen zu schreiben. Die systemische Kehrwoche darf ruhig ein bisschen “eventmäßig” sein – mir macht das Spaß!
Mit herzlichem Gruß
Barbara Innecken
Kommentar by Barbara Innecken — 30. Juli, 2005 @ 08:21 Uhr