Mit Freude (lieber doch nicht) selbst-reflektieren?
Peter Schlötter
Nun bin ich an der Reihe. Ausgerechnet jetzt, wo doch mein Sohn am Wochenende … Eine Woche lang öffentlich reflektieren. Eine Gratwanderung – nun denn.
Mit Leichen im Keller reflektiert man nicht gern. Zumindest gibt es eine beobachtbare Tendenz dieser Art. Dem Thema möchte ich mich auf konzentrischen Kreisen nähern. Fangen wir ‘außen’ an. In der gesellschaftlichen Kommunikation von Demokratien wird dieses Problem durch Arbeitsteilung gelöst. Die freie Presse ist zwar Teil der Gesellschaft, aber in dem Maße, wie die Presseunternehmen nicht als Subunternehmen staatlicher Institutionen oder Unternehmen fungieren (Berlusconi!), können sie ihrer spezifischen Autopoiese, nämlich der ergebnissoffenen Reflektion der Gesellschaft recht ungefesselt nachgehen. Nur so ist tendenziell gewährleistet, dass neben vielem anderen auch Mißstände und eben ‘Leichen im Keller’ reflektiert und kommuniziert werden. Sie tauchen gewissermaßen wieder auf als Voraussetzung um nachhaltig beseitigt zu werden.
Kann ein einzelner Mensch intern eine derartige Arbeitsteilung überhaupt irgendwie realisieren?
Auch ein einzelnes Unternehmen tut sich hier schwer. Besteht doch immer die Gefahr, das Interesse an Reflektion dem in der Geschäftsführung personifizierten ‘Gesamtinteresse’ zum Opfer zu bringen. So gibt es in Wirtschaftsunternehmen erst einen Bereich, in dem sich durch den Wettbewerb beflügelt ‘brutalstmögliche Aufklärung’ wirklich durchsetzen konnte – und das ist die Abteilung Qualitätssicherung (QS). Heute ist es Standard, dass die QS ergebnisoffen arbeiten muss und auch arbeitet, und dass sie ihre Ergebnisse unzensiert intern in die Kommunikation einspeisen darf und auch einspeist.
Aber was die Kommunikation selbst angeht, steckt die Selbst-Reflektion von Wirtschaftsunternehmen und Institutionen noch in den Kinderschuhen … Diese unpräzise Formulierung können wir vielleicht über Luhmann verbessern. Selbst-Reflektion ist der Kommunikation inhärent, oder anders formuliert, Kommunikation geht unvermeidlich mit Selbstreflektion einher. Punkt. Ja und nun? Welche theoretischen Unterscheidungen können im Weiteren praktisch hilfreich sein, um aktuelle Reflektion in Unternehmen zu beschreiben? Ich denke da ist vor allem die Unterscheidung von impliziter und expliziter Reflektion zu nennen. Und auch die Unterscheidung von sagen wir bewußt-organisierter und unorganisierter Reflektion. Letzteres wäre als Flurfunk, als Gerüchteküche und dergleichen mehr zu beobachten. Luhmann schrieb: “Systeme müssen, um dies (ihre Ausdifferenzierung, ps) zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen”. Folglich beobachten sich Unternehmen und fertigen ein Selbstbild. Bei dem Gedanke taucht Popper in mir auf: “Beobachten ist immer Beobachten im Lichte von Theorien”. Demnach ist die Selbstbeobachtung bedingt durch die eigenen Vorstellungen. Anderes ‘Licht’ als die aktuallisierten Vorstellungen stehen nicht zur Verfügung. Mit den Unterscheidungen explizit/implizit und bewußt-organisiert/unorganisiert kommt man hier finde ich einen guten Schritt weiter …
Jetzt bin ich aber ziemlich weit davon abgekommen, dass ich momentan eigentlich mit Sorge überlege, wie ich den einen meiner Söhne dazu motivieren kann, die eigenen Anteile an der misslichen Lage, in der er sich befindet, zu reflektieren – also seine ‘Leiche im Keller’. Dass er so oder so reflektiert, ist mir nun wieder klarer, aber WIE er das aktuell (eben nicht) macht, das zu beobachten halte ich schier im Kopf nicht aus. Dies wiederum wird mir zur ‘Leiche im Keller’, die zu beobachten mir eine Art von Verdruss bereitet. Beobachte ich doch mit der mich selbst konfrontierenden Vorstellung, dass ich selbst an der z.Z. unreflektierenden Kommunikation zwischen mir und meinem Sohn beteiligt bin. Spontan würde ich sagen: ER hat den Rolladen runtergelassen. Das sage ich aber zu mir selbst nur hinter vorgehaltener Hand, um nicht diese besserwisserische Überich-Aktion zu provozieren, die sofort widersprechen würde: Nein, den habt ihr zusammen runtergelassen. Aber vielleicht fehlen mir da nur noch ein paar ‘Lichter’ … mal sehen, morgen ist ja auch noch ein Tag, an dem ‘Lichter’ aufgehen können.
Bis dahin, herzlichst, Peter Schlötter
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Lieber Herr Schlötter,
das hört sich am Ende eines Schuljahres irgendwie nach Untergang im Schulwesen an. Ihr Sohn wäre einer von rund 260000 „Gescheiterten“ (da steckt „gescheit“ drin) dieses Schuljahres in dieser Republik. Aber vielleicht irre ich mich und es ist ein anderes, weniger für die Öffentlichkeit geeignetes Problem. Nehmen wir aber mal an, es wäre die blöde Schule: Man kann sich als Betroffener vielleicht schwerlich mit so vielen Schicksalsgenossinnen und –genossen trösten, aber vielleicht als Vater. Vielleicht auch mit den in letzter Zeit durch die Presse gegangenen kritischen Stimmen zu diesem gesellschaftlichen Skandal (etwa von der GEW). Nein, unsere Kinder sind nicht schuld, wenn sie zu Tausenden zu Versagern gestempelt werden. Es ist ein marodes und ineffizientes System, das Jahr für Jahr für viel Elend in Kinderseelen und Familien sorgt.
Falls dem aber so wäre und überhaupt bei so viel Funkstille hinter den Rolladen, würde ich es mal mit Kater Grisli (ich lese mit Freuden die täglichen BLOGS und Kommentare) als Mediator versuchen. Vielleicht erzählt Ihr Sohn lieber – den stummen Vater daneben – dem lieben und geduldigen Kater sein Leid. Grisli wird all die Wut und Verzweiflung mit Geduld aufnehmen. Anschließend könnte der Vater zum Kater davon reden, wie es ihm zu Mute ist, während Sohnemann (der Regel entsprechend) schweigend, aber eventuell Grisli streichelnd, zuhört. Vielleicht kann Grisli auch erst einmal allein und ohne Vater dem Sohnemann zuhören. Während ich das schreibe, legt Kater Morle seinen Kopf immer wieder auf die Tastatur des Notebooks und bringt mich auf solche Ideen. In tiefem Schlaf auf dem Schreibtisch hingestreckt. Schließlich hat er die laue letzte Nacht wer weiß wo verbracht. Daneben belagert das weiße Miggerle ebenfalls lebhaft träumend meinen Schreibtischsessel. Sie hat mir letzte Nacht dafür Stunden lang den Schlaf geraubt. Katzen haben Fähigkeiten, von denen der Mensch nur lernen kann, habe ich oft erfahren. Vielleicht schafft Grisli den Brückenschlag.
Sie merken, ich versuche es mit einem Schuss Perturbation. Ich denke, der starke und stets überlegene Vater muss erst eine Ebene der Verständigung finden. Helfen kann er bestimmt. Morle schnarcht laut, sagt: Versuchs mal, Mensch! Danach geht es auf jeden Fall besser, auch wenn noch nicht klar ist wie.
Dabei weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie schwer es ist, jenseits der Profession, schlicht als Mensch und Vater all das Wissen und Können rüber zu bringen, über das man im Beruf so wunderbar verfügt. Ned Herrmann, der amerikanische Manager und Erfinder des H.D.I. Gehirnmodells (ein nettes Fantasieprodukt, das seinen Mann ernährt) fragte einmal: „Wieso kann ein intelligenter Mensch gleichzeitig so klug und so dumm sein?“
Herzlichen Gruß
Horst Kasper
Comment by Horst Kasper — 25. Juli, 2005 @ 11:21 Uhr