Simons Systemische Kehrwoche

Die Kunst der Papageien-Aufstellung

Thomas Siefer

Hallo Herr Kasper! vielen Dank für Ihren informativen und auch sehr humorvollen Kommentar zur Papageien-Wirklichkeit!

Grundsätzlich stimme ich mit Paul Feyerabend in der Wahl von Methoden durchaus überein: “anything goes” . Wir sollten allerdings beachten, daß ein solches philosophisches Axiom von einem äusserst kritischen und selbstkritischen Menschen in die Welt gesetzt wurde, der durchaus Begründungen, Evidenzen, Diskurse über “die Wege hindurch” (Methoden) postulierte. Das sage ich nur, weil eine berechtigte Kritik an der Aufstellungs-Szene ja sicher darin besteht, Wald- und Wiesenaufstellungen die Tür zu öffnen. Bzw. die Zugänge und zugrundeliegenden Hypothesen nicht offenzulegen oder nachvollziehbar zu machen (und das z.T. mit eher moralischen Einwänden: jedes Verfahren entwickelt in seiner Entwicklung auch eine eigene Über-Ich-Struktur, aber das gilt nicht nur für Aufstellungen).

Leider kennen wir uns nicht persönlich. Ich gehe jedoch einmal davon aus, dass für Sie das “unbedingt” der Aufstellung von Haustieren eine zunächst hypothetische Anregung (mit dem Denken das Innere ordnen und dann Handeln) darstellt und – vom Experimentieren einmal abgesehen, was ja wegen der Gefahr der Stabilisierung von Problemtrancen oder Nicht-Lösungen auch nicht unproblematisch ist – keine Handlungsanweisung darstellen soll.

Eine Auswahl von Elemente einer Einheit – oder eines Systems – zu treffen und aufzustellen, ist ja leicht erlernbar. Das hat etwas mit Handwerk zu tun, das jemand mehr oder weniger gut beherrscht, aber sicher nicht mit “Kunstfertigkeit”. Ein wesentlicher Teil der “Kunst” in der Aufstellungsarbeit besteht für mich darin, in der Auswahl von Elementen, welche Unterschiede 2. Ordnung hervorrufen können (es bedingt Hypothesen über die Struktur) . Wenn sie energetisch spürbar sind, ist es ja noch (relativ) einfach. Schwieriger ist die Öffnung jenseits der bisherigen Erfahrung und der Wirklichkeitskonstruktionen, die wir mit “Wissen” bezeichnen. Dort fängt ja oft erst der wirkliche Mut in der praktischen Arbeit an.

Wie in jeder soliden Beratungsdarbeit wird es – in bezug auf die Vorauswahl und Fokussierung der Aufstellungsarbeit – doch immer darum gehen, inwiefern ein – zum Problem geadelter – Fakt vorliegt und inwiefern ein Veränderungswunsch besteht und welche Richtung letzterer einnehmen soll. Von Aufstellungen kompletter Familien abgesehen – über deren Sinnhaftigkeit man durchaus diskutieren sollte! – würde mich derzeit nur solche Fälle zum Aufstellen einladen, wo das Haustier wesentlicher Kontext der Problem- Lösungs-Struktur (und der unberücksichtigten Kontexte) darstellt. Oder wo es – vor allem in seinem symbolischen Gehalt – in seiner Wirkung offensichtlich zu einer (kraftvollen) Ressource für den Kunden und sein System wird.

Die Papageien gehören natürlich “dazu” – die Frage ist halt, wodurch sich die Qualität einer Bindung von Menschen und ihren Haustieren wahrnehmbar macht – nicht zuletzt für den Berater. Die Kunst der Papageien-Aufstellung besteht vermutlich darin, ihrem Nachplappern nicht zu folgen – oder es als Verlängerung des Interviews mit ihren Haltern, im Sinne des Zirkulären Fragens, aufzufassen. Was mich aber auch konsequentereise dahin brächte, in Interviews eine virtuelle Papageienwirklichkeit herzustellen, nach dem Motto: “Wenn Sie einen Papagei hätten, was würde der mir denn über Ihr “Problem” erzählen? Mit einem Zwinkern im Auge…

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4 Kommentare

  1. Hallo Herr Siefer,

    das ist eine aparte Idee: “Wenn Sie einen Papagei hätten…” Schließlich erlebt das Tier stillschweigend oder auch mitplappernd den Alltag (im Gegensatz zum Berater). Ich denke auch die Art, wie ein Tier zum Haustier dieser Familie (oder welches Systems auch immer) gdeworden ist, ist möglicherweise in manchen Fällen bedeutsam. Man denke an Weihnachtsgeschenke an Kinder, die letztlich zur Pflege durch die zurück bleibenden Mütter führen, an Geschenke der Kinder an die Mutter (die sie einsam zurück lassen): Damit du nicht immer so allein bist…

    Es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht ist es einfach auch wichtig, die Systeme (ob bei Aufstellungen oder überhaupt) offen und nicht geschlossen zu sehen, dann passen ja auch allerlei Randfiguren wie Haustiere dazu. Aber das ist wahrscheinlich ohnehin für Sie eine pure Selbstverständlichkeit. (Auch hier ein Zwinkern im Auge).

    Freundliche Grüße
    Horst Kasper

    Comment by Horst Kasper — 28. August, 2005 @ 17:02 Uhr

  2. Lieber Herr Siefer,

    ja, die Auswahl, “was” aufgestellt wird, “worüber” gesprochen, frei assoziiert, ur-geschreit oder was auch immer … wird, ist der erste Schritt, bei dem sich die Kustfertigkeit des Therapeuten oder Beraters zeigt, und der zweite sind dann die Unterschiede, die er macht oder nicht macht …

    So einfach klingt das abstrakt – und wahrscheinlich können fast alle Kollegen zustimmen, eben weil dies so schön abstrakt ist. Aber in der konkreten Praxis kann man das natürlich mit sehr gegensätzlichen Inhalten füllen, je nachdem, was man konkret auswählt, welche konkreten Unterschiede man macht usw. … Deswegen sind die Methoden eigentlich nicht so wichtig, sondern eher die Leute, die sie anwenden. Das gilt m. E. auch für die Aufstellerei. Sage mir, wer dich aufgestellt hat, und ich sage dir, wer du sein wirst…

    Ob sie aufgestellt werden sollten – dazu habe ich keine Meinung (sitzen sie nicht meistens auf irgendeiner Stange?) -, aber dass Papageien zu Familien gehören, daran besteht für mch kein Zweifel. Dies spätestens – auch ohne derartige Vögel näher zu kennen – seit mir eine meiner (inzwischen erwachsenen Töchter) im Alter von ca. 3 oder 4 Jahren wieder einmal zu einer dieser wichtigen Erkenntnisse über die Strukturierung von Weltbildern verholfen hat, als sie sich (logischerweise) nach der ersten Bekanntschaft mit einem Papagei gleich nach dem dazu geörigen Mamagei erkundigte…

    Beste Grüsse, FBS

    Comment by FBSimon — 28. August, 2005 @ 17:28 Uhr

  3. Wenn die Tochter sich nach dem Mamagei erkundigt, hat das natürlich neben dem Einfühlungsvermögen auch mit den Übergangsobjekten zu tun.
    Eine wesentliche Frage der Zugehörigkeit ist dabei ja immer auch die Bindung bzw. andere Tiefen von Loyalitäten (Gewissensbindung durch Zugehörigkeit). Und danach bemessen ist die Unterschiedsbildung des Therapeuten schon erheblich – und wenn er nach Ordnungen (anderer!) fragt, natürlich auch immer mit der Unfähigkeit verbunden, zur eigenen Autorität zu finden bzw. sich der Über-Ich-Attaken angemessen zu erwehren. Von wegen der blinden Flecke und so…

    Comment by Thomas Siefer — 28. August, 2005 @ 19:20 Uhr

  4. Was mich – jenseits aller therapeutischen Interessen und Über-Ich-Attacken – damals am Mamagei so entzückte, war die (scheinbare?) Bestätigung der These, dass (vielleicht etwas übergeneralisierende gesagt) alle Unterschieds- oder Nicht-Unterschiedsbildung ihre Wurzeln im Kalauer hat… Ähnlichkeit und Wiederholung bzw. “Übertragung” alter Schemata auf neue Kontexte, das sind die tragenden Säulen unserer Konzeptbildung. Wo es einen Papa und eine Mama gibt, da macht es Sinn zu vermuten, dass aus einem Papagei auch auf einen Mamagei zu folgern ist.

    Comment by FBSimon — 29. August, 2005 @ 02:45 Uhr

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