Abstinenz
Fritz B. Simon
Eine der Geschichten, die ich von einer chinesischen Kollegin aus Chengdu, Sezuan, über das Verhalten der nach dem großen Erdbeben eingefallenen Traumatherapie-Heuschrecken gehört habe, fand ich besonders bezeichnend/erschütternd/komisch – das ist ja nicht immer leicht auseinander zu halten.
Einige Chinesen saßen mit einem dieser ausländischen Trauma-Retter zusammen beim Essen, als sie ein Kind bemerkten, das mit hungrig sehnsuchtsvollem Blick auf ihr Essen schaute. Als die Chinesen ihm was zu essen geben wollte, intervenierte der ausländische Therapeut und hinderte sie daran: Er sei der Therapeut dieses Kindes, und es würde die therapeutische Beziehung beeinträchtigen, wenn er/sie ihm was zu essen gäben.
… Jetzt weiss ich endlich genau, was unter therapeutischer Abstinenz zu verstehen ist.
Eigentlich finde ich ja, dass solche Diagnosen wie PTSD oder ADHS, die in den letzten Jahren von US-Kollegen mit Unterstützung einer interessierten Pharma-Industrie promotet worden sind, verboten werden sollten. Allerdings weiss ich nicht, wer sie verbieten könnte…
Wenn das nicht geht, dann muss man eben in der Öffentlich deutlich machen, wie dumm sie sind…
7 Kommentare
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Diese Geschichte erinnert mich an das soziale Klima auf chirurgischen Stationen: alle Patinten sind traumatisiert, zumindest somatisch, helfen sich gegenseitig, lachen miteinander, Ärzte und Pfleger zeigen im Umgang mit ihren Patienten einen außerhalb dieser Stationen kaum nach-vollziehbaren Galgenhumor.
Und es hilft…
Die Kliniks-Seelsorge ist das Kontrastprogramm; dann wird es plötzlich schwer und kaum erträglich…
Kommentar by o.werner — 31. Juli, 2010 @ 09:25 Uhr
Ich bin gerade schwer inspiriert von Ihren China-Reflektionen. Die lassen sich so wunderbar auch hierher übertragen.
Diagnosen – Schall und Rauch … Phasen und Syndrome. Am besten gleich wieder vergessen.
Das Dilemma tut sich erst dann auf (in dem steck ich gerade), wenn das übergeordnete System, z.B. Krankenkassen oder andere geldgebende Institutionen, Diagnosen auf dem Zettel sehen will, um den schnöden Mammon rauszurücken. Da ist auch unsereiner kontextabhängig in der Zwickmühle. (Bei Lichte betrachtet ein Fall von Nötigung, vielleicht kann man´s darüber mal versuchen mit dem Verbieten).
Bis denen beigebracht ist, wie dumm solche Schubladen, samt daraus folgender Handlungen sind, sind die Kinder verhungert, weil ihnen keiner Essen gegeben hat – um bei Ihrem Beispiel zu bleiben. Das mit der Überzeugungsarbeit von wegen “Diagnose und vergiss sie” und “utilize not analyze”, da müssen wir ne Menge Zeit einplanen …
Meine Strategie zur Zeit: Gib ihnen ein F81, F90., nimm das Geld und kauf den Kindern Brot.
Kommentar by Hedwig Gebbeken — 31. Juli, 2010 @ 10:39 Uhr
Eine Benennung halte ich für sinnvoll:
der Zustand, die Realität, in der sich der/die Perturbierte befindet, unterscheidet sich von seiner/ihrer bisherigen Realität und es emergiert posttraumatisch ein differentes Verhalten – psychisch, sozial, somatisch, das stören, schmerzen, behindern kann…, wen auch immer….
Wobei die Unterscheidung des prä- und posttraumatischen Zustandes, wenn wir GSB folgen wollen, von einem Motiv bestimmt ist. Das Motiv erscheint mir wichtig…
Kommentar by o.werner — 31. Juli, 2010 @ 12:16 Uhr
Lieber Fritz,
in der Tat eine verstörend-komische Geschicht. Mir fällt dazu spontan Siri Hustvedts Psychiatrie-Kritik ein, die sie in ihrem letzten Buch “The trembling woman” entwickelt. Ein Buch, das ich mit großem Interesse las und wärmstens empfehle. Besonders spannend fand ich die Parallelen, die sie aufzeigte zwischen Symptomen der klassischen Hysterie (Frauen)und dem modernen PTSD (Männer).
Kommentar by Semira Soraya-Kandan — 1. August, 2010 @ 10:29 Uhr
Hmmm. In der Tat eigenartig. Das müssen aber sehr skurrile Akuthelfer-Tiefenpsycho-Weissnichtwas-Heroen gewesen sein. Klingt irgendwie sogar unseriös, denn selbst wenn man innerhalb der Spielregeln der biologisch-mechanistischen Mainstream-Traumatherapie denkt, macht das keinen Sinn (nur bei einem Anteil von Menschen, die einem schwerwiegenden lebensbedrohlichen Ereignis ausgesetzt waren, entwickelt sich demnach überhaupt eine PTSD, soziale Unterstützung gilt als protektiv). Und Akuthilfe besteht im Idealfall natürlich darin, strukturen sozialer bzw. familiärer Unterstützung zu mobilisieren und nicht in irgendwelchen therapeutischen Techniken.
So ganz pauschal für idiotisch erklären kann man Traumatherapie m.E. dann aber doch nicht. Und nicht einmal Hardliner würden sich irgendwas davon erhoffen, das traumatische Erlebnis einfach zu “wiederholen”. Das Problem der Betroffenen ist ja gerade, dass ihnen der zeitl. und räuml. Kontext abhanden kommt sie das Geschehen ohnehin affektiv ständig “wiedererleben”. Sog. “Expositionsverfahren” sind strukturierte therapeutische Vorgehensweisen, bei denen es nicht um Wiederholung geht sondern darum, einen Unterschied zu machen, der einen Unterschied für den Kontextbezug von Erinnerungskonstruktionen macht! Darüber hinaus orientiert sich Traumatherapie mehr und mehr Richtung Ressourcen- und Lösungsorientierung bzw. interessiert sich für Resilienz. Die Diagnosen sind auch keine Neuerfindung wie ADHS, “Kriegszitterer” gab es schon im 1. Weltkrieg u.ä. Ohne mich jetzt zum Anwalt der Traumatherapie machen zu wollen, lohnt es sich m.E. doch, dieses Phänomen auch systemtheoretisch zu beleuchten. Siehe dazu meinen Kommentar zum letzten Beitrag (“Trauma”). Dazu würde mich Ihre Meinung, Herr Simon, doch sehr interessieren (hätte Ihnen fast mal das Manuskript geschickt, als es noch eins war).
Literaturempfehlungen
EMDR und Lösungsorientierung: http://www.traumatherapie.de/users/bambach/bambach.pdf
Systemische Traumatherapie: http://www.carl-auer.de/programm/978-3-89670-753-6
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 1. August, 2010 @ 21:26 Uhr
@o.werner: Diese Definition/Unterscheidung finde ich sehr einleuchtend. An den Motiv-Aspekt hatte ich nicht gedacht.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 2. August, 2010 @ 06:21 Uhr
und das Motiv hat einen Wert – wenn ich die Operation der Unterscheidung – GSB – recht erinnere;
einen Wert, + oder -, Zugewinn oder Verlust von Differenzierung.
Trauma als Entdifferenzierung des Umweltbezugs nach Perturbation, psychisch, somatisch, sozial.
Kommentar by o.werner — 2. August, 2010 @ 10:39 Uhr