Abteile für alte Ehepaare
Fritz B. Simon
Eine besondere Einrichtung in der Schweizer Bahn sind Schweigeabteile. Dort ist nicht nur das Handy nicht erlaubt, sondern auch das Reden verboten.
Da sitzen dann vorwiegend alte Ehepaare drin, die sich wie zu Hause fühlen wollen.
12 Kommentare
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“Da sitzen dann vorwiegend alte Ehepaare drin, die sich wie zu Hause fühlen wollen”.
Fällt diese Aussage nicht unter Ihre Schweigepflicht, lieber Herr Simon?
Kommentar by Manfred Bögle — 10. November, 2009 @ 13:35 Uhr
Waere ja schoen, wenn es bei der Mehdornschen Bahn uebehaupt noch Abteile gaebe.
Dann koennte man den schweigenden Ehehepaaren ungestoerter zuhoeren.
Kommentar by duscholux — 10. November, 2009 @ 21:34 Uhr
… kann das mit den Schweigeabteilen (in der SSB) eigentlich kaum glauben. Wahr oder falsch? Ich werde in der Schweiz anrufen. Wahrscheinlich dann doch wahr …
Freut mich, daß Sie jetzt mehrere Beiträge der Schweiz gewidmet haben.
Die Schweiz ist ein hochinteressantes Land, auch – und gerade – was die politische Organisation betrifft. Siehe „Konkordanz“ und „Zauberformel“; nicht zu vergessen die Volksabstimmungen. Viel zuwenig beachtet in weitesten Teilen der restlichen Welt. Insgesamt ein Gegenmodell – eigentlich zu fast allem.
Daß es dort in der Bahn Schweigeabteilungen gibt … ich mag es fast glauben. Aber ich werde anrufen!
Kommentar by Uli Wetz — 10. November, 2009 @ 22:40 Uhr
beobachten vs bewerten
Manche Kulturinsassen mag dies eher an Haft und Folter erinnern.
Für andere ist es der wahre Genuss.
Am 11.11. gewinnt, für mich, diese Schweizer Eigenart durchaus an Charme.
Es scheint, dass die Kodierung sitzt?
Dann reicht es!
Kommentar by es — 11. November, 2009 @ 12:26 Uhr
Am 11.11. müßte eigentlich was zum sozialen Lernen durch Rollentausch (inkl. Rollenattributen bzw. Statussymbolen) auf Zeit kommen. Auch eine Art Degenerationsprophylaxe für sog. soziale Systeme. Angenommen bspw. Frau Taraba würde hier mal wie meine Wenigkeit schreiben und ich würde texten wie Frau Taraba typischerweise es üblicherweise tut. Das wäre sicherlich toll von wegen den Effekten wechselseitiger sozialer Perspektivübernahme.
Ab 11 Uhr 11 war bzgl. des eigentlich geplanten Themas kein Unterricht mehr möglich.
Immerhin soll dieses Ritual älter als Weihnachten sein.
Kommentar by Max Liebscht — 12. November, 2009 @ 10:28 Uhr
Lieber Herr Liebscht,
Herr Rosenberg wäre begeistert.
Kommentar by es — 12. November, 2009 @ 12:58 Uhr
Das Fest des Friedens und der Freude rückt näher und näher. Das wäre doch bestimmt auch irgendwie nicht richtig, wenn wir das nur an den Sonderangeboten im Kontext der Supermärkte vermerken würden.
Kommentar by Max Liebscht — 12. November, 2009 @ 17:26 Uhr
In der Mittagspause heute lief auf arte eine Dokumentation zum Niedergang von EADS (Airbus).
Darin wurde u.a. Mehdorn interviewt. Ort des Interviews ganz offensichtlich noch die Bundesbahnzentrale am Potzdammer Plats. Er referierte über seine vielen Jahre als Airbus-Manager (1966-1995) und führte die krisenhafte Entwicklung bei EADS darauf zurück, dass die EADS-Manager nach ihm keine Ahnung von Flugzeugen haetten oder gehabt haben.
Umkehrschluss:
bei EADS muss er dann mächtig was gelernt haben von Druckmaschinen und Eisenbahnen.
Kommentar by duscholux — 12. November, 2009 @ 19:06 Uhr
Spannend finde ich eine Formulierung aus einer ortsüblichen Gazetta: Ein Jahr laviere die Firma Opel ob der Selbstfindungsprobleme von GM “entscheidungslos dahin”. Geht denn das? Hat es keine Entscheidungen gegeben, die irgendjemand verantworten muss? Hat es keine Entscheider gegeben, die Geld für Ihre Bereitschaft zur Risikoübernahme bekommen haben?
Ich fühl mich ja für so vieles verantwortlich auf der Welt. Das ist fast schon eine Gewohnheit. Die Bezahlung für mein Heldentum … läßt echt zu wünschen übrig.
Kommentar by Max Liebscht — 12. November, 2009 @ 21:03 Uhr
Skeptizismus und Stabilität
Soziale Räume konstruieren Sinn- und Wahrheitssysteme. Sei es durch Schweigen (Die Schweizer als letzte Stoiker, ein wunderbarer Filmtitel), oder durch ständige Wiederholung der Wahrheit, des Sinns oder des Ausgrenzenden. Sie schließen sich ein. Draußen und drinnen wird definiert. Draußen ist das Absurde, das Fremde. Soziale Räume leben davon, dass sie sich abgrenzen, immer wieder bestätigen, Geschichte schaffen und fremde Sinnkonstruktionen abwerten und/oder beschimpfen. Skeptizismus? Keine Spur.
„Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit“ schreibt Nietzsche. Zu glauben, dass man mit den Sinnverschreibungen von sozialen Räumen den einzigen Zugang zur Wirklichkeit hat, verzerrt und reduziert seine Wahrnehmungsmöglichkeiten. Allerdings, am Ende des Tages (ein geflügeltes Wort in Entscheiderkreisen)……
Also ab, ins Erkenntnis-Ghetto. „Systeme sind Gebäude, worin sich ihre Erfinder und ganz besonders deren Jünger einsperren“ (van Ense)
Warum auch nicht?
Kommentar by es — 13. November, 2009 @ 10:45 Uhr
Soziale Räume konstruieren? Sheldrake als die Idee eines morphogenetischen Reldes? Oder wie meinen?
Die Frage Dezisionismus / Determinismus muß ich mir nicht anmaßen, anders als über Lernen bzw. konstruktive – also sozial/ökologisch befristet viable – Fehlentscheidungen provisorisch lösen zu können. Möchte daher schon dafür plädieren, dass es im Einzelnen schon auch die lieben Leute mit sind, die da konstruieren, wenn die Möglichkeitsräume für Projektionen sich mit einander überlagern, sich mehr oder minder vertraute Interferenzmuster ergeben. In dem Maße wir so tun können – ungestraft ! – als ob wir Verantwortung wahrnehmen könnten, erscheint es uns als sinnvoll, weil relevante Unterschiede bildend, dass wir nun schon mal da sind hienieden.
Das wir offenbar nur in Systemen denken können, die es vermutich so nicht gibt … ja also die Frage “Warum auch nicht?”. Eine immense Größe von Phänomenen werden wir, meine ich, so schlecht rekonstruieren können, wenn wir das Imaginäre nicht in systematischer Weise bemühen. Ähnlich wie bei den komplexen Zahlen in der Mathematik, für die es so eigentlich kein Äquivalent geben dürfte, brauchen wir womöglich nicht nur soziale als-ob-Konstruktionen sondern von vornherein auch ökologische so-als-ob-Konstruktionen, ein Ausgreifen in den Bereich des Ungreifbaren, eine Hermetik statt allein einer Hermeneutik.
Im Alltag hab ich vor einer Weile das Stammesdenken ironischerweise zu spüren bekommen, just weil ich mit meinen strengernstlichen hier verlautbarten Annäherungen an die Witzelnschaft der Pataphysik gleichgesetzt wurde. Mit anderen Worten: Wer hier schreibt, i s t ein Systemiker und damit – je nach Sozialisationsheimat des Beurteilenden – u.U. ein als feindlich eingeschätzter Indianer. Schon gewußt? Zwischen systemkritisch und Systemtheoriekritisch kann letztlich wohl auch kaum jemand noch unterscheiden. Wenn bei den Entscheidern von denen Sie schreiben also zufällig auch ein paar akademische Unterscheider dabei sein sollten, die sich für so etwas interessieren: “Eine psychologische Theorie der Organisation – Zum Entscheidungsbegriff bei Luhmann und Rombach und seinen Konsequenzen für Führung und Unternehmensentwicklung” so geben Sie mir bittschön Bescheid!
Zieldienliche Hinweise in eigener Sache kommen mir da immer gelegen. Angeblich soll es außer Ihnen ja hier noch andere mehr oder minder wohl gesonnene Geister geben, die hier lesen…
Dass die Indianer sobald sie die Selbstfindungsphase hinter sich haben, fast sämtlich dazu neigen, unter ihresgleichen bleiben zu wollen, ist wohl auf einige Hunderttausende Jahre an Training zurückzuführen. Gerade an vielen, von öffentlicher Hand weithin berechenbar unterhaltenen Institutionen sind die für die Forming – Phase typischen Perturbationen
abgeschlossen. Clans haben sich gebildet, über deren Kräftespiel ausgependelt wird, was mit den öffentlichen Geldern geht und was nicht. Je rational aufgeklärter wir theoretisch sein könnten, desto mehr kommen wir auf archaische Clanwirtschaften, auf Netzwerke (früher als “Seilschaften” verkannt) zurück. Unser Sicherheitsbedürfnis stellt Ansprüche. Die Art, wie wir diesen Ansprüchen in unseren Organisationsformen zu genügen suchen verunsichert naturgemäß vorzüglich die Außenstehenden. Speziell für Verwaltungen bspw. deutsche (?) Universitäten dürfte ein Phänomen typisch sein, über das man nachlesen kann, wenn man über eine halb verlassene faszinierende kleine Stadt auf dem Mittelfinger des Peloponnes recherchiert: Vathia.
Wenn wir nun aber hinreichend schwindelfrei sind, uns von der Idee der Diskriminierbarkeit von Systemen mal für einen Moment darüber hinausgehender Überlegungen zu lösen, so gewinnen wir Boden, den Boden unter den Füßen, den wir brauchen, um eine (Unternehmens-) Ethik begründen bzw. rekonstruieren zu können, die systemisch “in” ist und doch darüber hinaus geht. Es ist wohl schwierig, wenn man Luhmann kritisieren möchte – was mir in aller Bescheidenheit nützlich und möglich erscheint – aber nicht das Reflexionsniveau Luhmanns bemühen mithin erreichen mag.
Diesen Herrn Luhmann mögen – zu meiner Überraschung – jedenfalls also doch nicht alle. Wie das mit Moden so ist. Angeblich soll es bei ihm keine Ethik geben, bzw. “an sich” keinen Anlaß dazu, keinen archimedischen Punkt außer mir selber bzw. meinem wertemäßig prägenden Backround ad infinitum zu vermuten. Wenn ich nun aber Ethik lehre ist das vermutlich kränkend, wenn da jemand so verstanden wird, dass sich eine Ethik systemtheoretisch nicht so ohne weiteres begründen lasse. Böse Systemtheoretiker! Schnöder Reduktionismus der göttlichen Schöpfung.
Ansatzpunkt für eine (Unternehmens-)Ethik, die gleichermaßen Luhmann- kritisch wie sympathisch ist, ist dabei der Umstand, dass es für psychosoziale wie psychosomatische “Systeme” bzw. Organisationsformen noch grundlegendere Fragen zu lösen gilt als die Entscheidungsfrage, ob wir uns eher am Wettbewerbskalkül oder an dem Kalkül orientieren wollen, dass wir alles in allem miteinander letztlich eine Überlebensgemeinschaft bilden. Vgl. dazu natürlich R. Axelrod…
In extremo führt das übersteigerte Survival of the fittest zum totalen Bürgerkrieg. Das übersteigerte Prinzip Kooperation führt demgegenüber zu Inzesterscheinungen in diversen Formen. Im Anbetracht darauf, dass Organisationen von Informationen “leben” und auf das Vermerken relevanter Unterschiedsbildungen angewiesen sind, setzen wir heute auf Informiertheit wenn schon nicht auf Wissen. Ohne das Kunststück der Selbst- bzw. System- Transzendenz wird das mit der Prophylaxe organisationaler Degeneration, wie wir ahnen, auf Dauer nichts rechtes werden. “in” sein ohne nicht gleichzeitig auch noch hinreichend “out” zu sein, wird es nachhaltig betrachtet ebensowenig bringen wie “out” zu sein ohne hinreichend “in” zu sein.
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Speziell für unsere verehrte Frau Taraba abschließend noch ein ein Beitrag im Rosenberg´schen Sinne: “Man braucht sich nur die Ereignisse seines Lebens zu eigen zu machen, um sich selbst zu gehören. Wenn man alles, was man gewesen ist und getan hat, wirklich in Besitz genommen hat, was einige Zeit dauern kann, glüht man vor Realität.” (F. Scott-Maxwell)
Kommentar by Max Liebscht — 14. November, 2009 @ 10:13 Uhr
Ruheabteile
Als Schweizer, der in der Schweiz lebt, kann ich dies also bestätigen, dass es diese Ruhezonen in den SBB-Zügen tatsächlich gibt bzw. gab. Denn bald gibt es gemäss unten stehendem Zitat diese Zonen nur noch in der 1. Klasse. Es soll jedoch auch in der 1. Klasse Ehepaare geben, so dass man die Alltags-(Nicht-)Kommunikation weiterhin beobachten kann
“In den doppelstöckigen Zügen hielten sich die meisten Leute daran, nicht so jedoch in den anderen Zügen. Zu oft gab es Diskussionen über Sinn und Unsinn von Ruhezonen und fast schon jeder Zugbegleiter musste sich von einem Fahrgast sagen lassen, er sei denn “imfall” ein Anwalt und diese Ruhezonen rechtlich gar nicht erlaubt. Anyway: Die Dinger kommen weg. Ruhezonen gibt es in Zukunft nur noch in der ersten Klasse.”
Quelle:http://schweizweit.net/2009/10/29/der-neue-fahrplan-keine-ruheabteile-mehr-kinderabteile-mehr-verbindungen/
Kommentar by Max Woodtli — 15. November, 2009 @ 13:27 Uhr