Simons Systemische Kehrwoche

Anglo-amerikanisches Denken

Fritz B. Simon

Ich bin ja nicht wirklich Anti-Amerikaner – jetzt, wo ein neuer Präsident am Ruder ist, erst recht nicht.

Aber seit ich mich etwas intensiver mit sachlich-fachlichen Fragen beschäftige – z.B. mit systemischem Denken – ist mir aufgefallen, dass aus den USA nur sehr wenige interessante Ideen kommen. Ich erinnere mich, dass ich einmal bei einem Kongress einer amerikanischen Kollegin gesagt habe, mir gefalle ihr pragmatischer Ansatz gut und ich halte ihn für sehr nützlich (es ging um Grossgruppen-Methoden), aber mir fehle einfach die theoretische Begründung und Reflexion…

Sie war mir sehr böse und fand, sie habe eine ganz tolle und ausgearbeitete Theorie – was mir zeigte, dass wir eben unterschiedliches unter Theorie verstehen und erwarten. Also, um es kurz zu machen: Wenn mal interessante, intellektuell befriedigende Ideen aus den USA kommen (was selten genug der Fall ist), dann stammen sie fast immer von einem Europäer.

Das war auch in den Anfängen der Familientherapie und der systemischen Ansätze im psychosozialen Feld so. Entweder es waren Europäer oder aber Südamerikaner, die hier bahnbrechend gearbeitet haben. Und die Südamerikaner denken eher wie die Europäer.

Mein Gefühl, dass die Amerikaner zu schlicht denken, bin ich nie los geworden. Jetzt lese ich gerade ein sehr gutes Buch (von einem Amerikaner) über kulturelle Unterschiede zwischen Ost-Asiaten und Westlern, das mich in meiner Bewertung sehr bestätigt. Hier das entsprechende Zitat aus Nisbett, Richard E. (2003): The Geography of Thought. How Asians and Westerners Think Differently …. and Why. New York (Free Press):

„The big-picture ideas are much rarer in Anglo-America than on the Continent. During the many decades that Anglo-American philosphers concerned themselves with atomistic, so-called ordinary language analysis, European philosophers were invernting phenomenology, existentialism, structuralism, poststructuralism, and postmodernism. The largest systems of political, economic, and social thought arise primarily from the Continent. Marxism is a German product; sociology was invented by the Frenchman Auguste Comte and raised to its highest level of achievement by the German Max Weber. In psychology, it is also the continentals who dominate the big-picture theories: the Austrian Freud and the Swiss Piaget are perhaps the most influential psychologists of the twentieth century. In my own subfield of social psychology, two Germans, Kurt Lewin and Fritz Heider, have contributed by far the broadest and most comprehensive theories. And the school that I find myself belatedly belonging to is he historical-cultural one established by the Russian psychologist Lev Vygotsky and Alexander Luria.

It’s not just that Anglo-American scholars don’t tend to create broad-ranging theories; they can seem positively allergic to them. B.F. Skinner, America’s chief candidate for the psychology pantheon, was not merely a reductionist of the extreme atomic school, he actually believed theories of any sort were inappropriate – too general and too removed from the unshakeable facts.“ (S. 85/86)

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6 Kommentare

  1. Ein versteckter Beitrag zum Thema Fritz Simon und seinem Verhältnis zur Bahn?

    http://www.bahn.de/p/view/index.shtml

    Kommentar by Max Liebscht — 26. Mai, 2009 @ 15:39 Uhr

  2. Sind wir heut nicht alle ein bißchen
    ballamerikanisch?

    Kommentar by Max Liebscht — 26. Mai, 2009 @ 17:02 Uhr

  3. Lieber Herr Simon,

    wenn ich amerikanische Publikationen beispielsweise zu Moderationsformaten betrachte, beschleicht mich ja ein ähnliches Gefühl von Reflexionssparsamkeit. Bei vergleichbaren deutschsprachigen Publikationen geht es mir aber nicht viel besser. Da wird wenig wirklich theoretisch fundiert (manchmal kein Nachteil), vieles eher esoterisch aufgeladen (immer nervtötend).

    Ich bin mir nicht sicher, ob Nesbitt zur Stützung Ihrer Hypothese über die Amerikaner wirklich taugt. Er beschreibt die kontinentaleuropäischen “big-picture ideas” von vor dem 2. Weltkrieg.
    Er spricht von den anglo-amerikanischen Philosophen (also auch Engländern!) der sprachanalytischen Schule und unterschlägt (zumindest in dem Zitat) den Pragmatismus. Immerhin haben die amerikanischen Pragmatisten (Dewey, James usw.) an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine wohlreflektierte Theorie darüber geliefert, in welchem wechselseitigen Bedingungszusammenhang Theorie und Praxis stehen – wenn man so will ein anti-big-picture-big-picture. Das, was Nesbitt denen vorwirft, ist ja gerade deren Pointe. Dieser Ansatz war ziemlich skandalös für die big-picture-Philosophie idealistischer Prägung in old europe. (Ich habe selbst noch bei Leuten studiert, für die der Pragmatismus quasi das Böse in Theoriegestalt darstellte.) Nebenbei: Die pragmatistische Idee, dass sich Wissen bzw. Wahrheit erst im Zusammenhang von Praxis bzw. seiner Nützlichkeit in praktischen Kontexten bewährt, ist ein Gedanke, der ja gerade uns Systemikern nicht ganz fremd ist.
    Was die von Nesbitt so stiefväterlich behandelte ordinary language philosophy anglo-amerikanischer Herkunft angeht, so empfand ich das zugegebenermaßen wenige, was ich da gelesen habe, als angenehm skeptizistischen Gegenpol zu den mitunter ins fundamentalistische driftenden big-picture ideas.

    Mich interessiert: Wie erklären Sie sich die Schlichtheit, die sie da beschreiben?

    Ein Erklärungsansatz wäre, dass diese Schlichtheit mit einer bestimmten historisch gewachsenen Angebots- und Nachfragestruktur im Wissenschaftssystem und seiner relevanten Umwelten in den USA nach 1945 zu tun hat.

    Viele Grüße,
    Frank Taschner

    Kommentar by Frank Taschner — 26. Mai, 2009 @ 22:51 Uhr

  4. Lieber Herr Taschner,

    was den Pragmatismus angeht, muss ich Ihnen vorbehaltlos recht geben. Meinen Favoriten C. S. Peirce haben Sie noch zu erwähnen vergessen… Ihre Werke ziehe ich den großen europäischen Theorien vor. Letztlich ist der europäische Idealismus nicht befriedigend und weit weg von dem, was für das Alltagshandeln relevant ist.

    Abduktion i. S. von Peirce ist der Weg der Theorie- Entwicklung, der m.E. am besten systemischen Modellen gerecht wird bzw. sich aus ihnen ableiten würde, wenn er nicht eh schon von Peirce beschrieben worden wäre.

    Dennoch: Die Theoriearmut – ob in den USA oder hier – ist, da stimme ich Ihnen zu, Ausdruck der Selektionsmechanismen im internationalen Wissenschaftssystem, das die schlichten (und daher mehrheitsfähigen) Modelle favorisiert. Die Bildzeitung ist – analog – ja auch die meist gelesene Zeitung.

    Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 27. Mai, 2009 @ 07:31 Uhr

  5. Ich hab da gewiss nicht d e n Überblick. Meinem Eindruck nach wird Innovation doch grad an deutschen Unis mit ihren fördermittel- aufgepusteten Nützlichkeitsattrappen und Vitamin B – Klüngeln bis zum Martyrium gemobbt. Posthum hat man hier noch die besten Chancen unter lauter Gammas. Innovation ist gegenüber durch Beamtenmentalität bestimmten Apparaten kaum anschluß-, geschweige konsensfähig.

    Kommentar by Max Liebscht — 27. Mai, 2009 @ 09:29 Uhr

  6. “Verwöhnte Kulturen”

    Kommentar by Max Liebscht — 5. Juni, 2009 @ 15:58 Uhr

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