Simons Systemische Kehrwoche

Applaus

Fritz B. Simon

Vorgestern war ich in einem Konzert (in Bonn). Das Beaux Arts Trio spielte im Rahmen des Beethovenfestes. Und es – sie – spielten wie drei junge Götter, vollkommen entfesselt. Aber jung waren nicht alle. Einer – der Gründer des Trios – Menahem Pressler ist bereits 84 Jahre alt, und er hat das Trio vor 50 Jahren gegründet. Seine Haut wirkt zu jung für sein Alter, seine Agilität ebenfalls, von seiner Dynamik und Virtuosität gar nicht zu sprechen.

Offensichtlich ist Klavierspielen eine gute Methode gegen die Verkalkung. Rückwärts die Treppe Runtergehen soll auch gut sein. Allerdings gibt es dafür nicht annähernd so viel Applaus (und das nicht nur, weil man das selten vor Publikum macht). Es klingt natürlich auch nicht so gut und erscheint nicht so schwer.

Das wirklich großartige Trio, Daniel Hope, Antonio Meneses, vor allem aber Menahem Pressler bekam am Ende rasenden Applaus, dutzende von Vorhängen, Standing Ovation.

Gestern habe ich noch ein Konzert in Bonn gehört. Das BBC Symphony Orchestra spielte ziemlich moderne Musik. Unter anderem die deutsche Erstaufführung von „Witness to a snow miracle“ von Simon Holt (der Komponist war anwesend). Hier spielte eine junge, schöne Violinistin gegen das Orchester (Programmmusik, bei der man das Programm kennen muss, um sie angemessen schätzen zu können). Diese Geigerin (Viviane Hagner) war nicht nur sehr ansehnlich, sie spielte auch phantastisch.

Auch hier am Ende frenetischer Applaus. In der Pause danach hörte ich allerdings fast ausschließlich Menschen, die erklärten, sie hätten die Musik nur schwer aushalten können.

Als letztes gab es das Stück eines der „Jungen Wilden“ aus Groß Britannien: Harrison Birtwistle. Dieser junge Wilde ist auch schon über siebzig, er hat das Stück allerdings schon vor 20 Jahren geschrieben, als er noch wirklich richtig jung war. Riesige Besetzung: 160 Musiker auf der Bühne. Alles offensichtlich extrem schwer zu spielen.

Die meisten der Zuhörer waren – nach eigenem Bekunden – zu alt für diese Musik (oder nicht wild genug). Keine Melodie nicht nirgendwo. „Mir war als säße ich in einer Mülltonne, und es würde immer mit dem Deckel drauf gehauen, und ab und zu auch noch von der Seite!“ (Zitat)

Am Ende donnernder Applaus. Meine begeistert klatschende Nachbarin: „Hoffentlich gibt es keine Zugabe!“

Wofür bekommt man Applaus?

Im ersten Fall war das für mich nicht entscheidbar. Die Qualität der Darbeitung stand außer Zweifel, der dargebotenen Musik auch. Aber, da die meisten der Zuhörer sich auch eher den 80ern näherten könnte es auch eine Art gerontologischen Selbstbestätigungsapplauses gewesen sein. Wenn jemand in dem Alter solch eine Musik macht, dann werde ich doch wohl noch schaffen, mein Gebiss jeden morgen richtig einzusetzen…

Bei der Violinistin war es sicher mehr die Kombination von handwerklicher Brillianz und Aussehen. Wenn jemand sich in jungen Jahren – trotz solch eines Aussehens, das eigentlich schon ausreicht, um ganz gut durchs Leben zu kommen, der Anstrengung unterwirft, solch schwierige und unpopuläre Musik so brilliant spielen zu lernen, dann ist die Menschheit nicht wirklich verloren. Und es geht offensichtlich den jungen Leuten nicht nur um Geld (denn reich wird man mit dieser Musik bestimmt nicht)…

Und im letzten Fall, der wild-jungen Musik, ging es wohl eher um die Anerkennung für die harte Arbeit von Musikern, die diese Art von Musik mit handwerklicher Perfektion spielen, obwohl sie das nicht gerne tun (zumindest konnte sich ein großer Teil des Publikums das nur schwer oder gar nicht vorstellen). Der Applaus galt dem guten und loyalen Angestellten.

Aber das schöne am Applaus ist ja, dass er in vielfältiger Weise interpretierbar ist…

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1 Kommentar

  1. Nicht nur Klavierspielen ist eine gute Methode gegen die Verkalkung. Eine kanadische Arbeitsgruppe um Professor Ellen Bialystok aus Toronto hat herausgefunden, dass das lebenslange Sprechen zweier Sprachen eine Demenz um vier Jahre hinauszögern kann, aufgrund einer besseren Vernetzung der Neuronen. Vier Jahre sind immerhin vier Jahre.

    Beste Grüße

    Rainer Isermann

    Kommentar by Rainer Isermann — 30. September, 2007 @ 01:14 Uhr

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