Arabische Familienunternehmen
Fritz B. Simon
Meine Erfahrung in Kairo auf einer von Wittener Studenten organisierten Tagung für Familienunternehmer haben mich zur Hypothesenbildung über einen Unterschied (unter wahrscheinlich vielen) zwischen deutschen und arabischen Familienunternehmen verführt.
Hier in Mitteleuropa und den USA stehen die Unternehmen (vor allem die großen, die viele Generationen alt sind) vor der Frage, wie sie mit den Paradoxien umgehen sollen, die aus den unterschiedlichen Spielregeln von Organisationen und Familien resultieren. Wer den aus familiären Regeln abzuleitenden Imperativen folgt, verstößt gegen die Spielregen und Rationalitäten von Unternehmen als Organisationen – und vice versa. Sich hier nicht für die eine Seite zu entscheiden, sondern sich dem Konflikt von Fall zu Fall zu stellen und ihn jeweils neu zu entscheiden, ist das Erfolgsrezept von Familienunternehmen.
In Arabien, so mein – nicht durch empirische Studien überprüfter – Eindruck, stellt sich die Frage nach der Bewältigung oder Entfaltung dieser Paradoxie gar nicht, denn Unternehmen werden gar nicht als Organisationen betrachtet, sondern – wie bei uns in der Zeit vor der industriellen Revolution – als Erweiterung der Familie. Das Geschäft wird vom jeweiligen Familienoberhaupt sehr personenorientiert betrieben. Er verhandelt mit den Lieferanten und Kunden, und die erwarten, mit ihm zu verhandeln. Das ganze Business beruht auf einer radikalen Personenorientierung. Die Firma als Erweiterung der Person des Unternehmers. Externe Rollenträger gibt es zwar, aber sie können nie die Rolle des Unternehmers übernehmen. Der Markt als ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, das historisch gewachsen ist.
Wenn meine These/mein Eindruck stimmt, dann hätte dies zur Folge, dass die Wachstumsmöglichkeiten solcher Unternehmen sehr begrenzt sind. Denn das ist ja der wesentliche Vorteil von Organisationen, dass sie die Abhängigkeit von konkreten Personen dadurch relativieren, dass sie Stellen und Rollen und Funktionen und Strukturen schaffen, die für die Austauschbarkeit der einzelnen Akteure sorgen.
So viel ich weiss, gibt es in den Emiraten auch Börsen und Aktiengesellschaften. Aber die sind wahrscheinlich ja eher in der Hand von Mitgliedern der jeweiligen Herrscherfamilien. Vielleicht sind also die Herrscherfamilien in Arabien das Gegenstück zu den Multi-Generationen-Familienunternehmen bei uns.
Aber das sind alles natürlich erst mal nur Spekulationen und Eindrücke. Vielleicht kennt sich ja jemand in jener Gegend der Welt aus? Dann sollte er uns aufklären! Oder er will es beforschen?
1 Kommentar
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Es gibt sie wirklich, die interessanten Themen.
Stellt nicht jede Organisationsform die Entfaltung einer Paradoxie dar, macht dies nicht gerade ihr Wesen aus?! In dem Maße … Sie würden sagen “Beobachter” … Mitspieler paradoxe Anforderungen einer Angebot – Nachfrage- Situation wahrnehmen, welche in ihren Resonanzkörpern Konflikterleben anregt, in dem Maße brauchen sie Organisation als prozessierten Kompromiss. In dem Maße als die Organisation die paradoxe Anforderung einerseits ein Stück weit löst und andererseits ein Stück weit am Leben hält, in dem Maße macht sie Sinn. Inzwischen seh ich Organisation als Entsprechung zu den Gehirnen seiner Stellglieder – nur mit erweiterten Möglichkeiten insofern die Organisation Verrücktheit in einem Ausmaß realisieren kann, an dem ihre Mitspieler im Einzelnen kaputt gehen würden. Daß Charaktere mit Borderline – Tendenz in solchen Spielvereinen wie der Bundesbahn Bewußtseinsfunktionen übernehmen, also die Aufmerksamkeit fokussieren und Selbstgewahrsamkeit des Organisationskörpers realisieren sollen, erscheint mir konsequent. Die Spielräume der Organisation können bis an ihre Grenzen ausgenutzt werden, wenn die Leitsignale von Leuten kommen, die hinsichtlich der Referenzen für ihre Entscheidungen weitestmöglich unabhängig, vorzüglich auf die Optionen der Machtposition fokussiert – um nicht zu sagen egoman bzw. asozial sind.
Familie und Kapitalismus – wer erzieht wen? scheint bei den Fusselbärten nicht die Frage zu sein. Ob deren Unternehmungen in der Konsequenz sozialer, sinnvoller, weniger degenerativ bzw. verrückt sind?
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 1. November, 2008 @ 14:16 Uhr