Arbeit und Verblödung
Fritz B. Simon
Einige der Kommentatoren, die sich auf meine Überlegungen zum “Missbrauch” von Hartz IV bezogen haben, waren von der Sorge erfüllt, dass Menschen, die nicht mehr durch Arbeit gefordert werden, verblöden – so wie manche (anderen?) Würmer, die sich an einem behaglichen Plätzchen eingerichtet haben, ihr Gehirn verspeisen, weil es nicht mehr benötigt wird.
Sehr fürsorglich. Volkspädagogisch sozusagen.
Ich denke aber, dass wahrscheinlich mehr Leute aufgrund der (Unter-) Forderung durch ihre Arbeit verblöden als dösend vor dem Fernsehapparat…
Wenn man ein bedingungsloses Grundeinkommen gewähren würde, so würde das auf der einen Seite der Tatsache gerecht werden, dass in Zukunft wahrscheinlich ja eh nicht mehr genug Arbeit für jeden da ist (gestern hat die EU ihren Plan [= Hoffnung, nicht Befürchtung] veröffentlicht, nach dem im Jahre 2020 von den 20 – 64-Jährigen 75% in Arbeit sein sollen; das heißt, 25% werden aller Voraussicht nach keine offizielle Arbeitsstelle haben). Auf der anderen Seite würde es Freiräume für jeden Einzelnen eröffnen, die heute nicht gegeben sind. Jeder müsste sich Gedanken machen, wofür er eigentlich sein Leben verwenden will. Denn die schlichte Anpassung an Forderungen von Außen (= Notwendigkeit zu arbeiten) wäre ja nicht mehr ausreichend, um diese Frage zu vermeiden. Und die Antwort könnte – wie heute – lauten: Ich will reich werden, mir Autos, Partner, Reisen etc. kaufen können. Sie könnte aber auch sein: Ich werde irgendwas Kreatives oder der Menschheit Dienliches tun (usw.).
Die Schulen würden nicht mehr dazu mißbraucht (!), Menschen auf irgendeine schwachsinnige Hilfsarbeit vorzubereiten, sondern sie müssten und könnten für ein Leben in Selbstbestimmung trainieren. Mußefähigkeit – ein Lehr- und Lernziel, das ich hier ja schon öfter propagiert habe, wenn ich mich recht erinnere – wäre das Bildungsziel.
Und natürlich: Arbeit wäre schon noch genug zu tun, und Motivation dazu sicher auch. Denn solch ein Grundeinkommen würde ja keine wirklich großen Sprünge erlauben und irgendjemand müsste auch all die kreativen, neuen Ideen realisieren…
4 Kommentare
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Im Grunde fühlt man jetzt, daß eine solche Arbeit die beste Polizei ist, daß sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht.
Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen.
Nietzsche
Kommentar by es — 4. März, 2010 @ 11:36 Uhr
Andere arbeiten bis zum Umfallen
und wir …
orakeln bis sich das korrigiert.
Wenn Sie mal “nicht arbeiten” – ich bin sicher,
dass sie dabei ziemlich fleißig sind.
Um Sie mach ich mir da weniger Sorgen.
Ich weiß nicht, ob es klug wäre, Fußballstadien abzuschaffen.
Was Arbeit angeht,
halte ich Sie für einen hoffnungslosen Fall.
Der rechte Mann am rechten Ort…
Der kann gar nicht viel anders als geradezu zwangshaft irgendwas zu schaffen.
Irgendwas, wovon er glaubt, dass es irgendeiner irdischen oder himmlischen Gemeinschaft Sinn macht.
Von daher geht es nicht um Arbeit ja/nein.
Sondern die Leute an ihren Platz zu führen.
Alle anderen brauchen “Ausgleich”.
Dafür, dass sie im Grunde daneben sind.
Die Schulen bereiten nicht vor.
Dazu müßten sie wissen, worauf.
Sie beschäftigen.
Ca 50 % der Schulprodukte weisen keine Ausbildungsreife auf.
Wozu man Lehrer sonst gebrauchen könnte …
Wer nun aber wird bspw. allein all die Alten pflegen?
Eine Arbeit, die nicht nur Spaß macht.
Diese Zahlen sind ein irrer Witz, der die Verpeiltheit dieser Leute anzeigen würde, so sie es denn irgend ernst meinen würden.
Europa ist wie eine einzige große Behörde.
Die von Reformen träumt.
In den Gängen simulieren die Rädchen den Dschungel, der draußen tobt und den sie irgendwie trotz allem vermissen.
Sie selbst braucht keine Reformen solang ab und an noch etwas frisches Fleisch hereinkommt und die Ressourcenströme die Unterhaltung gewährleisten
So ein Gewächs kann man nur austrocknen.
Kommentar by Max Liebscht — 4. März, 2010 @ 16:05 Uhr
Es ging mir dabei gar nicht um Fürsorge. Ich glaube, dass wir aus zwei unterschiedlichen Blickwinkel auf das vielleicht gleiche Problem schauen:
Sie haben den Einzelnen im Sinn und sagen: “Wäre das nicht für ihn schön, wenn er tun und lassen könnte, was er wollte?”. Selbst hierüber kann man geteilter Meinung sein (siehe Watzlawik, “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?”)
Ich denke eher an die Gesellschaft. Was hält sie robust? Leute, die vor Euphorie und Kreativität nur so sprühen sicher ja. Leute, die das arbeiten verlernt haben und den ganzen Tag vor der Glotze hängen sicher nicht. In welchem Mix würde man die beiden Anteile wohl bekommen?
Kommentar by Wolfgang — 9. März, 2010 @ 22:19 Uhr
Befassen Sie sich einfach en detail mit den Weiterbildungserfahrungen dieser Leute, die als “arbeitsscheu” abgewatscht werden. Es ist sicher ungewollt aber eben doch 1A systembedingt, dass diesen Leute auch jedes letzte Fünkchen an Resilienz ausgetrieben wird; erlerente Hilflosigkeit als ein Massenprodukt gesellschaftlich deorienierter “Sozialwirtschaftler” samt der dazugehörigen Politborderliner mit Profilierungsbedarf.
Kommentar by Max Liebscht — 23. März, 2010 @ 01:46 Uhr