Auf Tote pissen (=urinieren)
Fritz B. Simon
Wieder ein Skandalvideo aus einem Krieg: Vier US-Marines pinkeln auf drei tote afghanische Taliban.
Wahrscheinlich ist dies nur deshalb ein Skandal, weil es ein Video gibt. Denn in Kriegen und/oder anderen Konflikten, die mit Gewalt entschieden werden, ist ein wichtiger – wenn nicht der (!) wichtigste – Aspekt die Demütigung des Gegners. Es geht um Unterwerfung, die Herstellung einer “objektiven” Oben-unten-Beziehung. Jemanden mit Füssen zu treten, ist ein Zeichen der Verachtung. Auf ihn zu pinkeln, noch mehr (man pinkelt nicht nach oben). Auf manchen Südsee-Inseln war es, bis die christilichen Missionare einschritten, üblich, den besiegten Feind aufzuessen. Dies nicht, weil er so gut schmeckte oder so der Eiweisshaushalt aufgebessert werden konnte, sondern als ultimatives Zeichen der Verachtung. (Nebenbei: Eine Warnung an alle, die jemanden aus “Liebe” verschlingen wollen, es könnte gut ein Zeichen der Verachtung sein bzw. so interpretiert werden.)
Also, warum die ganze Aufregung? Angeregt hat mich zu der Frage (die ich selbstverständlich nicht beantworte), die Mail eines Blog-Lesers – gewissermaßen ein antizipatorischer Kommentar zu dem, was ich gerade geschrieben habe:
“Heute bin ich damit beschäftigt zu verstehen, warum “auf einen Toten zu pinkeln” politisch unkorrekter ist als “auf einen Lebenden zu schiessen”.
Auf einen Toten zu bluten schein OK zu sein (wenn man auf der gleichen Seite steht) – aber auf ihn zu menstruieren ..? Sollten deshalb Frauen nicht zum Militär gehen ?
Die Welt scheint sich immer mehr zu komplizieren, je älter ich werde…” (Ende des Zitats)
Nein, sie wird, glaube ich, nicht komplizierter: die Welt. Aber die Kommunikation wird allumfassender, so dass wir mehr mitbekommen von dem, was es alles so gibt – und auch früher schon gab. Ich bin sicher, dass seit Anbeginn der Menschheit auf Tote gepinkelt wurde (Kain hat wahrscheinlich auf Abel “uriniert”, wie es vornehm sachlich in den Nachrichten heißt).
10 Kommentare
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Tolle bemerkung zum schluss: die kommunikation wird ‘allumfassender’… vielleicht könnte man daran anschließend so vermuten:
was neu ist, ist, dass demütigungen (in form von videos) heute instantan und global kommuniziert werden können – andere aspekte/folgen des krieges/der gewalt jedoch nicht (wie z.b. tot, körperliche verletzung/zerstörung, etc.). krieg-kommunikation wird damit abstrakter und direkter zugleich.
als eine weitere beobachtung vielleicht: kann es nicht sein, dass diese formen der demütigung nicht mehr ‘passen’? sie sind nicht mehr wie man vielleicht nicht ohne einen gewissen bitteren zynismus sagen kann: die feine art… in zeiten ent-menschlichter kriegsführung und vor allem in zeiten veränderter dramatik der mittel zur austragung von konflikten (finanziell-ökonomische vor allem) scheint die öffentlichkeit besonders empfindlich geworden zu sein gegenüber solch martialischen formen der demütigung.
oder mit baecker (gewalt im system): die zurechnung auf körper und damit handlungen scheint eine netzwerk-strukturierte kommunikation zu stark einzuschränken – empörung scheint dann eine art aufbegehren der kommunikation gegen ihre eigene de-optionalisierung durch gewalt. oder noch mal anders: im vergleich zu anderer kriegsberichterstattung erzwingen solche videos ein zurechnen auf handeln, das video ist gewalt und zwar gewalt die damit als gewalt wirkt auf den kontext in dem das video gezeigt wird (nachrichten, blogs, youtube, wherever)
nur als ein paar spontane gedanken…
viele grüße, moritz klenk
Kommentar by Moritz Klenk — 13. Januar, 2012 @ 16:29 Uhr
Flüssiges scheint sich besonders zu eignen…
Spucken gehört wohl auch dazu.
Heutige männliche Jugendliche aus anderen Kulturen sehe ich manchmal auf die Strasse spucken.
Kommentar by o.werner — 13. Januar, 2012 @ 17:53 Uhr
Ausdruck degenerierter Kriegkunst und Kampfesethik. Offenbar wird jetzt endlich angesetzt zur “Einführung in die systemische Kriegsführung”. Ich möchte mich dafür aussprechen, mitzuberücksichtigen, dass sich auch eine Traditonslinie für die Ehrehrweisung dem Gegner gegenüber durch die Geschichte zieht. Selbst unter Jägern gibt es immer noch manche, die den Hut ziehen und dies als letzte Ehre zugestehen. Als Ausdruck der systemischen Erfahrung, dass man sich immer zweimal im -diesseitigen bzw. jenseitigen – Leben sieht? Das von magischen Anmutungen begleitete Einverleibenwollen der Ressourcen des Gegners scheint mir eher ein Ausdruck der Ehrerbietung seinen Potentialen gegenüber zu sein.
Auf Heimat spucken weil man die neue nicht gewonnen hat und die alte nicht mehr zu halten war?
Kommentar by Max Liebscht — 13. Januar, 2012 @ 18:30 Uhr
Die allumfassende Kommunikation gehört nicht zur Welt, steht außerhalb? Und wie kompliziert ist denn nun das Pinkeln?
Kommentar by heruler — 13. Januar, 2012 @ 19:52 Uhr
@3: Pinkeln ist einfach. Wenn nicht, braucht man den Urologen. Die Interpretation des Pinkelns ist schwieriger. Da braucht man den Ethnologen.
Kommentar by Fritz B. Simon — 13. Januar, 2012 @ 21:44 Uhr
Es gibt Leute, die können nicht pinkeln, wenn andere zugucken. Es gibt welche, die pinkeln am liebsten, wenn andere schnallen. Systemisch eben, oder so ähnlich.
Kommentar by Max Liebscht — 13. Januar, 2012 @ 22:12 Uhr
Hans Peter Duerr (der Ethnologe) hat zu all dem viel Interessantes gesagt in Der Mythos vom Zivilisationsprozess. 5 Bände. Lesen halt eher weniger Leute. Der Band I hat sich am besten verkauft: Nackheit und Scham. Sei hier einfach wärmstens empfohlen.
http://www.suhrkamp.de/buecher/dermythosvomzivilisationsprozess-hanspeterduerr2292.html
Kommentar by Matthias Ohler — 14. Januar, 2012 @ 00:09 Uhr
http://www.suhrkamp.de/buecher/dermythosvomzivilisationsprozess-hanspeterduerr2292.html
Kommentar by Matthias Ohler — 14. Januar, 2012 @ 07:32 Uhr
Empfehlung für kämpfende Einheiten:
Vor Erwägung einer Urintherapie ist zur Rücksprache mit einem Arzt zu raten.
Bei folgenden Erkrankungen wird empfohlen von der Therapie abzusehen:
Herz-, Kreislauf-, Leber- und Nierenerkrankungen
Diabetes
Tuberkulose
Fortgeschrittene Krebserkrankungen
Schilddrüsenerkrankungen
Akutes Fieber
Die Chance für Wiederbelebung sinkt mit jeder Minute um 10%.
Bei Atemstilltand: Notruf 911!
Kommentar by es — 14. Januar, 2012 @ 10:19 Uhr
Danke für den Hinweis! http://kurzurl.net/QMN57
Dieser Mensch hat offenbar nicht nur Interessantes beschrieben sondern auch selber erlebt. Die Politik zeigt per Rechtsbescheid der Wissenschaft an, was Sache ist; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49767441.html
Kommentar by Max Liebscht — 14. Januar, 2012 @ 20:15 Uhr