Simons Systemische Kehrwoche

Axolotl Guttenberg

Fritz B. Simon

In den letzten Jahren ist in der Presse, in Rundfunk und Fernsehen viel zu wenig über Doktorarbeiten diskutiert worden. Stattdessen wurde über Kochrezepte, Superstars und das Leben in Dschungelcamps philosophiert. Die Spannung, die mit Doktorarbeiten – wer hat was geschrieben? wird der Titel anerkannt? aberkannt? was ist Original? was Zitat? wo hätte eine Fußnote hingehört? usw. – verbunden ist, blieb bislang einer breiteren Öffentlichkeit verborgen.

Daher ist unserem Verteidigunsminister zu danken, dass er – nach Bundeswehr- und Gorch-Fuck-Reform – nun auch diesem Mißstand Abhilfe verschafft.

Über Plagiate wäre ja viel zu sagen…, vor allem im Bereich der Wissenschaften. Denn sie beruhen ja darauf, dass die Ideen, Erkenntnisse und Konzepte Anderer aufgenommen und weiterentwickelt werden. Wenn dies geschieht, kommt die Frage nach der Urheberschaft ins Blickfeld. Wer schon einmal in einem Team geforscht hat, weiss, dass neue Einsichten und Modelle nur selten in einzelnen Köpfen entstehen, sondern in der Kommunikation (=Mehr-Hirn-Denken). Sie entstehen zwischen den Menschen, so dass nicht mehr feststellbar ist, wer nun genau welche Idee eingebracht hat, zumal er sie auch gar nicht gehabt hätte, wenn nicht ein anderer vorher ein anderes Stichtwort gegeben hätte usw. Die Idee des Autors als genialem, abgegrenztem Einzelnen – dem intellektuellen Held – ist schon lange nicht mehr aufrecht zu erhalten. Deswegen stehen heute auf Fachartikeln in der Regel viele Namen von vielen Autoren.

Trotzdem gibt es das natürlich immer wieder, dass jemand glaubt, seine Ideen seien gestohlen worden. Aber dem steht entgegen, dass bestimmte Probleme (=wissenschaftliche Fragestellungen) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch ähnliche Lösungen zur Folge haben. So zeigt die Menschheitsgeschichte eine Vielzahl von Doppelerfindungen und -entdeckungen, die mehr oder weniger gleichzeitig in unterschiedlichen Gegenden der Welt hervorgebracht wurden.

Bei Texten ist das schwieriger. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen wortwörtlich denselben Text unabhängig voneinander produzieren, ist verschwindend gering.

Ob die Arbeit von Herrn Guttenberg originell und wissenschaftlich wertvoll ist, kann ich nicht beurteilen. Das kann sie auch sein, wenn er ein paar Textpassagen wörtlich von anderen Autoren geklaut sein sollten (was ja wohl belegt ist).

Was ihm aber in jedem Fall vorgeworfen werden muß – und das sollte für einen Verteidigungsminister tödlich sein – ist Dummheit.

Für wie blöd hält er denn den Rest der Menschheit, dass er denkt, so etwas fällt nicht auf. Das mag ja noch bei einem NoName funktionieren, dessen Doktorarbeit nur von Mutter und Tante gekauft (und nicht gelesen) werden, aber nicht bei jemandem mit politischen Ambitionen. Und die hat er sicher auch im Jahre 2006 schon gehabt, als die Arbeit abgegeben wurde…

Ein intellektueller Held ist Rodkill Guttenberg sicher nicht.

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10 Kommentare

  1. „Ob die Arbeit von Herrn Guttenberg originell und wissenschaftlich wertvoll ist, kann ich nicht beurteilen.“

    Die Originalität der Dissertation zu bewerten steht mir auch nicht zu, dafür muss man wohl Jurist sein; wertvoll ist Guttenbergs Arbeit aber in jedem Fall – gerade jetzt und gerade wegen der beanstandeten Mängel: Ihr Publikwerden könnte als eine Art Lackmustest für wissenschaftliche Kommunikation verstanden werden, oder etwas bescheidener als ein schrilles Alarmsignal. Es bleibt abzuwarten und zu beobachten, ob sich Wissenschaft gegen solche Fehlleistungen immunisieren kann, einem solchen Unternehmen ist jedenfalls Erfolg zu wünschen, wenn man zukünftig Studierenden im ersten Semester irgendwie glaubwürdig Technik und Methode wissenschaftlichen Arbeitens nahebringen möchte („und wer nicht zitieren lernt, kann ja immer noch Verteidigungsminister werden“). Aber es besteht ja auch berechtigte Hoffnung: in Bremen ist die Geschichte immerhin aufgefallen, in Freiburg laufen die Untersuchungen des zuständigen Ombudsmanns… Möglicherweise kommen bei einer solchen Selbstbeobachtung der Wissenschaft ja auch Erkenntnisse ganz anderer Art zustande; an latenten Dysfunktionalitäten mangelt es dem System ganz sicher nicht. Und wenn nicht? Dann wird mit Spannung zu beobachten sein, wie und wo zukünftig die Funktion wissenschaftlichen Arbeitens erfüllt werden kann.

    Und die Politik? Wie sie mit dem Freiherrn verfährt, ist eine andere Geschichte. Möglicherweise ist seine wissenschaftliche Dummheit nur Epiphänomen politischer „ambizione“? Dann kann Herr Guttenberg, wenn er denn ganz dringend will, weiterhin versuchen ein politischer Held zu werden.

    Kommentar by Sebastian — 17. Februar, 2011 @ 10:55 Uhr

  2. Vielleicht gehe es ja auch aus wie in Italien: endlich mal ein Poltiker, der die Schwächen zeigt, die wir doch alle haben:

    wir kleinen Steuerbetrüger, Schwarzfahrer und Falschparker…

    Kommentar by Olaf Hinz — 17. Februar, 2011 @ 15:18 Uhr

  3. Nun, bei ausreichend serieller Reproduktion würde sich die Frage sicher nicht stellen.

    http://vimeo.com/18998570

    Mal sehen wie, und ob er sich da “rausberlusconisiert”.

    Vielleicht mit:
    Das “Problem” sind die verkrusteten Wissenschaftstechnologen die auf “Einmaligkeit” bestehen.

    Kommentar by es — 17. Februar, 2011 @ 17:44 Uhr

  4. Aus der Bildzeitung hat er wohl kein (Eigen-)Zitat gebracht.
    Seine Arbeit belegt gut: intensive Lektüre von FAZ, NZZ und Sueddeutsche erleichterm jedem Doktorand die Arbeit.
    Mancher Chefredakteur mag ins Grübeln kommen, warum Xerox Guttenberg sein Blatt nicht zitiert.
    Im Lichte dieser Kopiererei muss man jetzt seine heldenhafte Ausflüge zwei mal monatlich als Ausflüge ins Dschungelcamp sehen.
    Gibt es das EK I bis IV eigentlich noch?

    Kommentar by duscholux — 18. Februar, 2011 @ 07:22 Uhr

  5. Das Thema “Zitieren” ist offensichtlich ein Thema und diskussionswürdig unabhängig von Guttenberg:

    Beim, im Verfassen wissenschaftlicher Arbeit drängt sich mir immer wieder der Gedanke auf, daß dem Zitieren und Kommentieren der Zitate ein sehr hoher Wert beigemessen wird. Mit Zitaten und Kommentaren zu Zitaten und Kommentaren zu Kommentaren von Zitaten… werden neben wissenschaftlichen Interessen auch narzistische und damit verbunden wirtschaftliche und soziale Interessen bedient.
    Die Anzahl der Zitate wird als Massstab der Belesenheit, wissenschaftlichen Qualifikation des Autors angesehen. Die Lesbarkeit der Arbeiten leidet nicht selten. Die Vielzahl der Möglichkeiten, sich auf andere Arbeiten zu beziehen, spiegelt den oft unbefriedigenden Umgang mit diesen Bezugnahmen.
    Wer tief im Thema ist benutzt sprachliche Wendungen aus dem Gelesenen, mischt sie mit Eigenem. Wo hört das Zitat auf, wo beginnt das Eigene ?
    Der primäre Fokus auf “Korrektes und vollständiges Zitieren” verstellt den Blick auf die eigentliche Bearbeitung des Themas.

    In der Musik scheint das Zitieren ohne Kennzeichnung die Gemüter weniger zu erhitzen: im Gegenteil, wir freuen uns, eine bekannte Melodie, ein Bruchstück in einem anderen Kontext
    zu hören.

    Vielleicht ist es auch so, daß wir Melodien leichter wiedererkennen als Zitate.

    Kommentar by o.werner — 18. Februar, 2011 @ 11:38 Uhr

  6. Ein neues Spiel: heiteres Zitate raten…

    Kommentar by o.werner — 18. Februar, 2011 @ 11:40 Uhr

  7. in memoriam:

    http://www.freitag.de/community/blogs/etiennerheindahlen/pimp-up-your-lebenslauf-

    Kommentar by es — 18. Februar, 2011 @ 12:31 Uhr

  8. @ duscholux (#4):
    »Mancher Chefredakteur mag ins Grübeln kommen, warum Xerox Guttenberg sein Blatt nicht zitiert.«
    Und die »zitierten« schalten schnell – und werben mit dem neu gewonnenen Titel: http://www.wuv.de/kampagnen/kreationdestages/summacumlaudefuerdie_nzz

    @ o.werner (#5):
    »Wer tief im Thema ist benutzt sprachliche Wendungen aus dem Gelesenen, mischt sie mit Eigenem. Wo hört das Zitat auf, wo beginnt das Eigene?«
    Dazu ein Zitat! „Mittelalterliche Textgepflogenheiten, die das Buch selbst wie einen Autor sprechen lassen, haben den Buchdruck nicht überlebt. Es wäre also nicht ganz abwegig, sie wiederaufzugreifen, denn schließlich stammt, jedenfalls wo es ›wissenschaftlich‹ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst.“
    (Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main 1992, S. 11)

    Kommentar by Sebastian — 18. Februar, 2011 @ 12:37 Uhr

  9. Vermutlich ist “summa cum claude”-Guttenberg vollkommen unschuldig! Sicher hat sich nur sein Ghostwriter einen faulen Lenz für sein Geld gemacht.

    Kommentar by Ewald Dietrich — 18. Februar, 2011 @ 15:36 Uhr

  10. Vielleicht wusste der Ghostwriter gar nicht, dass er für den Freiherrn eine Dissertation schreibt. Vielleicht hielt er es für ein aide mémoire für den Abgeordneten und der Tenberg (hat er auch auf das “Gut” verzichtet?), überrascht von der Qualität, jedenfalls nach Anzahl der Fussnoten und angesichts des Gewichts, der Auftragsarbeit, entschied erst nach Erhalt der Handreichung, damit zu promovieren.
    Dass er “seine” Arbeit jemals lesen müsste, hàtte er sich nie tràumen lassen.

    Kommentar by duscholux — 19. Februar, 2011 @ 16:32 Uhr

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