Berlusconi
Fritz B. Simon
Wie kann in einem zivilisierten, von vielen sehr vernünftigen und mit gutem Geschmack begabten Menschen über alles geliebten Land wie Italien, das neben Griechenland die Wiege der abendländischen Kultur bildet, ein solcher Cretin wie Silvio Berlusconi von der Mehrheit der Bevölkerung zu ihrem Ministerpräsident gewählt werden?
Wenn man den publizierten Analysen glaubt, dann deshalb, weil er kein (Berufs-)Politiker ist und sich von ihnen abgrenzt. Das mag ja als Motiv zunächst verständlich erscheinen – vor allem in einem Land, in dem Politiker sich über Jahrzehnte als korrupter erwiesen haben (siehe oben “Il Divo”) als üblicherweise zu erwarten.
Aber Berlusconi wählen heißt Teufel durch Beelzebub auszutreiben. Das wäre so als würde in Deutschland aus Enttäuschung über Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Angela Merkel nun Roland Kaiser zum Kanzler gewählt (B. war ein ganz erfolgreicher Schlagersänger). Allerdings ein Roland Kaiser, der noch über den Bertelsmann-Konzern herrscht, offensichtlich kriminell ist und systematisch versucht, das Rechtswesen ausser Kraft zu setzen und die staatlichen Institutionen nach seinen persönlichen Bedürfnissen umzubauen. (Roland Kaiser sei um Entschuldigung für den Vergleich gebeten.)
Ich sehe mehr oder weniger regelmäßig die Nachrichten im italienischen Fernsehen und daher auch Berlusconis Auftritte. Es ist einfach nicht zu fassen. Er kann machen, was er will: Minderjährige verführen, fremde Staatsoberhäupter brüskieren, die Wirtschaft zugrunde richten, das Parlament entmachten, das Recht beugen, Erdbebenopfer zu Campingurlaubern umdeuten – er scheint jenseits des Status zu sein, in er sich noch disqualifizieren kann. Es ist eine gehobene Form der Unzurechnungsfähigkeit, d.h. ihm wird nichts zugerechnet, was immer er tun mag.
Ich verstehe Italien nicht. Kann mir das alles vielleicht mal jemand erklären?
21 Kommentare
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Erklären kann ich das einem ausgesprochen autopoeitischen System wie Ihnen sicher nicht. Immerhin finde ich das Phänomen bemerkenswert. Steigerung: Lega Nord setzt sich bekanntlich dafür ein, sich von dem korrupten Steuerzweckentwenderverein südlich von Eboli zu trennen. Die meisten Wähler Berlusconis kommen nicht aus Venetien, der Toscana e.t.c. sondern ausgerechnet aus genau diesem Süden, den Berlusconis Lega abhängen will. Psychiatrische Termini wie Realitätsverlust lassen sich auf Gesellschaftsformen zwangslos übertragen.
Wahrscheinlich bin ich mit meiner Werteorientierung – solchen Erfahrungswerten nach – aber einfach nur anachronistisch und noch in der Nachkriegsära verhaftet.
Kommentar by Max Liebscht — 7. Juli, 2009 @ 06:24 Uhr
Italien ist das Land der Künste.
“Ich denke mit dem Knie.” / Joseph Beuys
Kommentar by Max Liebscht — 7. Juli, 2009 @ 07:07 Uhr
Berlusconi achte auf seine Erscheinung, das Äußere, so wird in der Presse berichtet, und tue oder lasse viel dafür tun. Möglicherweise wird er gewählt mit der Leitdifferenz “guter Geschmack, Eleganz”. Gerhard Schröder hat das ebenso versucht mit Anzügen von Brioni, erzielte jedoch eine etwas andere Wirkung.
Kommentar by o.werner — 7. Juli, 2009 @ 08:40 Uhr
Hallo, was ist mit der Uhrzeit “8:40″ ? Verzichtet der blog auf Sommerzeit – was ich sehr angenehm/ gesund fände – ?
Kommentar by o.werner — 7. Juli, 2009 @ 08:46 Uhr
Ich finde in erster Linie spricht er doch für die durch die Emanzipation der Frauen gekränkte Machseele:) Wenn er Bauarbeitern zuruft, dass er Ihnen ein paar Mädels aufs Gerüst schickt, Sexparties in seiner Villa feiert, blonde Doofchen zu Politikerinnen macht und behauptet der Grund für die vielen Vergewaltigungen in Italien sei das gute Aussehen der italienischen Frauen, dann verkörpert er den alten Machismus in Reinkultur. Das lässt darauf schließen, dass die italienischen Männer sich in eine Zeit zurückträumen, als die Welt für sie noch in “Ordnung” war. Wahrscheinlich hate er bei dieser Zielgruppe den Nerv getroffen und wurde deshalb von ihnen gewählt. Lieber ein doofer Macho als Chef, als ein korrupter Mafiosi (er ist ja wohl beides..)
Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass Eva Herrmann ihr dummes Buch (Heimchen an den Herd) auch zu Hundertausenden bei uns verkauft hat. Lesen das so viele um sich angewidert abzuwenden oder aus heimlicher Lust?
Kommentar by Wolfgang Libera — 7. Juli, 2009 @ 09:07 Uhr
ich verstehe es auch nicht, Fritz…
Eine Hypothese wäre Selbstähnlichkeit in der Schlichtheit und Einfachheit, in der SB agiert. Auf alles eine einfache Erklärung haben, lässt die Angst draußen, mit der zunehmenden Komplexität nicht umgehen zu können.
Mit seiner “Zotigkeit” und Grenzverletzungen ist dann wohl vielen sympathisch, weil er “einfach mal sagt, was er denkt” – wenn er denn was denkt…?!
Kommentar by Olaf Hinz — 7. Juli, 2009 @ 09:17 Uhr
“So creare, so comandare, so farmi amare” (B)
Ein Wirklichkeitskonstrukteur und Herrscher des (Wörter-) Bilderbuches. Große Gefühle, große Geschichten, große Wirklichkeiten.
Die Dekonstruktion von Ritualen als Kit und Tutti Frutti als postpolitisches Vademekum.
Ciao
Kommentar by es — 7. Juli, 2009 @ 09:39 Uhr
Herr Berlusconi lässt für den G8-Gipfel die im Februar vom Erdbeben erschütterte Region Italiens anhübschen und investiert Mio. in die Sicherheit der Top-Politiker.
Den Menschen sagte er damals, sie sollen die Ersatzunterbringung in Zelten wie Urlaub empfinden…
Kommentar by Anne-Sophie — 7. Juli, 2009 @ 11:16 Uhr
Herr Berlusconi lässt für den G8-Gipfel die im Februar vom Erdbeben erschütterte Region Italiens anhübschen und investiert Mio. in die Sicherheit der Top-Politiker.
Den Menschen sagte er damals, sie sollen die Ersatzunterbringung in Zelten wie Urlaub empfinden…
Kommentar by Anne-Sophie — 7. Juli, 2009 @ 11:16 Uhr
Commedia dell’arte und alle spielen mit.
Kommentar by es — 7. Juli, 2009 @ 12:56 Uhr
Wär Dieter Bohlen eine Frau,
wär er in Deutschland vermutlich mehrheitsfähig.
Kommentar by Max Liebscht — 7. Juli, 2009 @ 20:06 Uhr
Silvioi Berlusconi benimmt sich wie ein unerzogener Junge. Die Lösung besteht nun darin, dass wir genau dort abholen – und ihn zum “Kind von Europa” erklären!
Das wird ihn vermutlich zunächst einmal ziemlich in Rage bringen. In aller Unschuld erzählen wir ihm dann, dass das mit dem “Kind von Europa” zunächst einmal eine gute Geschichte ist, nämlich jene von Kaspar Hauser. Aus einem verwahrlosten Kind wurde bekanntlich in kurzer Zeit ein kultuvierter, liebensürdiger Mensch, der ganz Europa mit seiner Herzens-Güte verzauberte.
Nun wird Silvio Berlusconi sicher aufhorchen und wissen wollen, wie das geht: Europa verzaubern. Das ist ganz einfach, werden wir ihm dann bereitwillig antworten, er muss nur so tun ALS OB er Kaspar Hauser wäre! Folgt der italienische Ministerpräsident der ALS OB-Strategie, ist er schon in kurzer Zeit das, was wir gerne in ihm sehen möchten: ein HERZENS-GÜTE-ZEICHEN seines Landes!
Niemand wollte einem solchen Menschen etwas Böses antun und die letztlich ja todtaurige Geschichte vom “Kind von Europa” käme dann noch noch irgendwie in heutiger Zeit zu einem guten Ende.
Vielleicht macht Silvio Berlusconi ja aus innerer Einsicht heraus demnächst sein Land zu einem Kinder-Garten. Aber was macht dann um Himmels Willen der Vatikan?
Italien ist und bleibt eine spannende Fortsetzungsgeschichte…
Kommentar by Manfred Bögle — 7. Juli, 2009 @ 23:56 Uhr
Die Leute haben die Nase voll von Güte, Vernunft, Aufklärung.
Da steigt doch keiner mehr durch. Was hat man schon von kultivierter Liebenswürdigkeit? In einer Überflussgesellschaft nichts außer Ärger. Wettbewerbsnachteile gegenüber den tiefer gelegten Primaten. Es geht auch ohne Kultur, ja ohne kann man sich der Aufmerksamkeit um so sicherer sein. Und was braucht ein Politiker heut schon noch anderes? Gibt einer den Affen bzw. Projektionsschirm ab für das Bedürfnis nach Regression, dann bekommt er den Beifall. Er surft doch ganz gut auf den Meinungswogen der Masse! Und das dumm Tun eines Intellektuellen macht sicher auch noch mehr Spaß als das dumm Sein derer, die den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft verkörpern.
Kommentar by Max Liebscht — 8. Juli, 2009 @ 07:12 Uhr
Das ist durchaus ein Blickwinkel, lieber Herr Liebscht, aber wo bleibt Ihr Galgenhumor?
Kommentar by Manfred Bögle — 8. Juli, 2009 @ 10:28 Uhr
Mussolini war zehn Jahre schneller als Hitler.
Kommentar by Max Liebscht — 8. Juli, 2009 @ 12:26 Uhr
wo bleibt sylvia taraba ?
Kommentar by Thomas Lindbergh — 8. Juli, 2009 @ 13:04 Uhr
Sylvia, Silvio und eine Flasche Badischen Silvanter – auch das ein interessanter Lösungsansatz. Der Silvaner geht auf meine Rechnung.
Kommentar by Manfred Bögle — 8. Juli, 2009 @ 15:52 Uhr
Er hat zumindest vor einigen Jahren auf Plakaten mit kleinen, aber konkreten, messbaren, positiven und glaubwürdigen Erfolgen seiner Regierung geworben – ganz im Stil eines Managers seinem Aufsichtsrat gegenüber.
Dass damit natürlich von vielem abgelenkt wird, ist schon klar. Aber Rechenschaft und Kennzahlen täten unserer Politik auch gut.
Kommentar by Wolfgang Oels — 8. Juli, 2009 @ 21:48 Uhr
Ups, Herr Bögle, wie soll man das verstehen, Frau Taraba und SB in einem Atemzug?
Ich finde das beleidigend für Frau Taraba.
Kommentar by E. B. Far — 8. Juli, 2009 @ 22:35 Uhr
Liebe Frau Far, niemand darf verloren gehen. Und nur die Liebe kann es richten. Auch diese Äußerung kann jetzt natürlich gegen mich verwendet werden. Deshalb geht auch sie voll und ganz auf meine Rechnung.
Kommentar by Manfred Bögle — 9. Juli, 2009 @ 00:03 Uhr
Zitat: “Man darf bei allem mauern – nur nicht bei der Liebe!“
Kommentar by Max Liebscht — 9. Juli, 2009 @ 02:54 Uhr