Simons Systemische Kehrwoche

Beschleunigung

Fritz B. Simon

Einer der Effekte der neuen Medien, sei es des Computers, des Satellitenfernsehens, vor allem aber des Internets, ist, dass gesellschaftliche Entwicklungen erheblich schneller ablaufen als früher. Beim Transport von Waren ist eine analoge Entwicklung ja offensichtlich: Es macht einen Unterschied, ob man irgendwelche Produkte mit dem (Segel-) Schiff oder dem Flugzeug aus Ostindien nach Europa transportiert.

Da man immer nahezu zeitgleich mit den am anderen Ende der Welt ablaufenden Ereignissen über sie informiert ist, reagiert man auch mehr oder weniger synchron. Wenn es in Japan kalt wird, dann zieht man sich in Deutschland warm an. Das gilt besonders für das wirtschaftliche Klima. Deswegen war der Beinahe-Zusammenbruch der Wirtschaft so rasant, dass es alle bisherigen Maßstäbe sprengte, und deshalb – jetzt mal was Positives – wird auch die Erholung der Weltwirtschaft weit schneller vor sich gehen, als das alle Auguren vorhergesagt haben.

Wenn das wirklich so sein sollte, dann hätte sich auch wieder einmal gezeigt, dass die deutsche Methode, statt Arbeitslose zu produzieren, Kurzarbeit zu subventionieren, volkswirtschaftlich rational ist. Überhaupt denke ich, die Volkswirtschaft sollte wieder eine größere Rolle spielen. In den letzten Jahren war sie dank der Globalisierung ja nicht mehr wirklich eines auch nur scheuen Blickes gewürdigt worden, da es aus der Mode gekommen war, den Staat als wirtschaftliche Überlebenseinheit zu betrachten.

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9 Kommentare

  1. Ich komme mir immer ziemlich clumsy vor, Herr Simon, wenn ich hier rein gefühlsmäßig zu einem Thema Stellung nehme, von dem ich praktisch nix verstehe. Deswegen erhoffe ich mir zum Teil auch von der neuen REVUE Aufschluss, die seit einer Woche vergebens darauf wartet, von mir gelesen zu werden. Mich erfreut aber auf jeden Fall ihre freimütige Betonung und Zustimmung zur Existenz einer Volkswirtschaft und zum (National???)Staat als (nur???) wirtschaftliche Überlebenseinheit.

    Fehlen tut für mich hier noch die Betonung der Regionen und deren bäuerliche Mittelstandsbetriebe und das Bestehen der Regionen auf Autarkie, was die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte betrifft….und was die Erzeugung von Energie betrifft – diese Bestrebungen nehmen offenbar zu und werden zugleich von der EU torpediert

    Kommentar by Sylvia Taraba — 30. September, 2009 @ 15:57 Uhr

  2. Der Staat ist sicher nicht “nur” als wirtschaftliche Einheit zu betrachten und die Regionen werden ja auch in ihrer Bedeutung wieder entdeckt… – da haben Sie sicher Recht, Frau Taraba. Allerdings ist mir die Betonung des Staates dabei wichtiger als die der Nation bzw. seine Rahmen setzende und Rchte definierende und sichernde, d.h. ziviliserende Funktion.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 30. September, 2009 @ 17:04 Uhr

  3. Ich bilde mir ein, Herr Simon, die sich über Gesetze und Rechte definierende und sichernde, zivilisierende Funktion,des Staates an anderem Ort (nur wo?) von Ihnen schon anders bewertet gelesen zu haben… Was wäre dagegen einzuwenden, dass Gesetze den Rahmen unseres Zusammenlebens bilden und soziale Regeln es steuern, ja es überhaupt erst erträglich machen?
    Was ist aus konstruktivistischer Sicht einzuwenden, dass Rechte, Pflichten und Rollen ungleich oder ungerecht verteilt sind? Wenn Menschen und Welt gleich wären, ohne Unterscheidungen und Unterschied, gäbe es keine Konstruktion. Um konstruktive Unterschiede zu kreieren bedarf es großer Empathie und subtil unterscheidender Kreativität und wahrhaft humanistischer Bildung. Das ist ja ein Ziel, das jeder zunächst bei sich verwirklichen muss, bevor er die Welt zu beglücken versucht.
    Was ist gegen die Kultur einer Nation, die im Meltingpot ständiger Vermischungen und zugleich aufrechterhaltener Bewahrungen, sich zu etwas ganz Eigenständigem entwickelt hat, einzuwenden? Was kann Ihre diesbezügliche Nicht-Betonung also Auslassung kreieren? IDie Geschichte, die wir uns erzählen, lässt sich zwar immer wieder umschreiben, umerzählen, uminterpretieren, aber der Kern der Erzählung lässt sich nicht ändern. Die ausdifferenzierten Nationalstaaten sind Teil des Selbstverständnisses und der Identität der Menschen, die darin leben, gerade auch dann, wenn sie sich NICHT damit identifizieren (können). Die meisten können es, sonst gäbe es sie nicht. Zugewanderte lernen es spätestens bis zur 5. Generation notwendigerweise, wie die Geschichte zeigt. Die Autorschaft der Erzählung von Gruppen, Völkern, Nationen, Kulturen wird von vielen Menschen in vielen Erzählungen als gemeinsame Autorschaft empfunden, gegenseitig bezeugt, affirmiert und erneuert. Wenn wir dieser Erzählungen, trotz aller ihrer “Mängel”, letztlich mehr erlebenswerte Konstruktivität zusprechen, als der von zum Beispiel bestimmten afrikanischen “Staaten” in denen Rechte und sichernde zivilisierende Funktionen nicht betont, sondern im Gegenteil, ständig von neuem, unter Berufung auf tribale Konflikte, auf das grausamste aufgelöst werden, liegt das daran, dass es tatsächlich in der ‚“Realität“ mehr Lebensqualität bedeutet. Was übrigens nicht unbedingt mehr Lebenserfahrung bedeutet…(Vielleicht kommt es gerade auf die an, in der „Realität“!?)??)

    • würden Sie, wenn Sie die jüngsten, notwendigerweise und offenbar nicht verhinderbaren Erfahrungen der Geschichte des Nationalsozialismus einklammern, ohne sie auszuklammern, würden Sie einen afrikanischen “Staat” als “realen” Wohnort vorziehen oder doch lieber einen Nationalstaat, wie z.B. den deutschen, mit seiner gewachsenen Kultur, Kultur- und Religions- und Zivilisationsgeschichte, der Aufklärung, ihrer Rückfälle, seiner unaufhebbaren, ebenso atavistischen, wie notwendigen, und notwendigerweise nicht verhinderbaren, Sozial-Geschichte?

    Ich habe gerade vorhin Ihre erstaunlich unverhofften Antworten im Interview mit Jekaterina Anzupowa gelesen, mit denen ich voll d’accord bin. aber einen Einwand hätte ich:

    Indem ich die Verantwortung für meine Konstruktionen übernehme, übernehme ich da nicht zugleich Verantwortung für die Geschichte, die wir einander, immer je als Täter, wie Sie sagen, gemeinsam erzählen?
    Sie plötzlich nicht mehr zu betonen, um diese Anschlussstellen zu verwischen und ganz anderes zu konstruieren, (Rahmenlosigkeit und alles, wa das bedeutet) funktioniert nicht, konstruiert letztlich kommunikative Entfremdung aus äußerer Unverbindlichkeit, ja und innerer Beliebigkeit.

    Doch Wir können eh gar nicht anders, müssen anschlussfähig denken, um jetzt Neues zu kreieren, wir müssen Anschluss suchen, ob wir das wollen oder nicht, Anschluss an das, was wir einander bisher erzählt haben.

    Wenn wir hier und jetzt handeln, SO ALS OB das Hier und Jetzt schon heil wäre, was es ja immer ist, erschaffen wir die Möglichkeit der Heilung von destruktiven Konstruktionen. Die beliebige oder sogar vollständige Auflösung der kommunizierten Übereinkünfte über Geschichte, Kultur, Identifikation, Rollen, Rollenspiele, Gesetze, Rechte, Pflichten, funktioniert nicht, wir müssen an etwas Bestehendes anschließen. Es zu verwerfen und aufzuheben ist eine langwierige Kommunikation, die erfordert, an die Stelle des Aufgehobenen etwas hinreichend Produktives und allgemein Wünschenswertes zu setzen und das, was wir uns darüber bis dahin erzählten aktiv und überzeugend umzudeuten.

    Rahmenlose, geschichtslose, kulturlose, keine Rollen, Rechte und Pflichten definierende “Staaten”, welchen Sinn können sie auf Dauer stiften? Vielleicht reicht meine Phantasie hierfür nicht aus. Muss man das Kind mit dem Bade ausschütten?

    Kommentar by Sylvia Taraba — 30. September, 2009 @ 20:11 Uhr

  4. Was haben Sie verstanden, was ich sagen wollte? Irgendwie fühle ich mich nicht verstanden…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 30. September, 2009 @ 20:15 Uhr

  5. Herr Simon, Sie sagten: “Allerdings ist mir die Betonung des Staates dabei wichtiger als die der Nation bzw. seine Rahmen setzende und Rechte definierende und sichernde, d.h. zivilisierende Funktion.” Das habe ich grammatikalisch in der Eile leider missverstanden….Bitte um Entschuldigung

    Dennoch, was ich trotzdem sagen wollte und sagte:
    Ich denke, dass es einen “Staat”, der funktioniert, ohne “Nation” (unter Betonung von deren Geschichte, gewachsener Kultur, entstandener Sozietät und großer Erzählung) nicht geben kann. Auch oder gerade die Amerikaner fühlen sich, trotz mulitkultureller Gesellschaft als Nation, wenn auch natürlich im je speziellen individuellen Fall, vielleicht immer erst um 1-3 Generationen später.
    Ich habe das oben – vielleicht über Gebühr – ausformuliert, aber so unverständlich nun doch auch nicht. Die europäischen Nationen haben eine andere Geschichte und andere Voraussetzungen als die amerikanische und lassen sich immer noch als britisch, französisch, deutsch, niederländisch, finnisch, schwedisch etc. etc. identifizieren und nicht als Multikulti-„Staat“, wie er in den 70er Jahren bis heute erträumt wurde.

    Ich sehe nicht, warum die Nation nicht betont werden sollte. Und tatsächlich wird sie im weltweiten Diskurs vor den Vereinten Nationen gerade besonders betont. Der gewünschte soziale Friede und die behauptete Freiheit muss auf andere Weise konstruierbar sein, als durch die globalistische Auflösung der Nationen, – nämlich auf der Basis einer klaren, offenen, zugewendeten Auseinandersetzung mit denen, die (noch) nicht (ganz) dazu gehören.

    Die sinnstiftenden Konstruktionsbedingungen hierfür, sollten erfunden, überzeugend dargelegt, empathisch und differenziert ausgearbeitet werden. Hinsichtlich des notwendigen gesellschaftlichen Diskurses plädiere ich für critical correctness, statt political correctness. Das heißt für die offene Anerkennung bestehender Konflikte und die Diskussion dieser Konflikte auf breiter Basis, solange bis sie ausgeräumt oder in öffentlichen Foren regelmäßig diskutierbar sind. Die Einrichtung einer öffentlichen Mediation, unter einer Art Doppelconferance von kritisch korrekten Mediatoren unter Berücksichtigung der politischen und gesetzgebenden Hoheit des jeweiligen Gastlandes, also unter Berücksichtigung der Gesetze, sozialen Regeln und kulturellen Besonderheiten der jeweiligen gastgebenden Nation.

    Gefühlsmäßig möchte ich persönlich also nicht irgendeinem einem x-beliebigen “Staat” mit „zivilisierender Funktion“ angehören, sondern einer definitiv betonten Nation, einem Volk, einem Land, in dem ich mich zu Hause fühle, in dem meine Mutter-Sprache gesprochen wird, mit dessen Kultur und Besonderheiten ich mich identifiziere, die um ihre Existenz (Unterscheidung) kämpft . Sollte ich in äußerster Not auswandern wollen oder müssen, würde ich (dankbar) eine neue Heimat gründen (müssen), deren Sprache lernen und mich damit identifizieren. Diese Betonung, Herr Simon, wollte ich sehr konstruktiv Ihrer Nicht-Betonung entgegensetzen. Religionen sollten identifikatorische Privatsache sein, Nationen hingegen nicht. Die natürlich daraus erwachsenden Konflikte, sind wie gesagt ganz normal und müssen über kommmunikative Lernprozesse produktiv gewendet werden. Sie sind das Salz des Systems. Der daraus erwachsende soziale und gesellschaftliche Mehrwert ist Sinn schlechthin.

    vielleicht habe ich Ihre Aussage stark einseitig gewichtet, aber ich finde es der Mühe wert darüber nachzudenken, denn mir scheint darüber wird, besonders unter Intellektuellen,gar nicht mehr nachgedacht, oder es scheint eher reaktionär zu sein, sich dazu in einem konservierenden Sinn zu äußern. Man übersieht dabei aber den neuen kommunikativen gesellschaftlichen Reichtum im Sinne einer neuen Konstruktion….

    Kommentar by Sylvia Taraba — 1. Oktober, 2009 @ 00:27 Uhr

  6. Mir geht es bei Staat – und das könnte auch eine Weltregierung umfassen – um das Gewaltmonopol und die Verrechtlichung von Konfliktlösungen…

    Gegen regionale Einheiten, die sich durch ihre Kulturen unterscheiden, spricht in solch einem Modell nichts.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 1. Oktober, 2009 @ 07:23 Uhr

  7. ja, ersterem kann ich sehr viel abgewinnen, Herr Simon, da bin ich ganz bei Ihnen, soweit es um politische oder territoriale Konflikte und kompetent organisierte Konfliktlösungsstrategien zwischen den einzelnen Religionen, Völkern, Ländern, um Regulierung der Märkte und internationalen Finanzmärkte, oder um die Abschaffung der Atombombe geht. Reguliert durch wirksame Kommissionen und spürbare wirtschaftliche und ethische Sanktionen oder ein internationales Gericht

    Aber das “Gewaltmonopol” als z.B. Einmarsch einer “Eingreif-Truppe” oder andere Sorten von internationalen Kriegsmaschinen und Wirtschaftsmaschinen, lehne ich innerlich total abl.

    Ein Einheits- und Weltregierung, eine schlimme Vorstellung für mich, a la Aldous Huxley, George Orwell etc.- postmodern – eine ganz ganz schlimme Vorstellung für mich. Anonymität, totales Ausgeliefertsein an politische Maschinen im großen Maßstab.

    Bei Ihrer Benennung der einzelnen Länder, bzw. Nationalstaaten als “regionale Einheiten” habe ich arge Schwierigkeiten….

    Beliebigkeit und Bindungslosigkeit einerseits, Anonymes Ausgeliefertsein andererseits.

    Ich finde schon die Idee einer vollständig durchorganisierten europäischen Zentralregierung menschlich zum Fürchten…ihr latenter Faschismus ist quasi vorprogrammiert.

    Es wird nie eine perfekte, sichere, gerechte Welt geben. Das Gesetz des Nennens und das Gesetz des Kreuzens, d.h des Unterscheidenmüssens, verhindert, dass wir irgendwo sicher sind. Die Konstruktion ist immer offen für Entfaltung… Wir sind nur in uns selbst sicher.

    Ich stimme mit allem, was Sie in der REVUE im Interview sagen mit Ihnen überein. Ich finde das eine wunderbar klare Haltung. Aus dieser persönlichen Haltung der Verantwortung entsteht meines Erachtens allmählich ein Bewusstsein darüber, welche Unterscheidungen menschlichen Sinn stiften und zur ethischen Entwicklung beitragen und welche man eben einfach nicht mehr oder gar nicht erst treffen sollte…..

    Kommentar by Sylvia Taraba — 1. Oktober, 2009 @ 08:19 Uhr

  8. ….dazu gehören für mich ganz bestimmt nicht die Sprachgrenzen innerhalb derer man geboren wird….wenn man diese Unterscheidungen nicht mehr trifft, ist DIE Welt generierende Unterscheidung schlechthin aufgehoben…Welt bedeutet nicht undifferenziertes Mischmasch, nicht einen Einheitsbrei, sondern höchst differenzierte Unterscheidung.

    Die Konflikte, die daraus erwachsen, sind prinzipiell produktiv, wenn wir uns der Mühe unterziehen, sie diskursiv auszutragen.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 2. Oktober, 2009 @ 19:50 Uhr

  9. “Micky Jagger is in action, but he get´s no satisfaction.”
    Ähnlich scheint es sich mit dem Fortschritt gesellschaftlicher Entwicklungen qua Internet zu verhalten.

    In Görlitz hat man dieser Tage eine ausnahmsweise schöne Entdeckung gemacht: Neben einer schwarzen Semmel hat man in einem abzubrechenden alten Fabrickbackofen eine Schnapsflasche gefunden. Darin fand sich ein vergilbter Zettel mit folgender Botschaft an die Zukunft:

    “Vorwärts zum Aufbau des Sozialismus!
    Ihr werdet bereits im Sozialismus arbeiten, den wir geholfen haben mit aufzubauen und werdet auf dem Weg zum Kommunismus sein. Es wird bestimmt herrlich!
    Görlitz im Juni 1961″

    Internet wird die Ausbildung des neuzeitlichen Kastensystems weiter ausdifferenzieren lassen und stabilisieren. Wesentliche andere Veränderungen kann ich nicht sehen. Bei einer Kaste mit Access nimmt die Allgemeinbildung weiter zu / ADHS – Analphabeten zucken sich wie im Traum vor den Konsolen einen ab. ökologieprobleme werden nicht als Ganzes angegangen von der teilweise elektronisch verbundenen insgesamt zunehmend fragmentierten Gesellschaft.

    Kommentar by Max Liebscht — 15. Oktober, 2009 @ 01:32 Uhr

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