Simons Systemische Kehrwoche

Bilanzierungsregeln

Fritz B. Simon

In den USA sind die Bilanzierungsregeln geändert worden. Das ist aus konstruktivistischer Sicht eine der intelligentesten Entscheidung der Regierung der letzten Monate in ihrem Bemühen, die Finanzkrise zu bewältigen. Eine klassische systemische Intervention, die darauf zielt, Beobachtung und die damit verbundene Wirkung zu beeinflussen. Ein wirksames Steuerungsinstrument (aller Wahrscheinlichkeit nach).

Ob ein Unternehmen – eine Bank zB. und vor allem – einen Gewinn oder Verlust macht, hängt nicht in erster Linie davon ab, welche Geschäfte sie macht, sondern wie sie bzw. das Vermögen, über das sie verfügt, bewertet werden. Die riesigen Verluste, die zum Zusammenbruch von Banken führen, entstehen ja zu einem guten Teil dadurch, dass die Idee darüber, wie beispielsweise der Wert einer Aktie zu bewerten ist, sich wandelt. Vor der Krise war sie viel wert, d.h. konnte sie für viel Geld verkauft werden (es gab einen Markt für sie), jetzt will sie fast niemand mehr, daher ist ihr Preis ins Bodenlose gefallen. Wenn alle wieder besserer Stimmung sind und erwarten, dass eine blühende Zukunft bevorsteht, wird wahrscheinlich wieder ein höherer Preis für sie bezahlt werden.

Dasselbe gilt z.B. bei Immobilien. Auch wenn sie bilanziell nichts mehr wert sind, so kann man doch noch drin wohnen…

Alle Bewertungen sind Konstrukte (was denn auch sonst?), aber welche mit weitreichenden Handlungsfolgen, und die gilt es zu beeinflussen…

Aus der Tatsache, dass man heute – d.h. aktuell im Bilanzierungszeitraum – Aktien (und andere Papiere, oder Immobilien) nicht zu einem angemessenen Preis verkaufen könnte, wird in der Bilanz bislang ein Verlust – selbst wenn man gar nicht beabsichtigt zu verkaufen. Das führt dann zum Schreiben roter Zahlen. Dieser Verlust führt dazu, dass sich die Bedingungen für Kredite verschlechtern, d.h. sie werden teurer usw. Wenn die Kredite teurer werden oder ganz ausbleiben, kann schlechter oder gar nicht investiert werden. Und wenn nicht investiert wird, dann wird eigentlich gar nicht gewirtschaftet usw. … So wird aus dem Papierverlust in der Bilanz schließlich ein realer Verlust. Ein selbstverstärkender Zirkel, den man besser unterbrechen sollte.

Die Veränderung von Bilanzierungsregeln ist eine Methode, die Beobachtung und deren Logik zu verändern. Und da soziale Systeme entstehen, wenn Beobachter Beobachter beim Beobachten beobachten, ist die Veränderung der Formen der Beobachtung eine der mächtigsten Interventionsformen – wie jeder systemische Therapeut weiss. Gut, dass sich Regierungen auch endlich darauf besinnen.

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