Blöd oder blind – Geheimdienste in Deutschland
Fritz B. Simon
Nach der Enthüllung, dass drei Rechtsextreme 13 Jahre lang mordend durch Deutschland ziehen konnten, um Unsicherheit und Angst unter Migranten und allen, die fremd aussehen, zu verbreiten (was ja erfolgreich war), fragt sich die Öffentlichkeit, wie die Geheimdienste, die von den drei Terroristen wußten, das zulassen konnten.
Die alternativen Erklärungen lauten in etwa: (1) Die Geheimdienste sind auf dem rechten Auge blind bzw.(2) – wozu ich neige – die Geheimdienst sind blöd.
Obwohl ich keine Zweifel daran habe, dass viele Mitarbeiter von Geheimdiensten eher Sympathien mit Rechts- als mit Linksextremen habe, scheint mir eine Erklärung, die an den Eigenheiten von Organisationen ansetzt, plausibler. Dabei sind sie wahrscheinlich individuell gar nicht blöd, sondern nur, was die Koordination der unterschiedlichen Dienste bzw. ihrer Aktivitäten angeht.
Organisationen bzw. ihre Mitarbeiter sind in der Fokussierung ihrer Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Strukturell determiniert zielt die Logik des Funktionieres von gegeneinander abgegrenzten Verfassungschützen unterschiedlicher Bundesländer auf Selbsterhalt. Nicht der irgendwo in der Umwelt agierende Verfassungfeind leitet die Entscheidungen der Mitarbeiter, sondern die internen Entscheidungsprämissen (Strukturen, Programme, Personen, Kultur). Zur Zusammenarbeit mit konkurrierenden “Schwesterorganisationen” gibt es keinen aus dieser Logik erwachsenden Grund (Kooperation zwischen Geschwistern ist ja eh oft problematisch).
Der Blick nach außen und die Ermöglichung und Gewährleistung der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist immer ein Führungsaufgabe. Deshalb ist das Desaster ein Beleg für das Scheitern der Führung der Geheimdienste (was nicht unbedingt heißt: der Führungskräfte).
4 Kommentare
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Konsequente Anwendung “wirklich” systemischen Denkens. Und für Führungskräfte wahrscheinlich immer noch eher unattraktiv; komischerweise (siehe Schluß). So ganz würde ich die Führungskräfte aber nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Frage ist nur: wofür werden Führungskräfte verantwortlich gemacht, und vom wem, und wie wird das prozessiert? Dieser Aufmerksamkeitsfokus auf Prozesse von Organisationen und ihre Eigenbeobachtung könnte systemorientierte Ethik heißen. – Glücklicherweise hatte der Führer das nicht drauf. Manche seiner Mitarbeiter (ob nun IM oder nicht) aber schon.
Kommentar by Matthias Ohler — 22. November, 2011 @ 07:30 Uhr
“…ein Beleg für das Scheitern der Führung…was nicht unbedingt heißt, der Führungskräfte…”
Wäre die Aufmerksamkeit nach außen nicht typischerweise die Aufgabe der Kontrollgremien (Aufsichtsräte, Eigentümervertreter u.a.), die als Beobachter höherer Ordnung villeicht auch nach anderen Logiken als dem reinen Selbsterhalt funktionieren (sollten?)?
Folglich wäre das ein Scheitern der zuständigen Kontrollorgane (Politik?)?
Kommentar by Wolfgang Regele — 22. November, 2011 @ 20:29 Uhr
@2: Das eine schließt ja das andere nicht aus… Gemeinsam scheitert es sich einfach besser.
Kommentar by Fritz B. Simon — 23. November, 2011 @ 21:44 Uhr
Scheitern setzt Anspruch voraus.
Kommentar by Max Liebscht — 23. November, 2011 @ 23:57 Uhr