Blogs
Fritz B. Simon
Da ich hier ja – mehr oder weniger – jeden Tag etwas zu schreiben habe, komme ich selbst wenig dazu, in irgendwelchen Blogs zu lesen. Entweder man schreibt oder man liest.
Heute habe ich aber doch mal in einigen Blogs gestöbert. Und was mir dabei auffiel, ist, dass z.B. in den Blogs der FAZ, wo ich das nicht wirklich vermutet hätte, ein gewaltiges klassenkämpferisches Potential zu stecken scheint, oder besser: bei den Lesern, die Kommentare schreiben.
Es sind offenbar nicht die wirklich Besserverdienenden, die sich hier die Zeit nehmen, über Gott und die Welt zu philosophieren, sondern irgendwelche Mittelschichtler, die nicht richtig reich, aber auch nicht richtig arm sind. Sie haben ein wenig Geld angesammelt und es zum Teil auch wieder verloren (in Schiffsfonds oder Aktien usw.), und sie sind kritisch gegenüber dem, was in der Zeitung steht, und glauben nicht unbedingt an die Rationalität unseres Wirtschaftssystems, schon gar nicht an dessen Gerechtigkeit.
Ausserdem scheint es jede Menge an Verschwörungstheoretikern zu geben. Ob das nun den eher wirtschaftsbezogenen Themen zuzuschreiben ist, oder der Tatsache, dass das Internet natürlich ein Dorado für Verschwörungstheoretiker ist, auf die bedauerlicherweise sonst nie jemand hört, scheint mir nicht klar…
Ein Satz, der mir gefallen hat, in einer der Diskussionen über arm und reich bzw. deren Verhältnis:
“Nicht die Reichen sind das Problem, sondern diejenigen, die reich werden wollen…”
8 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











Oh ja, Fritz,
in vielen Blogs sind dauerhaft die gleichen Trolle, Nerds und andere bunte Gestalten unterwegs und am Party-Philosophieren und Psychologisieren. Manchmal fragt man sich schon, was die sonst so machen…
Aber das kann man ja filtern, denn die Autoren der Blogs sind häufig sehr gut und regen auch zum Nachdenken an. Da nervt es, aber schadet nicht dass die Trolle egal zu welchem Thema auch immer das gleiche schreiben
Jeder ist sein eigener Filter und das ist auch eines der zentralen Mittel der Partizipation und macht zugleich seinen Charme und Reiz aus.
Für 2010 wünsche ich mir von Dir, dass Du Deinen Blog um eine Social Bookmark Leiste erweiterst, damit man Deinen Blog auch 2.0 gemäß nutzen kann.
gute Tage,
Kommentar by ingo scholz — 21. Dezember, 2009 @ 12:43 Uhr
Mittelklassiger Verschwörungstheoretiker, der vor lauter Problemen nicht zum schreibend Nachdenken kommt?
Kommentar by Max Liebscht — 21. Dezember, 2009 @ 13:43 Uhr
“Entweder man schreibt oder man liest.”
Lieber Herr Simon,
das haben Sie an anderer Stelle (dieses Blogs?) ja schon einmal postuliert. Mich würde Ihre Theorie dazu interessieren.
Was ich bisher glaube verstanden zu haben: Lesen bedeutet ja immer auch Anschluss an das Geschriebene herzustellen. Lesen ist also Kommunikation, zumindest im Maturana’schen Sinne (vgl. den Blogeintrag vom 6.12.09)
Möglicherweise führt das Lesen, die Kommunikation im sozialen System (i.S. der Koordination von Verhalten) also zu einer Störung die für das psychische System einen Unterschied macht, der einen Unterschied macht. Der Leser hat dann etwas “gelernt”, “Wissen erworben”, sich eine Meinung gebildet – oder eben nicht.
Luhmann sagt: “Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise.” Das kann ich mir gut erklären in dem Sinne, wie Sie in “Die andere Seite der Gesundheit” schreiben:
Aber sind dann nicht beides – Lesen und Schreiben – letztlich Kommunikationen, also Einladung versus Annahme einer Einladung zur Koordination von Verhalten und damit eine Frage von Interpunktion?
Ich kenne natürlich die Ambivalenz zwischen “Dazu habe ich etwas zu sagen, da schreibe ich mal was” (Sendungsbewusstsein?) und dem Anspruch, doch erst besser “in der Materie”, besser belesen zu sein, bevor ich ans Schreiben gehe. Eine Lösungsmöglichkeit wäre dann, in eine katatone Starre zu fallen und nichts von beidem zu tun, weil man beides gleichzeitig tun möchte (bin ich froh, dass meine Dissertation eingereicht ist…) – oder man führt die Sequenz ein und macht erst das Eine, dann das Andere oder umgekehrt. Aber die Ambivalenz entsteht bei genauerer Betrachtung doch eigentlich aufgrund einer aus dem Alltagsdenken stammenden quasi linear-kausalen Vorstellung von Lernen und Wissen bzw. einem Bildungsideal in dem der “Gelehrte” aufgrund der “Menge” seines (“angelesenen”) Wissens die “Lehrmeinung” und das Primat des Schreibens besitzt.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 21. Dezember, 2009 @ 18:07 Uhr
Das Zitat, nach dem psychische Systeme in der Interaktion mit sich selbst entstehen und Organismus und soziale Systeme Medien sind, mit deren Hilfe das Individuum mit sich selbst kommuniziert, finde ich richtig Klasse. Stammt das wirklich von mir?
Da sieht man, was passiert, wenn man schreibt: Man denkt Gedanken, die man vorher nie gedacht hat und nachher auch nie wieder. Muss ich unbedingt mal wieder lesen. Muss ich mir merken.
Kommentar by Fritz B. Simon — 21. Dezember, 2009 @ 21:47 Uhr
Ach ja, Herr Wölfelschneider: Zu Ihrem Kommentar siehe meinen heutigen Text. Danke für die Nachfrage.
Kommentar by Fritz B. Simon — 21. Dezember, 2009 @ 21:49 Uhr
Ja, das ist definitiv von Ihnen.
Simon, F. B., 1995: Die andere Seite der Gesundheit: Ansätze einer systemischen Krankheits- und Therapietheorie. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme
S. 62, 2. Absatz.
Und: Nein, ich bin sicher kein Mensch, den man immer fragen kann, wer zum Thema x oder y etwas geschrieben hat, und ich könnte es sofort sagen. Ich habe den Abschnitt kürzlich innerhalb eines eigenen Textes zitiert und hatte ihn deshalb gerade parat.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 21. Dezember, 2009 @ 23:29 Uhr
Lieber Fritz Simon,
jetzt würde mich noch interessieren, ob sie einen Zusammenhang sehen zwischen der Kritik an den ökonomischen Verhältnissen, die Sie gefunden haben, und ihrer gleich danach erwähnten Feststellung, dass es eine Unmenge an Verschwörungstheorien im Netz gibt. Wenn es Sie interessiert hierzu ein paar Bemerkungen:
Der Neoliberalismus hat mehr Ähnlichkeiten mit einer Religion als mit einer ökonomischen Theorie, sonst wäre er spätestens nach Beginn der Finanzkrise als falsch, weil ökonomisch stringent zu Krisen führend verworfen worden.
Der Neoliberalismus ist eine ökonomische Ideologie mit religiösen Zügen, deren Gott der absolut freie und deregulierte Markt ist, dem sich alle Menschen gleichermaßen zu unterwerfen haben. Er versucht, den Staat und seinen Einfluss auf das Marktgeschehen zu schwächen und in seine Dienste zu stellen, um den Vermögenden über eine entsprechende Steuerpolitik möglichst wenig Lasten aufzubürden. Soziale Gerechtigkeit, Chancen-Gleichheit und Bürger-Solidarität werden geopfert, um vor allem die Profitmaximierung an der sogenannten Spitze der Gesellschaft zu steigern.
Der Geldadel, Wirtschaftsmagnaten und Manager-Eliten haben ihren Einfluss genutzt, um diese Ideologie in den entsprechenden Massenmedien, von denen sich die Mehrzahl direkt oder indirekt über Stiftungen in ihrem Besitz befindet, zu verbreiten und als öffentliche Meinung erscheinen zu lassen.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine logische Konsequenz der Konzentration wirtschaftlicher, politischer und meinungsbildender Macht, in den Händen weniger. Sehr deutlich zeigen sich diese Zusammenhänge in Italien, wo Berlusconi erst aufgrund seiner Medienmacht zum Ministerpräsidenten werden konnte.
Wenn diese doch ziemlich einfachen und offensichtlichen Zusammenhänge beschrieben und benannt werden, kann man regelmäßig damit rechnen, dass man von den entsprechenden Meinungsmachern als Verschwörungstheoretiker diffamiert wird – fast könnte man an eine Verschwörung glauben.
Kommentar by Klaus Mücke — 22. Dezember, 2009 @ 09:35 Uhr
Als Mitverschwörer muss Herr Simon einfach so tun, als wäre er dazu nicht weiter auskunftsfähig. Die sich systemtheoretisch legitimierende Absage an Wirtschaftsethik ist Verkaufskalkül.
Kommentar by Max Liebscht — 25. Dezember, 2009 @ 18:19 Uhr