Depressions-Epidemie
Fritz B. Simon
Als ich anfing als Psychiater zu arbeiten (1974) war es unbestrittene fachliche Erfahrung und Lehrmeinung, dass endogene Depressionen auch ohne Medikation, wenn man die Patienten geduldig und zugewandt betreut, in der Regel auch ohne spezifische Medikation innerhalb von 6 – 10 Monaten von allein wieder verschwinden. Und epidemiologische Untersuchungen in den 60er und 70er Jahren bestätigten diese Erfahrung. Sie zeigten außerdem, dass nach einer ersten Episode zwei Drittel bis drei Viertel der Patienten keine depressive Symptomatik (= keinen Rückfall) mehr entwickelten.
In dem von mir bereits im letzten Blog zitierten Buch “Aantomy Of An Epidemic” setzt sich Robert Whitaker auch mit der Tatsache auseinander, dass die psychiatrischen Lehrbücher nun – 40 Jahre später – neu geschrieben werden, weil es gar keine Psychiater mehr gibt, die unmedizierte Verläufe der Depression im Laufe ihrer Karriere beobachten konnten. Da Antidepressiva wie die Neuroleptika chronisch Kranke produzieren, wird jetzt in den Lehrbüchern – anders als es Kraepelin, der Urvater aller psychiatrischer Lehrbuchautoren, beschreiben hat – behauptet, Depression sei eine chronische Krankheit. Man findet die selbst versteckten Ostereier.
Heute ist Depression der wichtigste Grund, warum Menschen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren in den USA als behindert eingestuft werden. Es sind ca. 9 Millionen Menschen. 1955 waren es nur ca. 38.000.
wiederum hier lassen sich etliche Studien finden, die zeigen, dass die Rückfallgefährdung durch Antidepressiva gesteigert wird – wahrscheinlich durch einen analogen Gegenregulations-Effekt wie er bei den Neuroleptika anzunehmen ist.
Ich selbst erinnere mich noch an einen Fachartikel aus den 70er oder 80er Jahren, in dem die Problematik diskutiert wurde, dass bei der Gabe von Antidepressiva deren Nebenwirkungen so schlecht von den Symptomen, gegen welche die Medikation erfolgt, zu unterscheiden seien…
Noch zu erwähnen: Dass es Studien gibt, die zeigen, dass keine Wirksamkeit von Antidepressiva im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden kann…
8 Kommentare
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Eine hervorragende Zusammenstellung über Dilemmata von Studiendesigns in der Psychiatrie liefert Stefan Weinmann in seinem Buch “Evidenzbasierte Psychiatrie”
http://books.google.de/books?id=y3ZPP03fK0UC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbsgesummary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false
hier eine Besprechung:
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/bb/07evidenzpsy.html
Zur Placebo-Response:
“In einer Meta-Analyse von 19 Studien konnte nach 4-8 Wochen bei 20% und nach 6 Monaten bei 50% der Patienten auf Wartelisten eine Verbesserung der Symtomatik nachgewiesen werden.(Posternak & Miller 2001). Die Autoren schätzen, dass auch unbehandelt bei 60% der Placebo-Responder und bei 30% der Antidepressive-Responder eine spontane Renission erreicht werden könnte.” … “Eine Placebo-Response ist umso wahrscheinlicher, je eher die depressive Episode mit einem ppsychosozialen Auslöser verbunden ist. Ebenso konnte gezeigt werden, dass die Placebo-Response weniger deutlich ist, je schwerer die depressive Erkrankung ist” (Was auch nicht weiter verwundert, sofern sich das Ganze bereits im Hirnstoffwechsel resp. Transmitter-System materialisiert hat)
Die Grundprobleme von Studien in der Psychiatrie werden ausführlich erläutert. Klar wird, dass es der Psychiatrie an Langzeitstudien über ausreichend lange Zeiträume (Jahrzehnte) mangelt, um überhaupt irgendwelche Aussagen zur Outcome bzw. Chronifizierung unter Antidepressiva vs. Placebo treffen zu können. (Was ebenfalls nicht weiter verwundert, wenn man die Historie des Psychopharmaka-Hype anschaut)
Im Vergleich dazu läuft die Framingham-Studie seit 1948 http://de.wikipedia.org/wiki/Framingham-Herz-Studie
woraus sich auch so mancher medizinische Blödsinn (z.B. über Cholesterinsenker bzw. zur Gender-Medizin) aufdecken ließ.
Kritische Punkte, die Weinmann unter die Lupe nimmt:
Fehlender “Goldstandard” unter Veränderung des Evidenzverständnisses; Fokussierung auf “Scores” mit Skalen aus “Surrogatparametern”, die nur in Ausnahmefällen verwendet werden sollten unter Vernachlässigung von erklärenden Methoden (“explanatory methods”) der Sozialwissenschaften,
die “Symptome” gerade in sozialen Interaktionen, auch im ambulanten Verlauf beschreiben; Defizite im Abgleich “klinischer Relevanz vs.Patientenrelevanz” ; Problematik unterschiedlicher Studientypen, insbesondere RCT’s (randomisierte kontrollierte Studien) mit u.a. mit Checklisten zur Beurteilung der Vollständigkeit, Signifikanztests etc…
Dann mit Verweis auf Tyrer (2004): {Psychiatry in the future..PsBull 28,353-354] Reduktion auf drei Kernprobleme der “psychiatrischen Versorgungs- und Systemforschung”:
Weinmann bringt das Ganze auch noch auf den Punkt: ” Psychische Störungen drücken sich in sozialen Interaktionen aus und werden im sozialen Kontext mit einer Vielzahl sozialer Interaktionen behandelt. Die deskriptiven Methoden der Naturwissenschaften sind den erklärenden Methoden der Sozialwissenschaften im Verständnis dieser Aktionen unterlegen”.
Mit “deskriptiven Methoden” sind offenbar quantifizierbare Methoden auf Basis von Wahrscheinlichkeitsmessungen gemeint.
Hier liegt die Problematik allerdings weniger in Anwendung der Statistik in den Naturwissenschaften, sondern (vgl. oben 1-3) in deren inadäquaten Gebrauch und der zugrundeliegenden zweiwertigen Logik.
Was vom Ansatz her schon verkehrt ist, wird auch nicht richtiger, wenn man es pausenlos unreflektiert nutzt und wiederholt.
Es empfiehlt sich eben, wie immer schon, bevor man ein Werkzeug anpackt, zunächst einmal das eigene Hirn einzuschalten. Dann erledigt so mancher Blödsinn bereits von selbst.
Womit wir wieder bei den Biases und Confoundern, den blinden Flecken und Betriebsblindheiten, kurzum bei allen Jokern der konstruktivistisch-systemischen Ahnengalerie wären, gerade im Hinblick auf Randomisierung ohne Feedback und die Kuriositäten von Signifikanzen, gerade auch bei Placebo-Effekten:
Schaun wir uns doch diesen köstlichen Verriß von GSB einmal an:
“Hier bestätigt sich Aristoles’ Aperçu, dass wir den Zufall nicht beweisen können. Wenn nämlich meine These zutrifft, dann läuft die ganze Organisation der Experimentalpsychologie (resp. Psychiatrie) darauf hinaus das Nichtbeweisbare beweisen zu wollen” (GSB , “Wahrscheinlichkeit und Wissenschaft”)
Q.e.d.!
Ein Großteil der Studien kann man unter dieser von GSB durchgestylten “Korfschen Brille” ungelesen “in die Tonne kloppen”.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/325/67
Wo bleiben denn die “garbage cans”? Am besten gleich in Form von LoF- Großaufträgen an systemische Ent-Sorgungs-Unternehmen?
Last but not least:
Vernünftige Medizin kennt schließlich genügend andere Methoden. Bisweilen reichen doch auch Anamnese, der klinische Blick alter, erfahrener Kliniker zur Differentialdiagnose samt
paradoxem Sahnebonbon gegen den Hicks. Zum Glück gibt es immer noch Psychiater mit anthropologisch- systemischer Prägung
Unter diesem Fokus ist auch das DSM-5 der APA vor Neuauflage 2013 bereits veraltet. Wer schmiedet denn schon mal Pläne zum künftigen Standardwerk:
“Handbuch der systemischen Psychiatrie mit evidenzbasierten Therapie-Leitlinien. Wenn in der sozialen Matrix Lösungen zum Problem werden?”
Ich wette, Herr Simon, Autoren finden sich genug?
Kopf oder Zahl? Top?
Comment by deaXmac — 8. Juli, 2012 @ 19:23 Uhr
“Bewegung ist das Gegenteil von Depression.” (de Shazer)
Ihr Systemiker habt wirklich keine Ahnung, wie kompliziert die Welt ist und redet die Dinge schön. Ein schwer Depressiver k a n n doch gar nicht aufstehen. Wirklich diffamierend!?
Je sauberer die Versuchsanordnungen operationalisiert sind, desto gefährlicher die Verallgemeinerung der Schlüsse.
Comment by Max Liebscht — 8. Juli, 2012 @ 21:30 Uhr
@2. Richtig, aber nur partiell.
Ansonsten, richtig falsch, da sinnlos und ohne Imagination.
Antidepressiva können hilfreich sein, aber adäquat dosiert und nicht als Dauermedikation.
Schon mal was von “Morbus melancholicus” gehört?
Oder auch von:
“Steh auf nimm Dein Bett und geh”?
Paradoxe Interventionen en kairo bewirken Wunder.
Es gibt nicht nur operationalisierte Methoden.
Die “Kunst des Heilens” gibt’s auch. Anthropozentrische Maßstäbe und adäquate Proportionen führen zum Goldenen Schnitt.
Comment by deaXmac — 9. Juli, 2012 @ 00:13 Uhr
Gruselig auch zu sehen, wie sehr die Effektstärke der Wirksamkeit von Antidepressiva durch die Publikationspraxis “gepimped” wird (wobei man über die Effektstärke als sinnvolles statistisches Maß ohnehin streiten kann, Jürgen Kriz schreibt dazu spannendes…).
Turner EH, Matthews AM, Linardatos E, et al. Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. N Engl J Med 2008; 358:252-60.
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMsa065779
Comment by Mathias Klinkerfuß — 9. Juli, 2012 @ 10:26 Uhr
Nicht artgerechte Haltung und Pharmagaben scheinen einander zu bedingen. Gibt es depressive Affen außerhalb der Gehege?
Comment by Max Liebscht — 9. Juli, 2012 @ 16:08 Uhr
@4. Richtig.
Dann reden wir doch gleich auch man über Transparency International. Und das Riesengeschäft mit der Angst, das vor unser aller Augen hier gespielt wird.
http://www.wodarg.de/
“Brave new world”
Man muß sich nur einmal anschauen , wie auch die Öffentlichkeit fortgesetzt multimedial manipuliert wird.
http://www.youtube.com/watch?v=SGw0FnfVHug
Die beste Methode einer von totalitären Interessen-Strukturen durchsetzten Matrix ist es doch, gemeinsame Feindbilder, und seien es Mikroorganismen und/oder abweichende Gedanken und Stimmungen, zu entwickeln, die es zu bekämpfen gilt, um diese gleichzeitig mit Heilsversprechen auf die Zukunft zu behandeln.
Eine uralte Methode, deren Glaubenssätze durch Reformation und Aufklärung lediglich ausgetauscht und mit einem wissenschaftlichen Mantel umhüllt wurden. Gesundheitsreligion nennt sich der alchimistische Tombak und die “Goldstandards” entsprechen dem Ablasshandel der Moderne. Um diesen Klingelbeutel zu füllen, bedarf es keiner Schwerter, Bomben und Gaskammern mehr. Es reicht, edle Ritter in weißen Westen als Missionare auf die Menschheit loszulassen. Sie vollziehen ihre Kreuzzüge für- und vorsorglich im Harnisch von Versicherungen, mit Glücks- und Beruhigungsoblaten und Impfkampagnen. Als besonders praktisch an dieser Strategie erweist sich, dass sich Betroffene mitunter, verängstigt durch die eingeimpften apokalyptischen Visionen, als “Zombies” ruhiggestellt werden bzw. sich gleich selbst eliminieren. Trojaner direkt in die Hirne, so gewinnt man Macht, durch sich selbst zerbombende Schaltzentralen. Ob Suicid bzw. Apoptose, wie man programmierten Zelltod in biologischen Systemen bezeichnet, dieses Muster ist vergleichbar dem Voodoo-Zauber durch Verwünschungen mit sozialer Exklusion begleitet. Rufmord durch durch Beschwörungen? Inquisition durch Geistheiler und Teufelsaustreiber? Psychiatrische Diagnosen haben schon verdammt scharfe Klingen.
A propos Epidemien und wie die Wissenschaft damit umgeht:
Wurde die Öffentlichkeit nach dem Riesen Medien-Spektakel zur Schweinegrippe in differenzierten Metaanalysen über wissenschaftliche Irrtümer informiert, incl. Risiken und Nebenwirkungen voreilig verabreichter Impfstoffe? Erfolgte eine solide Gegenüberstellung von Kosten-Nutzen-Relationen der angewandten Methoden? Verlaufsbeobachtungen zu Hygienemaßnahmen vs. Impfen? Verlautbarungen über die Riesenblamage quer durch alle beteiligten Institutionen, incl. Impfkommission des Robert-Koch-Instituts?
Solide Wissenschaft sieht anders aus. Sie hat aus Fehlern und Irrtümern zu lernen, sich auch “peer group reviewed” überprüfen zu lassen und öffentlich dazu zu bekennen. Das gilt für jede Wissenschaft, vorrangig jedoch in der Medizin. Heucheleien, Lügen, Märchen erzählen, Täuschen und Vertuschen sind Kunstfehler im Klartext. Blauäugigkeit und Ahnungslosigkeit schützen auch vor Haftung nicht. Öffentliche Diskurse, Überprüfung durch Ethikkommissionen und ggf. Entzug der Approbation, das wäre die adäquate Antwort auf den gesamten Filz.
Um die völlig aus den Fugen geratenen Strukturen der Wissenschaften in einer wissensschaftsgläubigen Gesellschaft einigermaßen ins Lot zu bringen, Arten- und Methodenvielfalt in diesem Ökonsystem zu erhalten, bedarf es m.E. einzig und allein der Transparenz und eines Kulturschnitts in diesem völlig verfilzten und versyphten Apparat.
Wie bei jeder Infektionserkrankung mit Epidemiegefahr sind Hygienemaßnahmen immer die erste Wahl. Das fängt mit Aufklärung zu persönlichen Hygiene- und Schutzmaßnahmen an, mit Desinfektion und Umfeldbereinigung und reicht bis zur Isolierung derjenigen, die Seuchen weiterverbreiten. Erst wenn dies gewährleistet ist, kann über Einsatz von Therapeutika, ob Pharmaka und ggf. auch über invasive operative Maßnahmen nachgedacht werden, aber dort und nur dort, wo sie auch indiziert sind und nach Abwägung der Risiken auch Sinn machen.
Basics im Einmaleins der Medizin.
Wer bei dem gesamten Desaster vorrangig als Verursacher aus dem Verkehr zu ziehen wäre, dürfte aus o.g. klar werden. Es sind gewiß nicht in erster Linie die erkrankten Menschen, die auf den Psycho- und Sozioklamauk getriggert durch die Psychiatrie hereingefallen sind. Die auch lange genug darunter gelitten haben und fortgesetzt zu Opfern gemacht wurden und noch werden.
Semmelweis-Institute für Psycho- und Soziohygiene und eine bürgerkontrollierte Wissenschaft, gerade für derart verseuchte
Zweige der Medizin, die vorrangig nach den Taktvorgaben der Pharma- und Versicherungsindustrie tanzen, das müßte Weg und Ziel sein. Schreibt im übrigen bereits Paul Feyerabend in “Against Method” und “Erkenntnis für freie Bürger”.
Die Täuschungsmaneuver und Doublebind-Strukturen sind m.E. das eigentliche Problem. Gleichgültig ob Selbst- oder Fremdtäuschung, implizite Gefährdungspotentiale samt Risiken bleiben sich gleich. Fakt ist: Anhand vorgeblich gesicherten Wissens mutiert zu Glaubenssätzen, wird die Unmündigkeit, Gutgläubigkeit und Verunsicherung von Menschen ahnungs- und schamlos ausgenutzt, um anschließend den iatrogen und medikamenteninduzierten Schaden zu vertuschen und diesen dann als bedauerliche Chronifizierung einer X-beliebigen Grunderkrankung zu verkaufen. Das genau ist wahrlich ein Gruselkabinett.
Wer sich gerade in der Medizin nicht mit existentiellen Fragen von Leben, Leiden, Krankheit, Schmerz, Versagen und Tod, insofern auch mit den eigenen Grenzen und den Grenzen eigenen Wissens und Vermögens auseinandersetzen will oder kann, hat seinen Arzt-Beruf verfehlt. Sich allgemeinen Wahrheiten, auch den eigenen zu stellen , wie “Mors certa, hora non certa” und “Ignoramus et ignorabimus”, erfordert schon auch immer wieder Demut, Niederlagen, Unsicherheit und Zweifel. Diese ertragen zu können, gehört schon dazu.
Sorry, für die zornigen und vielleicht altmodisch klingenden Thesen. Ich kann nicht anders, angesichts der Expansion dieser Leiden.
Comment by deaXmac — 9. Juli, 2012 @ 16:14 Uhr
@5: Ich seh immer nur Varianten von “King Louis” und die übliche Dschungelpatrouille.
Comment by deaXmac — 9. Juli, 2012 @ 17:36 Uhr
@6: Zitat “Sorry, für die zornigen und vielleicht altmodisch klingenden Thesen. Ich kann nicht anders, angesichts der Expansion dieser Leiden”
Für mich gibt’s da nichts zu entschuldigen. Mir gefallen die quergedachten, systemischen Blog- und Kommentarbeiträge.
Systemisches Denken hat etwas subversives, umstürzlerisches, revolutionäres. Es fordert heraus, weckt auf, verstört, ärgert sich über epidemischen Zuwachs an “Verdummung” und wenn etwas als “alternativlos” verkauft wird.
Weiter so!
Comment by Ingo D. — 11. Juli, 2012 @ 18:25 Uhr